Wenn Kinder im Namen des Islams Betteln gehen
Ein brutales, aber lukratives Geschäft: Kinder werden verschleppt, um zu betteln und zu arbeiten. Nach Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation setzen Kinderhändler weltweit jährlich fast zehn Milliarden Euro um. Eine Reportage aus Afrika dokumentiert die erschütternde Geschichte des kleinen Coli.
Der Tag, an dem er sich entschließt auszureißen, beginnt wie jeder Tag. Coli wacht auf seiner verdreckten Matte auf. Wie ein Welpe hat er sich zusammengerollt, um sich vor der Kälte zu schützen. Der Neunjährige ist eingezwängt zwischen dutzenden anderen Kindern, die Kopf an Fuß auf dem Betonboden schlafen. Sein T-Shirt ist klamm vor Feuchtigkeit, die durch die dünnen Wände ins Haus kriecht. Die älteren Kinder haben sein Stoffbündel weggezerrt, mit dem er sich vor Zugluft zu schützen versuchte. Er zittert vor Kälte.
Es ist noch dunkel in
Dakar, der Hauptstadt Senegals, als er sich mit anderen Kindern aufmacht, um
seinem Tagewerk nachzugehen, zu dem er gezwungen wird: Betteln. Barfuss, in
seinem zerlumpten, viel zu großen T-Shirt stellt er sich mit einer Blechbüchse
inmitten wartender Autos auf eine Landstraße. Sein Kopf reicht kaum bis zu den
Fenstern der Autos.
Es gibt etwa 1,2 Millionen Colis auf der Welt – Kinder, die verschleppt worden
sind, um zu betteln und zu arbeiten. Ein brutales aber lukratives Geschäft:
Kinderhändler setzen nach Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation
(ILO) jährlich fast zehn Milliarden Euro um.
In Dakar wird die Zahl der
Bettlerkinder auf mindestens 7600 geschätzt. Sie bringen ihren „Besitzern“ rund
1,3 Millionen Euro im Jahr ein. Die meisten von ihnen werden unter dem Vorwand
des Islams zum Betteln geschickt.
Zu den größten Grausamkeiten in Colis Biografie zählt, dass er von seinen
eigenen Eltern an seine Peiniger ausgeliefert worden ist, die glaubten, er werde
in Dakar ein Koranschüler. Vor drei Jahren kamen als „heilige Männer“ verehrte
Männer, sogenannte Marabuts, in sein Dorf im Nachbarstaat Guinea-Bissau und
nahmen ihn mit. Über mehrere Stationen landete der kleine Junge schließlich in
Dakar.
Im Namen des Islams verbrachte Coli dort zwei Stunden täglich mit dem Rezitieren
von Koranversen. Im Namen des Islams wurde er dann für neun Stunden auf die
Straßen zum Betteln geschickt.
Schläge mit Elektrokabel
Am Abend jenes Tages, der sein Leben verändert, hat Coli nicht einmal die Hälfte der vorgeschriebenen Summe zusammengebettelt. Er hat Angst vor der üblichen Strafe für solche Vergehen: Untertauchen im kalten Wasser und anschließende Schläge mit einem Elektrokabel.
Mit seiner Bettelbüchse
unterm Arm und wenigen Francs in der Tasche springt er kurzerhand auf einen Bus
auf und flieht. Sein Problem: Er ist hunderte Kilometer von seiner Heimat
entfernt. Er kennt weder den Namen seiner Familie noch seines Dorfes und er
beherrscht die Landessprache kaum. Von Bettlerkindern in einer anderen Stadt
hört er schließlich von einem Platz, an dem Jungen wie ihm geholfen wird. Und
tatsächlich: Er findet das „Empire des Enfants“, wo man ihn trotz Überfüllung
freundlich aufnimmt.
Doch eines Tages erscheint sein Marabut, in Begleitung einer ganzen Schar
islamischer Religionsgelehrter in wallenden Gewändern. „Wenn ihr unsere Kinder
nicht herausgebt, wird der Himmel auf euch herabstürzen“, droht der Marabut.
Das Heim ist an solche
Drohungen gewöhnt, doch diesmal hatten die Marabuts entdeckt, dass einige
Formulare nicht vollständig waren. Um die über 40 anderen Kinder zu retten,
liefert das Heim die geforderten elf Jungen aus, darunter Coli. Zurück in der
„Schule“, wird der Ausreißer verprügelt, bis er denkt, er wird ohnmächtig.
Drei Tage später läuft er wieder davon und flüchtet in das Heim. „Ich will zu
meiner Mutter“, bittet er. Diesmal lassen die Helfer seinen Namen über einen
Radiosender in Guinea-Bissau verlesen, so wie dies auch mit den Namen dutzender
anderer Kinder in einer Endlosschleife geschieht. Keine Reaktion. Dennoch wird
das Kind zusammen mit Leidensgenossen per Flugzeug zurück ins Heimatland
geschickt, wo sie in einem Aufnahmeheim unterkommen. Die Helfer bezahlen weitere
Radiospots. Am vierten Tag ist die Hälfte der 13 Kinder, die Heim gefolgen
wurden, wieder bei den Eltern. Colis Mut sinkt: „Vielleicht ist das Radio
kaputt?“
Kein Happy End in Sicht
Am fünften Tag erscheint eine Frau in pfirsichfarbenem Gewand. Coli rennt nach draußen. Tränen laufen über seine Wange. Seine Mutter weint ebenfalls. Später erklärt sie, ihre Familie sei arm, und sie habe nur gewollt, dass Coli eine Ausbildung erhält. Es hat mehrere Tage gedauert, bis sie zu dem Heim gelangt ist, da sie nicht genügend Geld für eine Busfahrkarte hatte.
Coli weint über eine Stunde lang. Seine Mutter wischt ihm über das Gesicht. Sie legt ihren Arm um seine Schulter. Die anderen Kinder sehen schweigend zu, wie ihr Freund nach Hause geht.
Kurz nachdem Coli das Heim verlassen hat, reist sein Marabut von Senegal nach Guinea-Bissau. Wütend verlangt er von Colis Familie Auskunft, warum der Junge ausgerissen ist. Beschämt verspricht der Vater, den durch das schlechte Betragen seines Sohnes entstandenen Schaden wiedergutzumachen - und schickt dem Marabut zwei weitere Söhne.
08. Mai 2008 http://www.welt.de/politik/article1976357/Wenn_Kinder_im_Namen_des_Islams_Betteln_gehen.html