Reise nach Burkina Faso

Marianne Bischoff 

Samstag, 30.09.2000: Um 17.00 Uhr landen wir in Ouagadougou. Beim Aussteigen aus dem Flugzeug schlägt uns eine wahnsinnige Hitze entgegen und man ist in einer anderen Welt. Der Empfang auf dem Flugplatz ist herzlich, wir werden alle in einen Bus gepackt, das Gepäck oben drauf und ab geht’s durch die Stadt zu Anselms Haus. Die Eindrücke bei dieser kurzen Busfahrt kann ich nicht in Worte fassen – viele stinkende knatternde Mopeds, tausend Fahrräder, ein paar Esel, die Karren ziehen und uralte Autos bewegen sich – für meine Begriffe – völlig ohne Regeln auf der Straße. Links und rechts leben die Menschen in kleinen Hütten, nur die Hauptstraße ist geteert. Alles ist schmutzig und staubig. Bei Anselm angekommen, sind wir alle k.o. von der anstrengenden Reise. Petra und Bernhard erzählen uns im Bus, dass Marie-Thérèse, die Frau von Anselm, mit 5 anderen Frauen von morgens 06.00 Uhr an für uns gekocht hat. Es sind viele Afrikaner aus verschiedenen Dörfern da, die mit Charly, Götz und Anselm über geplante oder neue Projekte reden wollen.

Sonntag, 01.10.2000: Morgens um 05.00 Uhr werden wir vom Hahn geweckt, das erinnert mich an meine Kinderzeit auf dem Bauernhof. Wir  duschen schnell und fahren mit Maurice und seiner Frau Chantal zur Kirche. Gottesdienst in Afrika, morgens um 06.00 Uhr, ein schönes Erlebnis. Viele Menschen stehen oder sitzen auf mitgebrachten Höckerchen vor der Kirche. Die Mopeds und Fahrräder werden im Innenhof der Kirche geparkt und bewacht, bis die Messe zu Ende ist. Ein tolles Bild. Der Gottesdienst wird in der Landessprache Moré abgehalten, wir verstehen nichts,  aber die Rituale sind die Gleichen. Ein Kinderchor singt in Begleitung von Trommelmusik. Die Leute haben alle schöne Kleider an und ich kann mich nicht satt sehen an all den interessanten Gesichtern. Nach dem Gottesdienst frühstücken wir auf der Terrasse bei Maurice.

Gegen 10.00 Uhr sind wir startklar und machen uns auf den Weg nach Koro (350 km). Wir sitzen mit 15 Personen im Bus, für unsere Verhältnisse eng, für afrikanische Verhältnisse luxuriös. Am Ausgang von Ouagadougou werden wir kontrolliert, keiner weiß so richtig warum, aber wir dürfen dann auch bald weiterfahren. Nach etwa einer Stunde Fahrt liegt rechts der Straße ein Markt. Charly meint spontan, dass wir diesen unbedingt für die „Neuafrikaner“ besuchen müssen. Das war eine gute Idee. So ein Leben und Treiben und Gewusel – unglaublich! Viele Frauen hocken auf der Erde und kochen, alles ziemlich undefinierbar und für uns wohl nicht unbedingt empfehlenswert. Leider kann man die Gerüche und die Stimmen nicht aufschreiben, das muss man im Kopf speichern. Die Fahrt nach Koro ist sehr anstrengend, an die vielen Schlaglöcher in der Straße muss man sich erst gewöhnen.  Landschaftlich ist die Fahrt sehr reizvoll, es wird immer grüner und der Busch immer dichter. Überall stehen Leute an der Straße und winken, sie treiben ein paar magere Kühe umher oder haben einen Esel vor einen Karren gespannt und transportieren Holz. Man sieht auch viele Frauen, die Holz auf dem Kopf nach Hause tragen. Einige Kinder spielen in den Pfützen an der Straße, es hat kurz vorher geregnet. Die Eindrücke rechts und links der Straße sind unglaublich interessant, immer wieder kleine Dörfer, mit Bildern, die ich nie wieder vergessen werde.

Plötzlich, mitten auf der Straße stehen Jäger, halten uns an und schießen in die Luft, es ist die Eskorte, die uns abholt, um uns ins Dorf zu begleiten. Wir fahren links von der Straße ab, auf einen holprigen mit tiefen Löchern übersäten Weg, vor uns die Eskorte, die immer wieder voller Freude in die Luft schießt – auch ein Zeichen für die Leute im Dorf, dass die Gäste kommen. Nach etwa 2 km Holperpiste begrüßen uns rechts und links des Weges singende und klatschende Kinder in ihren Sonntagsanzügen, ich bin total gerührt und mir geht’s nicht alleine so. Endlich angekommen, wird unser Bus sofort von der Dorfbevölkerung belagert, die zwei Stunden auf uns gewartet hatte, aber 2 Stunden Verspätung ist wohl normal in Afrika.

Wir haben keine Zeit, uns für die Festlichkeiten etwas frisch zu machen, kaum aus dem Bus ausgestiegen, müssen wir uns zu der offiziellen Feierstunde zur Eröffnung des Schulneubaus in extra organisierten Sessel setzen und die Animation geht los. Die Kinder lugen überall vorwitzig durch die Erwachsenen hindurch, viele sind auf die Eukalyptusbäume geklettert um alles zu sehen. Es werden einige Tänze aufgeführt, natürlich mit Trommelmusik, einfach Klasse! Nachdem die Reden beendet sind, gibt es die Gastgeschenke und Charly überreicht Geschenke für die Kinder und Lehrer. Anschließend gibt es ein leckeres Abendessen. Es ist schon ganz dunkel, ein Dorfbewohner leuchtet uns während des Essens mit einer Handlampe, ein anderer treibt eine Glühbirne mit einem Dynamo an. Nachdem wir gegessen haben, warten schon viele Dorfbewohner darauf, die Schüsseln und Teller leer zu putzen, was sie dann auch ganz schnell tun.

Wir übernachten in der neu gebauten Schule in einem Klassenraum. Die Zelte müssen wir im Dunkeln aufbauen, aber mit Taschenlampen und ein paar Grablichtern ist das kein Problem.. Nachdem wir unsere Nachtstätten fertig haben, gehen wir noch mal zum Festplatz, um über die tanzenden und trommelnden Menschen zu staunen. Manche haben mittlerweile schon zuviel Dolo (Hirsebier) getrunken. Die Kinder liegen überall herum und schlafen, man muss tierisch gut aufpassen, dass man nicht drauftritt, weil sie im Dunkeln so schlecht zu sehen sind. Charly fängt plötzlich an zu tanzen, viele kommen gelaufen, schauen zu und klatschen, auch Marianne mischt sich unter die Tanzenden. Ich lege mich gegen 22.15 Uhr mit tausend neuen Eindrücken völlig erschöpft ins Zelt und habe trotz harter Isomatte und völlig fremder Umgebung total gut geschlafen, natürlich mit Ohrstöpsel, denn draußen wird noch laut getrommelt und wild gefeiert. 

Montag, 02.10.2000: Pünktlich um 06.00 Uhr werden wir vom Hahnengeschrei geweckt, alles krabbelt aus den Zelten und jeder versucht auf seine Art die Morgentoilette zu verrichten Wir schlagen unsere Zelte ab, laden alles auf den Bus und frühstücken gemütlich. Gegen 09.00 Uhr verabschieden wir uns herzlich und besichtigen, bevor wir unser neues Ziel ansteuern, noch das  alte Dorf  Koro“. In dieses Dorf gelangt man nur über einen steinigen Pfad, es liegt auf einer Anhöhe, landschaftlich unglaublich schön. Ganz viel Vogelgezwitscher und zwei Esel begrüßen uns am Eingang des Dorfes. In Koro selbst fühlt man sich in eine Zeit zurückversetzt, die weit vor dem Mittelalter liegen muss. Ein großer Baum voller Webervögelnester und eine Farbenpracht von Hunderten von Vögeln begrüßen uns. Die Leute sind unglaublich arm, das kann man nicht beschreiben, das muss man sehen. Sie leben fern von jeglicher Zivilisation. Vier kleine Schweine kreuzen den Weg und sind in einer Hütte verschwunden. Es sind nicht viele Leute im Dorf, die meisten sind auf den Feldern. Es gibt keinen Friedhof, die Toten werden neben ihren Wohnhäusern begraben, mit Ausnahme des Dorfchefs, der bekommt ein besonderes Grab. Auf einer Anhöhe am Ende des Dorfes hat man einen tollen Ausblick über das weite Land, in der Ferne ist ein wunderschöner Wasserfall zu sehen, wir haben aber leider keine Zeit, dorthin zu fahren, da wir um 11.00 Uhr in Moussobadougou erwartet werden.

