Unsere Reise nach Burkina Faso vom 28.09. bis 12.10.2002   

von Marianne Bischoff

 

 

Am Samstag, dem 28.09.2002 fahren wir um 07.00 Uhr nach Paris. Mit dabei sind Charly, Götz und Rita, Winnie und Heike, Hans und Nike, Monika, Wolfgang und ich. Die Fahrt ist problemlos, am Flughafen in Paris haben wir, nachdem wir unser großes Gepäck abgegeben haben, noch etwas Zeit Flughafenatmosphäre zu schnuppern.

Um 16.40 Uhr starten wir pünktlich Richtung Ouagadougou. Wir haben einen wunderschönen Flug. Die Sicht ist traumhaft, ganz klar erkennen wir die Gebirgsschluchten und Vulkankrater über den Pyrenäen, die Insel Mallorca, und einzelne kleine Dörfer inmitten von unendlichem Sand in der Sahara.

Um 19.45 Uhr afrikanischer Zeit (2 Std. vor MEZ) landen wir in Ouagadougou. Wir verlassen das Flugzeug, die heiße Luft, die uns entgegenströmt, kommt nicht von den Triebwerken, es ist das Klima hier, wir sind in Afrika. Nach der ewig dauernden Passkontrolle werden wir herzlich von Anselm, Petra, Anette, David und Katrin, Claudia und Jens begrüßt. Wir verstauen das Gepäck in einem roten Toyota-Bus, der  vor dem Flughafengebäude auf uns wartet und der uns jetzt 2 Wochen als Taxi-Brousse dient. Wir fahren zu Anselms Haus. Die Fahrt durch die Stadt im Dunkeln ist spannend, das Treiben rechts und links am Straßenrand lässt uns erkennen, wir sind in einer anderen Welt. Marie Thérèse, Anselms Frau, hat mit Hilfe ihrer Schwester und einem Hausmädchen ein vorzügliches Essen für uns gekocht. Im Innenhof sitzen Delegationen aus verschiedenen Dörfern, in denen Schulen geplant sind, sie begrüßen uns und essen mit zu Abend. Wir sind alle sehr müde von der langen Reise, stellen dann auch bald, nachdem die fremden Gäste das Haus verlassen haben, unsere Zelte im Innenhof auf und schlafen erschöpft von den vielen Eindrücken schnell ein. Um 3.15 Uhr ist es vorbei mit der Nachtruhe, wir werden alle vom ersten Hahnenschrei wach, der Hahn steht  direkt neben unseren Zelten. Er hört auch nicht mehr auf zu krähen. Jeder hat Mordgedanken, aber keiner ergreift die Initiative, was dem Hahn letztendlich das Leben rettet.

 

Sonntag, 29.09.2002:

Um 5.30 Uhr krabbelt alles aus den Zelten. Unser ursprünglicher Plan, um 6 Uhr eine afrikanische Frühmesse mitzuerleben, scheitert an der Uhrzeit, wir finden keinen Fahrer.

Wir bauen die Zelte ab, packen alles, was wir für unsere Reise benötigen auf den Dachgepäckträger des Taxi-Brousse. Jeder genießt noch die Dusche und das gute Frühstück mit Butter und frischem Baguette bei Familie Sanou. Um 9 Uhr fahren wir los. Unser Fahrer heißt Gebrina, sein Bruder Jacoba fährt als Unterstützung mit. David, Katrin, Claudia und Jens begleiten uns mit einem Jeep.

Am Ausgang von Ouagadougou ist die erste Polizeikontrolle. Der Fahrer geht mit seinen Papieren zur Station und kehrt nach längerer Zeit zurück. Anselm weist ihn darauf hin, dass er nicht das Schreiben von ASAO mit der Aktennummer 2002-43, das den Auftrag unserer Reise beschreibt, hat abstempeln lassen und schickt ihn wieder zurück. Grinsen, Lästern und verständnisloses Achselzucken sind darauf die Reaktion der Weißen. Erst bei den folgenden Kontrollen stellen wir fest, dass Anselms Schreiben 2002-43 die sonst so trägen Kontrollen wesentlich verkürzt.

Unser Ziel heute ist das Dorf Mu, 300 km entfernt. Um 13 Uhr machen wir nach etwa der Hälfte der Strecke Rast und freuen uns auf eine gekühlte Cola, die wir im Restaurant im Schatten sitzend genießen. Wir sind gut vorangekommen, die Straße ist neu geteert worden, wir hatten sie anders in Erinnerung. Wir verlassen aber bald die Teerstraße und begeben uns auf die Piste, es geht direkt sehr holprig los, wir passieren eine Brückenbaustelle, hier ist ein schwerer Unfall passiert. Ein vollgeladener Bananenlaster liegt umgekippt am Rand, ein PKW liegt völlig zerstört und verschlammt auf der Piste. Rechts und links entlang des Weges gibt es immer was zu sehen, u.a. badende Kinder, die ihre Kühe festgebunden haben. Da wir Regenzeit haben, steht das Wasser überall in kleinen Seen. Die Vegetation ist üppig, hohe Hirsefelder stehen am Wegesrand, vereinzelt Baumwollfelder. Die Ortschaften, die wir durchqueren, sind unheimlich interessant, das bunte Treiben am Straßenrand lädt ständig zum Anhalten ein, aber wir haben keine Zeit, der Weg zum Tagesziel ist noch zu weit. Viele provisorisch zusammengeschusterte Verkaufsstände gibt’s zu sehen, wo die Menschen alles Mögliche anbieten: Obst, Gemüse, Getreide, alte Kleider, bunte Stoffe, Ersatzteile um die Badelatschen noch mal zu reparieren, usw.  Wir fragen uns, ob da wohl auch jemand mal was kauft? Um 17.30 Uhr erreichen wir noch im Hellen das Dorf Mu. Wir werden von der Bevölkerung begrüßt, zwei Männer spielen auf einem riesengroßen Ballaphon. Wir stellen unsere Zelte draußen auf, solange es noch hell ist und lassen erst einmal die idyllische Stimmung auf uns wirken. Die Kinder stehen überall staunend herum und beobachten uns. Uns geht es nicht anders. Nachdem wir uns am Brunnen etwas frisch gemacht haben, gibt’s dann bald ein Abendessen, das die Frauen aus dem Dorf für uns gekocht haben (Nudeln, Reis, To mit einer pikanten Spinatsauce). Wir sind alle ziemlich müde von der anstrengenden Fahrt und gehen früh schlafen. Nachts werden wir jäh aus dem Schlaf gerissen, ein Gewitter zieht auf und meldet sich mit Sturmböen an. Schnell bringen wir alle Zelte in einen leeren Klassenraum. Alles läuft wortlos und in einem rekordverdächtigen Tempo  ab. Wir schaffen es gerade so vor dem großen Regen, der dann auch nicht mehr aufhört und laut auf das Blechdach prasselt. Von diesem monotonen Geräusch schläft dann auch bald jeder wieder ein.

 

Montag, 30.09.2002:

Um 8 Uhr morgens soll die offizielle Einweihung stattfinden. In Mu  wurde ein Erweiterungsbau mit 3 Klassen vom Solidaritätskreis finanziert. Ein Schulbau mit 3 Klassen ist bereits vorhanden. Ebenfalls wurden 2 Lehrerhäuser und ein Brunnen gebaut. Die Gebäude sind nicht fertiggestellt, die Leute aus dem Dorf haben nicht genügend Steine und Sand gesammelt. Da es aber um 8 Uhr noch regnet, ist  von der Bevölkerung niemand zu sehen. Wir frühstücken gemütlich zwischen den Zelten, Wasser für Kaffee und Tee wird auf einem Gaskocher erhitzt, Baguette und Bananen haben wir gestern an der Straße gekauft. Gegen 9 Uhr hört es auf zu regnen, aus jeder Himmelsrichtung trudeln die Leute mit Fahrrädern oder zu Fuß ein. Wir haben mittlerweile unser Lager abgeschlagen und alles auf unserem Bus verstaut. Um 9.30 Uhr findet dann die Einweihung statt.  Der Dorfchef erklärt in der Eröffnungsrede, dass die Leute zuviel mit den Feldern und der Ernte beschäftigt waren, und keine Zeit hatten, Steine und Sand zu sammeln. Er versucht klar zu machen,  dass man auch noch eine Krankenstation benötigt. Mu hat ca. 2000 Einwohner. Götz hält anschließend seine Rede und macht der Bevölkerung klar, dass es keine Solarbeleuchtung für einen Klassenraum gibt, da die Mehrkosten wegen der nicht erbrachten Eigenleistungen dies nicht zulassen. Er erklärt weiter, dass es nicht die Aufgabe des Solidaritätskreises ist, aus einem Dorf ein Paradies zu machen, sondern vielen Dörfern zu helfen, und jedes bekommt nur ein Projekt bezahlt. Charly verteilt die mitgebrachten Geschenke an den Schulleiter: einen Fußball, viele Kugelschreiber, Frisbeescheiben, eine Gießkanne, und ein Springseil. Rita zeigt den Kindern, wie das Springseil benutzt wird, die Leute finden das lustig und lachen. Wir haben spezielle Männer- und Frauengeschenke für die Funktionäre und die Frauen, die für uns kochen. Sie beinhalten Sachen, die sie für den täglichen Gebrauch benötigen, u.a. Taschenmesser für die Männer oder Nähutensilien für die Frauen. Wir bekommen Pfeil und Bogen geschenkt. Die Beteiligung der Dorfbevölkerung an der Eröffnungsfeier ist spärlich, es sind kaum Frauen gekommen, die Leute sind sehr reserviert und zurückhaltend.  

