Mein freiwilliges Jahr in Burkina Faso
- Jana Marxen -

Seit dem 2. August 2009 lebe ich in Burkina Faso. Nach 10 ersten Tagen auf der « Colline de la rencontre – Emmaüs » bei Dédougou, dem Projekt, in dem Alexander arbeitet, bin ich am 12. August schließlich in Banfora angekommen. Inzwischen ist schon sehr viel passiert, ich habe viel Neues erlebt und in mir wimmelt es nur so von Eindrücken und Emotionen.

Es ist also auch dementsprechend schwer einen Anfang zu finden. Wie kann ich euch am besten mein Leben hier nahe bringen, euch mitfühlen lassen?

 Die Communauté des Foyers Sainte Monique

Die Communauté des Foyers besteht aus Soeur Véronique Pémou, der Gründerin des Foyers und 6 weiteren Schwestern, bzw. Fast-Schwestern. Dazu leben und arbeiten hier noch einige Mädchen, die einen Einblick in das Schwesternleben erlangen möchten, um dann für sich zu entscheiden ob sie Schwester werden möchten oder nicht.

Im Moment sind noch Ferien und die 48 Mädchen des Foyers kommen erst Ende September.

Das Foyer Sainte Monique liegt 5 Min. mit dem Fahrrad vom Markt entfernt, ist also ziemlich nahe am Zentrum Banforas gelegen. Religion spielt hier eine sehr wichtige und zentrale Rolle und bestimmt unter anderem wesentlich den Tagesablauf. Für mich ist das Stundengebet, die tägliche Messe, sowie die tägliche Meditation zwar nicht verpflichtend, doch mehr und mehr finde ich darin Ruhe und die Möglichkeit abzuschalten, mich fallen zu lassen.

 Ein Tag in der Communauté

Obwohl noch Ferien sind, sind die Tage hier sehr voll gepackt und ereignisreich!

Um 05:15 Uhr werde ich von meinem Wecker im Koran-Style und dementsprechend mit muslimischen Gesängen geweckt (die „normalen“ Wecker auf dem Markt waren alle irgendwie defekt J). Die Meditation in der Kapelle beginnt um 05:45 Uhr. Danach fahren die Schwestern meist in die Messe, für mich ist das die Zeit, in der ich meine Computerkurse für den Tag vorbereite. Wenn die Schwestern um kurz nach 7 aus der Messe zurückkommen frühstücken wir, dies geschieht aber in Stille, nur das nötigste wird gesprochen. Zum Frühstück gibt es „bouillie“(Hirsebrei) und Baguette mit Mangomarmelade. Wenn am Abend vorher nicht alles aufgegessen wurde, kann es auch schon mal sein, dass es zum Frühstück „Tô“ oder „Riz gras“ gibt.

 Nach dem Frühstück beginnt dann jeder seine Arbeit. Die Schwestern beginnen zu kochen, zu waschen, etc. Für mich beginnt um 8 Uhr der Computerkurs mit momentan 4 Frauen von 20-40 Jahren. Mittlerweile sind wir schon recht weit und entdecken gerade die Vielfalt von „Microsoft Office Word 2003“! In der ersten Stunde habe ich damit begonnen zu erklären was die Maus ist, der Bildschirm, wie man die Maus in der Hand hält, etc. Also wirklich bei Null. Und umso schöner ist es zu sehen, wie sie sich von Stunde zu Stunde geschickter und gekonnter durch das Menü klicken, Bilder bearbeiten, Ordner von meinem USB-Stick auf den Rechner kopieren, etc. Am ersten Tag kamen auch alle nach afrikanischer Art eine halbe Stunde zu spät; mittlerweile bin ich es, die als letzte kommt, weil die Frauen schon 10 Minuten vor Beginn da sind!

Um 09:30 Uhr ist Pause und danach geht’s weiter bis um 11 Uhr. Währenddessen wurde in der Küche schon fleißig gearbeitet. Ich helfe dann noch wo ich kann und so um 12:30 Uhr gibt’s dann Mittagessen.