Wir machen uns dann auch auf den Weg dorthin. Die Temperaturen sind noch angenehm, es hat in der letzten Nacht geregnet, was bedeutet, dass die Fahrt nach Moussobadougou auf der Piste zum Abenteuer wird. Einmal müssen wir aussteigen, der Bus hat sich festgefahren, aber mit kräftigem Schieben kann der Bus schnell befreit werden und wir können weiterfahren. An beiden Seiten der Piste liegen Baumwoll- und Maisfelder. Nach zehn Minuten sitzen wir erneut in einem Schlammloch, es hat gescheppert, aber außer dass wir das Ersatzrad verloren haben, ist nichts passiert. Es wird  provisorisch auf dem Dach festgemacht, der Bus wird wieder aus dem Schlammloch geschoben und weiter geht’s. Mit einer Stunde Verspätung, gegen 12.00 Uhr werden wir ca.1 km vor dem Dorf von einer Eskorte begrüßt und zum Dorf gebracht, diesmal ohne Salutschüsse.

Kaum aus dem Bus ausgestiegen, fängt die Feier auch schon an. Wir bekommen einen Begrüßungstrunk gereicht,  es werden wieder Tänze vorgeführt, Reden geschwungen und Geschenke ausgetauscht. Anschließend besichtigen wir die Schule, wo die Kinder dichtgedrängt in den Bänken sitzen und uns mit großen erwartungsvollen Augen anschauen. In dem Lehrerhaus neben der Schule bekommen wir ein leckeres Mittagessen. Der To wird aus Hirse zubereitet und ist das Hauptnahrungsmittel hier.  Das Menü, das man uns serviert, bekommen wohl 90% der Dorfleute nie zu essen. An Getränken gibt es Wasser, Limo. Cola, Rotwein und Whisky. Ich trinke ein halbes Glas Rotwein und bin anschließend total müde, die Hitze tut ihr übriges. Wir sitzen hier mit dem ganzen Dorf zusammen. Es wird getanzt, gesungen, geklatscht, getrommelt. Von den Temperaturen ist es ziemlich erträglich. Gerade durfte ich ein kleines Baby auf den Arm nehmen, ein Höhepunkt des heutigen Tages. Wir haben jetzt 17.45 Uhr und werden gleich in einem Klassenraum unsere Zelte aufbauen, bevor es dunkel wird.

Das Fest findet praktisch auf dem Platz vor der Schule statt, für die Leute im Dorf ist die Einweihung eine Riesenattraktion,  sie feiern, wenn überhaupt, höchstens einmal im Jahr ein Fest, dementsprechend ist das ganze Dorf auf den Beinen, sie tanzen und feiern die ganze Nacht hindurch. Die Frauen haben ihre Kinder auf den Rücken gebunden, sie schlafen in einer Seelenruhe bei dem ganzen Lärm. Vor der Schule haben die Leute eine Musikanlage aufgebaut, die von einem laut knatterndem Generator angetrieben wird. Laute krächzende Discomusik ertönt aus zwei Lautsprechern, gemischt mit Trommelmusik, von Trommlern, die ohne Unterbrechung von mittags 12.00 Uhr bis  07.00 Uhr morgens getrommelt haben – unglaublich.

Gegen 19.30 Uhr essen wir zu Abend. Anschließend sitzen wir bei Bier und Wein zusammen und unterhalten uns. Die Präfektin (Landrätin) setzt sich zu uns und erzählt über die Situation hier, Anselm übersetzt: Es gibt immer noch Frauen, die als Mädchen beschnitten werden, aber nicht mehr so viele, wie noch vor einigen Jahren – Gott sei Dank. Sie erzählt ein wenig über die Kultur der Peul, ein Nomadenvolk, das aber seit etwa 40 Jahren hier sesshaft ist. Sie heiraten niemals jemanden von einem anderen Stamm. Die Mädchen werden als Kinder im Alter von 7 Jahren  in eine andere Familie gebracht und leben dort bei der zukünftigen Schwiegermutter bis sie dann nach der Pubertät offiziell mit dem „Versprochenen“ zusammenziehen. Sie können die Ehe verweigern, sind aber dann von beiden Familien ausgestoßen. Es gibt hier Heime, die dann diese ausgestoßenen Mädchen aufnehmen.

Auf dem Fest sind einige Frauen und Mädchen vom Stamm der Peul, wunderschöne, stolze Frauen, mit schönen Kleidern, sie heben sich ab von den anderen Frauen. Charly und Götz schwärmen den ganzen Abend von den Peul-Frauen und meinen, es ist wirklich schade, dass sie schon mit 7 „verheiratet“ werden. Ich bin so gegen 22.00 Uhr mit der nötigen Bettschwere in mein Zelt gekrochen und kann trotz wahnsinnigen Lärms von draußen (was auch die ganze Nacht nicht aufhört) einigermaßen gut schlafen. Viele haben in dieser Nacht kein Auge zugemacht, denn die Discomusik krächzt laut und die Trommler sind unermüdlich. 

Dienstag, 03.10.2000: Ich bin um 06.30 Uhr aufgestanden, draußen tanzen immer noch Leute, viele liegen herum von der durchzechten Nacht. Ich will duschen, aber es gibt nur wenig Wasser, so mache ich, wie die Tage vorher Katzenwäsche in meiner Faltschüssel. Da ich immer meinen Hut aufhabe, ist es auch egal, wie meine Haare aussehen. Wir packen unsere Sachen zusammen, alles kommt aufs Busdach und wir gehen in ein Lehrerhaus zum frühstücken. So langsam machen wir uns bereit zur Weiterreise. Götz macht mich noch auf die „Schulklingel“ aufmerksam: eine alte Autofelge hängt am Baum auf dem Schulhof, wo der Lehrer dann mit einem Eisenstab dagegen schlägt. Wir werden herzlich verabschiedet und verlassen um 09.00 Uhr  winkend das Dorf Moussobadougou, was übersetzt heißt: „Das Dorf der dicken Frauen“. Wir zählen mittlerweile 17 im Bus, denn 2 Hühner begleiten uns, die wir in Koro zum Abschied bekommen haben. Drei Männer begleiten uns mit einem Auto aus dem Dorf, sie fahren voraus und zeigen uns den Weg, den wir alleine wohl nicht finden würden. Zum Glück hat es in der letzten Nacht nicht geregnet, die Straße wäre dann unpassierbar, es ist so schon eine sehr holprige Angelegenheit, aber wir müssen nur einmal aussteigen und schieben. Wir kommen nur sehr langsam voran, was den Vorteil hat, dass wir die wunderschöne Vegetation rechts und links des Weges genießen können. Zwischendurch immer wieder Baumwoll-  Erdnuss- Hirse- und Maisfelder.

Nach etwa 10 km Abenteuerfahrt kommen wir an eine Hauptstraße, wo das Dorf  Dégué – Dégué liegt. Unser Bus hat kein Benzin mehr und muss an eine 9 km entfernte Tankstelle fahren. Wir haben inzwischen Zeit das Dorf zu besichtigen. Wir kaufen erst mal Bananen, die Frauen uns dort anbieten. Ich habe noch nie so leckere Bananen gegessen. Dann schlendern wir gemütlich durch das Dorf, die Leute sind sehr freundlich. Vor den Hütten liegen Kariténüsse, die zuerst angeröstet werden, damit die Schale aufplatzt, dann werden sie gestampft und gekocht, dabei steigt das Fett hoch, es wird abgeschöpft – die Karitébutter. Überall laufen Ziegen herum,  die Kinder laufen hinter uns her, sie stellen sich in Position für ein Foto, anschließend betteln sie um ein Geschenk, aber wir geben ihnen nichts, das wäre eine Kette ohne Ende. Eine Frau reicht mir ihr Baby, etwa 4 Wochen alt. Es hat ein wunderschönes weißes Kleidchen an, ganz süß, die Augenbrauen sind gemalt und ein Lidstrich ist gezogen, auch Ohrringe hat es schon. Die Ohrläppchen sind entzündet und die Einstechstellen sitzen voller Fliegen. Ob das so gut ist! ? Auf den Dächern der Hütten trocknen die Frauen Néréschoten, die sie dann zu Mehl mahlen. Nach einer halben Stunde kommt unser Bus vollgetankt zurück und wir fahren auf einer gut befahrbaren Piste nach Banfora. Anselm erzählt uns, dass Banfora  wohl die schönste Stadt in Burkina Faso ist. Der ganze Landstrich, den wir besuchen, ist das Paradies von Burkina Faso. Die Fahrten werden nie langweilig, es gibt so viel zu sehen.

In Banfora angekommen, werden wir von einem Organisator aus dem Dorf Boussanra an einem Hotel abgeholt, da wir alleine niemals den Weg ins Dorf finden würden. Er fährt voraus und zeigt uns die Tücken und Schlammlöcher, die Fahrt ist anstrengend, wir kommen nur langsam voran und es ist ziemlich heiß. Etwa 2 km vor Boussanra müssen wir aussteigen, denn ein Fluss ist zu durchfahren. Wir nehmen alle unsere Rücksäcke vom Busdach und tragen sie durch den Fluss. Auf der anderen Seite steht ein Pick-up, der alles auflädt und uns mit Gepäck zum Dorf bringt. Wir wollen unseren Bus vor dem Fluss stehen lassen, denn wenn es heute Nacht regnet, sieht es morgen schlecht aus, aus dem Dorf wieder herauszukommen, aber Anselm hat Angst, dass der Bus morgen früh nicht mehr da ist. Er schiebt ihn mit einigen Leuten aus dem Dorf durch den Fluss.