Wir verabschieden uns dann auch bald und um 10 Uhr verlassen wir Mu und fahren Richtung Diébougou. Wir sind gespannt,  wie wir nach dem starken Regen vorwärts kommen. Es geht besser als erwartet. Wir sehen Reisfelder und bewundern das satte Grün, vereinzelt säumen gigantische Affenbrotbäume den Weg. Wir überqueren den Fluss Bougouriba, der zurzeit viel Wasser führt und über die Ufer getreten ist. Wir halten an, um ein paar Fotos von der schönen Landschaft und den knallroten Vögeln zu machen, die es hier in großer Menge gibt.

 

Um 11.30 Uhr erreichen wir Diébougou. Wir werden vor der Stadt von einigen Männern erwartet, die uns zur Präfektur bringen. Der Präfekt, vergleichbar mit dem Verbandsbürgermeister in Deutschland, lässt sich von seinem Sekretär vertreten, er selbst war wegen der Ereignisse in der Elfenbeinküste auf Dienstreise.

Der Sekretär begrüßt uns und begleitet uns zu einer Augenklinik, etwas außerhalb gelegen. Es ist ein schönes Gebäude, mit medizinischen Geräten der Bundeswehr ausgestattet. Hier sollen Augenoperationen durchgeführt werden. Im Innenhof der Augenklinik stehen große Teakbäume mit wunderschönen Blütendolden. Nach dem Besuch der Augenklinik suchen wir ein Restaurant auf, um uns zu stärken. Die meisten freuen sich auf Couscous mit einer leckeren Sauce. Wir sichten eine Telefonstation und nutzen schnell die Gelegenheit nach Hause zu telefonieren. Gegen 15.30 Uhr verlassen wir Diébougou und fahren in Begleitung einer Delegation und einem Pick-up voller Frauen, die für uns das Abendessen vorbereitet haben, Richtung Dankoblé, wo wir 2 Stunden später ankommen. Wir machen einen Umweg von ca.50 km, da der direkte Weg in der Regenzeit nicht passierbar ist.

In Dankoblé angekommen, werden wir sehr herzlich von der Dorfbevölkerung begrüßt. Sie kommen uns entgegengelaufen, freuen sich riesig über unsere Ankunft und wir fühlen uns direkt sehr wohl. Die Feier fängt sofort an, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Hier wurde eine Grundschule mit 3 Klassen, 2 Lehrerhäuser und ein Brunnen gebaut. Es ist alles ordnungsgemäß und termingerecht fertig gestellt.

Nach der kurzen, aber schönen Einweihungsfeier gibt es Abendessen und Bier, was uns allen bei den tropischen Temperaturen gut schmeckt. Da die Menge sehr begrenzt ist, sind die meisten froh, wenn sie eine halbe Flasche abbekommen. Ein kleines Mädchen kommt zu mir und fasst ganz vorsichtig in meine Haare, sie ist wohl gespannt, wie sie sich anfühlen. Ich neige mich zu ihr, und plötzlich stehen einige Kinder um mich herum und wuseln mir durch die Haare. Vor 2 Jahren hatte ich es umgekehrt genauso gemacht. Wir bauen unsere Zelte im Dunkeln unter einem großen Baum auf. Zahlreiche Kinderaugen leuchten in der Finsternis und beobachten uns neugierig. Anschließend sitzen wir gemütlich zusammen und Monika übt mit uns einige Lieder ein, was sehr zur Belustigung der vielen Kinder beiträgt. Die Schulkinder unter ihnen singen für uns ihre gelernten Lieder. Es ist eine schöne Zeltlagerstimmung unter afrikanischem Sternenhimmel. Wir besuchen noch mal kurz den Festplatz, wo noch viele Einwohner tanzen und feiern. Sie feiern nicht oft und kosten die Gelegenheit voll aus. Müde von der Fahrt und den vielen neuen Eindrücken legen wir uns ins Zelt und schlafen.

 

Dienstag, 01.10.2002:

Um 6.15 Uhr ist es vorbei mit Schlafen, die Hähne in den umliegenden Gehöften wecken uns. Wir frühstücken unsere Baguettes mit Bananen und sind schon wieder umringt von vielen Menschen, die aus allen Richtungen herbeikommen. Der Präsident der Dorfgemeinschaft, ein Lehrer und ein Delegierter kommen um 8 Uhr. Sie berichten, dass in diesem Jahr 38 Jungen und 31 Mädchen eingeschult wurden und fragen, ob man nicht in der Nähe, in einem anderen Dorf, ein Collège bauen könnte, damit die Kinder nach der Grundschule eine weitere Schule besuchen können. Anselm erklärt den Einwohnern, dass sie unbedingt schattenspendende Bäume um die Schule pflanzen müssen. Er fragt nach dem Sparbuch, wo jeder einen kleinen Betrag zur Erhaltung und für Reparaturen der Solaranlage und des Brunnens aufbringen muss. Es gibt noch kein Sparbuch. Die Pumpe am Brunnen ist defekt, aus Angst, dass sie ganz kaputt geht, haben sie die Pumpe abgeschlossen, so dass sie niemand mehr benutzen kann. Charly erklärt den Leuten, dass das so nicht geht, er legt einen Termin fest und Jens kontrolliert es am 30. November. Die Dorfbevölkerung verspricht, bis dahin den Brunnen zu reparieren und das Geld auf dem Sparbuch eingezahlt zu haben. Jens kümmert sich um die Solaranlage. Es werden Geschenke ausgetauscht, wir bekommen eine Ziege, ein Huhn, Pfeil und Bogen und 3 traditionelle Kostüme geschenkt, die Wolfgang, Götz und Hans wunderschön kleiden. Im Anschluss besuchen wir ein typisches Haus einer Großfamilie, es wohnen etwa 60 Personen darin. Die Dagari, so heißt der Stamm und auch die Sprache, wohnen als Großfamilie in diesen Häusern. Alle umliegenden Familien helfen beim Bau. Die Mauern bestehen aus ungebrannten Lehmziegeln mit einem Stroh- und Kuhmistgemisch. In der Regenzeit weichen immer wieder Teile des Gemäuers auf, die dann wieder am Ende der Regenzeit repariert werden. Für diese Arbeit sind die Männer zuständig. Dieses Haus ist erst ein Jahr alt, es ist von einer Mauer umgeben. Es gibt einen Haupteingang und einen Seiteneingang. Alle Gäste dürfen nur durch den Haupteingang kommen, und wer für längere Zeit das Haus verlässt, darf auch nur den Haupteingang benutzen. Die Eingänge sind sehr niedrig, ebenso wie alle Räume, man baut nur so hoch, wie die Bäume sind, die man zur Holzkonstruktion und zum Stützen braucht. Am Eingang hatte eine Ziege gerade 2 Junge geboren, beide Zicklein sind noch sehr schwach. Im Inneren des Hauses gibt es viele verzweigte Gänge und Räume, einen Ziegen- und einen Hühnerstall, einen Fetischraum, den wir auch nicht betreten dürfen. Hier stehen Gefäße, u.a. gefüllt mit Hühnerblut, um die Geister zu beschwören. Auf dem Flachdach werden Erdnüsse, Cariténüsse und Hirse getrocknet.

Nach dem Besuch dieses traditionellen Hauses verabschieden wir uns und fahren um 9.40 Uhr Richtung Bouroum- Bouroum. Auf der Straße ist reger Verkehr, alle wollen wohl zum Markt. Viele Männer transportieren Ziegen oder Hühner in Körben auf dem Gepäckträger ihrer Fahrräder, die Frauen gehen zu Fuß und tragen schwere Lasten auf dem Kopf zum Markt. Uns fällt immer wieder auf, dass die Frauen weitaus mehr arbeiten als die Männer. Sie sind in diesem Land nicht zu beneiden.

Bevor wir um 13.30 Uhr zum Essen in Bouroum-Bouroum eingeladen sind, besuchen wir ganz in der Nähe das Museum der Provinz Puni in Gaoua, ein lebhafter interessanter Ort, Afrika pur. Das Museumsgebäude stammt aus der französischen Kolonialzeit. Im Museum können wir die Lebensart der Lobi, eines kriegerischen Stammes, in den letzten 70 Jahren betrachten.