 Hier ein paar Einblicke in die Speisekarte, die sowohl für mittags als auch für abends gültig ist:

 

             Vorspeise:                              Hauptgang:                                          Dessert:

Avocado und Salatgurke mit          „Tô“ (Fladen aus Maismehl            Banane, Papaya,

Dressing und Baguette                    und Wasser) mit Soße                    Mango, Guyave,                                                      

                                                        (Baobab, Osseille, Gombo,             Melone,…(manchmal

                                                        Feuilles oder Raupen),                    mit Naturjogurth, der                                                                                          

                                                       „Riz gras“ (matschiger Reis mit      hier wirklich noch

                                                        einer Soße aus verschiedenen         richtig gut nach Kuh

                                                        Kohlsorten, Auberginen und           schmeckt!)

                                                        Fleisch), Cousous, Manjok,                                                                    

                                                        Patates, Akiekè (Manjokgericht

                                                       aus der Côte d’Ivoire), Bohnen,

                                                       Linsen, viel Fisch, Huhn,…

 Was mich hier immer wieder fasziniert ist zu sehen, wie viel die Schwestern über (Heil-) Pflanzen wissen! Hier werden viele Soßen aus Blättern zubereitet, andere Blätter werden getrocknet und als Tee verarbeitet gegen Bauchweh oder Husten, wieder andere werden gekocht und gegen die Malaria getrunken oder man wäscht sich mit dem Sud…das ist sehr spannend – leider gibt es die Pflanzen alle nicht in Deutschland.

 Nach dem Essen und dem Spülen ist dann Siesta bis um 15 Uhr. Denn in der Zeit ist es einfach zu heiß um viel zu arbeiten und außerdem, wie die Schwestern mir immer wieder sagen: „Le Palu profite de la fatigue!“ (Die Malaria profitiert von der Müdigkeit!).

 Um 15 Uhr kommen dann dreimal die Woche wieder die Frauen für 2 Stunden um am PC zu arbeiten. An den Tagen, an denen sie nicht kommen, nutze ich die Zeit um in der Küche zu helfen, zu waschen, helfe bei der Pflege des Innenhofs, räume auf, was halt grade so ansteht. Nach dem Abendessen um 20 Uhr lerne ich dann meistens mit Marie, Angèle und Nicolas Mathe und Französisch. Die drei leben mit in der Communauté, Marie als Fast-Schwester, Nicolas und Angèle sind verwandt mit Soeur Véronique und arbeiten hier. Sie sind alle so um die 20 bis 23 Jahre und hatten als Kind nicht die Chance eine Schule zu besuchen. Dank Soeur Véronique kommt mehrmals die Woche für zwei Stunden ein Lehrer ins Foyer und lernt mit Marie, Angèle und Nicolas Mathe, Französisch, Bio und Geschichte. Nächstes Jahr im Juni werden sie ihre CEP-Prüfung (Grundschulabschluss) machen und wenn sie bestehen, haben sie die Möglichkeit das Collège zu besuchen. Das heißt im Moment ist das Niveau mit der 5. Klasse zu vergleichen!

 Um 21:30 Uhr gehe ich mit in das Abendgebet mit anschließender Meditation und danach wird in der Küche meist schon das Essen für den nächsten Tag vorbereitet oder ich lerne weiter mit Marie, Angèle und Nicolas.

 Sonntags ist um 8 Uhr die Messe. Sie wird in einer Art „Open-Air-Kirche“ gefeiert: die Bänke sind wie eine Tribüne um den Altarraum aufgebaut und zu den Seiten ist die Kirche komplett geöffnet. Die Messe hier wird auf Dioula und auf Französisch gehalten, da viele ältere Menschen nie richtig Französisch gelernt haben. Der Chor singt ebenfalls auf Französisch und auf Dioula, begleitet von zwei Djembes!

Wenn sie dann nach ca. 1,5 Stunden zu Ende ist., wird  gegrüßt, erzählt, gelacht – für die Menschen hier ist die Messe eine Möglichkeit sich auszutauschen, zu erzählen und Freunde zu treffen!

Wir fahren danach meist noch auf den Markt – sonntags ist Markttag in Banfora, d.h. die Leute kommen von der ganzen Umgebung um ihre Ware zu verkaufen – und erledigen die Einkäufe für die Woche.

