Meine Zeit in Yéguéresso
Neun Monate Leben und Arbeiten im afrikanischen Busch
- Götz Krieger -
Im August 2008 starte
te
ich mit meinem Nissan Pick-up zum zweiten Mal für längere Zeit nach Burkina
Faso. Von Sète aus nahm ich die Fähre bis Tanger. Da ich die Sahara auf Pisten
durchqueren wollte, die Fahrt mit nur einem Fahrzeug mir jedoch wegen eventuell
auftretender Pannen zu gefährlich schien, hatte ich mich schon Monate zuvor mit
Florian Fuchs, Student der Entwicklungsgeographie in Bayreuth und erfahrener
Afrikareisender, via Internet verabredet, diese „Expedition“ mit zwei Fahrzeugen
gemeinsam durchzuführen.
Vereinbarungsgemäß trafen
wir uns in Südmarokko, überquerten die mauretanische Grenze und verließen nach
Erledigung aller Grenz- und Versicherungsformalitäten die asphaltierte Straße.
Für fast 10 Tage war das GPS unser einziger
Wegweiser, denn in der Sandwüste
hatte der Wind alle Spuren verwischt. Florian, der unseren kleinen Konvoi
anführte, wühlte sich mit seinem Wagen mehrmals in den weichen Sand ein, kam
aber immer aus eigener (Motor- und Körper-) Kraft wieder frei. Mein
Reisegefährte erwies sich als begabter Bastler, der alle fälligen Reparaturen an
seinem betagten ( fast so alt wie er selbst!) Nissan-Allrad selbst durchführt.
Ohne ihn hätte ich die geplante Strecke nicht zurücklegen können, da bereits
nach einer Woche an meinem Fahrzeug eine Schraube brach, wodurch das Chassis mit
dem rechten Vorderrad in Berührung kam. In kürzester Zeit hatte Florian mein
„Wüstenschiff“ bei über 40 Grad Celsius wieder startklar gemacht und wir konnten
die Fahrt fortsetzen.
Nach 10 Tagen erreichten wir die malische Grenzstadt Nioro, wo wir meinen Freund Lakami trafen, den ich 2001 bei einem Flug nach Burkina kennen- und schätzenlernte und der uns auch schon häufig in Hillesheim besucht hatte. Gemeinsam mit ihm bereisten wir verschiedene Dörfer, in denen durch meine Vermittlung der deutsche Verein „Malihilfe“ mit Sitz in Morbach / Hunsrück Projekte wie Grundschulen, Geburts- und Krankenstationen durchgeführt hat.
Mitte September – also nach 3
Wochen - fuhr ich über die Grenze nach Burkina Faso. Meine erste
Anlaufstation war Banfora, wo ich mich bei Soeur Véronique im Foyer Sainte
Monique von den Strapazen der Reise ausruhte. Am übernächsten Tag steuerte ich
Yéguéresso an (ein Dorf in der Nähe der Großstadt Bobo-Dioulasso), wo ich
schon von September 2006 bis Mai 2007in einem leerstehenden Lehrerhaus gewohnt
hatte. Gerührt war ich über die herzliche Begrüßung der Dorfbevölkerung. Endlich
war ihr „Weißer“ wieder zurückgekehrt! Als ich nach 2 Stunden
Begrüßungszeremonie vor „meinem“ Haus stand, erfuhr ich, dass meine
Nachbarin an Malaria erkrankt war. Sofort chauffierte ich sie zur
Krankenstation und kam erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück.

