Unsere Reise nach Burkina Faso im Herbst  2001

Monika Freisberg-Hundemer / Rita Krieger

 Samstag, 29. September

Mit einer Stunde Verspätung startet unsere Maschine von Paris - Charles de Gaulle gegen 12.00 Uhr in Richtung Ouagadougou. Gewitter und Turbulenzen sind angesagt. Wieder und wieder zählt das Kabinenpersonal die Passagiere. Stimmt etwas nicht? Nach den Ereignissen vom 11. September in New York fliegt die Angst mit. Wir sind froh, dass unser Gepäck -  allein 75 kg an Geschenken für unsere afrikanischen Freunde - anstandslos durch die Kontrolle gegangen ist.  

Diesmal reisen wir mit 7 Personen: Charly Simonis und sein Sohn Martin, dessen Freund Florian Meyer, Götz Krieger, Wolfgang Nieländer und wir beiden Frauen. In Ouagadougou  wird später noch Dörte Rompel, die sich zu einem Praktikum in Togo aufhält, zu uns stoßen  und uns eine Woche lang begleiten. Wolfgang als Reisegefährten zu haben erweist sich als Glückstreffer. Er hat zehn Jahre in Burkina gelebt und gearbeitet, außerdem in Kamerun, Tansania, Indien und im Jemen  und ist ein exzellenter Kenner städtischer und ländlicher Strukturen sowie der Mentalität der Burkinabè. In seiner liebenswürdigen unaufdringlichen Art erzählt er uns manch spannende Geschichte von Land und Leuten.

Die Mehrheit der Passagiere an  Bord sind Afrikaner, die entweder nach Bamako, wo das Flugzeug zwischenlandet, oder nach Ouagadougou wollen. Allmählich werden wir müde, denn wir sind seit halb zwei heute nacht unterwegs.

Der Flug dauert 6 Stunden. Gegen 18.00 Uhr Ortszeit landen wir wohlbehalten in Ouagadougou, dessen Flughafen von seinen Ausmaßen an den Gerolsteiner Bahnhof erinnert. Wie  bei den vorherigen Reisen bereitet man uns wieder einen überwältigenden Empfang. Als erster begrüßt uns Anselm Sanou, unser burkinischer Repräsentant, der inzwischen zu einem guten Freund geworden ist. Dank Anselms ausgezeichneter Beziehungen passieren wir die Paß- und Zollkontrolle ohne Beanstandung. In einem Konvoi aus mehreren Fahrzeugen werden wir zu seinem Haus gefahren.  Schon diese erste Fahrt durch die Stadt ist wie ein Eintauchen in eine andere Welt. Es ist bereits dunkel. Straßenbeleuchtung gibt es kaum. Auch die meisten Fahrzeuge fahren ohne Licht. Die Dunkelheit wird nur unterbrochen durch den spärlichen Schein der Feuerstellen am Straßenrand. Viele Sinneseindrücke wirken auf uns ein: ein“ geordnetes Chaos“ aus Fahrzeugen, überwiegend Mofas und Fahrräder, Menschen, die entlang der Straße an Feuern sitzen, Kokelfeuer, menschliche Ausdünstungen, Staub, Zweitakterabgase.

Abends gibt’s wie immer ein großes Essen  und einen herzlichen Empfang im Hause Sanou. Aus vielen Dörfern von nah und fern sind  Delegationen gekommen, Mitglieder von Partnerschaftsvereinen und Freunde von ASAO, so heißt der Solidaritätskreis Westafrika e.V. in Burkina. Man stellt sich gegenseitig vor, die Begrüßung ist freundschaftlich und herzlich. Wir sehen viele bekannte Gesichter: Auch Rachelle und Lombo, Bernard Lompo und Félicien, die wir schon bei unserer ersten Reise kennen lernten, sind gekommen. Anselms Frau Marie-Thérèse hat mit ihrer Kusine Augustine, dem Hausmädchen und vielen Frauen aus der Nachbarschaft den ganzen Tag gekocht. Diejenigen aus unserer Reisegruppe, die schon öfter in Burkina waren, haben das Gefühl „nach Hause zu kommen“. Die Nacht verbringen wir in unseren Zelten in Anselms Hof. 

Sonntag, 30. September

An diesem Tag beginnt unsere große Rundreise, die uns in 17 Dörfer im Norden Burkinas führen wird. Wir verstauen  Rucksäcke und Geschenke, unter anderem ein Dutzend Gießkannen, auf dem Dachgepäckträger eines gemieteten Buschtaxis. Dessen  Fahrer Victor und sein Bruder Salfo werden uns die nächsten  14 Tage sicher über teilweise recht unwegsame Straßen kutschieren. Unser erstes Ziel ist  das Dorf Nièssega an der Hauptstraße nach Ouahigouya. Unterwegs halten wir an einem typisch afrikanischen Markt. Emsiges Treiben, farbenfrohe Gewänder, exotische Gerüche, Klänge, vielfältige Sinneseindrücke strömen auf uns ein. Neben dem üblichen Angebot an gewebten Stoffen, Früchten und Gebrutzeltem wird hier besonders viel Hirsebier, Dolo, verkauft. Selbst die Kinder erwecken den Eindruck, als hätten sie dem Dolo schon heftig zugesprochen.

Weiter geht die Fahrt nach Nièssega. Hier hat der Verein  die bestehende Grundschule auf 6 Klassen erweitert und ein Lehrerhaus und einen Brunnen gebaut. Manche Klassen haben bis zu 85 Schüler. Obwohl die Schule nach den Ferien  offiziell bereits begonnen hatte, haben wir nirgendwo im Busch Unterricht gesehen. Die Schüler lungerten herum oder erledigten Aufräumarbeiten. Später erfuhren wir auf unsere erstaunte Frage, weshalb das so sei,  dass die Ernte noch nicht begonnen habe und die Eltern erst aus dem Erlös der Ernte das Schulmaterial bezahlen können. Wolfgang meinte, dass es für manche Eltern wahnsinnig schwierig sei, dieses Geld in Höhe von 10 bis 15 DM jährlich aufzubringen. Vor allem Eltern, die mehrere Kinder in der Schule haben, werden für afrikanische Verhältnisse extrem zur Kasse gebeten. Von der Bevölkerung von Nièssega werden wir herzlich empfangen. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Es wird getanzt und gesungen. Einige afrikanische Frauen bieten uns weißen Frauen ihre Freundschaft an und bedanken sich besonders für die Unterstützung der Mädchen, denn der Verein übernimmt in den ersten drei Jahren die Kosten für deren Schulausstattung. Auch die Dorfapothekerin bedankt sich für die kostenlose Bereitstellung von Medikamenten seitens unseres Vereins. Erst diese Hilfe habe es ermöglicht, dass die Krankenstation effektiv arbeiten könne. In diesem Dorf – wie in zwei weiteren Schulen – hat der Verein wegen der schlechten Ernte im letzten Jahr Hirse für die Schulkantinen geliefert. Hier erhalten wir wertvolle Geschenke: die Männer  schöne gewebte Kittel in Erdfarben, wir Frauen bekommen handgewebte Stoffbahnen, Pagnes, die man als Wickelrock tragen kann. Für Charly gibt es noch einen Ziegenbock mit Hahn.

