Bericht
von einer Gesundheitsstation in Burkina Faso

Sechs Uhr morgens. Es ist hell. Grillengezirpe. Das
Aufstehen fällt leicht. Es ist angenehm warm. Das heißt, eigentlich ist es
eher kühl, für afrikanische Verhältnisse zumindest. Ich öffne den Reißverschluß
unseres Zeltes. Wir haben es in einem leerstehendem Haus aufgebaut und es
leistet uns beste Dienste als Moskitoschutz. Unser Nachtwächter Paul ist wach
und wartet wahrscheinlich schon eine Weile darauf, dass sich jemand von uns
blicken läßt, so dass er nach Hause gehen kann. Wir begrüßen ihn. Die Sonne
steht schon eine Handbreit über dem Horizont und gewinnt schnell an Intensität.
Einige Kinder sind unterwegs und hauen Holzpflöcke in den Boden, an ihnen sind
Ziegen festgebunden.
Wir
sind in Nohoungo, einem kleinem Dorf in Burkina Faso, etwa 120 km östlich der
Hauptstadt Ouagadougou. Hier hat der in Hillesheim ansässige Solidaritätskreis
Westafrika e.V. vor einigen Jahren eine Gesundheitsstation errichtet, von der
ich im Weiteren berichten will.
Lange schon hatte ich davon geträumt, Afrika einmal
hautnah zu erleben. Ich wollte mir selbst ein Urteil bilden. Armut, rasendes Bevölkerungswachstum,
hohe Analphabetenrate, viele Infektionskrankheiten – das alles sind typische
Vorstellungen, die man in Deutschland von Westafrika suggeriert bekommt. Durch
Herrn Simonis, dem Vorsitzenden des Solidaritätskreises, bot sich mir die Möglichkeit,
für vier Wochen nach Burkina Faso zu reisen. Sehr froh war ich darüber, dass
seine Tochter Petra mich begleiten würde. Sie war schon zweimal in Burkina und
verfügte somit bereits über „Afrika-Erfahrung“.
In Deutschland hatten wir noch viele Geschenke wie
Stifte, Hautcremes, Weltkarten, Drachen und Nähsets gesammelt. Auch eine
Unmenge an Medikamenten, überwiegend Antibiotika, sowie medizinische
Gebrauchsartikel wie Latexhandschuhe, Spritzen, Kanülen und Skalpelle haben wir
im Gepäck. Den Spendern, ganz besonders einigen Bitburger Hausärzten, sei noch
einmal ganz herzlich gedankt.
Nun aber zurück nach Nohoungo! Es ist mittlerweile
viertel vor acht. Wir waren am ca.1 km entfernten Brunnen Wasser holen und haben
gerade Mangos gefrühstückt. Jetzt ist es Zeit, zum CSPS Nohoungo (Centre de
Santé et de Promotion Sociale) aufzubrechen.
Es besteht aus einer Krankenstation mit drei
Behandlungszimmern und einer Entbindungsstation. In beiden gibt es Betten, um
Patienten stationär aufnehmen zu können. Zwei Krankenpfleger, eine Apothekerin
und eine Hebamme arbeiten hier. Über die neu eingerichtete Apotheke sind wir
erstaunt, gibt es hier doch fast alles, um Infektionskrankheiten zu bekämpfen.
Das CSPS verfügt weiterhin über eine Solarlichtanlage. Früher mußten die
Frauen nachts im Schein einer Petroleumlampe gebären. Einen Gaskühlschrank für
Impfstoffe gibt es auch, allerdings ist er kaputt.
Durch das Wartezimmer, in
dem schon viele Menschen sitzen, vor allem Frauen mit ihren kleinen Kindern,
gehen wir in das Behandlungszimmer. Hamadou Kaboré, der erste Krankenpfleger,
erwartet uns bereits. Er hat eine insgesamt fünfjährige theoretische
Ausbildung genossen und verfügt über ein sehr breites und fundiertes
medizinisches Wissen. Er arbeitet hier als Arzt. „Richtige“ Ärzte gibt es
nur sehr wenige in Burkina Faso. In Ouagadougou ist die einzige medizinische
Fakultät des Landes, jährlich werden etwa 50 Studenten fertig. So gibt es in
Burkina durchschnittlich nur einen Arzt für 10.000 Einwohner. Zum Vergleich: in
Deutschland ist etwa einer von 300 Menschen Arzt.