Wir kommen  um 15.15 Uhr in Boussanra an, völlig durchgeschwitzt und total verstaubt, es ist aber keine Zeit sich frisch zu machen, bevor die Einweihungsfeier beginnt. Wir haben jedoch die Gelegenheit, den Kopf einmal kurz unter den Brunnen zu halten. Ein tolles Gefühl! Wir sitzen also jetzt hier, dreckig-speckig bei der Eröffnungsfeier. Das Fernsehen von Burkina Faso ist auch hier und filmt. Während viele eine lange Rede halten und ich nichts verstehe, habe ich mein Tagebuch nachgeschrieben. Der Schulleiter erklärt gerade die Bedeutung der vielen schönen Sachen, die wir geschenkt bekommen: Sprechtrommeln, Ballaphone, verzierte Holzhocker, geflochtene Körbe, einen Tonkrug usw.  Die Feier selbst ist langweilig, im Gegensatz zu dem, was wir bisher gesehen haben, aber dafür sind die Geschenke um so schöner.

Nach der offiziellen Feier schlagen wir unser Nachtlager in einem Lehrerhaus auf. Wir sind mittlerweile rekordverdächtig im Zeltaufbau. Unsere Wäsche geben wir zwei Frauen aus dem Dorf zum Waschen. Sie bekommen anschließend Geschenke und sind überglücklich. Ich ziehe meinen mitgebrachten Badeanzug an, um mich diskret hinter einem Lehrerhaus mit der Gießkanne zu duschen. Den gleichen Gedanken haben noch mehr. Nachdem Götz mir die Gießkanne über den Kopf hält, um das Shampoo auszuwaschen, schaue ich hoch und traue meinen Augen nicht, das halbe Dorf steht da und schaut uns zu, aber wir fühlen uns noch mal frisch. Nach dem Abendessen  sitzen wir noch gemütlich zusammen, drehen anschließend noch eine Runde auf dem Schulhof, der gleichzeitig Festplatz ist, wo die Einheimischen fleißig feiern. Die Schulbänke stehen draußen und sind alle belagert von schlafenden Kindern, ein schönes Bild. Wir gehen früh schlafen, da alle erheblichen Nachholbedarf haben.

 Mittwoch, 04.10.2000: Pünktlich  um 06.00 Uhr  krähen die Hähne und wecken uns, ich habe sehr gut geschlafen. Wir holen mit Gießkannen Wasser vom Brunnen und machen Morgentoilette. Dann gibt es Frühstück: Baguette, Espresso und geröstete Maiskolben. Ich bin an beiden Fußgelenken ziemlich zerstochen, es sind aber keine Moskitostiche, Winnie identifiziert sie eindeutig als Flohbisse. Die Flöhe haben sich gestern abend in meinen Baumwollstrümpfen häuslich niedergelassen. Zum  Glück hat Erika für alle Fälle ein Mittelchen. Die Dorfbewohner kommen mit Ballaphon und Trommeln und halten für uns ein Morgenkonzert, die Frauen tanzen dazu, einfach toll! Die Stimmungen in diesen Momenten kann man nicht aufschreiben, das muss man erleben. Wir packen, laden alles auf den Bus und verabschieden uns gegen neun, um zurück nach Banfora zu fahren.

Wir müssen nur einmal aussteigen, der Bus wird von den Männern durch den Fluss geschoben, es geht viel besser, als wir gestern dachten, es hat zum Glück auch letzte Nacht nicht geregnet. Wir erreichen Banfora gegen 11.00 Uhr und treffen die Ordensschwester Véronique. Es gibt eine herzliche  Begrüßung, denn Charly, Götz und Rita kennen sie, da sie letztes Jahr in der Eifel zu Besuch war. Charly gibt ihr ein Geschenk und unsere 2 Hühner, die sie dann an ihr Moped hängt und wegbringt. Sie kommt kurze Zeit später zurück mit leckeren Bananen, Cashewkernen und Erdnuss-Caramelkeksen – köstlich! Wir sitzen gemütlich unter einem großen Baum im Hof des Hotels, wo wir uns gestern mit den Männern aus Boussanra getroffen haben. Es gibt Cola, Limo und die Köstlichkeiten von Véronique, wir leben wie Gott in Frankreich. Véronique ist Französischlehrerin an einem Collège (Realschule). Sie hat in Nantes mit Frau Dr. Reineke aus Daun studiert (Philosophie und Theologie). Es kommt noch ein Moped angeknattert mit Jacques Silga. Er ist in Nohoungo aufgewachsen und hat den Bau der Krankenstation initiiert. Er ist Krankenpfleger und wohnt jetzt hier in Banfora. Jacques Silga fährt mit unserem Bus nach Hause und holt Essen, sie haben für uns gekocht, mit einem Mittagessen haben wir nicht gerechnet. Es gibt Rindfleisch, Hühnchen, leckere Spagetti und Salat. Als Nachtisch frische Guaven und Avocado. Obwohl wir eigentlich nicht hungrig sind, schlagen wir zu, da wir ja nicht wissen, wann wir das nächste Essen bekommen. Wir sitzen also im Hof des Hotels und bekommen von Jacques Silga das Essen gebracht – in Deutschland unvorstellbar.

Als Dankeschön hat das Dorf Boussanra zwei Pick-ups organisiert, die uns um 14.00 Uhr am Hotel aufladen und zu den Wasserfällen von Karfiguéla bringen. Das ist ein tolles Erlebnis. Auf dem Weg zu den Wasserfällen stehen links und rechts der Piste 3 m hoher Zuckerrohr und Gombo (eine afrikanische Gewürzpflanze), die Vegetation ist tropisch, einfach wunderschön! Fast am Ziel angekommen, müssen wir einen kleinen Fußweg zurücklegen, der uns erst durch ein sumpfiges Gewässer führt. Am Fuß des Wasserfalls stehen riesige Kapokbäume, aus deren Schoten die Kapokbaumwolle gewonnen wird, wunderschöne Fächerpalmen, Bananenstauden und eine prachtvolle Allee mit Mangobäumen. Oben auf dem Wasserfall haben wir eine wunderbare Aussicht, nur die Elefanten haben noch gefehlt, dann wäre das „Afrikabild“ wie man es sich vorstellt perfekt gewesen. Auf der Rückfahrt zum Hotel setze ich mich hinten auf den Pick-up, auch ein ganz besonderes Erlebnis. Am Hotel angekommen, steigen wir um in unseren Bus und machen uns auf den Weg nach Dafinso.

Ich glaube, der Bus hält nicht mehr lange durch, die Kupplung stinkt ziemlich. Die Straße von Banfora nach Dafinso ist erst mal sehr gut zu fahren. Etwa auf der Hälfte der Strecke halten wir an, Charly, Götz und Anselm werden von Dorfbewohnern aus Kiéla mit Mopeds abgeholt, um in das Dorf zu fahren. Die Fahrt mit dem Bus wäre zu beschwerlich gewesen und hätte zuviel Zeit in Anspruch genommen. In Kiéla soll im nächsten Jahr eine Schule gebaut werden. Wir dürfen uns währenddessen in einem Restaurant (Bar) niederlassen und ich trinke ein eisgekühltes Bier – Luxus pur! Gegen 18.30 Uhr kommen die drei zurück, nachdem der Sprit in Kiéla aus sämtlichen Mopeds zusammengesammelt worden war (mit Tassen), damit die drei Mopeds noch mal zurückfahren können. Sie haben zwei Hühner geschenkt bekommen, die uns nun wieder im Bus begleiten. Sie sind etwas rebellischer, als die Hühner zuvor. Wir haben noch eine ziemlich weite Strecke vor uns, fahren an Bobo vorbei, werden dreimal von Zoll, Gendarmerie und Polizei angehalten und holpern im Stockfinsteren durch die Nacht. Ich finde es ein bisschen unheimlich, das Licht von unserem Bus reicht auch nicht weit.

Plötzlich kommen uns jede Menge Kinder entgegengelaufen und begrüßen uns, wir sind in Dafinso angekommen. Wir haben 21.00 Uhr, sie haben ziemlich lange auf uns gewartet und noch ein tolles Programm für uns vorbereitet. Wir haben dann draußen bei „Mondschein auf afrikanisch“ zu Abend gegessen, bei einem klaren Sternenhimmel, dieser Anblick hat uns für die anstrengende Fahrt mehr als entschädigt. Gegen 22.30 Uhr haben wir unser Nachtlager aufgebaut und ich bin dann auch todmüde ins Bett gefallen. Die anderen sind fast alle noch zum Dorfplatz gegangen, haben getanzt und die Dorfkinder haben akrobatische Tänze vorgeführt. Alle sind sich einig, dass die, die früh ins Bett gegangen sind, etwas verpasst haben. Ich habe schlecht geschlafen, die laute Discomusik, die  auf dem Festplatz aus dem Lautsprecher krächzt, lässt mich nicht richtig einschlafen.