Besonders auffallend sind die vielen gepflanzten Bäume, die ganze Umgebung des Dorfes und der Schule ist grün. Der Verein legt besonderen Wert darauf  und verpflichtet die Schulen vertraglich Bäume zu pflanzen, um dem Fortschreiten der Wüste Einhalt zu gebieten. Dieses Jahr sollen an dieser Schule zwei Klassen mit Solarbeleuchtung ausgestattet werden, damit abends auch Erwachsene alphabetisiert werden können. Bei unseren Fahrten über Land fiel uns auf, dass die diesjährige Regenzeit anscheinend genug gebracht hat und die Hirse gut steht.

Von Nièssega fahren  wir die gut ausgebaute Straße nach Zogoré, wo ein Verein aus Willich ein vierklassiges Collège mit 5 Lehrerhäusern gebaut hat, dessen Bauaufsicht Anselm dankenswerterweise übernommen hat. Auch hier bereitet uns die Dorfbevölkerung einen herzlichen Empfang. Als Geschenk gibt es einen neuen Reisegefährten, einen Hahn, der sich am nächsten Morgen um 5 Uhr als zuverlässiger Wecker erweist. Vom Präfekten von Zogoré, der sehr streng wirkt, werden wir auf sein schönes Anwesen eingeladen. Seine Frau dirigiert er zu unserer Empörung durch scharfe Blicke und  Stampfen mit den Füßen. Wir bekommen einen ersten Eindruck von der Rollenverteilung in der afrikanischen Gesellschaft. Am Abend findet hier keine Animation statt, da an diesem Tag im Dorf ein 50-jähriger Mann gestorben war, der nach afrikanischen  Brauch auch gleich beerdigt wurde. Die Nacht verbringen wir in Zogoré im leerstehenden Direktorenhaus, das nächste Woche bezogen werden soll. Vier Nachtwächter sorgen für unsere Sicherheit. 

Montag,  1. Oktober

Wir stehen um 6 Uhr auf, geweckt vom Hahn, der sich wieder einmal losgerissen hatte und eingefangen werden musste und ein Riesenspektakel machte. Jetzt hat er sich in sein Schicksal ergeben. Wir duschen mit Eimer und Kalebasse hinter dem Haus, weil der Duschraum im Haus überschwemmt ist. Nach dem Frühstück empfängt uns der Präfekt  in seinem Amtssitz. Die etwas steife Atmosphäre wird durch zwitschernde Geckos aufgelockert.  Der Präfekt möchte ein Zentrum für Aidsberatung und –prävention haben. Dieser Wunsch wird jedoch von Charly  unter Hinweis auf die Partnerschaft mit Willich abgelehnt.

Wir fahren weiter in Richtung Ouahigouya. In einem Regierungsgebäude, wo wir nach dem Weg nach Kiré fragen , treffen wir Amadou Maiga, einen angehenden Grundschullehrer, der uns spontan als Führer begleitet und uns Frauen  die erste Lektion in Moré, der Stammessprache der Mossi, erteilt. Auf abenteuerlichen Pisten, die immer schmaler werden, vorbei an idyllischen Dörfern, vereinzelten Kamelen, erfreuen wir uns an den vielen urzeitlich anmutenden Affenbrotbäumen, die aussehen, als steckten sie umgekehrt im Boden, die Wurzeln in der Luft. Vorbei an wunderschönen, würdig durch die Hirsefelder schreitenden und uns meist freundlich zuwinkenden Menschen erreichen wir das Dorf Kiré.

Charly erkennt sofort die zerfallene Schule aus Lehmziegeln wieder, die er auf einem Photo gesehen hatte. Das Dorf hatte angefragt, ob hier eine neue Schule gebaut werden könnte. Wir erfahren, dass es inzwischen von einer französischen Entwicklungshilfeorganisation unterstützt wird und so zieht unser Verein seine weitere Hilfe zurück. Kiré ist ein schönes altes Dorf mit riesigen schattenspendenden Bäumen.  Zum ersten Mal sehen wir einen gewaltigen runden „Mahltisch“, aus Lehm gemauert, an dem zehn Frauen gleichzeitig  mit einem Stein ihr  Korn mahlen können.

Wir fahren zurück nach Ouahigouya, wo wir uns im  „Caiman“ mit Schwester Jeanne d’Arc zum Mittagessen treffen. Sie möchte eine neue katholische Grundschule in Bourzanga bauen.

Abends kommen wir in Pobé Mengao an und bauen unsere Zelte vor dem leerstehenden Haus des Agent d’agriculture  auf. Während dieser Reise haben wir fast immer im Freien geschlafen, - wir nennen es  unser 1000-Sterne-Hotel - weil es in den Innenräumen einfach  zu heiß und stickig war.

In Pobé Mengao lernen wir Alain Coeffé, Wirtschaftsminister unter Sankara, kennen. Wir nennen ihn „Mr. Nokia“, weil er die burkinische Generalvertretung für Nokia - Handys hat. Er stammt aus Pobé und bewohnt mit seiner Familie ein schönes Wochenendhaus im Dorf, in das er uns für den nächsten Abend einlädt. Hier zeigt man uns als Abendprogramm zwei interessante Videos  über die Sitten und Gebräuche bei den Kurumba, einem hier lebenden Stamm.

Heute morgen haben wir unsere total verstaubten, schmutzigen Klamotten zwei Frauen im Dorf zum Waschen gegeben. Sie freuen sich darüber ein bisschen Geld zu verdienen und ein Geschenk zu erhalten.

