Aus dem "wirklichen" Afrika

Brief von Jonas Geßner

Hallo Ihr lieben Nazara,

so wo soll ich anfangen? Na wohl am Anfang, oder?!
Ich bin nun seit 2 Wochen hier in Burkina Faso und ob der Ereignisse, kommt es mir bereits wie eine Ewigkeit vor...
Ich bin also Freitag den 24.11. in Ouagadougou gelandet. Es war 12.00 mittags und nach 0 Grad in Paris, waren die 35-40 in Ouaga doch äußerst  gewohnungsbedürftig. Um so glücklicher war ich als ich aus dem Flughafen rauswankte (Schlafmangel und Hitze natürlich, was denkt Ihr denn?!) und  bereits von einem gemütlichen Burkinaben mit Schild: Jonas Gessner A.S.A.O. erwartet wurde. Das machen die allerdings nicht bei jedem so,  sondern nur in dem Fall, wenn man die Möglichkeit hat eine Reisegruppe des Solidaritätskreises Westafrika e.V. zu treffen, um mit Ihnen für  eine Woche durchs Land zu reisen. Der nette Mann kam aus Bagré, einem Ort im Südosten Burkinas und hatte sich freundlicherweise bereiterklärt, mich nicht nur  vom Flughafen abzuholen, sondern auch noch am selben Tag mit nach Bagré zu nehmen, wo sich die Reisegruppe zu dem Zeitpunkt befand. Die Delegation von A.S.A.O.  (übrigens offiziell nicht die African-Safari-Adventure-Organisation, sondern die "Association Solidarité Afrique de l'Ouest", selbst wenn ersteres auch zutreffend ist, wie ihr dem weiteren Verlauf des Berichtes entnehmen könnt), wo war ich stehen geblieben?


Ach ja, also die Delegation von A.S.A.O. war bester Laune (wohl eher nicht wegen Schlafmangel und Hitze) und empfing mich sehr freundlich und  überschwänglich, was mich zumindest in der Erwiderung zu diesem Zeitpunkt ein wenig überforderte. Außer dem Präsidenten von A.S.A.O.,  Charly, kannte ich bis dahin niemanden der Gruppe und so war es für mich sehr spannend sowohl ins Programm als auch in die Gruppe geradezu  hineinkatapultiert worden zu sein. Am nächsten Morgen stand dann auch sogleich die Einweihung eines neuen Collèges auf dem Programm. A.S.A.O.  baut nämlich Grundschulen sowie weiterführende Schulen und immer mit Wasserpumpe unter Beteiligung der Bevölkerung und dem deutschen
Entwicklungshilfe-Ministerium. Und so folgten Tag für Tag ein bis 3 Dörfer bzw. Orte an denen wir Schulen besichtigten oder einweihten. Eigentlich genug Programm für eine Woche. Aber wie schon häufiger auf dieser Reise, kommt es manchmal anders als man denkt!


Und zwar, war es Donnerstag der 30.10. (nicht Freitag, der 13.), 10.00 Uhr, etwa 12 km von Bilanga (unserem Übernachtungsort mit weiterführender Schule). Wir, das heißt  unser Fahrer Issa, sein Helfer und Neffe Isidor, Anselm, der burkinische  Repräsentant von A.S.A.O. und insgesamt 11 Nazara (kommt von Nazarener  und so werden hier die Weißen betitelt), fuhren in unserem geräumigen Toyota Hiace (Ha,Ha... in Deutschland ist der höchstens für neun  zugelassen und Issa transportiert damit normalerweise bis zu 19 Leute) über eine Piste durch den Busch. Plötzlich wird Issa langsamer und  bremst dann völlig ab, bis zu dem Zeitpunkt eigentlich nichts ungewöhnliches, bei den Schlaglöchern, die es hier gibt. Erst als ich  sehe, wie die erste Reihe unruhig wird und ich durch die Frontscheibe in etwa 30 Metern Entfernung einen Vermummten mit alter Jagdflinte in der  Hand sehe, ist mir klar hier geht's nicht um Schlaglöcher oder ähnliches.

