Unsere Reise nach Burkina Faso im Herbst 2001
Samstag, 29. September
Mit einer Stunde Verspätung
startet unsere Maschine von Paris - Charles de Gaulle gegen 12.00 Uhr in
Richtung Ouagadougou. Gewitter und Turbulenzen sind angesagt. Wieder und wieder
zählt das Kabinenpersonal die Passagiere. Stimmt etwas nicht? Nach den
Ereignissen vom 11. September in New York fliegt die Angst mit. Wir sind froh,
dass unser Gepäck - allein 75 kg
an Geschenken für unsere afrikanischen Freunde - anstandslos durch die
Kontrolle gegangen ist.
Diesmal reisen wir mit 7
Personen: Charly Simonis und sein Sohn Martin, dessen Freund Florian Meyer, Götz
Krieger, Wolfgang Nieländer und wir beiden Frauen. In Ouagadougou
wird später noch Dörte Rompel, die sich zu einem Praktikum in Togo aufhält,
zu uns stoßen und uns eine Woche
lang begleiten. Wolfgang als Reisegefährten zu haben erweist sich als Glückstreffer.
Er hat zehn Jahre in Burkina gelebt und gearbeitet, außerdem in Kamerun,
Tansania, Indien und im Jemen und ist ein exzellenter Kenner städtischer und ländlicher
Strukturen sowie der Mentalität der Burkinabè. In seiner liebenswürdigen
unaufdringlichen Art erzählt er uns manch spannende Geschichte von Land und
Leuten.
Die Mehrheit der
Passagiere an Bord sind Afrikaner,
die entweder nach Bamako, wo das Flugzeug zwischenlandet, oder nach Ouagadougou
wollen. Allmählich werden wir müde, denn wir sind seit halb zwei heute nacht
unterwegs.
Der Flug dauert 6
Stunden. Gegen 18.00 Uhr Ortszeit landen wir wohlbehalten in Ouagadougou, dessen
Flughafen von seinen Ausmaßen an den Gerolsteiner Bahnhof erinnert. Wie
bei den vorherigen Reisen bereitet man uns wieder einen überwältigenden
Empfang. Als erster begrüßt uns Anselm Sanou, unser burkinischer Repräsentant,
der inzwischen zu einem guten Freund geworden ist. Dank Anselms ausgezeichneter
Beziehungen passieren wir die Paß- und Zollkontrolle ohne Beanstandung. In
einem Konvoi aus mehreren Fahrzeugen werden wir zu seinem Haus gefahren.
Schon diese erste Fahrt durch die Stadt ist wie ein Eintauchen in eine
andere Welt. Es ist bereits dunkel. Straßenbeleuchtung gibt es kaum. Auch die
meisten Fahrzeuge fahren ohne Licht. Die Dunkelheit wird nur unterbrochen durch
den spärlichen Schein der Feuerstellen am Straßenrand. Viele Sinneseindrücke
wirken auf uns ein: ein“ geordnetes Chaos“ aus Fahrzeugen, überwiegend
Mofas und Fahrräder, Menschen, die entlang der Straße an Feuern sitzen,
Kokelfeuer, menschliche Ausdünstungen, Staub, Zweitakterabgase.
Abends gibt’s wie
immer ein großes Essen und einen
herzlichen Empfang im Hause Sanou. Aus vielen Dörfern von nah und fern sind
Delegationen gekommen, Mitglieder von Partnerschaftsvereinen und Freunde
von ASAO, so heißt der Solidaritätskreis Westafrika e.V. in Burkina. Man
stellt sich gegenseitig vor, die Begrüßung ist freundschaftlich und herzlich.
Wir sehen viele bekannte Gesichter: Auch Rachelle und Lombo, Bernard Lompo und Félicien,
die wir schon bei unserer ersten Reise kennen lernten, sind gekommen. Anselms
Frau Marie-Thérèse hat mit ihrer Kusine Augustine, dem Hausmädchen und vielen
Frauen aus der Nachbarschaft den ganzen Tag gekocht. Diejenigen aus unserer
Reisegruppe, die schon öfter in Burkina waren, haben das Gefühl „nach Hause
zu kommen“. Die Nacht verbringen wir in unseren Zelten in Anselms Hof.
Sonntag, 30. September
An diesem Tag beginnt
unsere große Rundreise, die uns in 17 Dörfer im Norden Burkinas führen wird.
Wir verstauen Rucksäcke und
Geschenke, unter anderem ein Dutzend Gießkannen, auf dem Dachgepäckträger
eines gemieteten Buschtaxis. Dessen Fahrer
Victor und sein Bruder Salfo werden uns die nächsten
14 Tage sicher über teilweise recht unwegsame Straßen kutschieren.
Unser erstes Ziel ist das Dorf Nièssega
an der Hauptstraße nach Ouahigouya. Unterwegs halten wir an einem typisch
afrikanischen Markt. Emsiges Treiben, farbenfrohe Gewänder, exotische Gerüche,
Klänge, vielfältige Sinneseindrücke strömen auf uns ein. Neben dem üblichen
Angebot an gewebten Stoffen, Früchten und Gebrutzeltem wird hier besonders viel
Hirsebier, Dolo, verkauft. Selbst die Kinder erwecken den Eindruck, als hätten
sie dem Dolo schon heftig zugesprochen.
Weiter geht die Fahrt
nach Nièssega. Hier hat der Verein die
bestehende Grundschule auf 6 Klassen erweitert und ein Lehrerhaus und einen
Brunnen gebaut. Manche Klassen haben bis zu 85 Schüler. Obwohl die Schule nach
den Ferien offiziell bereits
begonnen hatte, haben wir nirgendwo im Busch Unterricht gesehen. Die Schüler
lungerten herum oder erledigten Aufräumarbeiten. Später erfuhren wir auf
unsere erstaunte Frage, weshalb das so sei,
dass die Ernte noch nicht begonnen habe und die Eltern erst aus dem Erlös
der Ernte das Schulmaterial bezahlen können. Wolfgang meinte, dass es für
manche Eltern wahnsinnig schwierig sei, dieses Geld in Höhe von 10 bis 15 DM jährlich
aufzubringen. Vor allem Eltern, die mehrere Kinder in der Schule haben, werden für
afrikanische Verhältnisse extrem zur Kasse gebeten. Von der Bevölkerung von Nièssega
werden wir herzlich empfangen. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Es wird
getanzt und gesungen. Einige afrikanische Frauen bieten uns weißen Frauen ihre
Freundschaft an und bedanken sich besonders für die Unterstützung der Mädchen,
denn der Verein übernimmt in den ersten drei Jahren die Kosten für deren
Schulausstattung. Auch die Dorfapothekerin bedankt sich für die kostenlose
Bereitstellung von Medikamenten seitens unseres Vereins. Erst diese Hilfe habe
es ermöglicht, dass die Krankenstation effektiv arbeiten könne. In diesem Dorf
– wie in zwei weiteren Schulen – hat der Verein wegen der schlechten Ernte
im letzten Jahr Hirse für die Schulkantinen geliefert. Hier erhalten wir
wertvolle Geschenke: die Männer schöne
gewebte Kittel in Erdfarben, wir Frauen bekommen handgewebte Stoffbahnen, Pagnes,
die man als Wickelrock tragen kann. Für Charly gibt es noch einen Ziegenbock
mit Hahn.