 

In Bouroum-Bouroum schlagen wir unser Lager in einer ev. Mission auf. Die Mission wird von einem netten kinderlosen Ehepaar geführt. Er ist Engländer, sie kommt aus dem Elsass. Hier  ist es gemütlich, es gibt 3 Gästezimmer, eine europäische Toilette und eine richtige Dusche. In dem schönen Garten mit hohen Bäumen schlagen Monika und ich unser Zelt auf. Nach dem Mittagessen haben wir 2 Stunden Zeit uns auszuruhen und genießen es in vollen Zügen. Ich mache einen kleinen Spaziergang über den Markt, der an diesem Tag in Bouroum-Bouroum stattfindet. Dieses bunte Treiben ist ein Erlebnis besonderer Art. Dicht gedrängt drängeln sich die Leute durch die engen Pfade zwischen den einzelnen Marktständen. Viele fremde Gerüche,  aber nicht  unangenehm, strömen auf mich ein. Ich werde von vielen Menschen sehr freundlich, aber auch kritisch betrachtet. Überall brutzeln Feuer, es wird gekocht. Hier könnte ich noch Stunden verweilen, ohne dass es langweilig wird. Ich bin aber dann doch froh, als mir Heike und Winnie begegnen, so ganz alleine war’s auch ein bisschen unheimlich.

Um 16 Uhr gehen wir zur Schule, die heute mit einem schönen Fest eingeweiht wird. Hier wurde ein Collège mit 4 Klassen, 5 Lehrerhäuser und ein Brunnen gebaut. Das 5. und 6. Schuljahr ist bereits eingeschult mit insgesamt 150 Schülern, 90 Jungen und 60 Mädchen. Die Schüler haben ein tolles Programm für uns vorbereitet. Sie begrüßen uns mit selbstgemalten Bildern am Wegesrand mit „Bienvenue“ oder „merci“, singen selbstkomponierte und getextete Lieder und bedanken sich auf eine rührende Weise für ihre Schule. Sie führen einen Sketch vor, indem sie kundtun, wie glücklich sie sind, nicht mehr nach Gaoua zur Schule fahren zu müssen. Bei der Besichtigung der Gebäude fragt Charly den Direktor nach dem Sparbuch für Reparaturen am Brunnen und an der Solarbeleuchtung, die sie noch bekommen sollen. Auch hier gibt es noch kein Sparbuch. Sie versprechen aber, bis zum 12. Oktober das Geld zu sammeln. Charly erklärt, dass es kontrolliert wird und nur im Falle einer Einzahlung die Solaranlage installiert wird. Wir stellen fest, dass die Afrikaner sich sehr schwer tun, vorausschauend zu denken. Sie leben heute und jetzt, was morgen kommt ist nicht so wichtig.

Den Abend verbringen wir in dem Missionsgebäude, das leitende Ehepaar gesellt sich zum Abendessen zu uns. Sie leben seit 20 Jahren hier und sie erzählen, dass die Lobi sehr schwer von ihren Gewohnheiten ablassen und Neuem nicht sehr aufgeschlossen sind. Die Entwicklung geht daher dort sehr langsam voran. Wir werden in diesem Haus sehr gastfreundlich betreut und genießen den ungewohnten Luxus. Einige Frauen aus dem Dorf hatten für uns gekocht und das Essen zur Mission gebracht. Charly bemerkt, dass es ja beachtlich ist, für so viele Gäste das Essen zu organisieren und das funktioniert bestens, aber mit dem Sparbuch haben sie Probleme. Anselm sagt, es ist für die Afrikaner Ehrensache, die Gäste zu bewirten, sie geben alles, auch wenn sie dann selbst nichts mehr haben, das ist ihre Mentalität.

 

Mittwoch, 02.10.2002:

Wir werden am frühen Morgen von einem Konzert unzähliger Vogelstimmen geweckt. Da fällt es nicht schwer aufzustehen. Um 8 Uhr haben wir alles gepackt und verlassen Bouroum-Bouroum. Wir haben heute eine sehr anstrengende Fahrt vor uns, ca. 200 km Piste. Ziel ist Banfora. Hier wohnt Schwester Véronique, eine katholische Ordensschwester, die ein Mädchenheim leitet. Wir kommen sehr gut voran, die Piste ist gut zu befahren. Wir durchqueren ein kleines Waldstück, zwei Affen kreuzen die Straße. Anselms Handy klingelt, es ist ein Beauftragter der Deutschen Botschaft in Ouagadougou. Er möchte uns anlässlich des Feiertages morgen zum Empfang einladen, aber wir sind zu weit von Ouaga entfernt, unser Terminplan lässt es nicht zu. Schade! Um 13.40 Uhr erreichen wir Banfora. Wir nehmen als erstes die Ziege vom Dach, sie sieht etwas mitgenommen aus von der heißen staubigen Fahrt, fängt aber sofort an zu fressen und freut sich  ihrer Freiheit. Sie wird auch hier im Mädchenheim bleiben.

Schwester Véronique hat ein Festessen für  uns vorbereitet. Es gibt gekühlten Bisap und ein erfrischendes Ingwergetränk, als Vorspeise in Fett gebackene Küchlein, als Hauptspeise  Süßkartoffeln, die sehr lecker sind, Schweinefleisch und Zucchinigemüse. Der Nachtisch besteht aus frischen Papaya und Bananen.  Nach dem Essen überrascht Charly Véronique damit, dass 10 Leute unserer Gruppe die Absicht haben, eine Nacht in Banfora bei ihr zu übernachten  und nur er, Anselm, Götz, David und Katrin nach Kélia zur Einweihung der Schule fahren. Der Weg dorthin ist schwer passierbar und nur der Geländewagen hat eine Chance dort anzukommen. Für Véronique ist das kein Problem, es werden vier Zimmer für uns hergerichtet, jedes mit einer Dusche. Anselms Schwester kommt mit ihrem Mann ins Heim, um ihn zu besuchen. Sie wohnt in der Nähe von Banfora und freut sich ihn zu sehen.

Wir verabschieden unsere Delegation, die bald nach Kélia aufbricht und machen erst mal gemütlich Siesta. Das Heim ist in einem sehr gepflegten Zustand und wir genießen den Komfort. Die Gastfreundschaft ist beeindruckend. Am späten Nachmittag gehen wir mit Véronique in die Stadt, etwa 3 km entfernt.  Wir lassen uns von dem Stadtleben, das uns immer vertrauter wird, berieseln. Gemütlich trinken wir in einem Restaurant eine gekühlte Cola und gehen mit Taschenlampen zum Heim zurück, da es mittlerweile stockfinster ist.

Gegen 18.15 Uhr wird es innerhalb einer Viertelstunde dunkel. Im Innenhof  des Heims  essen wir zu Abend. Wir bekommen frischen Fisch. Véronique bildet zur Zeit 8  Schwesternschülerinnen aus. Sie wohnen mit ihr im Hauptgebäude und haben für uns 4 Zimmer geräumt. Sie arbeiten sehr viel, sind aber sehr fröhlich und singen ständig während der Arbeit. Nach dem Essen sitzen wir  mit den Schwesternschülerinnen und Véronique zusammen. Sie singen mit ihren beeindruckenden Stimmen religiöse Lieder. Zum Knabbern gibt es frisch geerntete Cashewkerne. Wir freuen uns auf ein richtiges Bett mit Moskitonetz. Ein Ventilator sorgt für eine leichte Brise. Wir schlafen sehr gut.

 

Donnerstag, 03.10.2002:

Heute haben wir alle etwas länger geschlafen, es ist schon fast 7 Uhr, als wir aufwachen.

Wir frühstücken Spiegeleier und selbstgemachte Mangomarmelade auf frischem Baguette.

Véronique hat den Hof mit vielen großen Kübelpflanzen geschmückt, hier ist es richtig schön.

Sie geht  mit uns zu dem neugebauten Foyer Sainte Monique, es ist ihr ganzer Stolz. Vier Wohngebäude beherbergen 48 Mädchen. Draußen gibt es eine Küche und für afrikanische Verhältnisse schöne Dusch- und Toilettenhäuschen. In jedem Gebäude leben 12 Mädchen, rechts und links ist je ein Schlafraum mit 6 Betten und in der Mitte ein Aufenthaltsraum, in dem sie abends ihre Hausaufgaben machen können. Die Mädchen kommen meist von entfernten Dörfern, sie haben hier die Möglichkeit ein Collège zu besuchen. Zu ihrer Ausbildung gehört auch, dass sie ihre Mahlzeiten selbständig vorbereiten und kochen.  Die Eltern müssen im Jahr umgerechnet 150 Euro aufbringen, damit sie im  Foyer wohnen können. Viele haben aber Probleme das Geld zu bezahlen. Einige Mädchen kommen auch aus der näheren Umgebung, sie haben nicht das Geld zur Schule zu gehen. Sie arbeiten hier und wenn es die Zeit zulässt, gibt Véronique ihnen Unterricht. Sie übernachten aber nicht im Heim. Für diese Mädchen wäre es toll, wenn sich in Deutschland vielleicht Paten finden, die ihnen mit einer finanziellen Unterstützung den Schulbesuch ermöglichten. Nach der interessanten Besichtigung des Foyers fährt Véronique mit den meisten von uns zum Markt. Mir ist es zu heiß, ich setze mich lieber in den Schatten und schreibe.