Burkina Faso, seine Menschen und meine Eindrücke

Was meine Eindrücke hier in Burkina angeht kann ich nur von einer reinsten Reizüberflutung sprechen! Besonders am Anfang waren da einfach so viele neue Situationen, Gerüche, Geräusche, ... überall roter Sand, Frauen sitzen am Straßenrand um Mais oder Erdnüsse zu verkaufen, Kinder die Kühe treiben oder sie kaum gehalten kriegen, Männer auf schwer beladenen Mofas knattern über die bucklige Strasse, die Sonne scheint, aber auf der roten Piste sind noch die Pfützen vom letzten Regen zu sehen, auf den Strassen überall Müll...in den Städten ist es dann noch voller, mit dem Auto bahnt man sich irgendwie einen Weg durch die Menschenmenge und das Marktgetummel. Die Menschen lachen, gestikulieren wild herum, rufen einem „E toubabou(Weiße), ca va?“ zu und winken, Frauen, die schwere Töpfe auf dem Kopf tragen und dazu noch ein Kind auf dem Rücken, oder auch Männer, die einfach nur in einem Grüppchen zusammensitzen und Tee trinken. Aber trotz dem ganzen Lärm, dem großen Treiben bleibt letztendlich doch eine ruhige und gelassene Atmosphäre! Es ist Zeit für Begrüßungen, für einen helfenden Handgriff oder ein kleines Gespräch.

 Unter all diesen vielen Eindrücken gibt es ein paar Erlebnisse, die mich hier besonders berührt haben und mich beschäftigen. Ich möchte sie gerne mit euch teilen:

Eine Beobachtung, die mich sehr berührt, ist zu erleben, dass alle Menschen hier, egal ob Priester, Nonne, Anwalt oder Gärtner, ein bisschen dieselbe Vergangenheit erlebt haben. Die meisten Menschen sind auf den Dörfern aufgewachsen und erst später in die Städte gezogen. Und Dorf heißt hier wirklich Dorf: es gibt kein Strom, meist kein fließendes Wasser, ein Dorf besteht aus so ca. 10 – 20 Familien und damit ungefähr 100-200 Einwohnern. Die Familien haben jeweils einen eigenen „cour“. Dieser ist ein Hof in der Mitte, rundherum kleine Rundhütten zum Schlafen, eine als Küche. Dies bedeutet nicht, dass jede Familie für sich ist, im Gegenteil: es herrscht ein reges Treiben auf dem Dorf, jeder geht zu jedem, keine Tür ist verschlossen. Und auf dem Dorf geht es „wild“ zu: es wird mit den Händen gegessen, auf Matten geschlafen, Dolo (Hirsebier) schon früh getrunken, die Toilette ist ein Loch im Boden,…

 Doch wenn man so eine Nonne sieht, in ihren feinen Schuhen, den sauberen Kleidern, dem guten Benehmen, dann vergisst man leicht, dass auch sie von einem Dorf kommt. Manchmal jedoch, wenn sie sich hinsetzt und der Rock ein bisschen hochrutscht, so dass man das Schienbein sehen kann, dann sieht man zahlreiche Narben an den Beinen, zum Teil wulstig weil sie nicht richtig verheilt sind. Als Soeur Véronique mit uns in ihr Dorf gefahren ist, haben wir mit den Händen gegessen, es wurde geschmatzt, sie hat Dolo aus einem Topf getrunken und morgens habe ich sie ohne Kopftuch gesehen. Das alles sind Momente, in denen mir klar wird, dass die meisten Menschen hier eine „wilde“ Kindheit auf den Dörfern erlebt haben, die nicht mit dem Leben in der Stadt zu vergleichen ist. Sie haben alle ein bisschen dieselbe Geschichte, sprechen untereinander ihre Muttersprache, d.h. Dioula, Mooré, Germa, Bissa, etc. Und sobald sie vom Französischen in ihre Sprache verfallen kann man beobachten, dass sie ganz anders gestikulieren, es wird mehr gelacht – dass sind wie zwei Welten, die in einer Person zu existieren scheinen.