Besonders auffallend
sind die vielen gepflanzten Bäume, die ganze Umgebung des Dorfes und der Schule
ist grün. Der Verein legt besonderen Wert darauf
und verpflichtet die Schulen vertraglich Bäume zu pflanzen, um dem
Fortschreiten der Wüste Einhalt zu gebieten. Dieses Jahr sollen an dieser
Schule zwei Klassen mit Solarbeleuchtung ausgestattet werden, damit abends auch
Erwachsene alphabetisiert werden können. Bei unseren Fahrten über Land fiel
uns auf, dass die diesjährige Regenzeit anscheinend genug gebracht hat und die
Hirse gut steht.
Von Nièssega fahren
wir die gut ausgebaute Straße nach Zogoré, wo ein Verein aus
Willich ein vierklassiges Collège mit 5 Lehrerhäusern gebaut hat, dessen
Bauaufsicht Anselm dankenswerterweise übernommen hat. Auch hier bereitet uns
die Dorfbevölkerung einen herzlichen Empfang. Als Geschenk gibt es einen neuen
Reisegefährten, einen Hahn, der sich am nächsten Morgen um 5 Uhr als zuverlässiger
Wecker erweist. Vom Präfekten von Zogoré, der sehr streng wirkt, werden wir
auf sein schönes Anwesen eingeladen. Seine Frau dirigiert er zu unserer Empörung
durch scharfe Blicke und Stampfen
mit den Füßen. Wir bekommen einen ersten Eindruck von der Rollenverteilung in
der afrikanischen Gesellschaft. Am Abend findet hier keine Animation statt, da
an diesem Tag im Dorf ein 50-jähriger Mann gestorben war, der nach
afrikanischen Brauch auch gleich
beerdigt wurde. Die Nacht verbringen wir in Zogoré im leerstehenden
Direktorenhaus, das nächste Woche bezogen werden soll. Vier Nachtwächter
sorgen für unsere Sicherheit.
Montag,
1. Oktober
Wir stehen um 6 Uhr auf,
geweckt vom Hahn, der sich wieder einmal losgerissen hatte und eingefangen
werden musste und ein Riesenspektakel machte. Jetzt hat er sich in sein
Schicksal ergeben. Wir duschen mit Eimer und Kalebasse hinter dem Haus, weil der
Duschraum im Haus überschwemmt ist. Nach dem Frühstück empfängt uns der Präfekt
in seinem Amtssitz. Die etwas steife Atmosphäre wird durch zwitschernde
Geckos aufgelockert. Der Präfekt möchte
ein Zentrum für Aidsberatung und –prävention haben. Dieser Wunsch wird
jedoch von Charly unter Hinweis auf
die Partnerschaft mit Willich abgelehnt.
Wir fahren weiter in
Richtung Ouahigouya. In einem Regierungsgebäude, wo wir nach dem Weg
nach Kiré fragen , treffen wir Amadou Maiga, einen angehenden Grundschullehrer,
der uns spontan als Führer begleitet und uns Frauen die erste Lektion in Moré, der Stammessprache der Mossi,
erteilt. Auf abenteuerlichen Pisten, die immer schmaler werden, vorbei an
idyllischen Dörfern, vereinzelten Kamelen, erfreuen wir uns an den vielen
urzeitlich anmutenden Affenbrotbäumen, die aussehen, als steckten sie umgekehrt
im Boden, die Wurzeln in der Luft. Vorbei an wunderschönen, würdig durch die
Hirsefelder schreitenden und uns meist freundlich zuwinkenden Menschen erreichen
wir das Dorf Kiré.
Charly erkennt sofort
die zerfallene Schule aus Lehmziegeln wieder, die er auf einem Photo gesehen
hatte. Das Dorf hatte angefragt, ob hier eine neue Schule gebaut werden könnte.
Wir erfahren, dass es inzwischen von einer französischen
Entwicklungshilfeorganisation unterstützt wird und so zieht unser Verein seine
weitere Hilfe zurück. Kiré ist ein schönes altes Dorf mit riesigen
schattenspendenden Bäumen. Zum
ersten Mal sehen wir einen gewaltigen runden „Mahltisch“, aus Lehm gemauert,
an dem zehn Frauen gleichzeitig mit
einem Stein ihr Korn mahlen können.
Wir fahren zurück nach
Ouahigouya, wo wir uns im „Caiman“
mit Schwester Jeanne d’Arc zum Mittagessen treffen. Sie möchte eine neue
katholische Grundschule in Bourzanga bauen.
Abends kommen wir in Pobé
Mengao an und bauen unsere Zelte vor dem leerstehenden Haus des Agent
d’agriculture auf. Während
dieser Reise haben wir fast immer im Freien geschlafen, - wir nennen es
unser 1000-Sterne-Hotel - weil es in den Innenräumen einfach
zu heiß und stickig war.
In Pobé Mengao lernen
wir Alain Coeffé, Wirtschaftsminister unter Sankara, kennen. Wir nennen ihn
„Mr. Nokia“, weil er die burkinische Generalvertretung für Nokia - Handys
hat. Er stammt aus Pobé und bewohnt mit seiner Familie ein schönes
Wochenendhaus im Dorf, in das er uns für den nächsten Abend einlädt. Hier
zeigt man uns als Abendprogramm zwei interessante Videos
über die Sitten und Gebräuche bei den Kurumba, einem hier lebenden
Stamm.
Heute morgen haben wir
unsere total verstaubten, schmutzigen Klamotten zwei Frauen im Dorf zum Waschen
gegeben. Sie freuen sich darüber ein bisschen Geld zu verdienen und ein
Geschenk zu erhalten.