Donnerstag, 05.10.2000: Pünktlich mit Ende der Discomusik bin ich um 06.30 Uhr aufgestanden. Nach dem Frühstück haben die meisten ihre total verstaubten Klamotten vom Vortag ausgewaschen. Um 08.45 Uhr bekommen wir ein tolles Fußballspiel geboten: Deutschland gegen Burkina Faso. Dank der „gekauften“ afrikanischen Spieler gewinnt Deutschland mit 2:1. Anschließend beginnt der offizielle Festakt gegen 10.00 Uhr. Die Kinder führen ihre Kunststücke vor und tanzen rhythmisch auf Trommelmusik, wie wir Europäer es wohl nie lernen werden. Es ist eine ursprüngliche Lebensfreude, die wir nicht kennen. Ich bin sehr glücklich, das miterleben zu dürfen. Wir sind uns alle einig, dass hier in Dafinso bis jetzt wohl die schönste Feier ist. Es wird keine neue Schule eröffnet, sondern die vorhandene Schule wird um drei Klassen erweitert. Das Dorf ist gut organisiert und die Kinder werden nicht so streng und autoritär behandelt, wie in den vorherigen Dörfern, die wir besucht haben. Gesundheitlich fühle ich mich heute nicht ganz fit, mir ist leicht übel und ich habe etwas Durchfall. Lydia war am 2. Tag etwas magenkrank, Winnie und Marianne sind seit gestern leicht erkältet, ansonsten geht es aber allen gut.

Wir sitzen gerade auf dem Dorfplatz und die Feier ist in vollem Gange. Die Menschen sind sehr freundlich zu uns, manchmal kommt es mir etwas unterwürfig vor. Ganz viele kommen und schütteln uns die Hände. Die Kinder stehen ständig in Scharen um uns herum und staunen über die „komischen Weißen“. Manche kleinen Kinder laufen aber auch schreiend weg, wenn sie uns sehen. Ich finde es sehr schade, dass wir uns nicht mit der Dorfbevölkerung unterhalten können, ich hätte tausend Fragen. Die Menschen sind für unsere Begriffe sehr arm,  aber sie machen keinen unglücklichen Eindruck. Den Arbeitsalltag einer Afrikanerin würden wir wohl nicht lange durchhalten. Die Eindrücke, die wir bisher erlebt haben, spiegeln allerdings nicht den Alltag der Leute wieder, da wir auf unserer Rundreise nur Menschen in Feststimmung erleben. Einen kleinen Einblick bekommen wir, wenn wir unterwegs spontan ein Dorf besichtigen.

Gerade bekommen wir einen wunderschönen afrikanischen Hut geschenkt und auf den Kopf gesetzt, wir sehen lustig aus. Charly nimmt noch einige andere schöne Geschenke entgegen und sagt den  Leuten, dass er schon das 8. Mal nach Burkina Faso kommt und schon bei 30 Eröffnungsfeiern anwesend war, aber noch nie so eine schöne, beeindruckende Feier miterleben durfte, wie hier in Dafinso. Uns gefällt besonders gut, dass die Schüler dieser Schule die Darbietungen selbst einstudiert haben und professionell vorführen. Charly verteilt die Geschenke, die wir mitgebracht haben. Es gibt noch ein leckeres Mittagessen, dann packen wir alles auf den Bus, der erstaunlicherweise immer noch durchhält, was uns alle wundert. Lydia verlässt uns heute, sie fährt mit einem Bus nach Ouagadougou, um die restliche Zeit im Kinderheim AMPO zu verbringen. Wir verabschieden uns und verlassen schweren Herzens gegen  14.00 Uhr Dafinso, wo es uns allen total gut gefallen hat.

Rita hat sich noch mit einer Lehrerin unterhalten, die 84 Schüler in einer Klasse unterrichtet (Götz fand sie auch ganz nett). Eine sehr gepflegte gut aussehende Afrikanerin. Sie hat einen Versetzungsantrag nach Bobo gestellt, sie möchte nicht in Dafinso bleiben, man hatte ihr während einer Konferenz alles gestohlen, die komplette Wohnungseinrichtung, Kleider, alles, außer dem Bett.

Um 15.00 Uhr haben wir nach einer kurzen Fahrt schon unser neues Ziel erreicht: Kékélésso. Wir werden, wie bisher, etwa 1 km vorm Ziel von vielen Kindern, Männern auf knatternden Mopeds und Fahrrädern begrüßt und zum Dorf begleitet. Wir haben schnell unsere Sachen vom Bus in ein Lehrerhaus geräumt und sind dann zum Festplatz gegangen, wo die Zeremonie sofort beginnt. Ich empfinde es als ein reines Chaos, krächzende, laute, völlig überdrehte Lautsprecher, alles tanzt und läuft durcheinander, die Bevölkerung dicht gedrängt um uns, eine Hitze zum Umfallen, zwischenzeitlich ein Riesenpalaver, es sieht so aus, als würde bald eine Prügelei entstehen. Winnies Bemerkung zu alldem: Das ist Afrika!

Wir haben es mit Humor genommen und Charly meint, diese Feier ist nicht unbedingt außergewöhnlich, wir seien bisher verwöhnt worden. Wir bekommen zwei wunderschöne handgeschnitzte Holzfiguren  und ein Huhn geschenkt. Hier in Kékélésso fällt mir auf, dass die Kinder völlig zerlumpt herumlaufen, wesentlich extremer, als in den Dörfern, die wir bisher gesehen haben und da war’s schon schlimm für unsere Vorstellungen. Die Leute hier im Süden von Burkina Faso haben genug zu essen, man sieht ganz selten Kinder mit „Hungerbäuchen“, Petra erzählt, dass in Nohoungo fast jedes Kind einen dicken Bauch hat, was auf Mangelerscheinungen und Unterernährung schließt. Es gibt hier viele Kinder mit schlimmen Nabelbrüchen, die wohl nie behandelt werden. Nach der chaotischen Feier flüchten wir aus der Menschentraube und einige von uns machen einen kleinen Entspannungsspaziergang. Kékélésso liegt auf einem Hochplateau und die Aussicht ist weit und wunderschön. Wir gehen an hohen Hirsefeldern vorbei in ein kleines abgelegenes Dorf. Außer 4 – 5  Kleinkindern und einer Frau mit einem frischgeborenen Baby sind alle ausgeflogen. Das Baby ist noch nicht schwarz, die Neugeborenen dunkeln erst ein paar Tage nach der Geburt nach.

Pünktlich vor Einbruch der Dunkelheit gehen wir zurück zum Festplatz und bekommen noch das Ende eines Maskentanzes mit. Es sind 2 Männer mit interessanten alten Masken, total vermummt. Sie tanzen auch heute noch, um die bösen Geister zu vertreiben. Ich habe vergessen zu erwähnen, dass die älteren Frauen mit ihren typischen Arbeits- und Feldgeräten einen schönen Tanz vorführten. Die Gesichtsausdrücke dieser Frauen sprechen Bände. Wir essen zu Abend (Spagetti, Hühnchen und Reis, mit leckeren Soßen). Winnie rückt plötzlich damit raus, dass er heute Geburtstag hat. Wir singen ihm ein tolles Ständchen und anschließend sitzen wir draußen gemütlich zusammen und trinken auf Winnie noch ein Bier. Anselm erzählt uns, wie die Toten hier beerdigt werden. Sie werden in der Nähe ihres Hauses, etwa 1 m tief, noch am gleichen Tag beerdigt, ohne Sarg, man wickelt sie in ein Tuch, das Grab ist ganz klein. Charly bittet Anselm, den Dorfbewohnern doch zu sagen, dass sie in der Nacht bitte den lauten Generator abstellen, was gleichzeitig bedeutet: Keine Discomusik! Wir gehen alle recht früh ins Bett und freuen uns auf eine ruhige Nacht, die dann das erste Mal um 11.00 Uhr vorbei ist. Charly steht auf,  bittet die Jugendlichen etwas konsequenter um Ruhe. Sie sind dann ins nächste Dorf abgewandert um ihre „Musikanlage“ nachts um drei bis zum Anschlag aufzudrehen.  Anselm fährt dann mit unserem Busfahrer ins Dorf, anschließend ist Ruhe.

 Freitag, 06.10.2000: Pünktlich um 06.00 Uhr krähen die Hähne zum Aufstehen. Wir frühstücken, wie immer Baguette, Espresso und Tee, aber zur Abwechslung gibt es noch die Reste vom Abendessen. Rita und Petra sind erfinderisch und füllen die Baguette mit Spagetti, sie sind begeistert. Erika bevorzugt den übriggebliebenen Rum vom Abend und kippt sich einen guten Schuss in ihren Tee.

Nach dem Frühstück packen wir unsere sieben Sachen auf den Bus, wollen noch unsere 3 geschenkten Hühner einladen, aber es ist nur noch ein Huhn da, das Schicksal der anderen 2 Hühner ist unbekannt. Pünktlich um 09.00 Uhr  verabschieden wir uns in Kékélésso und machen uns auf den Weg nach Satiri. Unser Bus ist übrigens gestern repariert worden, und fährt wieder ohne Probleme. Gegen 09.30 Uhr erreichen wir Satiri. Wir besichtigen das Gelände, auf dem die Schule gebaut werden soll. Die Bevölkerung hat schon fleißig Sand und Steine gesammelt. Danach werden wir ins Dorf eingeladen. Wir gehen in Begleitung des ganzen Dorfes wie in einer Prozession über die Straße zum Dorfplatz, wo wir kühle Getränke bekommen.

