Erinnerungen an eine Afrikareise  

von Rita Krieger

 

  Nie zuvor habe ich eine anstrengendere Reise unternommen, aber auch keine, die so faszinierend und bewegend war, so unter die Haut ging. Dabei ist Westafrika für Besucher auf den ersten Blick nicht der einladendste Ort. Das Klima ist heiß in der Savanne, zu dieser Jahreszeit meist um die 40 Grad Celsius. Auch der Regen, von dem wir - die Regenzeit ging ihrem Ende zu - einige Male einen ordentlichen Guß abbekamen, bringt kaum Abkühlung.

Sanitäre Anlagen, Hygiene, der Zustand der Straßen liegen jenseits aller europäischen Standards. Nicht der einzige Grund, weshalb die Region bisher vom Massentourismus verschont geblieben ist.

Bei unserer Abreise aus Deutschland hatten wir morgens noch Eis von den Autoscheiben gekratzt. So traf uns bei der Ankunft auf dem Flughafen von Ouagadougou gegen 21 Uhr die Hitze wie ein Keulenschlag.

Da sich die Häuser in Burkina tagsüber zu einem Backofen aufheizen und nachts diese Hitze abstrahlen, haben wir auf unserer Reise, die uns etwa 1000 km quer durchs Land führte, meist unser Lager im Freien aufgeschlagen. Unser Lager: Moskitonetz und Luftmatratze. Wir nannten das eine Übernachtung im „1000-Sterne-Hotel“. Die Gefahr von ungebetenen nächtlichen Besuchern, wie beispielsweise einer Sandviper, schien  das geringere Übel.

Das „stille Örtchen“ besteht in der Regel aus einer Zementplatte mit einem Loch in der Mitte, darunter eine Latrine; die Dusche ist ein Eimer mit Wasser aus dem Tiefbrunnen, das man sich mit einer Kalebasse über Kopf und Körper gießt. Nur in der Missionsstation von Tambaga, die das kostbare Naß aus einer Bergquelle herunterleitet, gab es richtige Duschen.

Übrigens fiel uns auf, dass die Afrikaner trotz der schlechten hygienischen Verhältnisse und der Schwierigkeiten bei der Wasserversorgung  durchweg sehr reinlich sind. So elend jemand auch lebt, so großen Wert legt er auf saubere Kleidung.

Und die Straßen! Selbst die Millionenstadt Ouaga besitzt nur wenige asphaltierte und bituminierte Wege. Meist fährt man im Slalom über bucklige, vom Regen ausgewaschene Pisten voller Schlaglöcher,  eins der größten logistischen Probleme in Burkina. Die Fahrt über die Sandpiste gleicht einem Abenteuer. Selten begegnet man Pkws oder Lastwagen, Hauptverkehrsmittel auch in der Hauptstadt sind Fahrrad und Moped. Unzählige Menschen sind auf beiden Seiten der Straße zu Fuß unterwegs, die Frauen meist mit viel Gepäck auf dem Kopf, das sie vom oder zum Markt tragen. Zebuherden und magere Ziegen zwingen häufig zum Anhalten, ein Wunder, dass bei unserer Fahrt kein Tier zu Schaden gekommen ist. Ab und zu machen sich die Geier mitten auf der Fahrbahn über einen Tierkadaver her.

Dabei sind wir mit unserem gemieteten Buschtaxi ( einem Toyota-Kleinbus) bequem und luxuriös gereist, hervorragend betreut von Souleymane und seinen beiden Söhnen Inoussa und Noupou. Unsere Rucksäcke waren auf dem Dachgepäckträger verstaut, zusammen mit einem geschenkten Ziegenbock und fünf lebenden Perlhühnern, deren Federkleid im Fahrtwind flatterte. Oft führen die „taxi brousse“ auch mehrere Mopeds und Fahrräder auf dem Dach mit.

   

Allerdings habe ich es mir auch nicht nehmen lassen, einmal auf dem Soziussitz eines Mopeds mitzufahren. In atemberaubender Fahrt ging es mit Lombo zum Zentralmarkt nach Ouaga. Man muß ein sehr geschickter Fahrer sein, um rechtzeitig den vielen Schlaglöchern und anderen Verkehrsteilnehmern auszuweichen, die plötzlich zur Seite ziehen, ohne sich umzuschauen. Rückspiegel und Kopfschutz gibt es nicht. Chaotisch, aber zugegebenermaßen ein Chaos mit System. Ich habe mich festgeklammert, die Augen geschlossen und gehofft, dass es nochmal gut geht.