„Purda!“ Eine junge Frau mit einem
Borussia-Dortmund-T-Shirt tritt ein, ein Kleinkind auf dem Arm. Sein ganzer Körper
ist mit entzündeten Erosionen übersät, welche zum Teil tief aufgekratzt und
bakteriell infiziert sind. Auslöser war der Stich eines Insekts, welches
Cantarine genannt wird. Der Stich hat eine stark juckende Blasenbildung zur
Folge. Kratzt man die Blase auf, so entstehen überall da, wo das Sekret hinläuft,
neue Blasen. Wir durchbrechen diesen Teufelskreis durch Öffnen und Spülen
restlicher Bläschen mit Alkohol, weitere Wundbehandlung und das Antibiotikum
Erythromycin.
Die Patienten müssen die Behandlung selbst bezahlen,
ein öffentliches soziales Netz existiert nicht. Die Kosten erscheinen uns mit
50 CFA (15 Pfennig) für Kinder und 100 CFA für Erwachsene gering, auch
Medikamente sind günstig. Chloroquin zur Behandlung von Malaria kostet 60
Pfennig, Amoxicillin zur Behandlung einer Lungenentzündung etwa 2 DM. De facto
gibt es aber viele Menschen, die dieses Geld nicht haben. Fast alle leben von
der Landwirtschaft und haben überhaupt nur dann Geld, wenn sie Überschüsse
produzieren und verkaufen können. Täglich erleben wir es, dass Patienten ohne
Medikamente zum Behandlungszimmer zurückkommen, weil sie diese nicht bezahlen können.
Eine Frau will mit ihrem kranken Kind zehn Kilometer in der drückenden Hitze
nach Hause gehen, um dort bei Verwandten Geld zu leihen.
Nachdem wir einige Patienten mit leichter Malaria,
Gelenkschmerzen und Bronchitis behandelt haben wird eine junge, schwangere Frau
von drei Männern hereingeschleppt. Sie ist absolut kraftlos, kann kaum
sprechen. Sie hatte einige Tage Fieber, jetzt aber nicht mehr. Bei der
Begutachtung der Konjunktiven fällt auf, dass diese hellweiß sind. Auch das
Zahnfleisch und die Zunge sind fahlgrau. Die Frau hat Malaria und ist schwerst
anämisch. Wir geben ihr sofort Chloroquintabletten und eine Chinininfusion -
damit sind wir am Ende unserer Möglichkeiten. Wirklich helfen würde jetzt nur
eine Bluttransfusion. Ich wünsche mir, wir hätten hier etwas von den
medizinischen Möglichkeiten Deutschlands! So müssen wir hilflos zusehen, wie
die Frau zu phantasieren beginnt und schließlich nach einigen Stunden
verstirbt.
Malaria gehört hier zum Alltag. Zwei Drittel aller
Patienten kommen deswegen. Kleinkinder sind am stärksten gefährdet. Ein Junge
erzählt mir, dass er einige Male im Jahr Malaria mit dem typischen Kopfschmerz
hat. In der Regel können seine Eltern keine Medikamente kaufen, gewöhnlich
heilt sie nach ein paar Tagen von selbst aus. Nur wenn es nicht besser wird,
gehen sie zum CSPS. Bei einem Teil der Bevölkerung herrscht der Aberglaube, dass
wer eine intravenöse Infusion bekommt, sterben muß. So zögern manche lieber
noch etwas, um die Infusion zu vermeiden. Das trägt nicht gerade zum Abbau des
Aberglaubens bei.