Um 11.30 Uhr verabschieden wir uns herzlich von ihr und ihren Schülerinnen und fahren Richtung Bobo-Dioulasso, der zweitgrößten Stadt in Burkina Faso. Hier haben wir uns mit Anselms Nichte an der Moschee verabredet, sie will mit uns zum Markt gehen und Trommeln kaufen. Auf dem Weg nach Bobo kommen wir an riesigen Zuckerrohrfeldern vorbei, die künstlich bewässert werden. In Banfora gibt es eine Zuckerrohrfabrik. Viele Mangobäume stehen rechts und links  entlang der Piste.

Wir kommen mit einer halben Stunde Verspätung in Bobo an, die Nichte von Anselm wartet schon auf uns und begleitet uns über den schönsten Markt, den wir bis jetzt gesehen haben. Es gibt viele interessante Kunstgegenstände, die ich mir gerne angeschaut hätte, aber die Verkäufer sind so aufdringlich, dass ich keine Lust mehr habe etwas zu kaufen. Den anderen geht’s ähnlich.  Wir verlassen das Gewühl und gehen in ein Geschäft direkt gegenüber der  Moschee. Die Moschee ist wohl eins der bekanntesten und imposantesten Bauwerke in Burkina Faso. Rita, Monika und Heike testen den Klang der Trommeln, sie kennen sich  gut aus, da sie zu Hause schon seit einiger Zeit trommeln. Die Verkäufer zeigen uns  ihre Trommelkünste, es hört sich super an. Sie sind aber sichtlich beeindruckt, dass Frauen auch trommeln können. In Afrika ist das Männersache. Nach langem und anstrengendem  Verhandeln kaufen wir dann vier Trommeln. Der Preis ist für beide Seiten o.k. und wir freuen uns über unsere neuen Errungenschaften.

Gegen 15.30 Uhr verlassen wir Bobo und fahren zu unserem nächsten Ziel: Koundougou. Hier werden morgen früh Verträge abgeschlossen, sie möchten ein Collège bauen. Die ständigen Kontrollen, wenn man die Stadt verlässt, sind lästig. Rita zeigt immer die Visitenkarten von „ASAO“, das ist die Abkürzung unserer Organisation, die Kontrolleure sind beeindruckt und lassen uns schnell weiterfahren. Unterwegs sehen wir große Reisfelder. Nach zwei Stunden Busfahrt kommen wir in Koundougou an. Wir werden von bettelnden Kindern begrüßt, das ist auf dem Dorf ungewöhnlich. Eine Stunde später trudelt dann auch unsere Delegation aus Kélia hier ein, wir hatten sie in Bobo auf dem Markt schon kurz gesehen. Sie erzählen uns mit Begeisterung von der Eröffnungsfeier in Kélia: Die Schule hat vor einem Jahr begonnen, im ersten und zweiten Schuljahr sitzen 44 Mädchen und 25 Jungen. Abends finden Alphabetisierungskurse für Erwachsene statt, das Sparbuch ist ordnungsgemäß angelegt und sie haben viele Bäume gepflanzt. Götz erzählt von dem engagierten Lehrer, der wohl in diesem Dorf viel bewegt.

Wir bauen unsere Zelte vor dem Haus des Präfekten auf, der uns herzlich begrüßt. Ein paar Frauen aus dem Dorf bringen uns Abendessen. Heute Abend fällt es uns etwas schwer in unser Zelt zu kriechen, wir waren von den 2 Tagen Luxus etwas verwöhnt.

 

Freitag, 04.10.2002:

Um 9 Uhr haben wir alles gepackt und fahren zu dem Platz, wo das Collège gebaut werden soll. Die Bevölkerung hat schon einiges an Sand und Steinen gesammelt. Grundschulkinder singen die burkinische Nationalhymne zu unserer Begrüßung, es folgen einige Ansprachen. Ein temperamentvoller Übersetzer sorgt dafür, dass  es nicht langweilig wird, auch wenn ich nichts verstehe. Er gestikuliert auf eine ganz witzige Art und Weise, es macht Spaß ihn zu beobachten. Die Verträge werden feierlich unterschrieben und die Kinder tragen noch ein paar Gedichte vor. Wir bekommen eine Ziege und einen Korb mit 10 Hühnern geschenkt, auch zwei Perlhühner sind dabei. Anschließend demonstrieren sie uns, wie engagiert sie für ihre Schule arbeiten wollen. Alle Esel mit  Karren, die sie in der Umgebung auftreiben konnten,  stehen bereit, sie sind entweder mit Sand oder Steinen gefüllt. Die Karawane setzt sich wie auf Kommando  in Bewegung und bringt das Material zur Baustelle. Eine gelungene Demonstration.

Der Dorfchef von Seyé, wo eine Grundschule gebaut werden soll, bittet uns, die vorgesehene Baustelle doch an Ort und Stelle zu besichtigen. Da wir etwas Zeit haben, folgen wir seiner Einladung. Er fährt in Begleitung eines weiteren Dorfbewohners mit seinem Moped vor. Es geht über Stock und Stein auf einem unwegsamen schmalen Weg tief in den Busch. Rechts und links wechseln sich Hirse-, Mais-, Reis- und Baumwollfelder ab. Wir bestaunen hohe Termitenhügel, sie sehen aus wie kleine Schlösser. Der Weg wird immer enger und  ist  kaum noch zu passieren. Wir sind schon eine Stunde in brütender Hitze unterwegs. Endlich kommt ein Dorf, aber es ist nicht Seyé. Wir fahren noch eine halbe Stunde weiter und fragen den Dorfchef, wie weit es denn noch sei. Er meint, es sind höchstens noch 3 km. Wir entschließen uns aber umzudrehen, da der Weg für unser Taxi-Brousse nicht mehr passierbar ist. Der Allrad-Jeep  mit Anselm, Winnie, Jens und Claudia begleitet  den Dorfchef zu seinem Dorf. Sein Mitfahrer fährt mit uns zurück nach Koundougou. Alleine hätten wir den Weg wohl nicht mehr gefunden. Wir brauchen natürlich noch mal 1 ½ Stunden und setzen uns in Koundougou  in  einem Restaurant unter einen großen Baum, trinken eine kühle Cola und warten auf den Rest. Sofort kommt eine Gruppe Dorfkinder und beobachtet uns neugierig. Was sie wohl denken? Schade, dass wir sie nicht verstehen. Sie sind zuerst etwas ängstlich, werden dann aber schnell zutraulich.

Gegen 15.30 Uhr kommen die Besucher aus Seyé zurück. Sie haben einiges zu erzählen. Winnie ist ganz begeistert, sie haben in einer Lehmhütte gegessen, an der Decke hingen unzählige Fledermäuse. Wahrscheinlich waren sie die ersten Weiße, die dieses Dorf besucht haben. Sie haben beschlossen, die Schule dort zu bauen und, wenn möglich, einen Brunnen zu bohren. Man hat ihnen 2 Hühner und eine wunderschöne handgewebte Decke geschenkt.

Wir packen die Ziege und die mittlerweile 12 Hühner  aufs Dach und fahren zurück nach Bobo. Nach etwa 15 Minuten Fahrt bekommt Rita einen Riesenschreck. Sie sitzt am Fenster und schaut der Ziege ins Gesicht. Diese ist vom Dach gerutscht und guckt  verzweifelt in den Bus. Gott sei Dank hängt sie mit den Füßen noch am Gepäckträger. Es ist nichts passiert. Der Busfahrer bindet sie wieder fest und die Fahrt geht weiter. Es kommen uns einige hoffnungslos überladene Pick-ups entgegen, ich frage mich, ob sie wohl je ihr Ziel erreichen oder vorher auseinander brechen. Busse überholen uns, sie fahren viel zu schnell. Sie bremsen in den Ortschaften nicht ab, hupen kurz und wer als Fußgänger Glück hat, schafft es noch beiseite zu springen. Ob die Bremsen überhaupt funktionieren?

Nach einer Stunde erreichen wir Bobo. Manche stürzen sich noch mal ins Marktgewühl, ich gehe noch mal mit Rita, Monika und Heike ins Trommelgeschäft, sie haben wieder neue Trommeln organisiert, nachdem wir gestern den Laden „geplündert“ hatten. Wir kaufen für Charly eine, Heike findet heute auch die Richtige und Rita ersteht noch eine Basstrommel. Gott sei Dank müssen wir nicht handeln, wir bekommen sie zum gleichen Preis wie gestern. Anschließend wollen Monika und ich uns den  alten Teil von Bobo anschauen,  der nach Anselms Auskunft sehr interessant sein soll. Es kommt gleich ein Afrikaner, der uns gegen Bezahlung führen will. Wir gehen genervt weg und ziehen es vor irgendwo in Ruhe eine Cola zu trinken.