Häufig sieht man auch lebendes Federvieh, zu drei oder vier Stück an den Füßen zusammengebunden, kopfunter von beiden Seiten des Mopedlenkers hängen. Ein Alptraum für jeden Tierschützer in Deutschland, andererseits leben hier die Hühner bis zu ihrem unvermeidlichen Ende im Kochtopf überaus glücklich und frei.

Afrika hat eigene Gesetze und Maßstäbe. Unsere Vorstellungen  von Zeit, Lebensart, Kultur, Moral lassen sich auf afrikanische Verhältnisse nicht übertragen. Alle Errungenschaften unseres europäischen “zivilisierten“ Lebens reduzieren sich unter den extremen Bedingungen, unter denen die Menschen hier leben, auf die Grundbedürfnisse. Dem Besucher, der bereit ist, sämtliche europäischen Maßstäbe über Bord zu werfen, eröffnet sich trotz der großen materiellen Armut der Menschen eine faszinierende Welt voller intensiver Farben, mitreißender Rhythmen, von Offenheit, Geselligkeit und Gastfreundschaft.

Die Wahrheit des alten afrikanischen Sprichworts „Von nichts gibt es soviel wie von der Zeit, denn es kommt ja immer mehr Zeit“ haben wir oft am eigenen Leib zu spüren bekommen. Selten wurde ein festgesetzter Termin pünktlich eingehalten. Anläßlich einer Einweihungszeremonie  in Bondoudoum warteten wir einmal geschlagene fünfeinhalb (!) Stunden auf geladene Ehrengäste.

Faszinierend ist  der frühe Morgen in Afrika mit seinem wunderschönen klaren Licht. Bereits lange vor Sonnenaufgang beginnt ein vielstimmiges Konzert mit krähenden Hähnen, heiser-rostigem  Eselsgekreisch, dem zänkischen Gebell der mageren sandfarbenen Dorfköter. Fremdartig  die nächtlichen Geräusche. Um 18 Uhr fällt die Dunkelheit schlagartig wie ein schwerer Samtvorhang übers Land. Von einer Minute zur anderen sieht man nicht mehr die Hand vor Augen. Wehe dem, der seine Taschenlampe nicht bereitgelegt hat: Er findet nicht einmal den Weg zur Toilette, die meist 20 bis 30 Meter vom Haus entfernt ist. In den Dörfern im Busch gibt es keine Stromversorgung, die afrikanische Nacht ist absolut schwarz. Eine Ausnahme bildete wieder die Mission in Tambaga, wo man Solarstrom erzeugt. Zahlreich auch die nächtlichen Besucher: Geckos, Heuschrecken, Kröten, unzählige Falter und Käfer, Kakerlaken, Heerscharen von Stechmücken. Das Moskitonetz ist ein absolutes Muß! In Tensobentenga hielten uns „fliegende Hunde“, die in der Isolierfolie unterm Dach nisteten, mit ihrem Gequietsche und Gezänk die halbe Nacht wach.  Grillen gaben jede Nacht ein ohrenbetäubendes Konzert.

Das erste besondere Erlebnis der Reise  war die Begegnung  mit einem betagten Bauern in Nohoungo . Mit  ausdrucksvollen Gebärden , denn ich verstand ja seinen Stammesdialekt Moré nicht und er kein Französisch, zeigte er mir stolz sein Land: Felder mit Rispen- und Kolbenhirse, mit Erdnuß- und Sesambüschen, soweit das Auge reichte. Auch seinen Hof mußte ich mir ansehen, ein für Afrika typisches Gehöft. Es besteht aus mehreren Lehmhütten mit Maisstrohdach, Wohn- und Schlafhütten  für Frauen und Kinder, alles von einer Lehmmauer umfriedet. Im Innenhof halten sich auch die Tiere auf, wenn sie nicht gerade weiden: Buckelrinder, Hühner, Ziegen und Hunde. Es gibt abgedeckte Speicherplätze für Hirse und Mais, zum Schutz vor Nagern auf Stelzen gebaut. Auch die Kochstelle mit Holzfeuer zwischen Feldsteinen ist mitten im Hof. Wenn es nicht regnet, wird im Freien gekocht, auf dem sandigen Boden, in gebückter Haltung.

 Überall in der Landschaft sieht man den Affenbrotbaum, Baobab, ein Wahrzeichen Afrikas. Mit seinem massigen knorzigen Stamm wirkt er wie ein Überbleibsel aus der Urzeit.