Abends erleben die „Neu-Afrikaner“ von uns ihre erste Disco. Nach der Videovorführung werden blitzschnell die Sitzbänke weggeräumt bis auf eine, auf die man uns Weiße platziert. Wir haben das Gefühl zur allgemeinen Besichtigung freigegeben zu sein. Ein alter Kassettenrecorder, der an zwei Riesenboxen angeschlossen ist, wird bis zum Anschlag aufgedreht und eine Mischung aus afrikanischen Rhythmen  mit Technoeinschlag  abgenudelt. Bei solchen Festen tanzen die Afrikaner mit  Hingabe, Körperbeherrschung  und Ausdauer bis in die frühen Morgenstunden. Tanzen und Trommeln, das gehört zu Afrika, das i s t Afrika. Schon die Kleinen bewegen sich anmutig zu jeder Art von Rhythmus, denn sie hören die Rhythmen schon im Mutterleib. 

Dienstag, 2. Oktober

Heute treffen wir mit dem Direktor des Collège zusammen, das vor zwei Jahren eingeweiht wurde. Die Schule hat einen schönen Schulgarten mit Sesampflanzen, Kokospalmen und vielen anderen exotischen Gewächsen. Zwei Klassen sind mit Solarbeleuchtung ausgestattet, die aber nicht funktionsfähig ist. Jetzt wollen die Lehrer zwei weitere Klassen elektrifiziert haben, was Charly jedoch mit dem Hinweis auf mangelnde Eigeninitiative ablehnt. Ebenso wünschen sie ein centre d’acceuil, d.h. im Klartext ein Internat, mit der Begründung, dass die Schüler zum Teil aus 10 Km Entfernung kommen. Wir lehnen dies ab. Es gibt nur noch Schulneu- und Erweiterungsbauten.

Wir sitzen im Klassenraum mit den grob gezimmerten Bänken. Wir erfahren, dass die Schule wenig Einschulungen von Mädchen hat, da diese mit 13-14 Jahren verheiratet werden und dann nicht mehr zur Schule kommen. Außerdem wurden früher in den Grundschulen hauptsächlich Jungen eingeschult, sodass es nur wenige Mädchen gibt, die eine weiterführende Schule besuchen können. Um die Anpflanzung von Bäumen  zu fördern und das notwendige Gießen zu erleichtern wird die Anschaffung eines Handkarrens mit Wasserfass genehmigt, denn das Wasser muss ja von Brunnen geholt werden.

Besonders eindrucksvoll ist der Besuch beim  Chef und König der Kurumba. Es bietet sich ein malerisches Bild. Unter dem Blätterdach sitzt der König mit seinem Enkelkind im Schoß auf einer Matte, gegen den Thron gelehnt. Neben sich Masken und allerlei Figuren, seine Machtinsignien. Die Kurumba lieben Kinder. Der König trägt immer Schuhe, die anderen Größen des Reiches, auch die Prinzen, sind barfuß. Der König, Naba genannt, ist eine so bedeutende Persönlichkeit, dass er unsere Geschenke nur aus der Hand eines Dritten annimmt. Auch die Farbe Rot darf man in seiner Gegenwart  nicht tragen. Wir sind sorgfältig bemüht kein  Kleidungsstück anzuziehen, in dem auch nur der winzigste Fleck Rot vorkommt. Im Gegensatz zu den Bräuchen bei den Mossi sitzt der König auf dem Boden, seinem Erdthron, die Besucher auf Stühlen.

Höflichkeiten, Bitten und gegenseitige gute Wünsche werden ausgesprochen, unter anderem wünscht der Naba, dass Gott Charly noch weitere Macht gebe, damit dieser mehr für die Bevölkerung tun könne. Nach der Audienz besichtigen  wir das Dorf. Dahinter liegt ein Teich, in dem  die heiligen Krokodile hausen. Leider waren die Biester in der Mittagshitze abgetaucht und wir bekommen nur ein paar Kinder zu sehen, die  zu unserem Entsetzen arglos im gleichen Teich arbeiten. Sie holen den Lehm heraus, aus dem am Ufer die Lehmziegel zum Bau der Häuser geformt und getrocknet werden. Wir besichtigen noch eine Art  kleines Heimatmuseum in einem Schuppen, wegen der zunehmenden Hitze jedoch eine Tortur.

Von Pobé fahren wir eine recht holprige Piste nach Gaskindé, wo wir mit Salutschüssen empfangen werden. Das örtliche Projekt ist der Bau einer dreiklassigen Grundschule mit zwei Lehrerhäusern. Die Schule wurde von dem Bauunternehmer Nana Marcel errichtet, der sehr gute und solide Qualität liefert. Es gibt eine Animation mit Tanz und Tam-Tam. Hier im Sahel  wird meist auf Kalebassen- und Sprechtrommeln musiziert, oft ist auch eine kleine Basstrommel dabei. Djembes haben wir hier nicht gesehen. Sie sind im Westen, in der Gegend um Banfora und Bobo-Dioulasso, verbreitet.

Unser Mittagessen nehmen wir in der Schule ein. Die Frauen des jeweiligen gastgebenden Dorfes kochen meist für uns. Oft fragt man uns in Deutschland, was wir denn während unserer Reise eigentlich essen. In der Regel gibt es eine große Schüssel Reis oder Hirse, manchmal auch Nudeln (in Westafrika ein teurer Genuss!). Dazu wird meist ein Topf Hähnchen- oder Hammelfleisch gereicht, wenn wir Glück haben auch Gemüse wie Auberginen, Kohl, Erbsen oder Gombo, eine Bohnenart. Das Ganze wird abgerundet mit einer scharfen Erdnußsoße. In Nohoungo ist jedes Mal, wenn irgendwelche Europäer auftauchen, sofort der Koch Souleymane zur Stelle, um sich ein paar CFA zu verdienen. Sein Essen schmeckt gut, solange man keinen Blick in die „Küche“ wirft, deren Boden (und gleichzeitig Arbeitsfläche) in bunter Vielfalt mit Tomaten, Hähnchengedärmen, Eiern, Bohnen, Gurken, Ameisen und Kakerlaken übersät ist. Dieses Jahr hat man uns fast überall mit Eisblöcken gekühlte Getränke serviert. Wie haben wir uns hier über eine Fanta gefreut, die wir in Deutschland gar nicht so schätzen!