Götz hat auf dem Weg zum Dorfplatz noch einen „Weißen“ gesichtet und angesprochen. Es ist ein französischer Landwirtschaftsstudent, der mit noch zwei anderen für 3 Monate Projekte verwirklicht und zwar werden Bäume in Reihen gepflanzt als Windschutz und zum Schutz vor Erosion. Einer ist für den Vertrieb von Mangos im  Land zuständig, der dritte sorgt für mehr Hygiene bei den Ziehbrunnen. Auf dem Dorfplatz gibt es wieder Animation in Form von Trommelmusik, Tanz und akrobatische Vorführungen. Charly verspricht dem Dorf, sich für den Bau des Collège einzusetzen, wenn das Ministerium den Zuschuss gewährt. Anschließend werden wir in der Préfecture von Satiri zum Mittagessen eingeladen. Wir sitzen im Innenhof unter Bäumen im Schatten, es gibt gekühlte Getränke, Hähnchen gekocht und gegrillt, Spagetti und Reis und in Öl eingelegte Auberginen. Zum Nachtisch gibt es Bananen. Wir verabschieden uns und auf dem Weg zu unserem Bus kommt eine Afrikanerin mit einer Schüssel gegrillter Raupen und bietet uns welche zum Probieren an.  Winnie nimmt spontan eine und isst sie ohne mit der Wimper zu zucken, Götz probiert ebenfalls, für Anselm scheint es eine Delikatesse zu sein. Rita und ich ekeln uns zuerst, wollen aber dann nicht zurückstehen und Rita macht den Vorschlag, dass wir uns eine teilen. Jede steckt eine halbe Raupe in den Mund, sie schmeckt eigentlich nur scharf. Ich habe meine Raupe treu und brav runtergeschluckt, Rita hat ihre zerkaut, aber ausgespuckt.

Um 14.00 Uhr verlassen wir Satiri, wir haben ca. 160 km vor uns, davon 40 km Piste, zu unserem nächsten Ziel Djigouéra. Die Fahrt geht durch Bobo, wo wir eine Colapause machen. Die Weiterfahrt auf der Piste kann man nicht beschreiben, das muss man erleben. Ab und zu kommt uns ein LKW entgegen, voll geladen mit Menschen, Tieren und Gepäck. Die Lkws sind aus der Nachkriegszeit und drohen jeden Moment auseinander zubrechen. Winnies Kommentar: „Das glaubt uns in Deutschland keiner“. Kurz vor Djigouéra erleben wir einen wunderschönen afrikanischen Sonnenuntergang, die Vegetation erinnert schon ein bisschen an Urwald. Gegen 18.30 Uhr, mit Einbruch der Dunkelheit, erreichen wir Djigouéra. Hier gibt es nicht die stürmische Begrüßung, die wir bisher erlebt haben, man nimmt wenig Notiz von uns. Wir beziehen ein schönes sauberes Lehrerhaus und bekommen ein tolles Abendessen, es gibt  Yams (afr. Kartoffeln), Fonio (Hirsegericht), Kohlgemüse und Hühnchen. Wir hauen alle ganz schön rein, weil es so lecker schmeckt. Nach dem Essen sind wir mit Ausnahme von Simone, die sich ins Zelt zurückgezogen hat, zum Festplatz gegangen, wo Männer in schönen Jagdkleidern traditionelle Tänze vorführen. Bei der rhythmischen Trommel- u. Gitarrenmusik fallen mir dann kurz nach zehn von der anstrengenden Fahrt die Augen zu und ich bin dann auch ins Bett gegangen. Die erste Nacht ohne Discomusik!

 Samstag, 07.10.2000: Wir haben alle gut geschlafen, die Stimmung ist gut. Wir machen uns heute besonders fein, denn zu dieser Eröffnungsfeier kommen der deutsche Botschafter und ein Minister von Burkina Faso. Hier in Djigouéra wurde ein Collège gebaut, mit 4 Klassenräumen. Wir frühstücken draußen unter Palmen mit Baguette, Kaffee und Tee. Simone geht’s wieder gut. Da wir heute den ganzen Tag hier verbringen, haben wir unsere Wäsche drei Afrikanerinnen zum Waschen gegeben. Sie sind froh, wenn sie das machen können und etwas dafür bekommen.

Pünktlich um 10.00 Uhr geben wir zum Festplatz und um 10.15 Uhr trifft der Botschafter mit seiner Frau ein und die Feier beginnt. Alles ist hoch offiziell und durchorganisiert. Die Jäger von gestern abend eröffnen mit ihrer Musik und ihrem Tanz die Feier. Bemerkenswert ist ein Albino unter den Jägern, er hat ein afrikanisches Gesicht, ist aber von der Hautfarbe so weiß wie wir. Ob er rote Augen hat, können wir nicht sehen, er hat sie immer zugekniffen. Bernhard schenkt ihm spontan seine Sonnenbrille, er hat sich riesig gefreut.

Zu der Zeremonie der Jäger gehört, dass sie genau vor uns ein  Lagerfeuer machen und das bei sengender Mittagssonne. Eine geniale Idee, manchmal kommt eine leichte Brise in unsere Richtung und bringt uns einen Schwall Qualm mit. In die Mitte des Feuers legen sie zuerst Blätter, darüber einen Tonkrug, der aber sowohl oben als auch unten offen ist, sie schütten oben Wasser herein, das geschieht alles, bevor sie das Feuer anzünden. Nach einer Weile löschen sie das Feuer und schöpfen eine Art Tee aus dem Krug. Mir ist unklar, warum das Wasser nicht versickert ist, obwohl der Krug unten offen ist. Götz hält gerade seine Rede und hebt Anselms  Einsatz und Engagement besonders hervor. Nach vielen langen Reden kommt ein  „wilder Kuhtanz“ von zwei schönen Masken aus dieser Region, sie müssen aber bald aufhören, da ein afrikanischer Ehrengast durch die Musik in Trance gerät, ein „Medizinmann“ kommt, legt ihm ein Amulett auf und ihm geht es wieder gut. Na ja!

Wir bekommen alle ein Ballaphon als Geschenk, und zwei Riesenstauden Bananen. Der Botschafter bekommt eine Ziege geschenkt. Nach dem Festakt werden Bäume auf  dem Schulhof gepflanzt  und es gibt ein gutes Essen: leckeren Salat, Reis, Nudeln, Rindfleisch und Hühnchen, alles mit sehr schmackhaften Soßen, zum Nachtisch gibt’s Bananen. Der Botschafter und seine Frau (eine Schottin) verabschieden sich und wir machen uns auf den Weg zu einer Grotte, die 5km entfernt ist. Die Leute hier aus dem Dorf haben aber leider nicht bedacht, dass man mit dem Bus diesen Weg gar nicht fahren kann. Nach etwa 2 km absolut holpriger Fahrt kehren wir um und verzichten auf die Besichtigung der Grotte. Wir spazieren durchs Dorf, was immer wieder ein tolles Erlebnis ist. Manche Kinder haben Angst und fangen an zu schreien, wenn sie uns sehen, viele laufen aber auch hoch interessiert hinter uns her. Am Straßenrand steht ein Junge, der ein ganz schlimmes Geschwür im Auge hat, sieht schlimm aus.

Um 17.00 Uhr gibt es ein Fußballspiel zwischen der Dorfbevölkerung und den Gästen. Winnie und Bernhard wollen mitspielen, aber als sie den holprigen Platz sehen, haben sie Angst, sich zu verletzen und spielen nicht mit, obwohl die Gage sehr hoch ist (pro Tor eine Frau). Nach dem Fußballspiel gehen wir zurück zur Schule, essen zu Abend. Wir sitzen draußen und genießen den traumhaften afrikanischen Sternenhimmel. Ich bin nach dem Abendessen immer ziemlich müde, die Tage sind schon sehr anstrengend. Wir sitzen aber noch lange zusammen, Winnie, Erika Marianne und Anselm gehen noch mal ins Dorf, wo noch eine Discoveranstaltung stattfindet.

 Sonntag, 08.10.2000: Um 06.00 Uhr ist mit dem Hahnenschrei die Nacht zu Ende. Ich habe gut geschlafen. Ein kleiner Anflug von Heimweh kommt und geht dann aber auch schnell wieder vorbei. Wir holen uns Wasser vom Brunnen und duschen wie jeden Morgen mit Gießkanne, mittlerweile Routine. Nach dem Frühstück verlassen wir Djigouéra überpünktlich um 08.45 Uhr, wir machen uns auf den Weg nach Kouakrouma, etwa 250 km Entfernung.