Abends erleben die
„Neu-Afrikaner“ von uns ihre erste Disco. Nach der Videovorführung werden
blitzschnell die Sitzbänke weggeräumt bis auf eine, auf die man uns Weiße
platziert. Wir haben das Gefühl zur allgemeinen Besichtigung freigegeben zu
sein. Ein alter Kassettenrecorder, der an zwei Riesenboxen angeschlossen ist,
wird bis zum Anschlag aufgedreht und eine Mischung aus afrikanischen Rhythmen
mit Technoeinschlag abgenudelt.
Bei solchen Festen tanzen die Afrikaner mit
Hingabe, Körperbeherrschung und
Ausdauer bis in die frühen Morgenstunden. Tanzen und Trommeln, das gehört zu
Afrika, das i s t Afrika. Schon die Kleinen bewegen sich anmutig zu jeder Art
von Rhythmus, denn sie hören die Rhythmen schon im Mutterleib.
Dienstag, 2. Oktober
Heute treffen wir mit
dem Direktor des Collège zusammen, das vor zwei Jahren eingeweiht wurde. Die
Schule hat einen schönen Schulgarten mit Sesampflanzen, Kokospalmen und vielen
anderen exotischen Gewächsen. Zwei Klassen sind mit Solarbeleuchtung
ausgestattet, die aber nicht funktionsfähig ist. Jetzt wollen die Lehrer zwei
weitere Klassen elektrifiziert haben, was Charly jedoch mit dem Hinweis auf
mangelnde Eigeninitiative ablehnt. Ebenso wünschen sie ein centre d’acceuil,
d.h. im Klartext ein Internat, mit der Begründung, dass die Schüler zum Teil
aus 10 Km Entfernung kommen. Wir lehnen dies ab. Es gibt nur noch Schulneu- und
Erweiterungsbauten.
Wir sitzen im
Klassenraum mit den grob gezimmerten Bänken. Wir erfahren, dass die Schule
wenig Einschulungen von Mädchen hat, da diese mit 13-14 Jahren verheiratet
werden und dann nicht mehr zur Schule kommen. Außerdem wurden früher in den
Grundschulen hauptsächlich Jungen eingeschult, sodass es nur wenige Mädchen
gibt, die eine weiterführende Schule besuchen können. Um die Anpflanzung von Bäumen
zu fördern und das notwendige Gießen zu erleichtern wird die
Anschaffung eines Handkarrens mit Wasserfass genehmigt, denn das Wasser muss ja
von Brunnen geholt werden.
Besonders eindrucksvoll
ist der Besuch beim Chef und König
der Kurumba. Es bietet sich ein malerisches Bild. Unter dem Blätterdach sitzt
der König mit seinem Enkelkind im Schoß auf einer Matte, gegen den Thron
gelehnt. Neben sich Masken und allerlei Figuren, seine Machtinsignien. Die
Kurumba lieben Kinder. Der König trägt immer Schuhe, die anderen Größen des
Reiches, auch die Prinzen, sind barfuß. Der König, Naba genannt, ist eine so
bedeutende Persönlichkeit, dass er unsere Geschenke nur aus der Hand eines
Dritten annimmt. Auch die Farbe Rot darf man in seiner Gegenwart
nicht tragen. Wir sind sorgfältig bemüht kein
Kleidungsstück anzuziehen, in dem auch nur der winzigste Fleck Rot
vorkommt. Im Gegensatz zu den Bräuchen bei den Mossi sitzt der König auf dem
Boden, seinem Erdthron, die Besucher auf Stühlen.
Höflichkeiten, Bitten
und gegenseitige gute Wünsche werden ausgesprochen, unter anderem wünscht der
Naba, dass Gott Charly noch weitere Macht gebe, damit dieser mehr für die Bevölkerung
tun könne. Nach der Audienz besichtigen wir
das Dorf. Dahinter liegt ein Teich, in dem
die heiligen Krokodile hausen. Leider waren die Biester in der
Mittagshitze abgetaucht und wir bekommen nur ein paar Kinder zu sehen, die
zu unserem Entsetzen arglos im gleichen Teich arbeiten. Sie holen den
Lehm heraus, aus dem am Ufer die Lehmziegel zum Bau der Häuser geformt und
getrocknet werden. Wir besichtigen noch eine Art
kleines Heimatmuseum in einem Schuppen, wegen der zunehmenden Hitze
jedoch eine Tortur.
Von Pobé fahren wir
eine recht holprige Piste nach Gaskindé, wo wir mit Salutschüssen
empfangen werden. Das örtliche Projekt ist der Bau einer dreiklassigen
Grundschule mit zwei Lehrerhäusern. Die Schule wurde von dem Bauunternehmer
Nana Marcel errichtet, der sehr gute und solide Qualität liefert. Es gibt eine
Animation mit Tanz und Tam-Tam. Hier im Sahel
wird meist auf Kalebassen- und Sprechtrommeln musiziert, oft ist auch
eine kleine Basstrommel dabei. Djembes haben wir hier nicht gesehen. Sie sind im
Westen, in der Gegend um Banfora und Bobo-Dioulasso, verbreitet.
Unser Mittagessen nehmen
wir in der Schule ein. Die Frauen des jeweiligen gastgebenden Dorfes kochen
meist für uns. Oft fragt man uns in Deutschland, was wir denn während unserer
Reise eigentlich essen. In der Regel gibt es eine große Schüssel Reis oder
Hirse, manchmal auch Nudeln (in Westafrika ein teurer Genuss!). Dazu wird meist
ein Topf Hähnchen- oder Hammelfleisch gereicht, wenn wir Glück haben auch Gemüse
wie Auberginen, Kohl, Erbsen oder Gombo, eine Bohnenart. Das Ganze wird
abgerundet mit einer scharfen Erdnußsoße. In Nohoungo ist jedes Mal, wenn
irgendwelche Europäer auftauchen, sofort der Koch Souleymane zur Stelle, um
sich ein paar CFA zu verdienen. Sein Essen schmeckt gut, solange man keinen
Blick in die „Küche“ wirft, deren Boden (und gleichzeitig Arbeitsfläche)
in bunter Vielfalt mit Tomaten, Hähnchengedärmen, Eiern, Bohnen, Gurken,
Ameisen und Kakerlaken übersät ist. Dieses Jahr hat man uns fast überall mit
Eisblöcken gekühlte Getränke serviert. Wie haben wir uns hier über eine
Fanta gefreut, die wir in Deutschland gar nicht so schätzen!