Viele Afrikaner sind zur Feier gekommen. Um 15.00 Uhr soll die Zeremonie in Anwesenheit des Hochkommissars beginnen. Die festliche Kleidung der Menschen ist eine Augenweide. Man sieht Tuaregs mit ihrem typischen Gesichtsschleier und den weiten, mit Indigo blau gefärbten Gewändern, Peulhfrauen  in schönen traditionellen Kleidern mit viel Schmuck im Haar. Die Peulh sind Wanderhirten und oft relativ reich, weil sie große Herden besitzen. Aber es gibt auch Menschen in der Menge, die Sachen aus Altkleidersammlungen tragen. Diese von uns abgelegten Sachen werden hier nicht einfach verteilt, wie es sich wohl viele vorstellen, sondern billig verkauft und machen so das einheimische Textilgewerbe kaputt. Viele Jugendliche wollen natürlich auch nach europäischer Mode gekleidet sein.

Immer wieder fällt uns auf, wie friedlich die vielen Ethnien zusammenleben. Auch zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften besteht eine große gegenseitige Toleranz.

Auf der Fahrt hierher spürt man die Nähe der Wüste. Die Vegetation ist spärlich, wir sehen riesige Sandflächen neben stark erodierten Böden. Ab und zu stoßen wir auf „diguettes“, kleine Steinwälle, die die Aufgabe haben, die fruchtbare Erde aufzuhalten und das Regenwasser zu stauen. Überall liegen Felsbrocken, die von einer dünnen Humusschicht bedeckt sind. Die Hirse sieht hier oben sehr mickrig aus. Wegen dem felsigen Boden waren zwei Brunnenbohrungen auch erfolglos. Deswegen übernachten wir nicht hier, sondern fahren zurück nach Pobé Mengao, denn ohne Wasser aus dem Tiefbrunnen wäre das gesundheitliche Risiko für uns Europäer zu hoch.

Nach der offiziellen Zeremonie tanzen die Afrikaner noch lange weiter. Wir stehen mitten zwischen den Frauen, Kindern, Männern und  lassen uns tragen vom Rhythmus der Trommeln, fühlen uns geborgen in der Wärme der Menschen um uns herum. Wir haben das Gefühl Teil eines größeren Ganzen zu sein, in dem sich die Individualität auflöst. Mittlerweile ist auch der hohe Besuch angekommen, wird mit Salutschüssen begrüßt und nimmt in der ersten Reihe Platz. Der Hochkommissar lässt sich durch den Präfekten vertreten. Alle Reden werden in französischer Sprache gehalten und von den jeweiligen Rednern oder dem Zeremonienmeister in Fulfule, den Dialekt der Peulh, übersetzt. Der Platz für die Ehrengäste ist mit einem Flechtzaun umgeben. Von außerhalb des Zauns hört man das aufgeregte Geschnatter der „Zaungäste“, das von Zeit zu Zeit von Platzwächtern  mit Brachialgewalt unterbrochen wird. Die Flechtwände sind mit kalligraphisch gestalteten Spruchbändern geschmückt, die darauf hinweisen, wie wichtig Bildung für ein Volk ist. Vor der Schule dürfen wir Mangobäume pflanzen.

Als wir zu unserem Nachtquartier zurückgehen, hat sich dort inzwischen das halbe Dorf versammelt. In der Mitte sitzt eine Musikgruppe mit einem Vorsänger und zwei Männern, die auf Kalebassenschalen den Rhythmus schlagen. Wir setzen uns dazu und lassen uns von dem monotonen Gesang des Vorsängers und der Gruppe in den Bann ziehen. Es entsteht eine  tranceartige Atmosphäre und wieder das Gefühl des Eingebundenseins in eine Gemeinschaft. Der endlose afrikanische Himmel überspannt alles wie ein schützendes Dach, der helle Mond taucht die ganze Szene in ein warmes weiches Licht. Irgendwann hört die Gruppe auf zu singen, schlagartig stehen alle auf und gehen nach Hause. 

Mittwoch, 3. Oktober

An diesem Morgen müssen wir unser Wasser selbst vom Brunnen holen. Es herrscht schon reges Treiben hier, denn der Brunnen ist auch beliebter Treffpunkt für die Bevölkerung. Auffallend ist, dass die Frauen und Mädchen das Wasser meist in großen Schüsseln auf dem Kopf tragen, während die Jungen entweder mit Fahrrad oder Eselskarren vorfahren. Um 8.00 Uhr brechen wir auf und verabschieden uns herzlich von Amadou Konfé, der uns in Pobé umsorgt hat wie eine Mutter.

Wir sind auf dem Weg nach Rondo. In Ouahigouya werden wir von  einer Delegation aus dem Dorf abgeholt, die uns den Weg zeigen soll. Bis Séguènéga ist die Piste recht gut, von dort geht’s dann durch die Felder nach Rondo.

Überall am Wegrand  weiden große Herden von Ziegen und Buckelrindern, seltener sehen wir Kamele. Die Straße hat große Löcher,  in denen noch der Schlamm und das Wasser der letzten Regenzeit stehen. Wir kommen zunächst nach Touroumi, einem Ortsteil von Rondo. Farbenfroh gekleidete Reiter preschen uns auf Pferden entgegen und führen Kunststückchen vor. Eine Gruppe  Radrennfahrer, vermutlich ein afrikanischer Ableger der Tour de France, posiert für unsere Kameras. Nach einer wunderschönen Empfangszeremonie und der Überreichung von 2 Ziegen und 6 Hühnern müssen wir uns leider losreißen und nach Rondo weiterfahren. In der sengenden Hitze laufen Hunderte von Kindern mit strahlenden Gesichtern teils mit Fahrrädern vor, neben und hinter unserem Bus her und winken uns zu. In Rondo beziehen wir unser Quartier in einem geräumten Direktorenhaus. Nach der Zeremonie trommeln wir auf unseren neuerworbenen Djembes mit einem sympathischen afrikanischen Grundschullehrer, der uns die lustige Geschichte erzählt, dass viele Afrikaner glauben,  in Deutschland fließe das Bier aus dem Wasserhahn  und werde am Ende des Monats über einen Zähler abgerechnet. Das Grundstück des Direktors ist mit einer Lehmmauer umfriedet, hinter der Hunderte von Augen bis in die späten Abendstunden jede unserer Bewegungen aufmerksam verfolgen. 