Kouakrouma liegt 20 km von der malischen Grenze entfernt. Zuerst müssen wir zurück nach Bobo. Auf dem Weg dorthin halten wir an einem Dorf an und schauen uns um. Alle sind sehr freundlich zu uns. Am Straßenrand sitzt eine Frau und verkauft frittierte Yams.  Sehr lecker! Sie hat einen Energiesparofen und frittiert die Yams in Karitéfett. Die Straße ist gut befahrbar, trotzdem empfinde ich die Fahrt heute sehr anstrengend. Wir werden sehr oft angehalten und kontrolliert, immer im Wechsel von Zoll, Gendarmerie und Polizei, das nervt uns alle ein bisschen. Zwischenzeitlich fahren wir durch sehr fruchtbares Land, Reisfelder so weit man schauen kann, auch Baumwolle wird viel angepflanzt, wir fahren an einem Nomadendorf vorbei, sie haben ihre Hütten aus Elefantengrasmatten gebaut, die sie schnell wieder abbauen können und dann weiterziehen. Zehn Kilometer vor unserem Ziel geht es dann auf die Piste. Wir werden von zwei Dorfbewohnern an der Hauptstraße abgeholt,  es gibt keine Straßenschilder, wir würden alleine den Weg nie finden. Es geht irgendwann von der Straße ab und die Abenteuerfahrt beginnt. Wir kommen nur sehr langsam voran und  werden sogar einmal von einem Fahrradfahrer überholt. Die Piste ist eng und holprig, zahlreiche Bäume wurden abgesägt, damit unser Bus überhaupt das Dorf erreicht. Die Begrüßung am Anfang des Dorfes ist unglaublich. Alles winkt und mindestens hundert Kinder, Frauen und Männer laufen barfuss neben oder hinter unserem Bus her, freuen sich und begrüßen uns mit Geschrei, eine Stimmung, die mich emotional umhaut. Wir dürfen uns auf dem Festplatz, wie fast immer, in der ersten Reihe auf die „Ehrenstühle“ setzen und viele kommen und schütteln uns die Hände. Total verschwitzt und verstaubt ist uns das viele Händeschütteln  irgendwie zuviel, aber da müssen wir durch. Wir bekommen eine Kalebasse mit Wasser gereicht und dann gibt’s, wie fast auf jeder Feier den Begrüßungstrunk, (ein Gemisch aus Wasser, Mehl, Piment und Limette) der unterschiedlich gut schmeckt. Hier ist eine Schule mit 3 Klassenräumen vor 3 Jahren gebaut worden. Die zweite Klasse hat dieses Jahr begonnen, 67 Schüler, davon 32 Mädchen. Der Lehrer hat eine unglaubliche Disziplin, er spricht in normaler Lautstärke, ohne krächzenden Lautsprecher, und alles ist Mucksmäuschen still. Wir sind uns alle einig, dies ist die schönste Schule, die Kinder haben sogar einen Schulgarten angepflanzt. Der Lehrer hat eine richtige Baumallee gepflanzt und alle Bäume rundherum mit Steinen begrenzt. Man sieht direkt, dass die Bäume gut gepflegt und regelmäßig gegossen werden. Es ziehen Zugvögel über uns, es sind bestimmt die Kraniche aus Deutschland. Sie fliegen ganz tief und landen bestimmt bald zum Überwintern. Anschließend werden wir von dem noch einzigen Lehrer in sein Haus eingeladen, das erste Mal, dass wir ein bewohntes Lehrerhaus sehen. Er hat vor dem Haus einen liebevollen Garten angelegt und im Haus hat er eine Stereoanlage und jede Menge Musikkassetten im Regal. Wir trinken etwas und beziehen anschließend ein leerstehendes Lehrerhaus, wobei wir mindestens 100 Zuschauer haben, staunende Kinder, die bisher wahrscheinlich noch nie „Weiße“ gesehen haben. Sie beobachten Winnie und Charly , die ihr Zelt draußen aufschlagen, ganz genau.  Nachdem wir unsere Zelte aufgebaut haben, setze ich mich draußen hin und schreibe Tagebuch, die Kinder kommen immer näher, bilden einen Kreis um mich, ich bekomme fast keine Luft mehr, die Luft ist eh so schwül, es zieht ein Gewitter auf. Es kommt dann auch ganz plötzlich ein Sturm, alle Kinder sind wie vom Erdboden verschwunden, im Lehrerhaus nebenan sitzen Frauen draußen und kochen, ihre Feuerstelle wird vom Sturm aufgewirbelt und die Glut fliegt weit durch die Luft. „Afrikanisches Feuerwerk“. Wir schließen schnell alle Fenster und laufen zum Lehrer ins Haus. Das Blechdach rappelt unglaublich laut bei dem Sturm, man versteht drinnen kein einziges Wort. Dann gibt es Regen, aber nicht viel. Es ist für afrikanische Verhältnisse nur ein kleines Gewitter. Wir bekommen ein köstliches Abendessen, zuvor wie jeden Abend als Apéritif  einen Pastis.  Nach dem Abendessen sitzen wir noch draußen und beobachten das Wetterleuchten am afrikanischen Nachthimmel. Später gibt es noch einen Maskentanz im Dorf, aber ich bin um 22.30 Uhr mit Rita aufgebrochen, um ins Bett zu gehen. Rita war das Dolo nicht bekommen und ich war todmüde. Viele sind noch mit ins Dorf gegangen,  um den Maskentanz zu sehen, wir haben wohl was verpasst. Bis auf kleine Erkältungskranke und jeden Tag abwechselnd Durchfallkranke geht es uns allen gut.

 Montag, den 09.10.2000: Wie immer wecken uns die Hähne um 06.00 Uhr. Unser Hahn  bleibt beim Lehrer, er fühlt sich dort sehr wohl. Wir erleben einen tollen Sonnenaufgang, holen Wasser am Brunnen und machen Morgentoilette. Nach dem Frühstück holt uns der Dorfälteste  gegen 08.30 Uhr ab und bringt uns zu einem Teich, außerhalb des Dorfes, wo die heiligen Krokodile wohnen. Das ganze Dorf begleitet uns. Wir sehen tatsächlich eins, welches ab und zu den Kopf aus dem trüben Wasser steckt, dann aber schnell wieder abtaucht.

Nach der Krokodilbesichtigung dürfen wir in der Schule einer Unterrichtsstunde beiwohnen. Die Kinder sind sehr diszipliniert. Sie gehen das 2. Jahr zur Schule und haben ganz nett für uns gesungen. Wir verabschieden uns ungern gegen 09.30 Uhr aus Kouakrouma, hier hat es uns allen sehr gut gefallen. Wir bekommen zum Abschied eine Ziege und zwei typische Jägermützen geschenkt. Alle winken uns hinterher und wir begeben uns auf den Weg nach Bobo.

Die ersten 10 km holpern wir, wie gestern beim Hinweg über die schmale Piste, bis wir endlich die Hauptstraße erreichen, die Route Nationale Nr. 9. Auf dieser Straße fahren wir etwa 15 Minuten, bis es plötzlich am rechten Hinterreifen laut zischt. Wir haben einen Platten. Alles steigt aus und wir sind noch nicht sonderlich beunruhigt, schließlich haben wir doch einen Ersatzreifen. Der Busfahrer teilt uns dann aber mit, dass im Ersatzreifen auch keine Luft drin ist, einen Wagenheber gibt’s auch nicht. Wir stehen um 10.50 Uhr mitten in der Pampa, außer ein paar Frauen, die zu Fuß unterwegs sind und einem Fahrradfahrer keine Menschenseele zu sehen. Nach etwa 20 Minuten kommt ein Auto, wir stellen uns auf die Straße und halten es an. Wir haben Glück, es ist die Gendarmerie, zwei freundliche Männer steigen aus und helfen uns. Zum Glück haben sie auch einen Wagenheber dabei. Das Rad wird abmontiert, und der Busfahrer ist mit den beiden Polizisten und den kaputten Reifen ins nächste Dorf gefahren. Charly hat den Beiden als Dankeschön ein Taschenmesser geschenkt, sie waren glücklich. Wir suchen uns ein Plätzchen im Schatten, Gott sei Dank steht ein Baum am Straßenrand,  halten Siesta und warten auf die Erfüllung des „afrikanischen“ Sprichworts: „kommt Zeit, kommt Rad“.  Die Ziege binden wir an einer Hecke fest, sie fühlt sich wohl. Winnie und ich erkunden ein wenig die Umgebung, ein Dorf ist aber leider nicht in der Nähe, in der Ferne hören wir Trommeln. Außer einer Familie bei der Baumwollernte können wir nichts ausfindig machen.

Alle halbe Stunde kommt mal ein völlig überladener LKW oder Pick-up vorbei, die Leute winken uns freundlich zu. Nach 2 ½ Stunden kommt ein Lastwagen, hält an und der Fahrer sagt, dass mit dem nächsten Fahrzeug unser Busfahrer mit reparierten Reifen kommt. Tatsächlich, nach 3 Stunden Wartezeit hält ein Pick-up an und unser Fahrer steigt mit reparierten Reifen aus. Das Rad wird gewechselt, der dicke Stein, unser zweckentfremdeter Wagenheber, wird mit Hilfe aller weggeschoben und weiter geht’s. Charly hatte überlegt unserem Fahrer zum Abschied ein Zelt zu geben, nach dieser Aktion bekommt er nun einen Wagenheber.