Viele Afrikaner sind zur
Feier gekommen. Um 15.00 Uhr soll die Zeremonie in Anwesenheit des
Hochkommissars beginnen. Die festliche Kleidung der Menschen ist eine
Augenweide. Man sieht Tuaregs mit ihrem typischen Gesichtsschleier und den
weiten, mit Indigo blau gefärbten Gewändern, Peulhfrauen
in schönen traditionellen Kleidern mit viel Schmuck im Haar. Die Peulh
sind Wanderhirten und oft relativ reich, weil sie große Herden besitzen. Aber
es gibt auch Menschen in der Menge, die Sachen aus Altkleidersammlungen tragen.
Diese von uns abgelegten Sachen werden hier nicht einfach verteilt, wie es sich
wohl viele vorstellen, sondern billig verkauft und machen so das einheimische
Textilgewerbe kaputt. Viele Jugendliche wollen natürlich auch nach europäischer
Mode gekleidet sein.
Immer wieder fällt uns
auf, wie friedlich die vielen Ethnien zusammenleben. Auch zwischen den
verschiedenen Religionsgemeinschaften besteht eine große gegenseitige Toleranz.
Auf der Fahrt hierher spürt
man die Nähe der Wüste. Die Vegetation ist spärlich, wir sehen riesige Sandflächen
neben stark erodierten Böden. Ab und zu stoßen wir auf „diguettes“, kleine
Steinwälle, die die Aufgabe haben, die fruchtbare Erde aufzuhalten und das
Regenwasser zu stauen. Überall liegen Felsbrocken, die von einer dünnen
Humusschicht bedeckt sind. Die Hirse sieht hier oben sehr mickrig aus. Wegen dem
felsigen Boden waren zwei Brunnenbohrungen auch erfolglos. Deswegen übernachten
wir nicht hier, sondern fahren zurück nach Pobé Mengao, denn ohne Wasser aus
dem Tiefbrunnen wäre das gesundheitliche Risiko für uns Europäer zu hoch.
Nach der offiziellen
Zeremonie tanzen die Afrikaner noch lange weiter. Wir stehen mitten zwischen den
Frauen, Kindern, Männern und lassen
uns tragen vom Rhythmus der Trommeln, fühlen uns geborgen in der Wärme der
Menschen um uns herum. Wir haben das Gefühl Teil eines größeren Ganzen zu
sein, in dem sich die Individualität auflöst. Mittlerweile ist auch der hohe
Besuch angekommen, wird mit Salutschüssen begrüßt und nimmt in der ersten
Reihe Platz. Der Hochkommissar lässt sich durch den Präfekten vertreten. Alle
Reden werden in französischer Sprache gehalten und von den jeweiligen Rednern
oder dem Zeremonienmeister in Fulfule, den Dialekt der Peulh, übersetzt. Der
Platz für die Ehrengäste ist mit einem Flechtzaun umgeben. Von außerhalb des
Zauns hört man das aufgeregte Geschnatter der „Zaungäste“, das von Zeit zu
Zeit von Platzwächtern mit
Brachialgewalt unterbrochen wird. Die Flechtwände sind mit kalligraphisch
gestalteten Spruchbändern geschmückt, die darauf hinweisen, wie wichtig
Bildung für ein Volk ist. Vor der Schule dürfen wir Mangobäume pflanzen.
Als wir zu unserem
Nachtquartier zurückgehen, hat sich dort inzwischen das halbe Dorf versammelt.
In der Mitte sitzt eine Musikgruppe mit einem Vorsänger und zwei Männern, die
auf Kalebassenschalen den Rhythmus schlagen. Wir setzen uns dazu und lassen uns
von dem monotonen Gesang des Vorsängers und der Gruppe in den Bann ziehen. Es
entsteht eine tranceartige Atmosphäre
und wieder das Gefühl des Eingebundenseins in eine Gemeinschaft. Der endlose
afrikanische Himmel überspannt alles wie ein schützendes Dach, der helle Mond
taucht die ganze Szene in ein warmes weiches Licht. Irgendwann hört die Gruppe
auf zu singen, schlagartig stehen alle auf und gehen nach Hause.
Mittwoch, 3. Oktober
An diesem Morgen müssen
wir unser Wasser selbst vom Brunnen holen. Es herrscht schon reges Treiben hier,
denn der Brunnen ist auch beliebter Treffpunkt für die Bevölkerung. Auffallend
ist, dass die Frauen und Mädchen das Wasser meist in großen Schüsseln auf dem
Kopf tragen, während die Jungen entweder mit Fahrrad oder Eselskarren
vorfahren. Um 8.00 Uhr brechen wir auf und verabschieden uns herzlich von Amadou
Konfé, der uns in Pobé umsorgt hat wie eine Mutter.
Wir sind auf dem Weg
nach Rondo. In Ouahigouya werden wir von
einer Delegation aus dem Dorf abgeholt, die uns den Weg zeigen soll. Bis
Séguènéga ist die Piste recht gut, von dort geht’s dann durch die Felder
nach Rondo.
Überall am Wegrand
weiden große Herden von Ziegen und Buckelrindern, seltener sehen wir
Kamele. Die Straße hat große Löcher, in
denen noch der Schlamm und das Wasser der letzten Regenzeit stehen. Wir kommen
zunächst nach Touroumi, einem Ortsteil von Rondo. Farbenfroh gekleidete
Reiter preschen uns auf Pferden entgegen und führen Kunststückchen vor. Eine
Gruppe Radrennfahrer, vermutlich ein afrikanischer Ableger der Tour de France,
posiert für unsere Kameras. Nach einer wunderschönen Empfangszeremonie und der
Überreichung von 2 Ziegen und 6 Hühnern müssen wir uns leider losreißen und
nach Rondo weiterfahren. In der sengenden Hitze laufen Hunderte von Kindern mit
strahlenden Gesichtern teils mit Fahrrädern vor, neben und hinter unserem Bus
her und winken uns zu. In Rondo beziehen wir unser Quartier in einem geräumten
Direktorenhaus. Nach der Zeremonie trommeln wir auf unseren neuerworbenen
Djembes mit einem sympathischen afrikanischen Grundschullehrer, der uns die
lustige Geschichte erzählt, dass viele Afrikaner glauben, in Deutschland fließe das Bier aus dem Wasserhahn
und werde am Ende des Monats über einen Zähler abgerechnet. Das Grundstück
des Direktors ist mit einer Lehmmauer umfriedet, hinter der Hunderte von Augen
bis in die späten Abendstunden jede unserer Bewegungen aufmerksam verfolgen.