Donnerstag,  4. Oktober

Mit unerbittlicher Hartnäckigkeit weckt uns der Hahn um 5.00 Uhr. Nach dem Frühstück rückt das Putzkommando an: Dutzende von Geiern machen sich über die Essensreste vom Vorabend her. Wir haben das Gefühl, dass sie uns nachfliegen.

Über eine ausgewaschene Lateritpiste fahren wir in Richtung Kirsi. Hier hat der Solidaritätskreis eine vierklassige Realschule gebaut. Wir werden von der gesamten Schülerschar und einer Schülertanzgruppe begrüßt. Von weitem schon fiel uns bei den Lehrerhäusern ein weißes Gesicht auf. Es ist Mary, eine junge Amerikanerin vom Peace Corps, die seit sechs Wochen im Land ist und sich verpflichtet hat,  für zwei Jahre an der Schule von Kirsi zu unterrichten. Zwei Jahre in diesem mörderischen Klima mitten im Busch, ohne fließendes Wasser, ohne elektrischen Strom, ohne nennenswerte Infrastruktur, ein Leben zu führen, das sich nur an den Grundbedürfnissen orientiert – dazu gehört eine Menge Idealismus!

In Kirsi übernachten wir in einem leerstehenden Lehrerhaus, zum erstenmal können wir tagsüber ein paar Stunden ausruhen. Nachmittags machen wir einen Besuch beim Chef eines Nachbardorfes. Diese Begegnung ist herzerfrischend. In seinem Gesicht hat sich das Lachen förmlich eingegraben; ständig strahlt er uns an, was wir jedoch zum Teil auf seinen ausgiebigen Alkoholgenuss zurückführen. Eine schöne Abwechslung zum sonst meist etwas steifen Protokoll. Wir haben an diesem Nachmittag viel gelacht. Als Gastgeschenk bekommen wir einen wunderschönen Holzstab mit zwei geschnitzten Köpfen.

Abends wird uns ein grandioses „afrikanisches Feuerwerk“ in Form eines gewaltigen Gewitters geboten. Innerhalb von Sekunden wechselt der Himmel seine Farben  von Rosarot über Violett zu Tiefschwarz. Blitze zucken über den Nachthimmel. Der Regen prasselt so laut auf das Wellblechdach, dass wir unser eigenes Wort nicht mehr verstehen. Zum Glück hatten wir die Zelte gleich drinnen aufgebaut. Mary leistet uns den ganzen Abend Gesellschaft  und erzählt von ihrer Arbeit. 

Freitag,  5. Oktober

Rasmata ist Realschülerin und hat ein intelligentes offenes Gesicht. Sie ist eine gute Schülerin, bestätigt uns der Lehrer. Wir sind entsetzt über ihre Klump- und Sichelfüße, die völlig verdreht sind und das Gehen sehr erschweren. Wegen ihrer Behinderung zahlt ihr der Staat das Schulgeld, denn der Schulbesuch ist ihre einzige Chance. Sie erzählt uns, dass sie die einzige von neun Geschwistern ist, die die Schule besucht. Welche Schwierigkeiten die Eltern oft haben, das Schulgeld für ihre Kinder aufzubringen, haben wir ja schon an anderer Stelle erwähnt. Da Rasmata wegen ihrer deformierten Füße große Probleme hat ihren Schulweg von 2 km zu bewältigen, haben wir spontan beschlossen ihr ein Fahrrad zu schenken. Und wieder kommt uns der Gedanke, wie gut wir es doch in Europa haben, wo eine solche Behinderung durch eine entsprechende Behandlung im Säuglingsalter problemlos behoben werden kann.

Zum Abschied besucht uns der Dorfchef von Kirsi mit seinem Gefolge und schenkt uns schöne geschnitzte Holztiere und einen weiteren Ziegenbock. Inzwischen haben wir drei auf dem Dachgepäckträger festgebunden.

Auf dem Weg nach Nagséné, wo die große Einweihungszeremonie stattfinden wird, machen wir Halt in Yako, der Provinzhauptstadt von Passoré. Die Präfektin empfängt uns in ihrem modern ausgestatteten Büro. Angenehm: ein elektrischer Ventilator.

Zum Mittagessen sind wir in der „Villa“ des Haut-Commissaire  (entspricht etwa unserem Regierungspräsidenten) zu Gast. Das Haus mit dem schönen Garten erinnert an die Residenzen aus der Kolonialzeit. Auf dem Vertiko im Salon entdecken wir als originelle Dekoration eine getrocknete und ausgestopfte Ratte mit abgezogener Haut. Von dort fahren wir weiter nach Nagséné über einen idyllischen Feldweg, vorbei an Hirsefeldern. Damit unsere Gruppe und die übrigen Gäste, die zur großen Zeremonie erwartet werden, den Weg finden, sind Steine und Bäume am Wegrand mit weißer Farbe markiert. So finden wir das Dorf auch problemlos und  werden dieses Mal nicht mit Trommeln und Gewehrschüssen begrüßt, sondern mit Mopedgeknatter und einem Trillerpfeifenkonzert. Nach einer kurzen Siesta besuchen wir den Dorfchef. Das Dorf bietet ein malerisches und friedliches Bild mit seinen hohen Bäumen und wogenden Hirsefeldern. Schweine, Ziegen, Hunde bevölkern Dorfstraße und Dorfplatz und den „Palast“ des Chefs.

Ein beeindruckendes aber auch deprimierendes Erlebnis ist die Besichtigung der Goldgräberminen, die sich etwas außerhalb des Dorfes befinden. Die Goldsucher graben bis zu 60 Meter tiefe und 1,20 Meter breite Schächte senkrecht in die Erde. An zwei Seiten dieser Schächte sind Trittlöcher in die Wände gehauen, mit deren Hilfe die Arbeiter hinuntersteigen . In Körben ziehen sie die Gesteinsbrocken herauf. Diese werden mit primitiven Werkzeugen zerschlagen, eine sehr staubige Arbeit. Der gewonnene feine Sand wird gewaschen und mit viel Glück erkennt man eine hauchdünne Schicht Goldstaub. Die Arbeit ist sehr gefährlich, da häufig auch Querstollen in den Boden getrieben werden und diese einstürzen. Auch die Einstiegslöcher sind an keiner Stelle gesichert. Die Goldgräber, die auch bei den Minen schlafen, wirken auf uns völlig ausgemergelt und gesundheitlich angeschlagen. Wir gehen zurück zu unserem Nachtquartier, einem leerstehenden Lehrerhaus. Umgeben von der staunenden Bevölkerung bauen wir unsere Zelt im Freien auf. An diesem Abend wartet ein Festmenu auf uns mit Salatplatte, Fritten und Hähnchen und Papayas als Nachtisch. Ein Koch aus der Hauptstadt mit seiner Tochter Marie-Noêle versorgt uns bestens. 