Nach 2 Stunden Fahrt und drei lästigen Kontrollen erreichen wir Bobo, Anselms Heimatstadt. Wir besuchen noch schnell einen kleinen Kunsthandwerkermarkt, einige wollen eine Trommel kaufen.. Wir treffen hier auch Véronique. Wir schauen uns an den Ständen die Sachen an, die Verkäufer kommen alle hinter uns her gelaufen und wollen uns alles Mögliche zeigen, sie sind ziemlich lästig, man kann nicht in Ruhe schauen. Anselm und Véronique handeln für uns, sonst würden wir wahrscheinlich viel zu viel bezahlen. Die Beiden wissen, wie weit man handeln kann, dass alle zufrieden sind. Wir kaufen schöne Sachen, Charly, Marianne und Winnie kaufen Trommeln (30,00 DM), Bernhard ersteht ein wunderschönes Flusspferd aus Holz (60,00 DM). Ich kaufe mir eine alte Holzmaske (30,00 DM). Dann haben wir noch einige Kalebassenrasseln erstanden.

Gegen 18.00 Uhr verlassen wir ziemlich entnervt den Markt und machen uns auf den Weg zu Marcel, Anselms Bruder. Auf dem Weg dorthin werden wir von einem uniformierten Förster angehalten, der ganz aufgebracht und böse meint, wir hätten Holz geladen, was wohl verboten ist. Es gibt eine kurze, heftige Diskussion, wir erleben Anselm das erste Mal etwas aufgebracht, der Förster notiert sich unsere Autonummer und wir fahren endlich weiter. An der nächsten Straßenecke gibt es einen Laden, wo man telefonieren kann. Das haben wir dann auch getan. Müde von den Ereignissen des Tages kommen wir gegen 19.00 Uhr bei Marcel an, wo wir auch alle übernachten. Marcel ist verheiratet, hat 2 Töchter und einen Sohn, er ist Tierarzt von Beruf. Sie haben ein schönes Haus mit Garten. Wir bekommen ein tolles Abendessen, als Nachtisch frische Papayas, dazu gekühlte Getränke, ein Luxus, den wir schon lange nicht mehr hatten. Marcels Frau hat mit drei anderen Frauen das ganze Essen vorbereitet, sie waren mit Sicherheit den ganzen Tag damit beschäftigt. Wir sitzen noch gemütlich unter den Zitronenbäumen im Garten zusammen, unsere Ziege wird gut gefüttert und sie ist froh wieder auf vier Beinen zu stehen. Sie darf auch hier bleiben. Charly, Winnie, Marianne, Stefanie, Anselm, Petra u. Bernhard stellen ihre Zelte draußen auf, um in dem schönen Garten eine Nacht im Freien zu genießen, das wird ihnen aber gründlich vermiest, denn um 23.30 Uhr gibt es ein heftiges Gewitter und innerhalb von kurzer Zeit sind alle ins Haus gezogen. Es ist unheimlich, wenn alles finster ist und der Regen prasselt auf das Blechdach. Es hat dann auch die ganze Nacht geregnet.

Dienstag,  den 10.10.2000: Wir haben bei Marcel gut gefrühstückt. Véronique kommt angefahren, um sich von uns zu verabschieden, sie schenkt uns getrocknete Mangoscheiben, um uns die langen Fahrten etwas zu versüßen. Nach einer herzlichen Verabschiedung fahren wir gegen 09.00 Uhr los und machen einen kurzen Abstecher zu Anselms Elternhaus, um seine Eltern zu begrüßen. Anschließend machen wir uns aus gegebenem Anlass auf die Suche nach einem Wagenheber für den Busfahrer. Anselm ersteht ein super modernes Teil, mit Ölhydraulik für 8000 CfA. Danach besichtigen wir die älteste Moschee in Bobo (aus dem 18. Jahrhundert). Ein beeindruckendes Bauwerk, wir dürfen die Moschee nur leider nicht von innen besichtigen, da in der Vergangenheit viele Touristen sich nicht an die strengen Regeln in der Moschee gehalten haben.  Ein netter junger Mann erklärt uns, wie sie innen aufgeteilt ist: Ein extra Raum für die Männer, ein extra Raum für die Frauen, die keine Kinder mehr bekommen und ein extra Raum für die Ehefrauen.

Um 10.30 Uhr verlassen wir Bobo um nach Broum Broum  zu fahren, etwa 180 km entfernt und zwar nur Holperpiste. Landschaftlich ist es mal wieder sehr reizvoll, schöne knallrote Vögel sitzen hier und da auf den Hirsekolben,  das Leben auf der Straße ist immer wieder spannend, es gibt soviel zu sehen, winkende Kinder, Eselskarren, Ziegen- oder Kuhherden überqueren die Piste, Frauen mit ihren Schüsseln auf dem Kopf gehen zum Markt oder sie sind wieder auf dem Weg nach Hause, in der Regel tragen sie zusätzlich ein  Kind auf dem Rücken. Eine Frau begegnet uns, sie trägt 10 Paletten Eier auf dem Kopf – unglaublich. Das stundenlange Pistenfahren ist aber auch sehr anstrengend, der Bus holpert und klappert mühsam voran. Wir kommen an drei wunderschönen bunten Märkten vorbei, aber wir haben keine Zeit anzuhalten, da wir eh schon ein bisschen spät dran sind. Aber beim Vorbeifahren bekommt man auch einen Eindruck von dem regen Treiben.

Wir erreichen um etwa 14.00 Uhr Diéoubougou, wo wir uns gemütlich  draußen in einer Bar unter Bäumen hinsetzen und eine kühle Cola trinken. Eigentlich haben wir genug vom Fahren, ein Glück, dass wir da noch nicht wissen, was auf uns zukommt, wir hätten alle gestreikt. Um 14.40 Uhr  verlassen wir Diéoubougou und haben noch 45 km bis zum Ziel vor uns. Die Piste ist total schlecht zu befahren, zudem kommt ein Gewitter, es regnet  auf die sowieso schon aufgeweichte, schmierige – schlammige Piste. Die vielen Schlaglöcher sind voll Wasser, man sieht nicht mehr, wie tief sie sind. Der Bus rutscht hin und her und es regnet an allen Fenstern in den Bus. Bernhard hat für unsere afrikanische Abkürzung A.S.A.O. eine neue treffende Definition gefunden: African Safari and Adventure Organisation.

Es wird langsam dunkel, regnet wie aus Gießkannen und wir mit unserem rutschenden Bus auf der Piste mitten im Busch in Afrika. Lustig findet das keiner mehr, wir sind alle ziemlich mit den Nerven fertig, keiner rechnet mehr damit, dass wir unser Ziel noch erreichen. In Broum Broum hat auch keiner mehr mit uns gerechnet, aber Punkt 18.00 Uhr sehen wir das Ortsschild. Wir sind heilfroh, dass wir die Nacht nicht im Bus verbringen müssen, schlagen unsere Zelte in einem großen Klassenraum eines Frauenzentrums auf, die Feier ist buchstäblich ins Wasser gefallen, da wir 6 Stunden Verspätung hatten. Wir bekommen aber Gott sei Dank noch was zu essen.  Charly bittet den  Lehrer, der uns pitschenass empfangen hat, weil er auf einem anderen Weg  mit seinem Moped ewig lange auf uns gewartet hat, für  morgen einen Allrad-Pick-up zu organisieren, der uns begleiten soll und im Notfall weiterhelfen kann. Der Lehrer meint, das ist kein Problem. Nach dem Abendessen gehen wir alle früh ins Bett, wir wollen morgen ganz früh aufstehen, da wir nicht wissen, wie wir wegkommen, es regnet nämlich immer noch.

Mittwoch, den 11.10.2000: Um 05.30 Uhr ist alles schon auf den Beinen, wir haben gegen 07.00 Uhr alles auf und im Bus verpackt und frühstücken. Danach besichtigen wir das fast fertige Collège mit Lehrerhäusern, einige Leute haben noch einen Tanz aufgeführt, sie schenken uns Pfeile und Bogen sowie einen Hahn. Wir fragen nach dem Pick-up, der uns begleiten soll, aber es gibt leider doch keinen, der Lehrer verabschiedet uns mit den Worten: „Gott fährt mit euch“.

Wir verlassen um 08.05 Uhr Broum Broum und sind nicht gerade in Hochstimmung, da wir den gleichen Weg wie gestern vor uns haben und auch noch von Bobo nach Ouagadougou (365  km) fahren müssen.

Nach 2 Stunden Holper-Matsch-Piste warten an einer Kreuzung einige Leute aus dem Dorf Damkoblé, sie haben einen Antrag für den Bau einer Schule gestellt. Sie wollen Charly, Götz und Anselm mit in ihr Dorf nehmen (ca. 4 km), aber aufgrund der widrigen Pistenverhältnisse und Zeitnot werden die Verträge auf der Straßenkreuzung unterschrieben. Wir fahren weiter und nach 3 ½ Stunden erreichen wir Diébougou, ohne uns festzufahren, es geht besser als wir gedacht haben. In Diébougou machen wir eine kurze Tankpause, essen ein Bananenbrot und weiter geht’s.