Gegen 18.30 Uhr verlassen wir die Stadt und fahren  nach Yéguéresso, nicht weit von Bobo entfernt. Hier findet morgen die größte Einweihungsfeier statt. An der ersten Kontrollstelle hinter der Stadt treffen wir auf Anselm, Charly, Götz, Jens und Claudia, die noch einen weiteren Termin in der Mission von Bobo wahrgenommen hatten. Sie sind heilfroh, als sie uns sehen, denn der Pajero steht ohne Licht da und es ist dunkel. Sie können in unserer Begleitung weiterfahren. Bald werden wir auch schon von einer Delegation am Straßenrand abgeholt. Sie winken mit der Nationalflagge von Burkina, Jäger sind dabei, die uns mit einem Böllerschuss begrüßen und uns auf dem Weg ins Dorf begleiten. Frauen und Kinder laufen neben unserem Bus her, wir haben Angst, dass noch jemand unter das Fahrzeug gerät. Wir sind alle gerührt von der Freude und der Begeisterung dieser Menschen über unsere Ankunft. Unsere Zelte bauen wir  direkt  im noch leer stehenden Schulverwaltungsgebäude auf, da es nach einem Gewitter aussieht.

Eine Frau kommt mit einem Eimer Wasser und Seife, damit wir uns die Hände waschen können, dann reicht sie uns einen Begrüßungstrunk. Wir bekommen ein gutes Abendessen, zur Abwechslung gibt es Pommes. Wir stellen fest, dass sie in Afrika auch kalt sehr gut schmecken. In der Nacht werden wir von zahlreichen Jägern, die vor dem Gebäude sitzen, bewacht. Sie unterhalten sich die ganze Nacht, weswegen viele von uns schlecht geschlafen haben.

 

Samstag, 05.10.2002:

Winnie hat Geburtstag. Zum Frühstück bringen wir ihm ein Ständchen, danach ziehen alle, sofern vorhanden, frische Sachen an und gehen um 9 Uhr zum Festplatz vor der Schule. Viele wichtige Personen kommen mit Mercedes angefahren, der Vertreter der deutschen Botschaft ist auch schon da. Der Erzbischof von Bobo-Dioulasso, der ebenfalls Anselm Sanou heißt, ist unter den Ehrengästen. Schwester Véronique kommt extra aus Banfora, wir freuen uns sie wieder zu sehen. Wir bekommen Plätze zugewiesen und warten lange, bis endlich die offizielle Feier beginnt. Der Himmel ist bewölkt und es ist nicht so heiß, was das Warten erträglicher macht. Hier in Yéguéresso  wurde ein Collège gebaut mit 4 Klassen. Die erste Klasse wird jetzt im Oktober eingeschult.

Die Feier  wird eröffnet mit einem schwungvollen Tanz afrikanischer Jungen, die uns schon vor 2 Jahren in Koro begeistert haben. Sie werden von Trommelmusik begleitet. Anschließend führen die Jäger in ihren traditionellen Kostümen einen Tanz vor, machen Musik und singen dazu. Es werden  viele Reden gehalten, darunter die des Generalsekretärs des Erziehungsministeriums. Er spricht ausführlich über bevorstehende Schulreformen und auch über die Demokratisierung der Schule, ein Thema, das man sich vor 2 Jahren noch nicht hätte vorstellen können. Die Schule wird nach der in Burkina Faso geschätzten Pädagogin Sogoda Bernadette Sanou benannt, die sich schon in den vierziger Jahren für die schulische Ausbildung von Mädchen einsetzte. Der temperamentvolle Übersetzer von gestern ist auch wieder mit von der Partie und trägt sehr zur Auflockerung der Feier bei.

Nach 2 Stunden Programm werden Geschenke ausgetauscht. Charly bekommt einen schönen geschnitzten Stock. Das Band am Schuleingang wird offiziell durchtrennt, auf dem Schulhof wird ein Mangobaum gepflanzt. Im Anschluss gehen wir in ein Lehrerhaus, wo es Getränke und einen Imbiss geben soll. Die afrikanischen Funktionäre, darunter einige wohlbeleibte Frauen hatten sich aber schon über die Teller hergemacht und bis auf ein paar Erdnüsse und Cashewkerne alles leer gegessen. Die Frauen aus dem Dorf  kochen aber später noch für uns ein Essen.

Der Vertreter der Botschaft isst mit uns und erzählt, dass er seit 8 Wochen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Ouagadougou ist. Außer ihm gibt’s dort noch weitere 6 Mitarbeiter. Er nimmt David und Katrin mit nach Ouaga, sie fliegen morgen zurück nach Deutschland. Die Frau, die fürs Essen verantwortlich ist, ist sehr selbstbewusst. Sie hat 5 Jahre in Kanada Erziehungswissenschaften studiert und bildet jetzt Lehrer aus. Sie fragt uns, ob wir nicht Frauenprojekte finanzieren könnten. Charly erklärt ihr, dass wir uns auf Schulbau konzentrieren und darauf achten, dass möglichst viele Mädchen eingeschult werden, was langfristig den Frauen zugute kommt. Wir finden es toll, dass sie sich engagiert und für die Frauen bessere Bedingungen schaffen möchte, was ja auch dringend notwendig ist.

Gegen 14.30 Uhr verabschieden wir uns, können aber dann doch nicht abfahren, der Pajero springt nicht mehr an. Anschieben ist zwecklos. Unser Busfahrer hilft mit der Batterie aus dem Taxi-Brousse  aus und  eine Stunde später verlassen wir endlich Yéguéresso. Der Jeep fährt vor und wir sind froh, dass sie unterwegs nicht liegen bleiben. Sie fahren in Bobo zu einer Werkstatt und bringen anschließend noch die 12 Hühner und den Ziegenbock zu Anselms Eltern, die in Bobo wohnen.

Wir haben uns derweil in Ruhe den alten Teil von Bobo angeschaut, heute können wir ihn in Ruhe besichtigen. Hier gibt’s Färbereien und ein Fluss läuft durch diesen Stadtteil, indem sich ganz viel Unrat befindet. Schweine suhlen sich dort, an einer anderen Stelle baden Menschen, wieder andere waschen ihre Wäsche in dieser  milchigen Brühe. Dennoch gibt es viele dicke Fische in diesem Fluss. Anselm erzählt uns später, dass diese Fische heilig sind, sie dürfen auf keinen Fall gefangen werden. Wenn sie sterben, werden sie mit einer Trauerzeremonie beerdigt. Wir dürfen fotografieren, die Menschen winken uns alle freundlich zu, manche Kinder kommen, betteln und laufen hinter uns her. Es gibt eine kleine Dolo-Brauerei und einen interessanten Brunnen, der mit deutscher Entwicklungshilfe gebaut wurde. Das Wasser wird hoch gepumpt, die Frauen können das Gefäß auf dem Kopf behalten und stellen sich unter den Wasserstrahl.  Das schwere Heben der Gefäße auf den Kopf bleibt ihnen so erspart.

Bald kommen Anselm, Claudia und Jens mit dem reparierten Auto und wir fahren gemeinsam nach Dafinso. Hier wurde vor 2 Jahren die Grundschule eingeweiht. Wir freuen uns, denn hier hatte es uns damals besonders gut gefallen. Wir kommen gegen 19 Uhr  an, der Empfang ist sehr herzlich, jubelnde und tanzende Kinder begleiten uns zur Schule. Eine Gruppe, bestehend aus 6 Jungen im Alter von 9 bis 12 Jahren, führt  in schönen Kostümen einen akrobatischen Tanz vor. Wir sind alle total begeistert über ihre rhythmischen Bewegungen, die sie in einer unglaublichen Schnelligkeit vorführen. Nach dem Abendessen dürfen wir die Tanzgruppe noch mal erleben. In der Ferne hören wir Discomusik. Einige überlegen kurz hinzugehen, aber irgendwie sind dann doch alle zu müde. Wir bauen die Zelte auf und gehen schlafen.

 

Sonntag, 06.10.2002:

Heute Morgen frühstücken wir ohne jegliche Hektik und Terminstress. Anschließend findet ein Fußballspiel statt, das allen großen Spaß macht. Danach treffen wir uns mit einem Teil der Bevölkerung, u.a. den Lehrern und dem Dorfchef in einem Klassenraum. Anselm erklärt den Leuten, dass wir froh sind über eine so gut funktionierende und lebendige Schule. Er gibt den Lehrern Werkzeuge, um die defekten Bänke zu reparieren, ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, damit sie auf die Schulmöbel achten. Sie bekommen noch nützliche Geschenke für die Schule, die Tanzgruppe freut sich über T-Shirts und Kappen. Die Bevölkerung fragt, ob man nicht in Dafinso ein Collège bauen könnte für die Kinder, die die Grundschule beendet haben. Die nächste weiterführende Schule ist in Bobo, 15 km entfernt und es ist zu gefährlich, die Mädchen dorthin zu schicken. Anselm ermuntert die Leute einen Antrag beim burkinischen Ministerium zu stellen, um eine Genehmigung zu erhalten.

Wir verabschieden uns gegen 10 Uhr, nachdem wir unseren Busfahrer  verarztet haben. Ihm geht’s überhaupt nicht gut, er hat starke Magenkrämpfe und Durchfall. Die Medikamente, die er bekommen hat, helfen schnell und er kann fahren. Er findet aber seinen Schlüssel nicht. Alle suchen hektisch, sein Bruder durchsucht ganz nervös seine Hosentaschen, aber der Schlüssel ist weg. Jacoba geht zum Platz, wo auch er eben Fußball gespielt hat und tatsächlich findet er den Schlüssel im Gras. Noch mal Glück gehabt!