Samstag, 6. Oktober

Zum Frühstück werden wir verwöhnt mit Kaffee und frischen Baguettes. Unmittelbar an unserem Frühstücksplatz führt die Dorfstraße vorbei  und die Leute strömen aus allen Richtungen  zum großen Fest. Alle haben sich herausgeputzt, tragen farbenfrohe Kleidung, Bänder und Muscheln in den Haaren. Alles ist voll gespannter Erwartung. Die Trommler erscheinen  um 8.00 Uhr  und heizen dem Publikum schon mal tüchtig ein. Ein Sonnendach ist aufgebaut, bestuhlt, die ganze Nacht waren die Organisatoren tätig. Der Platz füllt sich mehr und mehr. Zuletzt erscheinen die Ehrengäste und nehmen in der ersten Reihe Platz. Das Programm  ist  abwechslungsreich mit Reden, Tanz- und Trommeldarbietungen. Besonders der Minister für Grundschulen und Alphabetisierung überrascht uns, denn er hält eine kleine Ansprache in ausgezeichnetem Deutsch und erzählt uns, dass er neun Monate in Saarbrücken studiert hat. Auch das burkinische Staatsfernsehen ist anwesend, denn Charly und Anselm wird an diesem Tag der „Ordre National“  (entspricht  unserem Bundesverdienstkreuz  und ist die höchste burkinische Auszeichnung) verliehen.

Der Verein erhält für seine Arbeit, den Bau von 27 Grundschulen incl. Einrichtung,  8 Realschulen mit 6 Verwaltungstrakten, 93 Lehrerhäusern, 30 Brunnen, einer Gesundheitsstation, eines  Internates und eines Frauenförderzentrums den „Ordre du Mérite“ vom burkinischen Staat.  Bis Ende 2001 werden dann in 97 Projekten 3.413.997 DM investiert sein, finanziert mit  Zuschüssen des BMZ in Höhe von 2.074.538 DM und aus Spendengeldern in Höhe von 1.339.459 DM .

Wir genießen das Mittagessen ganz besonders, denn es gibt typisch afrikanische Gerichte: Wildlinsen mit guter Zwiebelsoße und Bohnenbällchen. Die Bevölkerung amüsiert sich den ganzen Tag auf dem Festplatz, auf dem sogar ein paar Marktstände aufgebaut sind. Die ganze Nacht genießen wir das zweifelhafte Vergnügen lauter Discomusik. Unsere Ohrstöpsel kommen  wieder zum Einsatz.  

Sonntag, 7.Oktober

Wir brechen unsere Zelte ab und fahren weiter in Richtung Moànega,  vorbei an Feldern mit Sesambüschen, Bizap (eine Art Sauerampfer, aus dessen getrockneten Blüten ein köstliches Getränk hergestellt  wird), Hirse und Erdnüssen. Die Bäume, die wir in der Landschaft sehen, sind nicht nur Lieferanten von Nüssen und Früchten, sondern haben auch eine wichtige Funktion als Schattenspender. Menschen und Tiere drängen sich in der Mittagshitze unter ihren ausladenden Kronen zusammen.

In Yako telefonieren wir aus einer Telefonkabine nach Deutschland und sind beruhigt, dass alles in Ordnung ist. Dann fahren wir weiter nach Mànega, zu einem für uns interessanten, aber wie Anselm meinte, nicht besonders repräsentativen ethnologischen Museum, vom Maître Passéré gegründet. Hier sind Schmuck, Waffen, Gebrauchsgegenstände, Masken, Musikinstrumente, Häuser verschiedener Ethnien in mehreren Hallen ausgestellt. Die „Halle des Todes“ dürfen wir nur rückwärts und ohne Schuhe betreten.

Für Interessierte: Das Museum hat auch eine gute Homepage im Internet. Kennung : www.musee-manega.bf

Der Weg nach Moànega, unserem nächsten Ziel, ist mühsam. Das letzte Stück führt über den Damm des neu angelegten Zigastausees. Victor, unser Fahrer, kennt den Weg nicht und muss immer wieder fragen.

Als wir in Moànega  ankommen, hat die Zeremonie längst begonnen. Keiner kümmert sich um uns. Es stellt sich heraus, dass die Feier zwei Stunden früher angesetzt war als in unseren Programmen angekündigt. Wir sind alle etwas irritiert und nehmen  lustlos an der Zeremonie teil. Abends wird es aber dann noch richtig schön. Auf dem Platz findet ein riesiges Volksfest statt, die ganze Nacht wird auf Blechfässern getrommelt. Zum Glück haben wir unsere Ohrstöpsel dabei! Die Frauen brutzeln auf offenen Feuern Küchlein, Fleischspieße und Yamsfritten und bieten sie zum Verkauf an. Die ganze Nacht ist ein unglaubliches Leben auf dem Platz. Wir haben sowieso das Gefühl, dass die Afrikaner „nachtaktiv“ sind. Ihre Augen sind prima an die Dunkelheit im Busch angepasst, wo wir uns mühsam unseren Weg mit der Taschenlampe suchen. Bei einem Spaziergang über den Festplatz  wird Charly begeistert von einem Griot besungen. Da es in Westafrika überwiegend mündliche Überlieferung gibt, sind die Griots wichtige Chronisten, die die Geschichte ihres Volkes in Liedern und Erzählungen bewahren und weitergeben. 