Donnerstag,
4. Oktober
Mit unerbittlicher Hartnäckigkeit
weckt uns der Hahn um 5.00 Uhr. Nach dem Frühstück rückt das Putzkommando an:
Dutzende von Geiern machen sich über die Essensreste vom Vorabend her. Wir
haben das Gefühl, dass sie uns nachfliegen.
Über eine ausgewaschene
Lateritpiste fahren wir in Richtung Kirsi. Hier hat der Solidaritätskreis
eine vierklassige Realschule gebaut. Wir werden von der gesamten Schülerschar
und einer Schülertanzgruppe begrüßt. Von weitem schon fiel uns bei den
Lehrerhäusern ein weißes Gesicht auf. Es ist Mary, eine junge Amerikanerin vom
Peace Corps, die seit sechs Wochen im Land ist und sich verpflichtet hat,
für zwei Jahre an der Schule von Kirsi zu unterrichten. Zwei Jahre in
diesem mörderischen Klima mitten im Busch, ohne fließendes Wasser, ohne
elektrischen Strom, ohne nennenswerte Infrastruktur, ein Leben zu führen, das
sich nur an den Grundbedürfnissen orientiert – dazu gehört eine Menge
Idealismus!
In Kirsi übernachten
wir in einem leerstehenden Lehrerhaus, zum erstenmal können wir tagsüber ein
paar Stunden ausruhen. Nachmittags machen wir einen Besuch beim Chef eines
Nachbardorfes. Diese Begegnung ist herzerfrischend. In seinem Gesicht hat sich
das Lachen förmlich eingegraben; ständig strahlt er uns an, was wir jedoch zum
Teil auf seinen ausgiebigen Alkoholgenuss zurückführen. Eine schöne
Abwechslung zum sonst meist etwas steifen Protokoll. Wir haben an diesem
Nachmittag viel gelacht. Als Gastgeschenk bekommen wir einen wunderschönen
Holzstab mit zwei geschnitzten Köpfen.
Abends wird uns ein
grandioses „afrikanisches Feuerwerk“ in Form eines gewaltigen Gewitters
geboten. Innerhalb von Sekunden wechselt der Himmel seine Farben
von Rosarot über Violett zu Tiefschwarz. Blitze zucken über den
Nachthimmel. Der Regen prasselt so laut auf das Wellblechdach, dass wir unser
eigenes Wort nicht mehr verstehen. Zum Glück hatten wir die Zelte gleich
drinnen aufgebaut. Mary leistet uns den ganzen Abend Gesellschaft
und erzählt von ihrer Arbeit.
Freitag,
5. Oktober
Rasmata ist Realschülerin
und hat ein intelligentes offenes Gesicht. Sie ist eine gute Schülerin, bestätigt
uns der Lehrer. Wir sind entsetzt über ihre Klump- und Sichelfüße, die völlig
verdreht sind und das Gehen sehr erschweren. Wegen ihrer Behinderung zahlt ihr
der Staat das Schulgeld, denn der Schulbesuch ist ihre einzige Chance. Sie erzählt
uns, dass sie die einzige von neun Geschwistern ist, die die Schule besucht.
Welche Schwierigkeiten die Eltern oft haben, das Schulgeld für ihre Kinder
aufzubringen, haben wir ja schon an anderer Stelle erwähnt. Da Rasmata wegen
ihrer deformierten Füße große Probleme hat ihren Schulweg von 2 km zu bewältigen,
haben wir spontan beschlossen ihr ein Fahrrad zu schenken. Und wieder kommt uns
der Gedanke, wie gut wir es doch in Europa haben, wo eine solche Behinderung
durch eine entsprechende Behandlung im Säuglingsalter problemlos behoben werden
kann.
Zum Abschied besucht uns
der Dorfchef von Kirsi mit seinem Gefolge und schenkt uns schöne geschnitzte
Holztiere und einen weiteren Ziegenbock. Inzwischen haben wir drei auf dem
Dachgepäckträger festgebunden.
Auf dem Weg nach Nagséné,
wo die große Einweihungszeremonie stattfinden wird, machen wir Halt in Yako,
der Provinzhauptstadt von Passoré. Die Präfektin empfängt uns in ihrem modern
ausgestatteten Büro. Angenehm: ein elektrischer Ventilator.
Zum Mittagessen sind wir
in der „Villa“ des Haut-Commissaire (entspricht
etwa unserem Regierungspräsidenten) zu Gast. Das Haus mit dem schönen Garten
erinnert an die Residenzen aus der Kolonialzeit. Auf dem Vertiko im Salon
entdecken wir als originelle Dekoration eine getrocknete und ausgestopfte Ratte
mit abgezogener Haut. Von dort fahren wir weiter nach Nagséné über einen
idyllischen Feldweg, vorbei an Hirsefeldern. Damit unsere Gruppe und die übrigen
Gäste, die zur großen Zeremonie erwartet werden, den Weg finden, sind Steine
und Bäume am Wegrand mit weißer Farbe markiert. So finden wir das Dorf auch
problemlos und werden dieses Mal
nicht mit Trommeln und Gewehrschüssen begrüßt, sondern mit Mopedgeknatter und
einem Trillerpfeifenkonzert. Nach einer kurzen Siesta besuchen wir den Dorfchef.
Das Dorf bietet ein malerisches und friedliches Bild mit seinen hohen Bäumen
und wogenden Hirsefeldern. Schweine, Ziegen, Hunde bevölkern Dorfstraße und
Dorfplatz und den „Palast“ des Chefs.
Ein beeindruckendes aber
auch deprimierendes Erlebnis ist die Besichtigung der Goldgräberminen, die sich
etwas außerhalb des Dorfes befinden. Die Goldsucher graben bis zu 60 Meter
tiefe und 1,20 Meter breite Schächte senkrecht in die Erde. An zwei Seiten
dieser Schächte sind Trittlöcher in die Wände gehauen, mit deren Hilfe die
Arbeiter hinuntersteigen . In Körben ziehen sie die Gesteinsbrocken herauf.
Diese werden mit primitiven Werkzeugen zerschlagen, eine sehr staubige Arbeit.