Kurz vor Erreichen der geteerten Straße bei Bobo macht der hintere rechte Reifen komische Geräusche. Es ist der Ersatzreifen, da der reparierte Originalreifen völlig blank war, hatten wir bei der Reifenpanne den Ersatzreifen aufgezogen. Die Felge passt wohl nicht, wir wechseln den Reifen, das geht relativ schnell, wir haben ja schließlich einen Wagenheber. An der nächsten Werkstatt halten wir an und der „gute“ Reifen wird auf die richtige Felge montiert. Das wird eine längere Sache, denn der Schlauch geht beim Wechseln kaputt. Während der Wartezeit beschäftigen wir uns mit den Dorfkindern. Unser Hahn genießt den leeren Bus und hüpft von einem Sitz zum anderen. Wir schauen an der Werkstatt einem Mechaniker beim Fahrradschlauchstopfen zu.

Nach einer guten Stunde können wir dann endlich gegen 16.00 Uhr  weiterfahren. Wir haben für unseren reparierten Reifen eine Rechnung von 1,50 DM bezahlt. Ab hier haben wir noch 365 km vor uns, aber geteerte Straßen, wir können jetzt etwa 60 km pro Stunde fahren. Die Straße ist mit Schlaglöchern übersät, keine Seiten- und keine Mittelstreifen, keine Beleuchtungspfosten, also nicht mit unseren Straßen zu vergleichen. Zwischendurch halten wir an einer Brücke an, wo viele Kinder im Fluss baden oder von der Brücke ins Wasser springen, ein paar Frauen halten Waschtag und Kinder kommen mit Kühen zum trinken. Wir haben dieses Bild auf Fotos und mit der Kamera festgehalten. Véroniques getrocknete Mangoscheiben sind immer wieder eine leckere Abwechslung auf der langen Fahrt. Es wird langsam dunkel und wir haben noch eine weite Strecke vor uns. Die Schlaglöcher sehen wir nur noch, wenn wir eigentlich schon durchgefahren sind, ab und zu fahren Autos ohne Licht auf unserer Seite oder  es kommen uns Autos oder Lkws ohne Licht entgegen. Unglaublich! Wir machen eine kurze Trinkpause, damit unser Fahrer sich ein wenig erholen kann, er hat ja schon etliche Stunden hochkonzentriert  am Steuer gesessen. Nach etlichen Kontrollen kurz vor der Stadt erreichen wir nach 15 ½  Stunden um 23.45 Uhr Ouagadougou. Marie-Thérèse hat noch gut gekocht für uns. Wir stellen die Zelte in Anselms Innenhof auf und fallen todmüde auf unsere Isomatten.

Donnerstag, den 12.10.2000: Um 06.00 Uhr ist die Nacht zu Ende, denn Charly, Winnie, Erika, Marianne, Stefanie u. Anselm sind schon wieder in Aufbruchstimmung, um 08.00 Uhr kommt der Fahrer und es geht weiter nach Nohoungo. Götz, Rita, Petra, Simone, Bernhard und ich bleiben bei Marie-Thérèse. Wir frühstücken noch alle zusammen, verabschieden die Weiterreisenden und genießen dann den Luxus in Anselms Haus, nämlich eine richtige Dusche und eine richtige Toilette. Wir haben keine Termine und können heute alles ganz ruhig angehen. Nachdem wir ein paar Sachen gewaschen haben, machen wir uns um 09.30 Uhr auf den Weg zum Markt direkt um die Ecke. Der Markt wird überwiegend von Einheimischen besucht, so können auch wir, ohne ständig belästigt zu werden, in Ruhe einkaufen, finden ein paar schöne Stoffe, die wir noch geschickt herunterhandeln und kaufen. Wir kaufen alle einen Beutel Bisapblüten, um den leckeren Saft auch in Deutschland zuzubereiten, womit Marie-Thérèse uns verwöhnt hat. Um unsere Ballaphone zu transportieren, benötigen wir noch Taschen, die relativ groß sein müssen.  Auf dem Markt können wir sie erstehen, schlendern anschließend noch ein wenig herum und genießen die afrikanische Marktatmosphäre. Es ist sehr heiß um die Mittagszeit und wir gehen langsam wieder zurück. Wir sind froh,  wieder in Anselms Garten ein Schattenplätzchen zu haben. Marie-Thérèse und das Hausmädchen haben in der Zwischenzeit für uns gekocht.

Nach dem Mittagessen fahren wir mit einem Taxi in  die Innenstadt zum Zentralmarkt, wo wir uns mit Lydia und drei Leuten aus dem Heim verabredet haben. Das Leben und Treiben in Ouagadougou wird mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben – unglaublich was da los ist. Am Markt angekommen, setzen wir uns in ein Café um auf Lydia zu warten, die dann auch bald kommt. Sie hat einen Jungen aus dem Heim mitgebracht, der sich hier gut auskennt und dessen Bruder mit einem Freund auch bald auftaucht. Wir erklären ihnen, was wir kaufen wollen und sie laufen los und besorgen uns die Sachen. Petra hat für Charly noch einiges zu besorgen und so können wir in Ruhe aussuchen, ohne dass uns die Verkäufer im Gedränge in Scharen nachlaufen. Wir erstehen Batikkarten, Batiktücher, Kerzenständer, Holzfiguren usw. Wir handeln gute Preise aus, da wir in großen Mengen einkaufen. Rita kauft sich noch eine schöne Weste. Nach 2 ½ Stunden ist alles besorgt. Ich wäre gerne noch über den Zentralmarkt spaziert, um einen Eindruck von dort mit nach Hause zu nehmen, aber dafür war’s jetzt zu spät. Wir sind froh über unsere Einkäufe und fahren gegen 18.00 Uhr mit dem Taxi wieder zurück, auch ein Erlebnis um diese Uhrzeit. Ein Wahnsinnsbetrieb auf den Straßen, alles fährt kreuz und quer, ein Gehupe und ein tierischer Gestank nach Benzin. Marie-Thérèse hat mit Hilfe ihrer Schwester und dem Hausmädchen das Abendessen fertig.  Rita und Götz sind bei Lombo und Rachel eingeladen und übernachten auch dort. Petra und Bernhard packen noch bis spät, Simone und ich gehen ins Zelt, die letzte Nacht in Afrika. Ich schlafe sehr schlecht, der Hund, der unmittelbar neben unserem Zelt festgebunden ist, bellt bis spät in die Nacht.

Freitag, den 13.10.2000  

Um  halb fünf fängt unser mitgebrachter Hahn an zu krähen, er hat sich dafür direkt neben unser Zelt gestellt, am liebsten würde ich ihm den Hals rumdrehen, das hat dann auch ein paar Stunden später ein Hausarbeiter getan, wir bekommen ihn zum Mittagessen. Petra und Bernhard schlagen beim Frühstück vor, wir können doch als kleine Überraschung für Marie-Thérèse einen Kuchen backen. Wir machen uns auf den Weg, um die Zutaten zu besorgen, eine ziemliche Herausforderung! Außer Butter können wir alles kaufen, aber wir wissen, dass Marie-Thérèse noch welche hat. Mit vereinten Kräften backen wir einen handgerührten Apfelkuchen. Er gelingt recht gut und Marie-Thérèse freut sich sehr. Sie hat in den letzten zwei Tagen unermüdlich für uns gekocht und uns umsorgt.

Nach dem Mittagessen machen wir uns auf den Weg zum Kinderheim, um Lydia zu besuchen. Der Fußweg ist recht lang und bei der Mittagshitze nicht unbedingt ein Vergnügen. Bei Lydia angekommen, besichtigen wir das Jungen- und auch das neu gebaute Mädchenheim. Ich bin beeindruckt, wie gut organisiert und sauber hier alles ist. Wir trinken noch eine Cola und machen uns auf den Heimweg, da wir ja auch langsam an die Heimreise denken müssen.

Gegen 15.00 Uhr sind wir wieder zurück, packen langsam aber sicher unsere sieben Sachen, Rita und Götz sind auch wieder eingetroffen. Es kommen noch einige Leute, um sich von uns zu verabschieden, wir sagen schweren Herzens Marie-Thérèse auf Wiedersehen und werden zum Flughafen gebracht. Bernhard begleitet uns noch, er fliegt erst morgen mit der restlichen Gruppe zurück. Wir geben unser Gepäck auf und haben noch relativ viel Zeit.

Ein Lehrer aus Satiri, der Götz einen wunderschönen afrikanischen Anzug hat nähen lassen, kommt noch an den Flughafen, um uns zu verabschieden. Anselm lässt es sich nicht nehmen, nachdem er gerade von seinem Trip mit den Anderen zurückgekommen ist, noch schnell zum Flughafen zu kommen und Tschüss zu sagen. Wir starten mit einer halben Stunde Verspätung und fliegen wieder Richtung Heimat.  Unsere Heimreise verläuft völlig reibungslos und relativ stressfrei, ich habe es mir schlimmer vorgestellt.

Wir erreichen Hillesheim am Samstag, dem 14.10.2000 um 13.00 Uhr. Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein. Es war für mich ein unvergessliches Erlebnis, ich brauche noch viel Zeit, all die Eindrücke, die ich sammeln durfte, zu verarbeiten. Ich durfte vor Ort miterleben, wie sehr sich die Menschen über ihre neuen Schulen freuen und wie wichtig es ist, sie zu unterstützen.