Wir fahren los, unser nächstes Ziel ist Kékélesso, es liegt auf dem Weg nach Satiri, wo wir heute Nachmittag erwartet werden. Wir sind gespannt und neugierig, was uns dort erwartet, wir können uns noch gut an die chaotische Einweihungsfeier vor 2 Jahren erinnern.

Wie so oft werden wir von fröhlichen Kindern begrüßt, die winkend bis zur Schule neben unserem Taxi-Brousse herlaufen. Wir nehmen im Schatten unter einem großen Baum Platz und unterhalten uns zuerst bei einem Getränk mit der Dorfbevölkerung. Es wurde noch ein zusätzliches Schulgebäude von einer kanadischen Organisation gebaut, es fehlt aber das Lehrerhaus, damit ein Lehrer kommt und eine weitere Klasse eingeschult werden kann. Sie fragen, ob der Solidaritätskreis es bauen könnte. Dies wird aber abgelehnt, sie müssen es selbst organisieren. Wir besichtigen anschließend die Schule und sind von der Entwicklung in den letzten beiden Jahren total angenehm überrascht. Der Lehrer hat viel bewegt, er hat mit den Schülern einen großen Garten angelegt und viele Bäume gepflanzt. Charly erklärt dem Schulleiter, dass sie aufgrund ihres großen Engagements nachträglich eine Solarbeleuchtung für einen Klassenraum erhalten. Die Frau des Lehrers hat mit Hilfe einiger Frauen für uns gekocht. Nützliche Geschenke für die Schule werden überreicht, wir bekommen ein weißes Huhn geschenkt. Anselm erklärt uns, dass weiße Hühner wertvoller sind, als die anderen.

Gegen 14 Uhr verlassen wir Kékélesso mit vielen positiven Eindrücken und erreichen eine halbe Stunde später Satiri, wo wir eine schöne vierklassige Schule, ein Verwaltungsgebäude und fünf Lehrerhäuser besichtigen. Um 17 Uhr beginnt der offizielle Teil der Einweihungsfeier. Wir haben Zeit uns ein wenig auszuruhen. Die Temperaturen liegen bei 32° C, aber die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch, das macht müde und träge. Später kommt dann die Präfektin mit dem Direktor und einer Delegation. Sie holen uns ab und wir fahren gemeinsam zu ihrem Wohnhaus, wo es gekühlte Getränke im Innenhof gibt. Anschließend geht’s zur Feier auf einem Festplatz. Es ist mittlerweile dunkel, sie haben mit Generator betriebene Lampen und eine Lautsprecheranlage installiert. Die Boxen  sind völlig überdreht, man versteht kein Wort bei den Ansprachen und die Ohren schmerzen. Die gleiche Tanzgruppe wie vor 2 Jahren ist aufgetreten. Wir haben sie an ihren Kostümen direkt wieder erkannt: Kopfschmuck aus Lametta und als Oberteile ganz normale weiße Büstenhalter. Das Spannendste an der Feier sind die Kinder, die dicht gedrängt rechts und links des Festplatzes sitzen und immer wieder dicke Käfer „wegflitschen“,  die in Scharen unermüdlich auf sie zugekrabbelt kommen.

Im Anschluss gibt es ein Abendessen bei der Präfektin. Sie hat auf der Terrasse einen kleinen schwarz-weiß Fernseher  stehen und wir kommen gerade rechtzeitig zu den  Nachrichten. Ein dreiminütiger Beitrag über die Feier in Yéguéresso wird gesendet, auch ein Auszug aus der Rede von Götz. Nach dem Abendessen erleben wir etwas Witziges: die Präfektin zieht den Fernseher zu sich, dreht Götz, der neben ihr sitzt, den Rücken zu und genießt in Seelenruhe eine Liebesschnulze, ohne sich im Geringsten um ihre Gäste zu kümmern. Wenn wir uns unterhalten, macht sie den Fernseher etwas lauter, damit sie alles versteht. Wir kommen uns wie im „falschen Film“ vor. Wir nehmen es mit Humor und versuchen uns die gleiche Situation in Deutschland vorzustellen.

Um 22 Uhr gehen wir noch mal zum Dorfplatz, es gibt noch einen Maskentanz zur Feier des Tages. Wir warten etwa eine halbe Stunde bis der Tanz beginnt. Die Präfektin verabschiedet sich allerdings schon nach einer Viertelstunde mit der Bemerkung, sie sei müde – böse Zungen behaupteten, es gebe eine neue Schnulze im Fernsehprogramm. Die Musiker eröffnen mit Sprechtrommeln den Tanz, die ersten Masken treten auf. Jede Maske hat eine andere Bedeutung, sie stellen u.a. Freude, Friede, Ernte, die gute Mutter, Zusammenarbeit usw. dar. Schade, dass wir die tieferen Hintergründe dieser Tänze nicht näher kennen. Die Masken kommen ganz nah zu uns, wir dürfen sie berühren. Die Atmosphäre beim Maskentanz wird durch Wetterleuchten am Horizont bereichert. Die Tänze sind super, ich bin glücklich so etwas miterleben zu dürfen. Um 0.30 Uhr liegen wir dann alle tot müde in unseren Zelten, bevor es draußen heftig anfängt zu regnen. Die Tropfen prasseln laut auf das Blechdach, ein schönes Geräusch zum Einschlafen. Die Bevölkerung freut sich sehr über den Regen, sie brauchen ihn noch dringend für ihre Ernte.

 

Montag, 07.10.2002:

Nach dem Frühstück warten wir auf die Präfektin, die sich noch von uns verabschieden will. Mit einer Stunde Verspätung kommt sie von Schulleiter, Lehrern, Dorfchef und einigen Leuten aus Satiri begleitet. Es werden Geschenke ausgetauscht, wir bekommen eine Ziege und für jeden einen selbst genähten Jägeranzug. Das weiße Huhn aus Kékélesso schenken wir unserem Nachtwächter, er freut sich riesig. Die Ziege wird aufs Dach gebunden, wir nehmen sie mit nach Ouagadougou zu Marie-Thérèse.

Kurz nach 9 Uhr verlassen wir Satiri und machen uns auf den langen Weg zurück nach Ouaga.  In Koro machen wir eine Stippvisite und besuchen die Schule, deren Erweiterungsbau vor 2 Jahren eingeweiht wurde. Sie haben heute ihren 1. Schultag nach den Ferien. Wir besuchen die einzelnen Klassen, im 1. Schuljahr sitzen 115 Kinder dicht gedrängt in den schmalen Schulbänken. Die Schüler sind sehr diszipliniert, nicht zu vergleichen mit unseren Schülern. Sie werden wohl auch sehr streng erzogen.

Obwohl wir nur wenig Zeit haben, besichtigen wir kurz das alte Dorf Koro. Es liegt auf einem riesigen Felsplateau, wir kraxeln in der Mittagshitze den schmalen beschwerlichen Pfad hinauf. Oben angekommen, werden wir mit einem wunderschönen Blick in das weite Land entschädigt. Das Dorf selbst ist ebenfalls sehenswert. Die Hütten sind zum Teil in die Felsen hinein gebaut, manche Lehmbauten wunderschön verziert, viele Fetische stehen herum.

Wir gehen zurück, essen zu Mittag und setzen unsere Reise fort, es sind noch 300 km zurückzulegen. Die Fahrt ist anstrengend, es ist sehr heiß, mich plagt ein fürchterlicher Schnupfen. Wir machen einen Halt in Boni, es liegt direkt an der Straße, sie haben einen Antrag für eine Schule gestellt. Im Dorf selbst wusste niemand, dass wir vorbeikommen, die Nachricht ist wohl nicht angekommen. Außer süßen kleinen Schweinchen hat uns niemand empfangen. Wir bestaunen noch einen wunderschönen gepflegten Bauerngarten und fahren weiter.

Nach der Hälfte der Strecke machen wir eine Pause, um etwas zu trinken. Hier haben wir letzten Sonntag auf der Hinreise ebenfalls angehalten. An der Straße stand ein riesiger LKW mit ausgebautem Motor. Der Fahrer lag auf einer Strohmatte unter  seinem LKW. Der Truck steht heute noch an der gleichen Stelle, der Fahrer liegt immer noch unter seinem LKW und der ausgebaute Motor ist noch nicht bewegt worden. Ob er jemals repariert wird?

Wir freuen uns auf den Abend bei Anselm zu Hause. Es wird dunkel und wir haben noch eine längere Strecke vor uns. Es ist nicht ungefährlich in der Dunkelheit. Die Straße hat keinerlei Beleuchtung, es gibt weder Mittel- noch Seitenstreifen. Dicke Lastwagen kommen uns entgegen, sie denken gar nicht daran abzublenden und fahren viel zu schnell. Fahrradfahrer und Fußgänger sind nicht zu sehen. Einige LKWs fahren ganz ohne Licht. Wir sind alle etwas angespannt und freuen uns, als wir endlich gegen 21.00 Uhr Ouaga erreichen. Es regnet stark, überall stehen große Pfützen. Wir werden mit einem guten Abendessen bei Marie-Thérèse für den anstrengenden Tag entschädigt. Jeder verschwindet bald im Zelt und ich freue mich auf eine Dusche am Morgen.

