Jugendzeit - für viele Mädchen in Entwicklungsländern gibt es diese nicht
Weltweit bekommen in jedem Jahr etwa 14 Millionen Frauen unter 20 Jahren ein Kind, ein Teil davon bereits mit 12-17 Jahren. Die 14 Millionen sind ein Fünftel aller Geburten.
Die folgende Tabelle zeigt u.a. die Anteilswerte von unter 20-Jährigen mit einem Kind in ausgewählten Entwicklungsländern sowie Deutschland. Dabei sind die Parallelen zur Geburtenzahl insgesamt, dem Schulbesuch und der ökonomischen Situation der Länder frappierend.
Eine Jugendzeit im modernen Sinne - mit Schul– oder Berufsausbildung und Freizeitaktivitäten - haben diese jungen Frauen meistens nicht.
In den meisten traditionellen Gesellschaften der Entwicklungsländer wurden die Mädchen bald nach Eintritt der Pubertät von den Eltern verheiratet, und dies ist - insbesondere auf dem Land - heute noch weit verbreitet. Hintergrund ist, dass der Sexualbereich in diesen Gesellschaften ein großes Tabu ist. Kinder und Jugendliche werden daher nicht aufgeklärt, vorehelicher Geschlechtsverkehr von Mädchen und besonders voreheliche Schwangerschaften sind aber eine große Schande für die Familien.
Um dies zu vermeiden, müssen Mädchen ab der Pubertät ständig beaufsichtigt werden, was auch in den Dörfern – z.B. beim Ziegenhüten oder Schulweg in andere Dörfer - nicht einfach ist, oder man muss sie früh verheiraten.
Und das letztere ist der einfachere und traditionell übliche Weg. Sodann war und ist es zum Teil heute noch – vor allem in den hinduistischen und islamischen, aber auch in den sonstigen patriarchalischen Gesellschaften - erwünscht, dass die junge Frau bald nach der Hochzeit den Fruchtbarkeitsnachweis erbringt und möglichst einen Sohn bekommt, der im Hinduismus auch eine Voraussetzung für den Eingang der Eltern ins Jenseits ist.
Dies erklärt weithin die hohen Prozentsätze früher Geburten im hinduistischen Nepal sowie in dem ebenfalls sehr ländlichen und traditionellen Burkina Faso, das von den berücksichtigten Ländern den höchsten Anteil an Analphabeten hat und zu etwa 50% muslimisch ist. In Togo mit seinen höheren Anteilen städtischer und gebildeter Bevölkerung ist der Anteil schon deutlich geringer.
In den beiden afrikanischen Ländern handelt es sich allerdings auch zunehmend um uneheliche Geburten von Mädchen, die die Schule besuchen, eine Lehre machen oder deren Eltern nicht mehr für eine frühe Verheiratung gesorgt haben. In Paraguay – wie auch sonst im machistischen Lateinamerika – hat das Kinderbekommen ohne verheiratet sein, allerdings schon lange Tradition.
Die ledigen Mütter werden meistens nicht vom Kindsvater geheiratet, und dieser beteiligt sich auch meistens nicht am Lebensunterhalt des Kindes und der Mutter. Falls die betroffenen jungen Frauen zunächst noch zur Schule gingen oder eine - häufig kostenpflichtige - Lehre machten, müssen sie die Ausbildung oft abbrechen, sei es dass die Schulen keine Mädchenmütter dulden oder dass ihre Eltern verlangen, dass sie selbst für den Lebensunterhalt ihres Kindes sorgen.
Geburten von unter 20-Jährigen, die außerhalb von Krankenhäusern erfolgen, und das sind in den Projektländern außer Paraguay jeweils mindestens die Hälfte aller Geburten, sind auch Risikogeburten. Und das Risiko, bei der ersten Geburt zu sterben oder eine Scheidenfistel mit nachfolgender Inkontinenz zu bekommen, wenn die Geburt nicht in einem Krankenhaus erfolgt, ist umso größer, je jünger die Frauen sind. Etwa 125.000 sehr junge Frauen sterben in jedem Jahr in den Entwicklungsländern bei der ersten Geburt und oft auch das Kind.
Im übrigen würde allein eine Vermeidung von Geburten von unter 20-Jährigen das Bevölkerungswachstums in den Projektländern von „Lebenschan-cen“ um 15-30 % verringern.

| Indikator |
Burkina Faso |
Togo |
Nepal |
Paraguay |
China |
Deutsch-land |
| Lebendgeburten pro Frauin der jüngeren Generation 1) | 6,5 | 5,1 | 3,7 | 3,7 | 1,7 | 1,3 |
| Bevölkerungswachstum pro Jahr 2) | 3,0 | 2,6 | 2,0 | 2,3 | 0,6 | 0,0 |
| Anteil Mädchen mit Kind bis zum 20. Lebensjahr 3) | 79 | 49 | 56 | 32 | 3 | 5 |
| Anteil Schulbesucher
Mädchen an den 12/13 jährigen 4) Jungen |
9 14 |
22 51 |
39 50 |
66 64 |
69 71 |
99 100 |
| Anteil mit Familienplanung an den
gesamt 15-49jährigen Verheirateten 5) Verhü.mittel |
14 9 |
26 9 |
39 35 |
73 61 |
84 83 |
75 72 |
| Bruttonationaleinkommen pro Kopf in US $ 6) | 1.180 | 1.500 | 1.420 | 4.740 | 4.990 | 27.460 |
Anmerkungen und Quelle der Daten:
1) bis zum Ende des 49. Lebensjahrs. Demographisch handelt es sich um die "Gesamtfruchbarkeitsrate“.
2) Natürliche Wachstumsrate = Differenz von Geburten- und Sterberate ohne Zu- und Abwanderungen. Nepal hat bei gleicher Anzahl Lebendgeburten pro Frau ein geringeres Bevölkerungswachstum als Paraguay, weil die Kindersterblichkeit hier noch höher ist.
3) Genau: Von den Mädchen hat der angegebene Prozentsatz bis zum 20. Geburtstag mindestens ein Kind.
4) Genau: Anteil der Jugendlichen der jeweiligen Jahrgänge, die die Sekundarschule beginnen, d.h. die 6. oder - meistens - die 7. Klasse.
5) Daten schließen auch Paare in fester Partnerschaft ohne Verheiratung ein. Diese Zeile umfasst auch Sterilisierungen, die mit ein Grund für die hohen Prozentsätze in China sind. Die vorhergehende Zeile enthält außer Verhütungsmethoden auch Familienplanung mittels der von der katholischen Kirche akzeptierten Zeitwahlmethoden, ferner Coitus Interruptus, häufiges Stillen sowie zeitweilige Abstinenz nach Geburten (bei Polygamie verbreitet) zum Zweck der Empfängnisverhütung.
Die Angaben sind Hochrechnungen von Stichprobenbefragungen mit Plausibilitätsschätzungen. Sie könnten – vor allem in den Entwicklungsländern – Abweichungen bis zu etwa 10% von den Realitäten enthalten.
6) Die gegebenen Werte berücksichtigen die Kaufkraftparitäten der Währungen im Verhältnis zum Dollar. Nur dadurch sind die Werte verschiedener Länder hinsichtlich des konkreten Lebensstandards vergleichbar.
Quelle: LebensChancen International: LebensChancen Report 14, 2007
Daten aus: UNFPA: Weltbevölkerungsbericht 2005 - Das Versprechen der Gleichberechtigung: Gleichstellung der Geschlechter, reproduktive Gesundheit und die Millennium-Entwicklungsziele, New York/Hannover 2005
Aus LebensChancen Report Februar 2007