Montag, 8. Oktober

Heute werden wir einmal nicht vom Hahn geweckt, sondern vom dramatischen Geschrei eines Esels. Wir duschen im Direktorenzimmer. Von Moànega  fahren wir in zweieinhalb Stunden bis Nohoungo. Das letzte Stück der „Straße“ ist sehr zerfurcht. Wir müssen zwei ausgetrocknete Flussbetten überqueren. In der Regenzeit ist das Dorf nicht zu erreichen. Während dieser Zeit können die Kinder auch nicht in die Schule gehen. Nohoungo ist ein wunderbares Dorf, das regelmäßig von Mitgliedern  und Freunden des Vereins besucht wird. Da die Kinder an den Anblick weißer Europäer gewöhnt sind, haben sie auch keine Angst vor uns. Bei unserer  Ankunft treffen wir überraschend wieder Dörte, die auf ihrer Rückreise nach Togo hier auf uns gewartet hat. Wir richten uns im Versammlungsraum der landwirtschaftlichen Beratungsstelle häuslich ein. Das Haus ist umgeben von einer baumbestandenen Wiese, wo wir unsere „Moskitodome“ aufbauen. Die Kinder des Dorfes kommen angelaufen und begrüßen uns per Handschlag. Viele von ihnen kennen Claudia, Petra, David und Silvia, die 1998 längere Zeit hier Station machten.

Nach dem Mittagessen verlassen uns Charly und Anselm, um weitere Dörfer zu besuchen. Auch Dörte macht sich auf den Weg nach Togo, von wo aus sie dann wieder nach Deutschland zurückfliegen wird. Den Nachmittag können wir Zurückbleibenden einmal richtig entspannt genießen mit der guten Aussicht nicht gleich wieder packen und die Zelte abbauen zu müssen, denn wir werden drei Tage hier bleiben. So können wir uns das Dorf in aller Ruhe ansehen und uns mit den zahlreich erschienenen Besuchern, vorwiegend Kindern und Jugendlichen, unterhalten. Wir lernen den Krankenpfleger Amado Kaboré kennen, der die Krankenstation  des Dorfes mit großem Sachverstand und Engagement aufgebaut und weiterentwickelt hat. Sie hat seitdem sogar guten Zulauf von Patienten aus der nahegelegenen Stadt Koupéla, obwohl es dort ein Krankenhaus gibt. Amado macht jetzt in Ouaga eine chirurgische Zusatzausbildung, seine Frau arbeitet jedoch noch als Hebamme in Nohoungo. Monatlich gibt es in der Maternité etwa 20 Geburten. Wir Frauen melden sofort unser Interesse an bei einer Niederkunft dabei sein zu dürfen, vorausgesetzt, die Gebärende ist damit einverstanden. Am nächsten Tag werden wir auch tatsächlich zu einer Geburt gerufen, aber leider sind wir auf dem Weg zum Nachbardorf. Als wir zurückkommen, eilen wir sofort zur Maternité. Wir kommen zu spät, das Baby ist glücklicherweise schon auf der Welt. Stolz präsentiert uns die junge Mutter ihr Neugeborenes. Es hat eine helle Haut und dichte schwarze Haare. Alle afrikanischen Babies sind zunächst hell, ihre Haut dunkelt in den nächsten Wochen nach.

Wir gehen früh zu Bett und genießen die Ruhe im Dorf. 

Dienstag, 9. Oktober

Um 5.00 Uhr werden wir von einem „Orchester“ geweckt: im Hintergrund Grillengezirpe, dazu die Sopranstimmen mehrerer Hähne, kurze Soli von exotischen Vögeln, das Intermezzo einer heiseren Ziege und zwischendurch der Brummbaß eines Esels. Frühstück und Morgenwäsche werden wieder von den zahlreich erschienenen Kindern und Jugendlichen aufmerksam beobachtet. Aber allmählich gewöhnen wir uns daran. Bei unserem Morgenspaziergang besuchen wir einige Höfe in der näheren Umgebung. Sofort werden wir von den Bewohnern hereingebeten. Die afrikanische Gastfreundschaft ist sprichwörtlich. Zufällig stoßen wir auch auf das Gehöft der ehemaligen Dorfchefin Clarisse, die 1997 ihren verstorbenen Bruder vertrat und während der Zeremonie in aller Ruhe ihr Baby stillte. Heute ist Natascha ein fröhliches Kind von etwa 4 Jahren, die ihrer Mutter beim Einsammeln der getrockneten Bohnen hilft. Clarisse strahlt sehr viel Würde aus, wirkt aber gleichzeitig ein wenig schwermütig. Sie lebt allein mit drei Kindern auf dem gut ausgestatteten Hof. Als sie uns erzählt, dass ihr Mann an der Elfenbeinküste arbeitet, verdüstert sich ihr Gesicht. Viele Burkinabè arbeiten dort in den Obstplantagen, sind monatelang von ihren Familien getrennt und kommen oft mit Aids zurück. Auch die politische Lage ist in diesem Land etwas verworren, eine Zeitlang wurden die Burkinabè als unerwünschte Ausländer regelrecht verfolgt. Clarisse beklagt sich über das harte Leben hier. Alles sei früher besser gewesen: die Ernten, die Niederschläge. Um sich etwas dazuzuverdienen braut sie Dolo. Die nach einem Geheimrezept hergestellte Hefe trocknet auf einer Strohmatte im Hof.

Wir besichtigen die Schule. Auch hier findet noch kein richtiger Schulbetrieb statt. Einige Jungen sind mit Aufräumarbeiten beschäftigt.

Bei einem Besuch der Krankenstation erfahren wir von Amado, dass es zur Zeit einen Tuberkulosekranken und viele Aidspatienten gibt. Natürlich fragen wir auch nach der Frauenbeschneidung und sind erschüttert, als wir erfahren, dass a l l e Frauen, die zur Kranken- und Geburtsstation kommen, beschnitten sind. Wir sehen oft Kinder mit tischtennisballgroßen Nabelbrüchen. Amado erklärt uns, dass bei Neugeborenen in der Station sofort ein Druckverband angelegt werde. Bei Hausgeburten tue man  das nicht und dann stülpe sich der Nabel mit der Zeit nach außen. Der Bruch ist dann nur noch durch eine Operation zu beheben.

Als wir wieder zu unserem Quartier zurückkommen, warten wieder viele Kinder auf uns und wir verbringen den Nachmittag mit Unospielen.