 

Dienstag, 08.10.2002:

Um 6 Uhr beginnt die große „Duschorgie“, wir wollen alle die Haare waschen, wer weiß, wann es noch mal fließendes Wasser gibt. Wir genießen  ein gutes Frühstück und um 9 Uhr fahren wir zu unserem nächsten Ziel Nohoungo. Unterwegs halten wir kurz an, um einen gigantischen Affenbrotbaum, der links am Straßenrand steht, zu fotografieren.

Etwa 3 km vor Nohoungo kann unser Taxi-Brousse nicht weiterfahren, der Weg durch eine Furt ist wegen des starken Regens gestern nicht passierbar. Rita, Wolfgang und ich möchten 2 Tage in Nohoungo bleiben. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als das Gepäck, das wir benötigen, zu Fuß ins Dorf zu tragen. Alle packen mit an und begleiten uns. Die Bewegung tut gut nach dem langen Sitzen im Bus, aber die Hitze macht uns schon zu schaffen. Unterwegs kommt ein Allrad an, hält und der Haut Commissaire der Provinz steigt aus und wandert mit uns nach Nohoungo, ein bisher einmaliger Empfang. Im Dorf angekommen, werden wir herzlich begrüßt. Der Krankenpfleger und die Hebamme kommen und heißen uns willkommen. Hier in Nohoungo hat der Solidaritätskreis vor einigen Jahren eine Krankenstation und eine Geburtenstation gebaut und in diesem Jahr einen Schulerweiterungsbau sowie 3 Lehrerhäuser. Der Koch, der auch die nächsten 2 Tage für uns das Essen bereitet, hat das Mittagessen auf den Tisch gestellt. Er sieht ziemlich ungepflegt aus. Wir nehmen den Deckel vom Gemüsetopf und eine Hühnerkralle streckt sich uns entgegen. Wie köstlich! Heike geht es gar nicht gut, sie hat Magenkrämpfe und Brechdurchfall. Sie kann den Weg zum Bus nicht zurückgehen, ein Moped fährt sie zurück. Wir verabschieden unsere Gruppe, die weiter nach Baskouré und Bilanga fährt, um dort die Schulen zu besichtigen.

Wir genießen erstmal die Ruhe, schlagen unsere Zelte vor einem noch nicht ganz fertig gestellten Lehrerhaus auf und ich nehme das erste Mal mein Buch aus dem Rucksack, um zu lesen. Es ist sehr heiß, so um die 40°C. Abends kommt der Koch und bereitet unser Essen. Rita hat ihm erklärt, dass wir kein Fleisch möchten, er soll uns lieber frittierte Yams machen und wir würden am liebsten Obst essen. Wir sitzen draußen und essen im Licht unserer Taschenlampen. Anschließend genießen wir den wunderschönen Sternenhimmel. Das einzige Licht weit und breit ist das Wetterleuchten am fernen Horizont. Immer wieder kommen Leute aus dem Dorf vorbei und schütteln uns die Hände. Die Hebamme, eine sehr gepflegte und moderne Frau, schaut noch mal kurz vorbei. Wir gehen früh schlafen. Ein Nachtwächter mit einer riesengroßen Machete  bewacht uns, ich fürchte mich aber ein wenig vor ihm. Die ganze Nacht hindurch hört man die Grillen zirpen, am frühen Morgen stimmen unzählige Vögel mit ein, das Ganze ergibt einen wunderschönen tropischen Gesang.

 

Mittwoch, 09.10.2002:

Wir lassen den Morgen gemütlich angehen. Der Koch taucht auf und bereitet unser Frühstück zu, gebratene Eier. Um 9.15 Uhr gehen wir zum Schulhof, der gleichzeitig Festplatz ist. Es findet zuerst ein Fußballspiel statt, wir sitzen im Schatten und schauen zu. Die wenigsten Spieler haben Fußballschuhe, viele spielen in Badelatschen oder barfuss. Anschließend besichtigen wir den Erweiterungsbau. Er ist noch nicht fertig gestellt, die Dorfbevölkerung hat nicht rechtzeitig Sand und Steine gesammelt.

Nach einem traditionellen Tanz und einer kurzen Begrüßungsrede von Jaques Silga, dem Initiator der Krankenstation, hält Rita in Vertretung für Götz eine Rede. Sie spricht ebenfalls sehr gut französisch und erklärt, dass die  Bevölkerung keine Solarbeleuchtung erhält,  da der Solidaritätskreis mit der Arbeitshaltung der Bevölkerung nicht zufrieden sei und dem Verein dadurch höhere Kosten entstanden seien. Mitten in ihrer Rede wird es Rita schlecht, sie bekommt schlimme Magenkrämpfe und Brechdurchfall. Sie muss sich sofort hinlegen. Ich begleite sie in unser Quartier und Wolfgang übernimmt den weiteren offiziellen Teil. Der Krankenpfleger kommt und gibt Rita Medikamente. Alle sind sehr hilfsbereit und viele Leute aus dem Dorf schauen nach ihr. Nachmittags geht es ihr wieder  etwas besser.

Der Sohn vom Koch ist Schneider, er kommt mit einem Stoff vorbei, der mir gut gefällt. Er nimmt Maß und näht mir bis zum nächsten Tag ein typisch afrikanisches Kleid. Es ist unerträglich heiß und schwül, bis ein Gewitter die Luft etwas abkühlt. Nach dem Gewitter besuchen Wolfgang und ich die ehemalige Dorfchefin von Nohoungo und bringen ihr ein Frauengeschenk. Sie heißt Clarisse und wohnt mit ihren drei Kindern in einem gepflegten Gehöft. Sie freut sich sehr über unseren Besuch. Ihr Mann arbeitet an der Elfenbeinküste und er war schon im dritten Jahr nicht mehr zu Hause. Am Haus müsste einiges repariert werden, was sie nicht machen kann. Sie bestreitet den Alltag alleine mit ihren Kindern. Eine bewundernswerte Frau, die immer noch auf ihren Ehemann wartet, obwohl sie insgeheim wohl ahnt, dass er nie mehr kommen wird. Er hat wahrscheinlich wie viele andere Männer, die zur Elfenbeinküste gegangen sind, eine neue Familie gegründet. Clarisse ist eine wunderschöne Afrikanerin, so um die vierzig. Ihr hartes Leben, alleine den Alltag zu bestreiten, hat ihren Gesichtsausdruck geprägt. Sie hat Tränen in den Augen, als sie uns erzählt, wie lange ihr Mann schon weg ist.

Wir verabschieden uns von ihr und auf dem Rückweg kommen wir am Dorfbrunnen vorbei. Wir setzen uns auf eine Bank und beobachten eine Weile das Geschehen. Viele junge Mädchen tragen schwere Schüsseln mit Wasser auf dem Kopf nach Hause. Sie helfen sich gegenseitig die schweren Gefäße auf den Kopf zu heben, alleine würden sie es gar nicht schaffen. Ein kleiner molliger Junge sitzt neben mir. Mit kritischem Blick passt er gut auf, dass ich ihm nicht zu nahe komme.

Wir gehen noch einmal zum Festplatz, wo die Bevölkerung noch fleißig feiert, bevor wir uns in unser Lehrerhaus zurückziehen und dort noch eine Kleinigkeit zu Abend essen. Die Zelte haben wir aufgrund des Gewitters innen aufgebaut. Es war ein aufregender Tag und wir gehen früh schlafen. Ich muss noch lange über das Schicksal von Clarisse nachdenken, zumal sie auch keine Chance hat, ihr Leben zu ändern.

 

Donnerstag, 10.10.2002:

Rita geht es wieder gut! Gott sei Dank! Suleyman, unser Koch, macht das Frühstück. Großen Appetit haben wir hier alle drei nicht. Der Koch hat alle Lebensmittel auf dem Boden ausgebreitet, ständig stehen Männer aus dem Dorf in der „Chaosküche“ um ihn herum und halten ein Schwätzchen. Ich denke für mich, dass sie besser ihren Frauen bei der Feldarbeit helfen sollten! Viele kommen, um nach Rita zu schauen, sie würden im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles tun um zu helfen. Es ist gut gemeint, aber das viele Händeschütteln ist anstrengend, da wir keinerlei Möglichkeit haben, uns zurückzuziehen.

