Jede Kuh in Europa bekommt mehr als ein Afrikaner

 

Die hohen Subventionen in der Ersten Welt richten mehr Schaden an, als die Entwicklungshilfe anschließend reparieren kann.

Arne Perras

Jamaica Hope“ heißt eine Rinderrasse, die Bauern auf der Karibikinsel halten, um Milch zu produzieren. Einst konnten die Landwirte mit ihrem Vieh zumindest genügend verdienen, um ihre Familien durchzubringen. Doch seit die Europäische Union und andere Industriestaaten mit hohen Exportsubventionen ihr eigenes Milchpulver zu Dumpingpreisen auf den Weltmarkt geworfen haben, ist die Kuh auf Jamaika kein Glücksbringer mehr.

Die meisten Bauern sind ruiniert, müssen ihr Vieh verkaufen, weil sie mit den Preisen nicht mithalten können. In solchen Fällen springt dann die Entwicklungshilfe ein, um die verarmten Bauern nicht ganz allein zu lassen.

Absurde Auswirkungen

Dies ist nur eines von vielen Beispielen, welch absurde Auswirkungen Exporthilfen und Subventionen der reichen Länder in der Dritten Welt bislang haben. Der unfaire Handel hat Existenzen zerstört, die dann mit Hilfsgeldern wieder aufgebaut werden sollen.

Nach dem Verhandlungsergebnis in Genf könnte sich manches für die ärmeren Länder zum Besseren wenden – sofern das Papier tatsächlich den „Anfang vom Ende“ der Handelsverzerrungen markiert, wie Brasiliens Außenminister Celso Amorim in Genf erklärte. Doch in jedem Fall dürfte es noch viele Jahre dauern, bis die Entwicklungsländer etwas von den Veränderungen zu spüren bekommen, die das neue Abkommen der WTO vorsieht.

Die OECD hat geschätzt, dass Verzerrungen auf dem Weltmarkt den ärmeren Ländern jährlich mindestens 25 Milliarden Dollar an möglichen Einnahmen vorenthalten. Die entwickelten Staaten geben jährlich etwa 230 Milliarden Dollar zur Unterstützung ihrer Landwirtschaft aus. Das ist fast dreißig mal so viel, wie sie an Hilfe für Bauern in der Dritten Welt leisten. Jede Kuh in Europa wird im Schnitt mit zwei Dollar täglich bezuschusst. Das ist mehr, als der Großteil der Afrikaner und Asiaten zum Leben hat.

Die USA gefährden die Existenz von zehn Millionen Bauern in Westafrika

Vor allem die Handelspolitik der USA hat die Existenz von zehn Millionen Baumwollbauern in Westafrika in Gefahr gebracht. Und auch die Europäische Union hat es trotz vieler Versprechungen den armen Ländern bislang schwer gemacht, Produkte ohne jeden Zoll nach Europa zu verkaufen. Beispiel Bangladesch: „Eigentlich sollten Textilien von dort zollfrei sein“, sagt Celine Chaveriat von der Organisation Oxfam.

„Doch sobald diese Kleidung irgendwelche Knöpfe hat, die nicht in Bangladesch selbst produziert wurden, muss schon wieder ein Zoll bezahlt werden.“ Europas Subventionen für Zucker gehen ebenfalls zu Lasten der armen Staaten. Würden sie beseitigt, könnte ein Land wie Brasilien etwa 500Millionen Dollar im Jahr zusätzlich einnehmen, Thailand immerhin 150Millionen Dollar.

Die Handelsbarrieren, die der Norden über die Jahre errichtet hat, um die Konkurrenz aus dem Süden in Schach zu halten, ist nicht nur von materieller, sondern auch enormer psychologischer Bedeutung. Denn mit ihrer Handelspolitik zerstören die Industrienationen viel von ihrer Glaubwürdigkeit in der Dritten Welt. Der Eindruck, dass die Industrieländer mit doppelter Moral agieren, hat sich längst verfestigt.

Es schwächt Europäer und Amerikaner, wenn sie etwa von korrupten Regierungscliquen in Ländern südlich der Sahara fordern, dass sie besser regieren und das Wohl ihrer Völker mehren sollten. Das WTO-Ergebnis kann helfen, die moralische Autorität des Nordens wieder zu stärken. Aber nur wenn die Reichen nicht neue Schlupflöcher finden, um ihre Landwirtschaft weiterhin auf Kosten der Ärmeren zu protegieren.


(SZ vom 2.8.2004)