 

Ein Fest für die Augen ist die Kleidung der Menschen. Die Männer tragen zu besonderen Anlässen ein langes Gewand, den Boubou. Frauen hüllen sich in gebatikte oder gewebte Tücher. Eins wird als Rock um die Hüfte geschlungen, ein zweites dient als Bluse, das dritte ist kunstvoll um den Kopf gewickelt. Da die Frauen meist schwere Lasten auf dem Kopf balancieren, sind ihre Bewegungen fließend , ihr Gang wiegend. Sie strahlen - auch in zerlumpter Kleidung - große Anmut und Würde aus. Oft sahen wir Menschen mit durchlöcherter „Rot-Kreuz-Kleidung“, ein jämmerliches Bild. Nie werde ich den Anblick des melancholischen alten Mannes vergessen, der mit einem abgewetzten Kunstledermantel  mit dickem Pelzfutter in der heißen Mittagssonne saß.

Selten habe ich ein Kind weinen gehört. Da die Kleinen ständig auf dem Rücken getragen werden und auf diese Weise  viel  Körperkontakt haben, sind sie sehr zufrieden. Äußerst schmeichelhaft fand ich, dass mir Sidonie in Nakaba zum Abschied ein indigogefärbtes gewebtes Babytragetuch schenkte. Aber es gibt auch andere Bilder: Kinder mit Nabelbrüchen  in der Größe von Tischtennisbällen, mit dicken Bäuchen, die auf Fehlernährung hinweisen. An Spielzeug bemerkten wir nur ein aus Schrotteilen selbstgebasteltes kleines Auto oder eine geschnitzte Bambusflöte.

  Neben Schulen besuchten wir häufig Krankenstationen (dispensaires) und  sog. “Basis-Gesundheitsstationen“(CSPS). Sehr deprimiert waren wir nach dem Besuch der Krankenstation von Dialghin, obwohl dies eines der wenigen Dispensaires war, das wirklich zu funktionieren schien. In einer Ecke des ersten Raums lag ein sterbender Greis, auf dem blanken Zementboden  nebenan saß ein bis auf die Knochen abgemagertes Kind. Niemand wußte, woran sie litten. Der zweite Raum war von sechs Wöchnerinnen mit ihren neugeborenen Babies belegt, übrigens keins der Kinder schwerer als 2 Kilo. Alle Patienten wurden liebevoll von Verwandten umsorgt und verpflegt. Beim Besuch eines CSPS in Koupela hatten wir den Eindruck, dass Ärzte und Pfleger oft in diesen Stationen „residieren“, froh, einen der raren Jobs ergattert zu haben, jedoch wenig besorgt um das Wohl der Kranken. Häufig müssen Menschen hier auch sterben, weil sie sich die teuren Medikamente nicht leisten können.

Der Besuch des Skulpturengartens von Laongo war ein  außergewöhnliches Erlebnis. Mitten in der Savanne  erblickt man  einen ungeordneten Haufen mächtiger Granitblöcke, dazwischen grasende Ziegen. Kommt man näher, sieht man, dass alle Steinblöcke zu Skulpturen jeglicher Art behauen sind, wie man erfährt, von Künstlern aus aller  Welt. Es gibt Steine, die an altägyptische Stelen erinnern, surrealistische Personengruppen, Gesichter zu Reliefs gestaltet, abstrakt geformte Tiere. Das Ausdrucksvollste an Bildhauerkunst, das ich bisher erlebte.

 

Ob in Nakaba, Nohoungo, Tensobentenga , Paspanga oder Kidibin, überall veranstaltete man uns zu Ehren Zeremonien, bei denen man uns auch großzügige Geschenke überreichte. Meist wurde im Anschluß ein großes Fest gefeiert, bei dem das ganze Dorf auf den Beinen war. Bis tief in die Nacht hinein musizierten und tanzten die Menschen. Die Zeremonie begann immer mit dem „Begrüßungstrank“ (Mehlwasser und Piment). Manchmal wurde auch frisch gebrautes Hirsebier (dolo) gereicht, dessen Geschmack an „Viez“ erinnert. Überall durften wir unter einem zum Teil extra für uns errichteten Sonnendach Platz nehmen, während die Bevölkerung oft stundenlang in sengender Hitze ausharrte.  Je ärmer die Region, desto großzügiger und gastfreundlicher waren die Menschen. Man verpflegte uns fürstlich. Es gab Reis oder Hirse mit scharfen Soßen, viel Fleisch (Geflügel, Schaf, Ziege), auch frisches Obst, ein Luxus, den sich  die Afrikaner sicher nicht jeden Tag leisten können.

Wie man sieht, ist mein Bericht eine Liebeserklärung  für Land und Leute geworden. Beide haben sie verdient.