Die Hebamme kommt auch und erzählt uns stolz, dass in der Nacht  zwei Babys zur Welt gekommen sind, ein Junge und ein Mädchen. Nach dem Frühstück gehen wir zur Entbindungsstation, ca. 200 m entfernt, um den jungen Müttern ein Geschenk zu überreichen. Sie haben beide ihr erstes Baby bekommen und waren höchstens 17 Jahre alt. Die Schwiegermütter haben sie in der Nacht zur Station begleitet, in der sie sich nach der Geburt noch 6 Stunden ausruhen und dann oft kilometerweit zu Fuß nach Hause gehen. Beide Frauen sehen sehr mitgenommen aus und haben einen Dammschnitt. Zwei oder drei Tage Ruhe und Pflege hätten ihnen sicherlich gut getan. Sie freuen sich sehr über unser Geschenk. Die Schwiegermütter binden sich die frisch geborenen Säuglinge auf den Rücken und begleiten ihre Schwiegertöchter zurück in ihre Dörfer. Von den Vätern keine Spur! Diese Situation macht mich sehr nachdenklich und mir kommen die Tränen. Die Frauen haben ein sehr hartes Leben in diesem Land. Die Hebamme zeigt uns den Kreissaal, für afrikanische Verhältnisse ist er sehr gut ausgestattet und sehr sauber. Eine Entbindung kostet für das Erstgeborene umgerechnet  12 Euro und für jedes weitere Kind 9 Euro. Die Geburtenstation in Nohoungo genießt einen sehr guten Ruf und wird stark frequentiert. Die Hebamme ist sehr aufgeschlossen und erzählt uns, dass die Mädchen immer noch zum größten Teil beschnitten werden. Es sind aber nicht die Väter, sondern sehr oft die Großmütter, die an dieser furchtbaren Tradition festhalten.

Anschließend besuchen wir die Krankenstation, die direkt gegenüberliegt. Eine Frau sitzt vor dem Eingang mit ihrer kleinen Tochter, die sehr hohes Fieber hat. Der Krankenpfleger zeigt uns alle Räume. Die Krankenstation macht einen guten Eindruck. In der kleinen Eingangshalle steht ein Krankenwagenhänger, den man an ein Moped anspannen kann. Wenn er dringend benötigt wird, gibt’s ein Problem, da in einem Reifen keine Luft ist. Überall hängen Plakate, die vor Aids warnen. Sie sind so gestaltet, dass sie auch für Analphabeten verständlich sind. Rita fragt den Krankenpfleger, ob es hier auch Infizierte gibt, was er leider bestätigen muss.

Langsam und nachdenklich gehen wir zu unserem Quartier zurück. Um 11 Uhr haben wir schon 40°C. Wir packen unsere Sachen zusammen und essen zu Mittag.  Der Koch hat sich heute zu unserem Abschied richtig viel Mühe gegeben.

Ein Junge aus dem Dorf bringt unser Gepäck mit einem Eselsgespann zum Bus zurück. Er ist froh, dass er sich ein wenig Geld verdienen kann. Um 14.30 Uhr haben wir uns mit unserer Gruppe an der Furt verabredet. Wir laden alles auf den Karren, eine Ziege, die wir geschenkt bekamen, binden wir hinten dran und die 2 geschenkten Hühner hält der Junge kopfüber in der Hand. So verlassen wir Nohoungo, viele Leute sind gekommen um sich zu verabschieden. Ein kleiner Esel läuft hinter uns her, da es seine Mutter ist, die den Karren zieht. Wir sind froh, dass wir nur uns selber tragen müssen in dieser Mittagshitze.

Unterwegs sehen wir eine Schlange, die sich gerade einen Frosch aus einer schlammigen Pfütze geschnappt hat und in Windeseile im hohen Hirsefeld verschwindet. Wir hören nur noch den Frosch jämmerlich quaken, bis sie ihn ganz verschlungen hat.

In der Ferne erblicken wir unseren roten Bus und freuen uns, die Anderen wieder zusehen. Sie haben viel zu erzählen. Heike ist wieder fit, dafür hat es Nike erwischt. Wir fahren zurück nach Ouagadougou. Unterwegs berichten sie uns, dass die Schulen, die sie in den letzten beiden Tagen besucht haben, ebenfalls nicht fertig gestellt sind und die Arbeitshaltung  der Dorfbevölkerung sehr zu wünschen übrig lässt.

Gegen 17.00 Uhr erreichen wir Ouaga. Die Stadtatmosphäre ist uns mittlerweile schon vertraut. Wir fahren zum Village Artisanal, einem modernen Gebäude, in dem man afrikanische Kunst erwerben kann. Die Preise sind etwas teurer als auf dem Markt, dafür kann man aber stressfrei kaufen. Jeder erwirbt noch ein paar Mitbringsel für zu Hause und zusammen kaufen wir ein Geschenk für Claudia, die heute Geburtstag hat und uns alle im Restaurant von AMPO erwartet. Mit Jens, Petra, Anette und den Mädchen aus dem  Heim hat sie ein tolles Büfett vorbereitet, es gibt kühle Getränke und wir  genießen den schönen Abend in der netten Gesellschaft.

 

Freitag, den 11.10.2002:

Unser letzter Tag. Nach dem Frühstück packen wir schon alles zusammen, da bald viel Besuch aus verschiedenen Dörfern kommt, die mit Anselm, Charly und Götz Verträge besprechen und abschließen. Die drei haben heute Morgen noch ein volles Programm und arbeiten bis zum Mittag.

Einige fahren noch mal zum Markt in der Stadt, um Besorgungen zu machen, Wolfgang besucht seine ehemalige Arbeitsstelle in Ouaga, Rita und ich den  kleinen Markt direkt um die Ecke, wir wollen noch unser letztes Geld ausgeben.

Rita macht ein Foto von einer schönen Afrikanerin mit ihrem bunten Obst- und Gemüsestand. Die Frau lächelt uns freundlich zu, sie hat also nichts gegen ein Bild. Aus dem Hintergrund kommt plötzlich ein aggressiver junger Mann und behauptet, wir hätten ihn fotografiert. Er fasst Rita am Arm und verlangt viel Geld für dieses Foto. Rita versucht ihm verständlich zu machen, dass sie ihn gar nicht fotografiert hat. Er lässt nicht locker und wir bekommen Angst. Die Leute links und rechts beobachten uns, wir bitten sie um Hilfe, aber alle halten sich zurück. Rita macht instinktiv das Richtige: sie befreit sich von der Angst, indem sie laut schreit. Mittlerweile ist  der ganze Markt auf uns aufmerksam geworden. Der junge Mann weicht ein paar Meter zurück, lässt aber  nicht locker. Er scheint drogenabhängig zu sein und braucht dringend Geld. Wir fordern ihn auf mitzukommen, da wir nicht so viel Geld bei uns hätten und er folgt uns zusammen mit vielen Marktbesuchern, die neugierig sind, was weiter passiert. Wir retten uns in Anselms Innenhof und erzählen aufgeregt, was wir erlebt haben. Anselm fragt den jungen Afrikaner, was er will, und redet vehement auf ihn ein, unterstützt von vielen Beobachtern. Der junge Mann wird plötzlich ganz kleinlaut und möchte sich  bei uns entschuldigen. 

Nach dem Mittagessen fahren wir zum Flughafen, um unser Gepäck aufzugeben. In der Warteschlange vor dem Gepäckschalter erwischt es mich plötzlich mit Brechdurchfall. Abends gibt es ein großes Abschiedsessen bei Anselm mit vielen geladenen Gästen. Charly hat noch eine besondere Überraschung für Marie-Thérèse und Anselm: er lädt sie für nächstes Jahr mit den Kindern nach Deutschland ein.

Gegen 21.30 Uhr fahren wir zum Flughafen. Die ganze Familie Sanou kommt mit und viele afrikanische Freunde erwarten uns am Flughafen, um uns zu verabschieden. Es ist ein herzlicher Abschied. Um 23 Uhr startet unser Flugzeug Richtung Paris. Ich freue mich auf zu Hause. Wir haben einen angenehmen Rückflug und landen am Samstagmorgen gegen 6 Uhr in Paris.

 

Samstag, 12.10.2002:

Wir holen unser Riesengepäck vom Band, nachdem wir die Passkontrollen passiert haben. Charly, Götz und Hans fahren mit einem Bus, um die geparkten Autos abzuholen, wir passen derweil auf das Gepäck auf. Wir sitzen draußen und es ist kalt. Jeder denkt mit Schrecken an die fünf Stunden Fahrt, die wir noch vor uns haben. Aber erst werden wir noch an der nächsten Raststätte frühstücken: Croissants und Kaffee. Ich freue mich darauf. Mir wird jetzt erst bewusst, dass wir auf vieles in den letzten 2 Wochen verzichtet haben. In Afrika habe ich nichts vermisst. Es war gut so wie es war. Ganz ohne Hindernisse soll unsere Reise wohl nicht zu Ende gehen. Hans  hat eine Reifenpanne. Wir haben aber Glück, es passiert an der Raststätte. Gegen 14 Uhr sind wir wieder zu Hause.

Viele neue Eindrücke habe ich gesammelt.  Ich bin froh und dankbar, dass ich mit unserer Gruppe die Gastfreundschaft, die aufrichtige Freundlichkeit  und Fröhlichkeit dieser Menschen erleben durfte. Sie haben soviel, was uns verloren gegangen ist. Die Frauen haben zum größten Teil ein sehr hartes Leben, dennoch tragen sie ihr Schicksal mit einer unglaublichen Würde. Es ist so wichtig, dass die Mädchen eine Schule besuchen können, damit sie überhaupt eine Chance haben, später ein etwas angenehmeres Leben zu führen.