Als Issa die Hände vom Steuer nimmt und deutlich noch oben nimmt, sind  auch die letzten Zweifel beseitigt: wir werden überfallen! Daraufhin tauchen zwei weitere blaue, vermummte Männer mit Schrotflinten  aus den Büschen auf und zwingen uns aus dem Auto auszusteigen. Dann mussten wir uns neben dem Straßengraben ins hohe Gras legen. Bisher war  nicht klar worum es ihnen eigentlich geht. Ich hatte jedoch von Anfang an das Gefühl, vielleicht war es aber auch einfach Naivität, dass sie uns  nicht nach dem Leben trachteten, sondern nach unserem Hab und Gut. Und da war sie dann auch schon, die Forderung: Geld!!! Ich hob den Kopf und sah  mich verunsichert um, was den neben mir stehenden Banditen veranlasste mir mit der flachen Seite seiner Machete auf den Kopf zu hauen. Ich war im  ersten Moment einfach nur überrascht, doch dann realisiert ich langsam was da passiert war. Er hat schon recht fest zugeschlagen, aber die  Macheten hier sind aus weichem Metall und geben nach beim zuschlagen. (Ich hab mir inzwischen auch so ein Ding zugelegt, nicht zur Verteidigung versteht  sich, sondern als Andenken und um Euch zeigen zu können, dass sich das schlimmer anhört als es in Wirklichkeit ist.) 

Ich fühlte weder großen Schmerz noch sonst irgendwelchen physischen Beeinträchtigungen. Bin halt ein Dickschädel, wie ihr ja wisst. Dafür  saß der Schreck. Ich zückte also in Windeseile meinen Geldbeutel und gab dem Kerl den ganzen Inhalt von 25.000 CFA (klingt gewaltig sind aber  umgerechnet 37,- Euro, was natürlich für so einen arbeitslosen Uniabsolventen wie mich trotzdem neben halben Tag jobben bedeutet). Bei anderen hatten  sie mehr Glück und teilten auch noch ein paar Schläge aus, allerdings mit einem Gummirohr und nicht ganz so kräftig. Die Banditen hatten den Fahrer aufgefordert, aufzustehen und hatten mit ihm gemeinsam den Wagen nach Geld durchsucht. Insgesamt haben sie wohl um die 1.200 Euro erbeutet.  Unsere Kameras, Photoapparate, einen Discman und ein Laptop, aber nicht mitgenommen. Als ich da lag und merkte, dass nun das Auto dran war, war  ich einerseits erleichtert, weil die Wahrscheinlichkeit, dass wir mit heiler Haut davon kommen würden damit stieg, andererseits hatte ich  Angst, sie könnten sich an den beiden einzigen materiellen Dingen vergreifen, die mir wirklich was bedeuten: eine alte geerbte  Voigtländer-Kamera und mein Tagebuch. Nach kurzer Überlegung reduzierte sich die Angst dann auf das zweitwichtigste, denn was sollten diese Typen  schon mit meinem Tagebuch anfangen, wo ich doch noch nicht mal ne schöne Schrift habe. Doch außer einer geschliffenen Sonnenbrille fehlte aus dem  Auto nichts.

Dann nach einer Ewigkeit, so schien es mir zumindest, befahlen sie uns wieder in den Bus zu steigen und weiterzufahren. Erst  dort bemerkte ich, dass Götz Hose völlig zerschnitten war, denn nachdem er nicht gleich alles rausgerückt hatte haben sie selber nachgesehen.  Glücklicherweise ohne ihm eine Wunde zuzufügen. Wir sprangen also in den Bus und traten den ungeordneten Rückzug an. Wir saßen auf dem ganzen  Kram der herumlag und wollten einfach nur weg. Goetz hingegen nahm geistesgegenwärtig die GPS-Daten auf und so düsten wir zur nächsten  Polizeistation, was aber bestimmt noch mal ne Dreiviertelstunde Fahrt bedeutete.