Dieser erschreckende Fall soll aber nicht zu dem
Trugschluß führen, dass den Kranken hier nicht gut geholfen wird. Allen
Schwangeren wird beispielsweise eine Vorsorge angeboten, die eine
Malariaprophylaxe einschließt. Leider wird dieses Angebot nicht von allen
Frauen wahrgenommen. Auf das Diagnostizieren
und die Behandlung von Infektionskrankheiten ist man spezialisiert. Eine gute
Anamnese und körperliche
Untersuchung sind richtungsweisend.
An Geräten stehen nur Stethoskop, Thermometer, Blutdruckmanschette und
Taschenlampe zur Verfügung, damit kann man jedoch einiges anfangen.
So behandeln wir u.a. Durchfallerkrankungen wie Amöbenruhr,
bakterielle Ruhr und einen schweren Fall von Typhus und sehen Krankheiten wie
endemische Syphilis oder Frambösie, beide in Europa sehr selten.
Kinderkrankheiten wie Masern, Windpocken und Bronchitis sind ebenso häufig. Zum
Glück bemerken wir nur wenige unterernährte Kinder. HIV scheint noch wenig
verbreitet zu sein, wobei es keine zuverlässigen Zahlen gibt, da
Tests zu teuer sind. Auch ob die Patientenschaft repräsentativ für die
ganze Bevölkerung ist, bleibt fraglich, eventuell werden die Ärmsten gar nicht
zur Gesundheitsstation kommen.
Bei einer Geburt wundern wir uns, dass das
Neugeborene hellhäutig ist. Das ist aber wohl normal, die Kinder dunkeln
innerhalb weniger Tage nach. Um Geburten wird hier nicht annähernd so viel
Aufhebens gemacht wie in Deutschland, zumindest solange alles glatt verläuft.
In der Regenzeit sind die Wege, die teils durch Flußbetten ziehen, oft
unpassierbar, so dass eine Überweisung in ein Krankenhaus nicht möglich ist.
Ein burkinischer Medizinstudent berichtet mir später, dass die Notwendigkeit
zu Schnittentbindungen seltener gegeben ist als in Europa. Dies liege
daran, dass die Neugeborenen hier durchschnittlich kleiner und leichter zur Welt
kommen als bei uns und könne durch die schlechtere Ernährungslage der Mutter
erklärt werden. Es zwingt sich die Frage auf, ob die vielen Kaiserschnitte in
Europa durch unsere Überernährung mitbedingt sind.
Die Bevölkerung Burkina Fasos
ist deutlich jünger als unsere, man
sieht scharenweise Kinder. In Nohoungo bringt jede Frau durchschnittlich sieben
Kinder zur Welt. Nur wenige Frauen nehmen Antikonzeptiva. Kinder bedeuten
Reichtum. Wer viele Kinder hat, muß selbst weniger arbeiten und braucht sich
keine Sorgen um seine Altersversorgung zu machen. Bleibt eine Ehe kinderlos, so
kann der Ehemann seine Frau an ihre Familie zurückgeben und den Brautpreis zurückverlangen.
So ist es eine sehr wichtige Aufgabe der Gesundheitsstation, die ländliche Bevölkerung
in puncto Ernährung, Hygiene, Geschlechtskrankheiten und Familienplanung
aufzuklären.
Mittlerweile ist es Mittag. Die Sonne steht senkrecht
am Himmel und man kann die Lufttemperatur mit dem Fieberthermometer messen!
Vorbei an einem Affenbrotbaum, Hirse- und Erdnußfeldern gehen wir zum Haus zurück.
Die beiden Hühner, die wir geschenkt bekommen haben, warten bestimmt schon
sehnsüchtig darauf, endlich aus dem Stall zu kommen. Nachmittags werden wir mit
den Kindern Uno spielen, abends den tollen Sternenhimmel bewundern. Die
Gastfreundschaft und die Lebensfreude der Menschen haben uns gefesselt und
werden uns auch nicht mehr loslassen, wenn wir wieder in Deutschland sind.