Die Haushalte werden kleiner, die Essgewohnheiten ändern sich. Ein ganzes Hähnchen steht immer seltener auf dem Speisezettel, statt dessen erfreuen sich Hähnchenschnitzel zunehmender Beliebtheit. Dass ausgerechnet dieser Trend hierzulande Kleinbauern in Afrika in den Ruin treibt, das ist erst einmal überraschend.
Immer mehr gefrorenes Geflügel wird aus Europa nach Afrika
ausgeführt. Einen Grund nennt Francisco Marí, Kamerun-Experte und Berater des
Evangelischen Entwicklungsdienst in Frankfurt:
Weil bei uns - wenn man es salopp sagen will - von
dem Huhn nur die Brust gekauft wird und die anderen Geflügelteile links liegen
gelassen werden von uns Verbraucherinnen und Verbrauchern. Und diese Teile
müssen ja irgendwo bleiben. Und die Produzenten machen dann einen weiteren
Profit, in dem sie diese Hühnerteile einfrieren und nach Afrika schicken.
Ein Beispiel: Im Jahr 1996 wurden 960 Tonnen gefrorener Hühnchen aus der EU nach
Kamerun exportiert, 2003 waren es 22.000 Tonnen. Denn Kameruns Kleinbauern
können mit den Preisen der Importeure nicht konkurrieren.
Aufgrund der Situation, dass auf dem Markt ihre
Hühner nicht mehr gefragt sind und viel teurer sind als unsere billigen
Hühnerteile, sind sie im Prinzip pleite - fast zu 80 Prozent. Und wenn sich die
Situation mal ändern sollte, können sie auch keine Küken kaufen, weil sie eben
verschuldet sind - und da keine neuen Kredite bekommen.
Und das ist absurd: Denn die Bauern haben erst dank deutscher und europäischer
Entwicklungsprojekte jene Kleinkredite erhalten, mit denen sie sich Küken kaufen
konnten, um später Eier und Hühner verkaufen zu können.
Nicht nur das: Europas gefrorene Hühner gefährden die Gesundheit der Menschen.
Denn in Ländern wie Kamerun, Mali oder Ghana funktioniert die Kühlkette oft
nicht. Francisco Marí
Wer schon mal dort war, kann sich vorstellen, wenn
die Kühlcontainer am Hafen ankommen, werden sie vom Strom genommen und bei 35
Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit schmelzen sie in der Sonne dahin die
gefrorenen Hühnerteile. Und werden in kleine Pritschenwagen umgeladen, dann im
ganzen Land in die großen Städte, die teilweise 200, 300 Kilometer bei
afrikanischen Straßenverhältnissen einige Stunden dann auf den Pritschen liegen
und dann irgendwie auf die Märkte kommen. Und nicht mehr so gesund sind.
Genaue Angaben über die Zahl von Magen-Darm-Erkrankungen fehlten zwar, Francisco
Marí verweist aber auf eine Untersuchung des französischen Louis Pasteur
Instituts, die im Herbst 2004 veröffentlicht wurde:
Das Wichtigste ist, dass 85 Prozent aller Stichproben
gezeigt haben, dass das Fleisch nicht mehr für den Verzehr, also für den
menschlichen Verzehr geeignet sind. Über 30 Prozent der Stichproben hatten schon
Salmonellen und andere Bakterien und Viren, die für den Mensch gefährlich werden
können.
Inzwischen hat sich etwas getan: So hat Kamerun seine Kleinbauern von der
Mehrwertsteuer befreit. Das reiche aber nicht aus, meint Karin Ulmer von APRODEV,
der Europäischen Dachorganisation protestantischer Entwicklungsorganisationen in
Brüssel. Sie sieht Europa in der Pflicht:
Wir wollen, dass europäische Politik nicht einfach
zuschauen kann, dass hier massiv und unkontrolliert Exporte stattfinden. Und wir
fordern ein, dass die Kontrollen verstärkt werden und dass auch geschaut wird,
was ist die Verantwortung von den privaten Exporteuren.
Und die neue europäische Lebensmittelverordnung, die seit Anfang 2005 gilt, sei
eindeutig: Ausgeführte Lebensmittel müssen europäische Standards einhalten: So
muss Fleisch gekühlt transportiert werden. Aber wo endet diese Verantwortung?
Auf See? In afrikanischen Häfen? Wer haftet für die Qualität des Geflügels in
den afrikanischen Ländern? Für Karin Ulmer ist die Antwort klar:
Wir sagen, dass beim Export von gefrorenem Fleisch
oder Hühnchen die Verantwortung der EU-Exporteure den gesamten Vertriebsweg
betrifft - bis hin zum Konsumenten in den Entwicklungsländern und nicht nur bis
zum Hafen.
Mit anderen Worten. Wenn bekannt ist, dass europäische Standards nicht
eingehalten werden, darf nicht exportiert werden. Das hieße für Kamerun: Die
Kleinbauern bekommen wieder eine Chance, mit Eiern und Hühnern Geld zu
verdienen.
Deutschlandfunk 17.03.2005 http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/357561/