Götz fährt mit Amado auf dem Moped nach Koupéla zu einer Besprechung mit der Direction Regionale de la Santé, um mit dem Führungspersonal, darunter auch ein Augenarzt, die Möglichkeit von kostenlosen Staroperationen durch das „Deutsche Komitee zur Verhütung der Blindheit“ zu besprechen. Alle Anwesenden würden es begrüßen, wenn solche Operationen im Gebiet von Koupéla durchgeführt würden. Auf dem Rückweg kaufen Amado und Götz  sechs Flaschen Cola und sechs Flaschen Bier in einem komplizierten Verfahren. Denn man muss erst Leergut besorgen, ehe man eine volle Flasche bekommt. Mit dem Genuss dieser Getränke lassen wir den Abend ausklingen. 

Mittwoch, 10.Oktober

Amado verabschiedet sich früh, um zu seiner Ausbildungsstelle in die Hauptstadt zu fahren. Er hat seine Frau und seinen Sohn Moubarak mitgebracht, ein selbstbewusstes Kerlchen.

Wir wollen an diesem Tag die Dörfer Bollé und Paspanga besuchen und fragen nach, ob man uns drei Mopeds besorgen könne. Die sind schnell organisiert und in halsbrecherischer Fahrt werden wir beiden Frauen auf dem Soziusssitz  über Stock und Stein durch den Busch nach Bollé gefahren, wo Götz schon mit den Dorfältesten unterm Palaverbaum wartet. Der Dorfchef von Bollé ist eine imposante Erscheinung. Er spricht gut Französisch, weil er am Algerienkrieg teilgenommen hat. Schon 1997 hatten wir ihn getroffen und so ist die Wiedersehensfreude groß. Er stellt uns seine 110 Jahre alte Mutter vor, ein gebrechliches Weiblein, das auf dem Boden der Hütte kauert. Sie ist geistig noch sehr fit und erinnert sich gut an Charlys diverse Besuche in Bollé. Die Getreidemühle im Dorf ist defekt, der Brunnen – es ist der erste, der vom Verein gebaut wurde – sehr alt. Mit dem Moped geht es weiter nach Paspanga, dessen liebenswürdigen Dorfchef wir auch seit längerem kennen. Er wirkt dieses Jahr etwas müde. Die Dorfpersönlichkeiten, Lehrer und Schüler heißen uns willkommen. Der Schülerchor singt sehr schön, auch ein Lied in Moré. Wir haben den Eindruck, dass die Schule von Paspanga  von engagierten Lehrern sehr gut geführt wird.

Zurück in Nohoungo sind wir schnell wieder von den Dorfkindern umlagert. Ein Junge hat eine tote Schlange bei sich, die er am Morgen eigenhändig mit einer Keule erschlagen hat. Er spielt damit, wickelt sie sich um den Hals, legt sie als Band um den Hut, schwingt sie im Kreis und macht schließlich drei Knoten hinein. Letztendlich bereichert sie wohl das heutige Abendessen der Familie. 

Donnerstag, 11. Oktober

Heute heißt es wieder Abschied nehmen von Nohoungo. Wir packen unsere Sachen und werden recht früh von Victor abgeholt und nach Ouaga zurückgebracht. Eigentlich wollten wir ein öffentliches Buschtaxi nehmen, aber dann hätten wir mit dem ganzen Gepäck in der glühenden Hitze einige Kilometer bis zur Straßenkreuzung nach Sapaga marschieren müssen. So ist es doch bequemer und Victor holt uns gerne ab, denn er stammt aus Nohoungo (und ist übrigens ein Neffe von Jacques Silga, der uns vergangenes Jahr zu den Wasserfällen von Karfiguéla begleitete).

Um einige Souvenirs zu erwerben setzen wir uns mittags der ungeheuren Strapaze aus, den Zentralmarkt in Ouagadougou zu besuchen. Kaum wird man als Weißer von den Händlern erblickt, bedrängen sie einen von allen Seiten. Wir kaufen 800 Batikkarten, verschiedene Figuren, Batikbilder und Musikinstrumente. Leider gibt es das Café am Markt nicht mehr, wo wir in Ruhe unsere Waren aussuchen konnten.

Abends werden wir von Rachelle und Lombo zum Essen in einem europäischen Restaurant abgeholt. Lieber hätten wir afrikanische Gerichte gegessen, das verschieben wir auf nächstes Jahr. Es ist ein sehr gemütlicher Abend. 

Freitag, 12. Oktober

Am letzten Tag unserer Reise stehen wir früh auf und packen. Um 10.00 Uhr besucht uns Katrin Rohde, die Gründerin von AMPO. Sie ist mit Anselm befreundet und holt sich ab und zu einen Rat von ihm. Ihr haben wir für das Waisenheim die neun  geschenkten Ziegen überlassen, denn wir können sie ja schlecht im Flugzeug mit nach Deutschland nehmen.

 Im Laufe des Tages kommen noch viele Leute, um uns Abschiedsgeschenke zu bringen.

Auf Kathrins Empfehlung fahren einige von uns noch schnell mit dem Taxi zum „Village Artisanal“, wo die gesamte Palette  burkinischen Kunsthandwerks zu fixen Preisen angeboten wird. Hier können wir uns in Ruhe umsehen, der Stress des Handelns entfällt.

Abends gibt es in Anselms Haus noch mal ein großes Abschiedsessen mit allen Bekannten und Freunden. Viele begleiten uns noch bis zum Flughafen. Der Richter Venant überreicht uns zum Abschied die Videokassette mit der Fernsehaufzeichnung der großen Feier in Nagséné.

Der Abschied fällt uns sehr schwer. Aber wir sind sicher, dass wir nächstes Jahr zurückkommen werden.

Pünktlich  um 20.15 Uhr startet unser Flugzeug, macht wieder eine Zwischenlandung in Bamako und nimmt neue Passagiere auf. Der Flug geht weiter nach Paris, wo wir um 6.00 Uhr Ortszeit  landen. Und nun steht uns noch die anstrengende Autofahrt in die Eifel bevor. Obwohl wir uns beim Fahren abwechseln, schaffen wir die letzten hundert Kilometer nur mit Mühe, so übermüdet sind wir.

Bis wir „richtig“ zu Hause angekommen sind, dauert es jedoch noch einige Tage, so intensiv und bewegend sind unsere Eindrücke. Immer wieder tauchen Bilder auf von liebenswürdigen und gastfreundlichen Menschen, die trotz ihrer harten Lebensbedingungen Würde und Zufriedenheit ausstrahlen. Die Burkinabè machen damit dem Namen ihres Vaterlandes alle Ehre, denn Burkina Faso heißt übersetzt: Land der Aufrechten.