Alltag in einer Krankenstation in Burkina Faso

von David Krieger

 

Viel hatten wir schon von anderen Burkina-Reisenden gehört, zahlreiche Filme und Fotos gesehen. Und doch hat uns das westafrikanische Burkina Faso überrascht.  

Burkina Faso zählt bekanntlich zu den zehn ärmsten Ländern der Welt. Der Bevölkerung fehlt es oft am Lebensnotwendigsten. Deshalb machte sich der Hillesheimer Notar Simonis vor einigen Jahren daran, eine private Initiative ins Leben zu rufen und den Menschen vor Ort zu helfen: Aus diesem Gedanken heraus entstand der Solidaritätskreis Westafrika e.V. Ziel dieses Vereins ist es, durch möglichst viele Projekte, die über das ganze Land verteilt sind, die Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Eines dieser Projekte ist der Bau einer Krankenstation mit  Geburtsstation in Nohoungo, einem Dorf im Südosten von Burkina Faso.  Beide dienen dazu, die medizinische Versorgung der sehr armen Bevölkerung zu sichern. Über diese Station möchte ich berichten. Vorab wäre noch zu erwähnen, dass die Krankenstation wegen eines inkompetenten Krankenpflegers die erste Zeit nach Fertigstellung stets ein „Sorgenkind“ des Solidaritätskreises war. Nach zähen Verhandlungen mit den zuständigen Behörden wurde der Krankenpfleger, der die Aufgaben eines Arztes wahrnimmt, vor etwa einem Jahr abgesetzt. Nach Einsetzung einer neuen Mannschaft, bestehend aus zwei Krankenpflegern und einer Hebamme, häufen sich die Erfolgsmeldungen aus Nohoungo. So wurde unsere vierköpfige Reisegruppe vom Solidaritätskreis gebeten, die Meldungen während unserer August-Reise zu überprüfen.

 Die 130 Kilometer von der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou bis nach Nohoungo fahren wir mit einem der typisch afrikanischen Buschtaxis in etwa sechs Stunden. Der Kleinbus ist wie stets mit 25 Menschen, 3 Ziegen, 20 Hühnern und 4 Mopeds reichlich überladen. Anschließend steht uns noch eine halbstündige Mopedfahrt durch die afrikanische Savanne bevor, ehe wir endlich in Nohoungo ankommen.

 Um dem neuen Team bei der Arbeit über die Schulter zu sehen und einiges über afrikanische Behandlungsmethoden zu erfahren, verbringen wir zehn Tage unseres 21-tägigen Aufenthalts in Nohoungo. Wir bewohnen ein leerstehendes Haus am Dorfrand. Hierbei müssen wir uns etwas umstellen, da weder Strom noch fließendes Wasser vorhanden sind. So müssen wir uns vom nahegelegenen Tiefbrunnen Wasser holen. Der Verzicht auf europäische Standards fällt uns aber nicht schwer, weil wir von der Bevölkerung mit offenen Armen aufgenommen werden.

 Jeden Morgen um 8 Uhr begeben wir uns in die Krankenstation, um dem  Pfleger, Herrn Hamado Kaboré, bei seiner Arbeit zuzusehen. Dabei werden wir mit einem breiten Spektrum von Krankheiten konfrontiert, das von Verletzungen über Geschlechtskrankheiten, bis hin zu den bei uns eher seltenen hygienisch bedingten Erkrankungen reicht. Der Schwerpunkt liegt erwartungsgemäß bei den Malariaerkrankungen. Nach sorgfältiger Auswertung der Statistiken über die vergangenen elf Monate erhalten wir einen Einblick: so liegen von 1134 Gesamtfällen leichter Malaria 798 Fälle in den Altersstufen bis 14 Jahre. Schwere Malariafälle, insgesamt 27, betrafen ausschließlich Kinder, insbesondere die der Altersstufe bis 4 Jahre.

 Wir selbst haben  ein 18 Monate altes Kind an Malaria sterben sehen, nachdem die Mutter aus Angst vor den hohen Behandlungskosten  (bei schwerer Malaria umgerechnet etwa 10 DM , was oft mehr als einen Monatslohn bedeutet !) viel zu spät in die Krankenstation gekommen ist, und die Therapie nicht mehr rechtzeitig anschlug. Am dritten Tag stirbt das Kind trotz kalter Umschläge und fiebersenkender Injektionen. Wie wir der Statistik entnehmen können, ist dies in Burkina kein Einzelfall. Auch die Zahl der nicht gemeldeten Sterbefälle auf den Dörfern wird entsprechend hoch sein.