 Und eine weitere Beobachtung, die mich sehr kritisch gegenüber der deutschen Kultur und Moral stimmt, ist der menschliche Umgang untereinander. Die Menschen haben Zeit, Zeit füreinander, Zeit miteinander. Hier wird mir klar, wie verkümmert wir in Deutschland teilweise im Bezug auf unser Sozialverhalten sind. Hier wird die Arbeit zum Miteinandersein gemacht: Waschen bedeutet hier wirklich, dass man zu fünft oder sechst die Wäscheberge in Angriff nimmt. Das ist auf jeden Fall viel körperliche Arbeit aber die Zeit wird genutzt zum erzählen, diskutieren und lachen. So werden durch die Arbeit Stunden geschaffen, in denen sich Menschen näher kommen, Zeit miteinander verbringen. Bei uns hingegen sind wir redlich bemüht jegliche Art von Miteinandersein durch Maschinen zu ersetzen: wir gehen alleine zur Waschmaschine, nutzen die Zeit die wir durch die Maschine gewonnen haben um schnell auf die Arbeit zu fahren, wenn wir zurückkommen stecken wir die Wäsche alleine in den Trockner um dann alleine oder höchstens innerhalb der Familie den Feierabend vor dem Fernseher mit einer Fertigpizza als Abendessen zu verbringen. Das ist vielleicht stark übertrieben und trifft nicht auf uns alle zu, aber im Grossen und Ganzen läuft es doch so bei uns: jeder für sich und für seine Arbeit und dabei vergessen wir das Miteinander völlig! Anonymität wir bei uns immer größer geschrieben und damit auch der Egoismus – aber wo bleibt die Moral, die Menschlichkeit, das Vertrauen, die selbstlose Gastfreundschaft? Und: wollen wir das überhaupt? Ein Leben geprägt von Anonymität und Misstrauen? Ein Leben in dem selten spontane Besuche möglich sind, weil ich mich fragen muss: „Hat derjenige überhaupt Zeit für mich? Wenn nicht, würde er es zugeben? Bringe ich ihn eventuell in eine peinliche Situation weil er nicht sauber gemacht hat, nichts zum Trinken oder zum Essen anzubieten hat?“

 Résumé und Zukunft im Projekt

Nach fast zwei Monaten in Banfora kann ich sagen, dass ich mich sehr, sehr wohl fühle und die Communauté ein Zuhause für mich geworden ist. Die Schwestern, sowie die restlichen Jugendlichen hier sind total offen, lachen viel und es wird nie langweilig! Ein Problem ist für mich noch die Sprache, da hier doch mehr Dioula gesprochen wird als ich dachte. Aber die Begrüßung und ein paar Sätze auf Dioula habe ich drauf und ich bin fleißig am weiterlernen. Die Spezialitäten der Burkinabè, wie z.B. „Dolo“, „Tô“, „chenilles“ (Raupen), etc. habe ich schon gekostet und mehr oder weniger schätzen gelernt (Raupen weniger, Dolo und Tô dafür umso mehr J). Überhaupt schmeckt mir das Essen hier sehr gut und gesundheitlich hatte ich lediglich in der ersten Woche unwesentliche Umstellungsprobleme.

Jean-Paul, ein Bekannter der Soeur Véronique nennt mich schon jetzt „l’africaine“, was für mich ein schönes Kompliment ist.

 Was die Zukunft in meinem Projekt angeht: Mit dem Ankommen der Mädchen des Foyers wird sich mein Alltag noch einmal etwas ändern und mein Aufgabenfeld wird sich erweitern. Hinzukommen wird meine Arbeit mit den Mädchen, d.h. (Deutsch-)Nachhilfe, Sport und außerdem Aufklärungsarbeit an den umliegenden Collèges. Dies werde ich wahrscheinlich zusammen mit einer „Animatrice“ aus Banfora machen.

 Ich hoffe ihr konntet durch das Lesen ein bisschen von meinem afrikanischen Leben hier mitfühlen!? Danke für all eure Mails und Anrufe, ich freue mich immer wieder und es tut „saugut“ zu wissen, das da drüben in Deutschland einige Menschen an einen denken! J

 „A ni tie et ambi ko fè“ (Merci et à bientôt)

 

Jana

 PS: Wenn Sie speziell für das Foyer Sainte Monique spenden wollen, schreiben Sie
bitte auf die Überweisung den Vermerk "Foyer Monique".