Der gewonnene feine Sand wird gewaschen und mit viel Glück erkennt man eine
hauchdünne Schicht Goldstaub. Die Arbeit ist sehr gefährlich, da häufig auch
Querstollen in den Boden getrieben werden und diese einstürzen. Auch die
Einstiegslöcher sind an keiner Stelle gesichert. Die Goldgräber, die auch bei
den Minen schlafen, wirken auf uns völlig ausgemergelt und gesundheitlich
angeschlagen. Wir gehen zurück zu unserem Nachtquartier, einem leerstehenden
Lehrerhaus. Umgeben von der staunenden Bevölkerung bauen wir unsere Zelt im
Freien auf. An diesem Abend wartet ein Festmenu auf uns mit Salatplatte, Fritten
und Hähnchen und Papayas als Nachtisch. Ein Koch aus der Hauptstadt mit seiner
Tochter Marie-Noêle versorgt uns bestens.
Samstag, 6. Oktober
Zum Frühstück werden
wir verwöhnt mit Kaffee und frischen Baguettes. Unmittelbar an unserem Frühstücksplatz
führt die Dorfstraße vorbei und
die Leute strömen aus allen Richtungen zum großen Fest. Alle haben sich herausgeputzt, tragen
farbenfrohe Kleidung, Bänder und Muscheln in den Haaren. Alles ist voll
gespannter Erwartung. Die Trommler erscheinen
um 8.00 Uhr und heizen dem
Publikum schon mal tüchtig ein. Ein Sonnendach ist aufgebaut, bestuhlt, die
ganze Nacht waren die Organisatoren tätig. Der Platz füllt sich mehr und mehr.
Zuletzt erscheinen die Ehrengäste und nehmen in der ersten Reihe Platz. Das
Programm ist abwechslungsreich mit Reden, Tanz- und Trommeldarbietungen.
Besonders der Minister für Grundschulen und Alphabetisierung überrascht uns,
denn er hält eine kleine Ansprache in ausgezeichnetem Deutsch und erzählt uns,
dass er neun Monate in Saarbrücken studiert hat. Auch das burkinische
Staatsfernsehen ist anwesend, denn Charly und Anselm wird an diesem Tag der
„Ordre National“ (entspricht
unserem Bundesverdienstkreuz und
ist die höchste burkinische Auszeichnung) verliehen.
Der Verein erhält für
seine Arbeit, den Bau von 27 Grundschulen incl. Einrichtung,
8 Realschulen mit 6 Verwaltungstrakten, 93 Lehrerhäusern, 30 Brunnen,
einer Gesundheitsstation, eines Internates
und eines Frauenförderzentrums den „Ordre du Mérite“ vom burkinischen
Staat. Bis Ende 2001 werden dann in
97 Projekten 3.413.997 DM investiert sein, finanziert mit
Zuschüssen des BMZ in Höhe von 2.074.538 DM und aus Spendengeldern in Höhe
von 1.339.459 DM .
Wir genießen das
Mittagessen ganz besonders, denn es gibt typisch afrikanische Gerichte:
Wildlinsen mit guter Zwiebelsoße und Bohnenbällchen. Die Bevölkerung amüsiert
sich den ganzen Tag auf dem Festplatz, auf dem sogar ein paar Marktstände
aufgebaut sind. Die ganze Nacht genießen wir das zweifelhafte Vergnügen lauter
Discomusik. Unsere Ohrstöpsel kommen wieder
zum Einsatz.
Sonntag, 7.Oktober
Wir brechen unsere Zelte
ab und fahren weiter in Richtung Moànega,
vorbei an Feldern mit Sesambüschen, Bizap (eine Art Sauerampfer, aus
dessen getrockneten Blüten ein köstliches Getränk hergestellt
wird), Hirse und Erdnüssen. Die Bäume, die wir in der Landschaft sehen,
sind nicht nur Lieferanten von Nüssen und Früchten, sondern haben auch eine
wichtige Funktion als Schattenspender. Menschen und Tiere drängen sich in der
Mittagshitze unter ihren ausladenden Kronen zusammen.
In Yako telefonieren wir
aus einer Telefonkabine nach Deutschland und sind beruhigt, dass alles in
Ordnung ist. Dann fahren wir weiter nach Mànega, zu einem für uns
interessanten, aber wie Anselm meinte, nicht besonders repräsentativen
ethnologischen Museum, vom Maître Passéré gegründet. Hier sind Schmuck,
Waffen, Gebrauchsgegenstände, Masken, Musikinstrumente, Häuser verschiedener
Ethnien in mehreren Hallen ausgestellt. Die „Halle des Todes“ dürfen wir
nur rückwärts und ohne Schuhe betreten.
Für Interessierte: Das
Museum hat auch eine gute Homepage im Internet. Kennung : www.musee-manega.bf
Der Weg nach Moànega,
unserem nächsten Ziel, ist mühsam. Das letzte Stück führt über den Damm des
neu angelegten Zigastausees. Victor, unser Fahrer, kennt den Weg nicht und muss
immer wieder fragen.
Als wir in Moànega
ankommen, hat die Zeremonie längst begonnen. Keiner kümmert sich um
uns. Es stellt sich heraus, dass die Feier zwei Stunden früher angesetzt war
als in unseren Programmen angekündigt. Wir sind alle etwas irritiert und nehmen
lustlos an der Zeremonie teil. Abends wird es aber dann noch richtig schön.
Auf dem Platz findet ein riesiges Volksfest statt, die ganze Nacht wird auf
Blechfässern getrommelt. Zum Glück haben wir unsere Ohrstöpsel dabei! Die
Frauen brutzeln auf offenen Feuern Küchlein, Fleischspieße und Yamsfritten und
bieten sie zum Verkauf an. Die ganze Nacht ist ein unglaubliches Leben auf dem
Platz. Wir haben sowieso das Gefühl, dass die Afrikaner „nachtaktiv“ sind.
Ihre Augen sind prima an die Dunkelheit im Busch angepasst, wo wir uns mühsam
unseren Weg mit der Taschenlampe suchen. Bei einem Spaziergang über den
Festplatz wird Charly begeistert
von einem Griot besungen. Da es in Westafrika überwiegend mündliche Überlieferung
gibt, sind die Griots wichtige Chronisten, die die Geschichte ihres Volkes in
Liedern und Erzählungen bewahren und weitergeben.
