Gedanken zu einer Afrika - Reise

von Wolfgang Nieländer

 

 

Zwischen Paris und Ouagadougou liegen nur wenige Flugstunden. Dessen ungeachtet können die Gegensätze der Lebensbedingungen kaum größer sein. In den folgenden zwei Wochen tauchten wir in eine andere Welt ein und werden mit ständig neuen Eindrücken konfrontiert.

 

Während wir Stunden um Stunden und Tag für Tag in den ländlichen Gebieten von Burkina herumfahren, ist es einerseits schwer, sich dem Reiz der kargen und häufig monotonen Landschaft zu entziehen. Andererseits werden uns die überaus krassen Unterschiede des materiellen Lebensstandards der ländlichen Bevölkerung gegenüber unseren Verhältnissen, so wie wir sie gewohnt sind, mit großer Eindringlichkeit vor Augen geführt. Niemand von uns bleibt ungerührt, wenn er zur Kenntnis nehmen muss, dass manchmal ein Betrag im Gegenwert von wenigen Euro ausreichen würde, um lebenswichtige Medikamente zu beschaffen und das Leben eines Menschen von der Verfügbarkeit einer in unseren Augen lächerlich kleinen Summe abhängen kann.

 

Dabei liegt es nahe, aus der materiellen Überlegenheit unseres eigenen sozialen und wirtschaftlichen Systems und unserer technischen Kompetenz eine hierarchische Ordnung abzuleiten, bei der wir uns selbst einen der oberen Plätze und den Afrikanern einen der unteren Plätze zuweisen.

 

Der Eindruck der eigenen Überlegenheit relativiert sich bei dem Gedanken daran, welcher Vitalität und welcher Anstrengung es unter den in den Dörfern  herrschenden Lebensbedingungen bedarf, um das Überleben zu sichern oder sogar eine Familie zu erhalten und verflüchtigt sich spätestens dann, wenn man bedenkt, wie lange und ob man selbst unter diesen Umständen ohne die gewohnten technischen Hilfsmittel überlebt hätte. Die Knappheit der finanziellen Mittel im dörflichen Milieu steht in deutlichem Gegensatz zu der Gastfreundschaft, mit der wir aufgenommen werden und der zum Ausdruck gebrachten Lebensfreude.

 

Vor diesem Hintergrund wird man nachdenklich und fragt sich, ob wir der Höhe des Sozialproduktes und dem Wachstum der Volkswirtschaft möglicherweise nicht zu viel Bedeutung beimessen. Zugleich kommt man nicht umhin, der ländlichen Bevölkerung und hier besonders den Frauen großen Respekt, wenn nicht sogar Bewunderung entgegen zu bringen. Nachdenklichkeit richtet sich auch darauf, mit welcher Selbstverständlichkeit wir für uns einen privilegierten Lebensstandard beanspruchen, obwohl wir an der Schaffung der Voraussetzungen, die diesen Lebensstil ermöglichen, kaum wirklich beteiligt sind.

 

Unseren Bemühungen um Verständnis der fremden Umwelt, mit der wir konfrontiert werden,  sind schon deshalb Grenzen gesetzt, weil uns wenig Zeit zur Verfügung steht und weil wir wegen fehlender Kenntnisse der verschiedenen lokalen Sprachen bei Gesprächen mit den Dorfbewohnern in der Regel auf Übersetzer angewiesen sind. Aus diesem Grund sollten wir uns eingestehen, dass wir von dem komplizierten Geflecht von Beziehungen, Regeln und Zwängen, nach denen die Afrikaner ihr Verhalten ausrichten, nur sehr ungenaue Vorstellungen besitzen. So bleibt es nicht aus, dass wir  - ohne es zu wollen und ohne es zu ahnen -  nicht selten gegen afrikanische Formen von Höflichkeit und Etikette verstoßen. Derartige Vorfälle gibt es auch in der umgekehrten Richtung.

                                                                                                

Auch wenn wir uns unter dem Eindruck der Bescheidenheit der Lebensbedingungen, unter denen die meisten Afrikaner leben und arbeiten müssen, kaum davor zurückhalten können gute Ratschläge zu erteilen, empfiehlt es sich, unsere eigenen Kriterien und Überzeugungen nicht ungeprüft auf afrikanische Verhältnisse zu übertragen und uns mit unseren Empfehlungen zurückzuhalten.

 

Wir stellen fest, dass wir auf viele Fragen keine Antwort finden, dass wir die Bedürfnisse und Prioritäten häufig anders einschätzen als unsere afrikanischen Freunde und dass die Gleichung: „Mehr Geld für afrikanische Regierungen ist gleich mehr Wohlergehen für die Bevölkerung“  in dieser einfachen Form kaum aufrecht erhalten werden kann. Selbst die größte Einsatzbereitschaft und bis zur Erschöpfung gehende Anstrengungen engagierter Geber reichen nicht aus, um fehlende oder unzureichende Motivation der einheimischen Zielgruppen und Strukturen auszugleichen.  Als wenig hilfreich erweist sich auch, wenn die afrikanischen Eliten vor der geballten Schaffenskraft ausländischer Idealisten derart ehrfürchtig erstarren, dass sie sich auf die weniger strapaziöse Position des Applaus spendenden Zuschauers zurückziehen.

 

Nicht von ungefähr sind die Ergebnisse der meisten entwicklungspolitischen Maßnahmen, besonders wenn diese über staatliche Strukturen abgewickelt werden, sehr bescheiden.

 

Wir kommen zu dem Schluss, dass es in Afrika noch viel zu tun gibt und dass sich der Solidaritätskreis mit seinem nicht unerheblichen Beitrag zum Ausbau der Bildungseinrichtungen auf dem richtigen Weg befindet. Eine überschlägige Berechnung kommt zu dem Ergebnis, dass die Aktivitäten des Solidaritätskreises bisher zur Schaffung von 350 bis 400 ständigen Arbeitsplätzen im ländlichen Raum geführt haben. Die eigentliche entwicklungspolitische Leistung besteht jedoch darin, zehntausenden von Jugendlichen den Schulbesuch ermöglicht zu haben. Es dürfte in Burkina nicht leicht sein, entwicklungspolitische Maßnahmen zu finden, bei denen die Relation zwischen finanziellem Aufwand und erzielten Ergebnissen so positiv ist wie im Falle des Solidaritätskreises Westafrika. 

 

Ungeachtet aller sich manifestierenden Unsicherheiten und Zweifel über unseren eigenen Lebensstil und unsere Wertvorstellungen wächst mit zunehmendem Abstand von Deutschland die Einsicht, dass wir trotz gelegentlichem Unbehagen mit den hiesigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen eigentlich ganz zufrieden sein können.