 Weiterhin sehen wir Menschen aller Altersstufen mit eitrigen Wunden, wie sie  uns in Deutschland in dieser Form nicht allzu oft begegnen dürften, da man sich hierzulande viel eher in Behandlung begibt.

 In der Zeit unseres Aufenthaltes in Nohoungo werden acht Kinder geboren, bei drei Geburten sind wir dabei. Allgemein konnten wir feststellen, dass bei Geburten in Afrika nicht annähernd so viel Aufhebens gemacht wird wie in Europa. Dies allerdings nur, solange keine Komplikationen auftreten. Leider sind in der Regenzeit aufgrund starker Regenfälle die „Straßen“ unpassierbar, und bei Komplikationen ist daher eine Einweisung in ein Krankenhaus nicht mehr möglich. Oft kommen die Frauen auch erst wenige Minuten bis Stunden vor der Geburt in der Station an. In Nohoungo kann wegen fehlender  medizinischer Geräte kein Kaiserschnitt durchgeführt werden. Wir selbst erleben nach zwei reibungslos verlaufenden Geburten eine komplizierte, bei der das Kind an der um den Hals gewickelten Nabelschnur stirbt und anschließende Reanimationsversuche erfolglos bleiben.

 Im übrigen werden groß angelegte Impfaktionen durchgeführt, bei denen der andere Krankenpfleger Impfstoffe wegen Fehlens geeigneter Kühlmöglichkeiten in der Krankenstation in einer Kühlbox auf dem Moped in der nahegelegenen elektrifizierten Stadt Koupéla abholt, um dann die verschiedenen Dörfer anzufahren und die Leute zu impfen. Geimpft wird vor allem gegen Kinderlähmung, Gelbfieber und Tetanus. Oft können aufgrund fehlender staatlicher Mittel nur Frauen und Kinder geimpft werden.

 Ein weiterer Aufgabenbereich, der sehr ernst genommen wird, ist die Aufklärung der Bevölkerung in puncto Geschlechtskrankheiten, Hygiene, Ernährung und Verhütung. Letztere ist trotz redlicher Bemühung ohne Verbesserung der Lebensumstände besonders der ländlichen Bevölkerung nicht in absehbarer Zukunft in den Griff zu bekommen, da die Kinderzahl immer noch die entscheidende Rolle in der Altersversorgung spielt.

 Was die Geschlechtskrankheiten angeht, so ist neben Syphilis und Tripper Aids die am weitesten verbreitete wie fast überall in Afrika. Allerdings lassen sich hier kaum genaue  Aussagen treffen, da wegen fehlender Tests keine statistischen Erhebungen möglich sind. Leider erreichen viele staatlich durchgeführte Kampagnen selten die Landbevölkerung, da diese nicht über Fernseh-und Radiogeräte verfügt, und auch oft nicht lesen kann.

Zusammenfassend muß man sagen, dass das Projekt „Krankenstation für Nohoungo“ nach anfänglichen Schwierigkeiten ein voller Erfolg ist, der hoffentlich in anderen Gegenden von Burkina Faso Schule machen wird.

Gerade durch stetig steigende Patientenzahlen und den großen Einzugsbereich der Krankenstation in Nohoungo  (die Patienten müssen oft mehr als 15 km zu Fuß zurücklegen, um hierher zu kommen!) besteht immer Bedarf an medizinischen Geräten und vor allem sinnvollen Medikamentensendungen, die vom Solidaritätskreis organisiert werden.

Kaum zu Hause beschließen wir auch schon nächstes Jahr wieder nach Burkina Faso zu fliegen, weil wir uns die Gastfreundschaft und die Lebensfreude der Bevölkerung tief beeindruckt  haben. So wurden uns fast täglich Eier, Früchte und einmal sogar zwei Hühner geschenkt. 

Selbstverständlich wird uns unser Weg beim nächsten Besuch wieder nach Nohoungo führen, wo wir uns dann allerdings noch länger aufhalten werden.