Montag, 8. Oktober
Heute werden wir einmal
nicht vom Hahn geweckt, sondern vom dramatischen Geschrei eines Esels. Wir
duschen im Direktorenzimmer. Von Moànega fahren
wir in zweieinhalb Stunden bis Nohoungo. Das letzte Stück der „Straße“
ist sehr zerfurcht. Wir müssen zwei ausgetrocknete Flussbetten überqueren. In
der Regenzeit ist das Dorf nicht zu erreichen. Während dieser Zeit können die
Kinder auch nicht in die Schule gehen. Nohoungo ist ein wunderbares Dorf, das
regelmäßig von Mitgliedern und
Freunden des Vereins besucht wird. Da die Kinder an den Anblick weißer Europäer
gewöhnt sind, haben sie auch keine Angst vor uns. Bei unserer
Ankunft treffen wir überraschend wieder Dörte, die auf ihrer Rückreise
nach Togo hier auf uns gewartet hat. Wir richten uns im Versammlungsraum der
landwirtschaftlichen Beratungsstelle häuslich ein. Das Haus ist umgeben von
einer baumbestandenen Wiese, wo wir unsere „Moskitodome“ aufbauen. Die
Kinder des Dorfes kommen angelaufen und begrüßen uns per Handschlag. Viele von
ihnen kennen Claudia, Petra, David und Silvia, die 1998 längere Zeit hier
Station machten.
Nach dem Mittagessen
verlassen uns Charly und Anselm, um weitere Dörfer zu besuchen. Auch Dörte
macht sich auf den Weg nach Togo, von wo aus sie dann wieder nach Deutschland
zurückfliegen wird. Den Nachmittag können wir Zurückbleibenden einmal richtig
entspannt genießen mit der guten Aussicht nicht gleich wieder packen und die
Zelte abbauen zu müssen, denn wir werden drei Tage hier bleiben. So können wir
uns das Dorf in aller Ruhe ansehen und uns mit den zahlreich erschienenen
Besuchern, vorwiegend Kindern und Jugendlichen, unterhalten. Wir lernen den
Krankenpfleger Amado Kaboré kennen, der die Krankenstation
des Dorfes mit großem Sachverstand und Engagement aufgebaut und
weiterentwickelt hat. Sie hat seitdem sogar guten Zulauf von Patienten aus der
nahegelegenen Stadt Koupéla, obwohl es dort ein Krankenhaus gibt. Amado macht
jetzt in Ouaga eine chirurgische Zusatzausbildung, seine Frau arbeitet jedoch
noch als Hebamme in Nohoungo. Monatlich gibt es in der Maternité etwa 20
Geburten. Wir Frauen melden sofort unser Interesse an bei einer Niederkunft
dabei sein zu dürfen, vorausgesetzt, die Gebärende ist damit einverstanden. Am
nächsten Tag werden wir auch tatsächlich zu einer Geburt gerufen, aber leider
sind wir auf dem Weg zum Nachbardorf. Als wir zurückkommen, eilen wir sofort
zur Maternité. Wir kommen zu spät, das Baby ist glücklicherweise schon auf
der Welt. Stolz präsentiert uns die junge Mutter ihr Neugeborenes. Es hat eine
helle Haut und dichte schwarze Haare. Alle afrikanischen Babies sind zunächst
hell, ihre Haut dunkelt in den nächsten Wochen nach.
Wir gehen früh zu Bett
und genießen die Ruhe im Dorf.
Dienstag, 9. Oktober
Um 5.00 Uhr werden wir
von einem „Orchester“ geweckt: im Hintergrund Grillengezirpe, dazu die
Sopranstimmen mehrerer Hähne, kurze Soli von exotischen Vögeln, das Intermezzo
einer heiseren Ziege und zwischendurch der Brummbaß eines Esels. Frühstück
und Morgenwäsche werden wieder von den zahlreich erschienenen Kindern und
Jugendlichen aufmerksam beobachtet. Aber allmählich gewöhnen wir uns daran.
Bei unserem Morgenspaziergang besuchen wir einige Höfe in der näheren
Umgebung. Sofort werden wir von den Bewohnern hereingebeten. Die afrikanische
Gastfreundschaft ist sprichwörtlich. Zufällig stoßen wir auch auf das Gehöft
der ehemaligen Dorfchefin Clarisse, die 1997 ihren verstorbenen Bruder vertrat
und während der Zeremonie in aller Ruhe ihr Baby stillte. Heute ist Natascha
ein fröhliches Kind von etwa 4 Jahren, die ihrer Mutter beim Einsammeln der
getrockneten Bohnen hilft. Clarisse strahlt sehr viel Würde aus, wirkt aber
gleichzeitig ein wenig schwermütig. Sie lebt allein mit drei Kindern auf dem
gut ausgestatteten Hof. Als sie uns erzählt, dass ihr Mann an der Elfenbeinküste
arbeitet, verdüstert sich ihr Gesicht. Viele Burkinabè arbeiten dort in den
Obstplantagen, sind monatelang von ihren Familien getrennt und kommen oft mit
Aids zurück. Auch die politische Lage ist in diesem Land etwas verworren, eine
Zeitlang wurden die Burkinabè als unerwünschte Ausländer regelrecht verfolgt.
Clarisse beklagt sich über das harte Leben hier. Alles sei früher besser
gewesen: die Ernten, die Niederschläge. Um sich etwas dazuzuverdienen braut sie
Dolo. Die nach einem Geheimrezept hergestellte Hefe trocknet auf einer
Strohmatte im Hof.
Wir besichtigen die
Schule. Auch hier findet noch kein richtiger Schulbetrieb statt. Einige Jungen
sind mit Aufräumarbeiten beschäftigt.
Bei einem Besuch der
Krankenstation erfahren wir von Amado, dass es zur Zeit einen Tuberkulosekranken
und viele Aidspatienten gibt. Natürlich fragen wir auch nach der
Frauenbeschneidung und sind erschüttert, als wir erfahren, dass a l l e Frauen,
die zur Kranken- und Geburtsstation kommen, beschnitten sind. Wir sehen oft
Kinder mit tischtennisballgroßen Nabelbrüchen. Amado erklärt uns, dass bei
Neugeborenen in der Station sofort ein Druckverband angelegt werde. Bei
Hausgeburten tue man das nicht und
dann stülpe sich der Nabel mit der Zeit nach außen. Der Bruch ist dann nur
noch durch eine Operation zu beheben.
Als wir wieder zu
unserem Quartier zurückkommen, warten wieder viele Kinder auf uns und wir
verbringen den Nachmittag mit Unospielen.