Klingt ganz schön dramatisch, oder? War es in der Situation selbst auch, aber gleich danach wich der Schreck bei mir einer großen Erleichterung  und ist bis jetzt auch noch nicht zureckgekehrt. Komischerweise habe ich keine Angst nun hier alleine unterwegs zu sein. Allerdings biete ich auch  kein so lukratives Ziel, wie elf Weiße und es scheint wohl so, als hätten die Drei direkt auf uns gewartet und nicht ihr tägliches  Geschäft der Wegelagerei betrieben. Schließlich war unsere Reiseroute in den Dörfern, die wir besuchten bekannt und wer weiß, wer die  Informationen in die Hände bekommen hat?!


Nach dem ersten Schrecken und einer kleinen Ewigkeit in der Polizeistation bzw. davor entschied die Mehrheit, dass die Gruppe direkt nach Ouaga  zurückfahren soll und nicht erst einen Tag später. Ich glaube, das war gut so, denn wir brauchten alle Ruhe, Sicherheit und vor allen Dingen die  Gelegenheit uns über das Erlebte auszutauschen. Das war wie gesagt, Donnerstag der 30. ...das volle Programm.


Samstag flog die Delegation dann nach hause und ich blieb bei Anselm, dem Repräsentanten von A.S.A.O. Ich hatte dort noch ein paar schöne Tage mit  ihm und seiner Familie, die mich köstlich mit essen versorgten. An dieser Stelle noch mal, vielen Dank.


Danach fuhr ich mit Soeur Véronique, einer Ordensschwester aus Banfora, die ich über Charly kennen lernte, zu ihrem beschaulichen Kloster (2  Schwestern und vier Novizinnen) mit angeschlossenem Mädcheninternat. Dort habe ich dann erst mal ausgespannt und ein wenige die Seele baumeln lassen,  bevor ich heute hierher nach Bobo Dialasso gefahren bin, der mit 150.000 Menschen zweitgrößten Stadt Burkinas. Hier will ich nun eine Woche  verweilen und mich ins urbane Leben stürzen, aber auch kleine Ausflüge machen.


Auch wenn das nach dem eben geschilderten wahrscheinlich schwer fällt zu glauben, es geht mir gut, mal abgesehen von einem kleinen Motivationstief  die Frankophonie betreffend. Würde gerne mal wieder einen Abend lang ungehindert Konversation betreiben, aber man kann halt nicht alles haben.  Ich freue mich jedenfalls immer mehr irgendwann im Dezember wieder in den heimatlichen Hafen einzulaufen...


Ach ja, bevor ich's vergesse, A.S.A.O. leistet hier unten, wie ich finde, sehr gute Arbeit. Sie haben bereits 40 Grundschulen, 14 Collèges und über  50 Pumpen finanziert. Außerdem sind die Vergabekriterien sehr solide, es wird nie Bargeld ausgezahlt, sondern Unternehmer engagiert, was den  Missbrauch ziemlich gering hält. Außerdem sind die Verwaltungskosten minimal, da sowohl auf deutscher Seite als auch von burkinischer keine  Angestellten bezahlt werden müssen, sondern ehrenamtlich gearbeitet wird.


Also wer noch nicht weiß, wohin mit dem Weihnachtsgeld oder den gewonnen Millionen bzw. wer sich einfach interessiert und informieren möchte,
folge doch einfach folgendem Link:  http://www.solidaritaetskreis.de/   bzw. tippt den Text in die Adressleiste seines Internetprogramms ein und starte durch mit "Enter".


So nu is aber genug, schöne Grüße an alle, macht Euch nicht zu viele Gedanken und lasst Euch bloß nicht vom Auto anfahren, Europa ist nämlich auch nicht ungefährlich...
 
 
Gruß

Jonas