Götz fährt mit Amado
auf dem Moped nach Koupéla zu einer Besprechung mit der Direction Regionale de
la Santé, um mit dem Führungspersonal, darunter auch ein Augenarzt, die Möglichkeit
von kostenlosen Staroperationen durch das „Deutsche Komitee zur Verhütung der
Blindheit“ zu besprechen. Alle Anwesenden würden es begrüßen, wenn solche
Operationen im Gebiet von Koupéla durchgeführt würden. Auf dem Rückweg
kaufen Amado und Götz sechs
Flaschen Cola und sechs Flaschen Bier in einem komplizierten Verfahren. Denn man
muss erst Leergut besorgen, ehe man eine volle Flasche bekommt. Mit dem Genuss
dieser Getränke lassen wir den Abend ausklingen.
Mittwoch, 10.Oktober
Amado verabschiedet sich
früh, um zu seiner Ausbildungsstelle in die Hauptstadt zu fahren. Er hat seine
Frau und seinen Sohn Moubarak mitgebracht, ein selbstbewusstes Kerlchen.
Wir wollen an diesem Tag
die Dörfer Bollé und Paspanga besuchen und fragen nach, ob man uns drei Mopeds
besorgen könne. Die sind schnell organisiert und in halsbrecherischer Fahrt
werden wir beiden Frauen auf dem Soziusssitz
über Stock und Stein durch den Busch nach Bollé gefahren, wo Götz
schon mit den Dorfältesten unterm Palaverbaum wartet. Der Dorfchef von Bollé
ist eine imposante Erscheinung. Er spricht gut Französisch, weil er am
Algerienkrieg teilgenommen hat. Schon 1997 hatten wir ihn getroffen und so ist
die Wiedersehensfreude groß. Er stellt uns seine 110 Jahre alte Mutter vor, ein
gebrechliches Weiblein, das auf dem Boden der Hütte kauert. Sie ist geistig
noch sehr fit und erinnert sich gut an Charlys diverse Besuche in Bollé. Die
Getreidemühle im Dorf ist defekt, der Brunnen – es ist der erste, der vom
Verein gebaut wurde – sehr alt. Mit dem Moped geht es weiter na
ch Paspanga,
dessen liebenswürdigen Dorfchef wir auch seit längerem kennen. Er wirkt dieses
Jahr etwas müde. Die Dorfpersönlichkeiten, Lehrer und Schüler heißen uns
willkommen. Der Schülerchor singt sehr schön, auch ein Lied in Moré. Wir
haben den Eindruck, dass die Schule von Paspanga
von engagierten Lehrern sehr gut geführt wird.
Zurück in Nohoungo sind
wir schnell wieder von den Dorfkindern umlagert. Ein Junge hat eine tote
Schlange bei sich, die er am Morgen eigenhändig mit einer Keule erschlagen hat.
Er spielt damit, wickelt sie sich um den Hals, legt sie als Band um den Hut,
schwingt sie im Kreis und macht schließlich drei Knoten hinein. Letztendlich
bereichert sie wohl das heutige Abendessen der Familie.
Donnerstag, 11. Oktober
Heute heißt es wieder
Abschied nehmen von Nohoungo. Wir packen unsere Sachen und werden recht früh
von Victor abgeholt und nach Ouaga zurückgebracht. Eigentlich wollten wir ein
öffentliches Buschtaxi nehmen, aber dann hätten wir mit dem ganzen Gepäck in
der glühenden Hitze einige Kilometer bis zur Straßenkreuzung nach Sapaga
marschieren müssen. So ist es doch bequemer und Victor holt uns gerne ab, denn
er stammt aus Nohoungo (und ist übrigens ein Neffe von Jacques Silga, der uns
vergangenes Jahr zu den Wasserfällen von Karfiguéla begleitete).
Um einige Souvenirs zu
erwerben setzen wir uns mittags der ungeheuren Strapaze aus, den Zentralmarkt in
Ouagadougou zu besuchen. Kaum wird man als Weißer von den Händlern erblickt,
bedrängen sie einen von allen Seiten. Wir kaufen 800 Batikkarten, verschiedene
Figuren, Batikbilder und Musikinstrumente. Leider gibt es das Café am Markt
nicht mehr, wo wir in Ruhe unsere Waren aussuchen konnten.
Abends werden wir von
Rachelle und Lombo zum Essen in einem europäischen Restaurant abgeholt. Lieber
hätten wir afrikanische Gerichte gegessen, das verschieben wir auf nächstes
Jahr. Es ist ein sehr gemütlicher Abend.
Freitag, 12. Oktober
Am letzten Tag unserer
Reise stehen wir früh auf und packen. Um 10.00 Uhr besucht uns Katrin Rohde,
die Gründerin von AMPO. Sie ist mit Anselm befreundet und holt sich ab und zu
einen Rat von ihm. Ihr haben wir für das Waisenheim die neun
geschenkten Ziegen überlassen, denn wir können sie ja schlecht im
Flugzeug mit nach Deutschland nehmen.
Im
Laufe des Tages kommen noch viele Leute, um uns Abschiedsgeschenke zu bringen.
Auf Kathrins Empfehlung
fahren einige von uns noch schnell mit dem Taxi zum „Village Artisanal“, wo
die gesamte Palette burkinischen
Kunsthandwerks zu fixen Preisen angeboten wird. Hier können wir uns in Ruhe
umsehen, der Stress des Handelns entfällt.
Abends gibt es in
Anselms Haus noch mal ein großes Abschiedsessen mit allen Bekannten und
Freunden. Viele begleiten uns noch bis zum Flughafen. Der Richter Venant überreicht
uns zum Abschied die Videokassette mit der Fernsehaufzeichnung der großen Feier
in Nagséné.
Der Abschied fällt uns
sehr schwer. Aber wir sind sicher, dass wir nächstes Jahr zurückkommen werden.
Pünktlich um 20.15 Uhr startet unser Flugzeug, macht wieder eine Zwischenlandung in Bamako und nimmt neue Passagiere auf. Der Flug geht weiter nach Paris, wo wir um 6.00 Uhr Ortszeit landen. Und nun steht uns noch die anstrengende Autofahrt in die Eifel bevor. Obwohl wir uns beim Fahren abwechseln, schaffen wir die letzten hundert Kilometer nur mit Mühe, so übermüdet sind wir.
Bis wir „richtig“ zu
Hause angekommen sind, dauert es jedoch noch einige Tage, so intensiv und
bewegend sind unsere Eindrücke. Immer wieder tauchen Bilder auf von liebenswürdigen
und gastfreundlichen Menschen, die trotz ihrer harten Lebensbedingungen Würde
und Zufriedenheit ausstrahlen. Die Burkinabè machen damit dem Namen ihres
Vaterlandes alle Ehre, denn Burkina Faso heißt übersetzt: Land der Aufrechten.