Das Haus, das ich während meiner Aufenthalte in Burkina bewohne, wurde von ASAO als Lehrerhaus für das 2002 errichtete Collège gebaut. Es hat ungefähr 60 m² Wohnfläche, keinen elektrischen Strom und kein fließendes Wasser. Gewöhnungsbedürftig waren am Anfang auch der Staub im Haus und die verschiedenen ungebetenen Haustiere und Gäste: Geckos, die die Innenwände als Toilette benutzen, Frösche, Mäuse (eine hat meine Kalimba sogar als Nest gewählt!), Ratten, Schlangen, Skorpione (die meinem Nachbarn ein Hühnchen getötet haben!) und Spinnen. Eine kleine Solaranlage ermöglicht es mir, meine Akkus für Radio, Taschenlampe und Discman ebenso wie mein Handy aufzuladen, spendet mir abends im Wohnzimmer etwas Licht und erlaubt mir die Arbeit an meinem Laptop, das jedoch wegen seines fortgeschrittenen Alters die afrikanische Hitze schlecht verträgt und öfter seinen Geist aufgibt. Das Wasser hole ich aus einem 300 m entfernten Brunnen, wobei ich bisher kaum pumpen musste, da diese Arbeit von den benachbarten Schülern übernommen wird, die wiederum mit ihren Kanistern die Ladefläche meines Pick-up volladen. Bei zweimaligem Duschen, Kochen und Geschirrabwaschen (dies jedoch nur dann, wenn kein sauberes Geschirr mehr da ist) verbrauche ich pro Tag nur 30 Liter Wasser – hier in Deutschland liegt der tägliche Verbrauch bei über 120 Liter pro Person.
Eine meiner
vordringlichsten Aufgaben sehe ich in der „Sensibilisierung“ der Mädchen in
den von uns geb
auten Collèges. In afrikanischen Schulen sind Schwangerschaften
(und Abtreibungen!) bei Schülerinnen trauriger Alltag ( bis zu 10% der Mädchen
werden schwanger und müssen häufig nach der Geburt ihres Kindes die Schule
verlassen) Nur in seltenen Fällen kümmert sich die meist erst 30jährige
„Großmutter“ um das Baby und ermöglicht somit ihrer Tochter den weiteren
Schulbesuch. An einem Collège fiel mir ein Mädchen mit mehreren Säuglingen auf,
das wohl als Babysitter fungierte, denn sobald eines der Kinder schrie,
benachrichtigte es die entsprechende „Mädchenmutter“( wie diese jungen Mütter in
BF genannt werden) in der Klasse, damit diese ihr Kind stillen konnte. Grund
für die „Kinderschwangerschaften“ ist die Tatsache, dass sowohl Mädchen als
auch Jungen in Burkina nicht in geringster Weise aufgeklärt sind, was Liebe,
Sexualität, Verhütung, Prostitution, Vergewaltigung, Aids-Prävention angeht.
Gemeinsam mit dem Biologielehrer und im besten Fall mit einer Lehrerin führe ich
den Mädchen ein in Afrika gedrehtes Aufklärungsvideo vor mit dem Titel „Scènes
d’adolescence“. Dieser Film enthält verschiedene Sequenzen von jeweils 10 bis
15 Minuten Dauer mit beispielsweise folgendenThemen: „Pubertät“, „Was wollt ihr
werden?“, „Was ist Liebe?“, „Geschlechtskrankheiten“, „Das Recht „Nein“ zu sagen
und was bedeutet es für Jungen, wenn das Mädchen „nein“ sagt“, „Tradition und
Modernität“. Nach jeder Sequenz erfolgt eine ausführliche Diskussion zwischen
Lehrenden und Lernenden, wobei 3 Einheiten mit Diskussion meist 2 Zeitstunden
umfassen und die übrigen Themen an einem anderen Tag behandelt werden.
Zusätzlich verteilt ASAO Material, das vom Verein „Lebenschancen“ finanziert
wird, damit die Lehrer weiterhin eine nachhaltige Aufklärung betreiben.
Während meiner 35jährigen Berufstätigkeit als Lehrer gab es an meiner Schule 2 Schwangerschaften bei Schülerinnen. Eine der beiden hat den Realschulabschluss gemacht, die zweite hat die Schule vorzeitig verlassen. Anfang Oktober konnte ich im Internet lesen, dass am Gymnasium in Boromo allein im letzten Schuljahr 20 Schülerinnen schwanger wurden – an meiner ehemaligen Schule hätte ich 350 Jahre unterrichten müssen, um diese Anzahl von Schwangerschaften zu erleben!!
In den letzten Monaten meines Aufenthaltes besuchte ich zahlreiche Dörfer, die uns einen Antrag für einen Schulbau geschickt hatten, um die von den Honoratioren gemachten Angaben zu überprüfen und damit die Prioritätenliste für 2010 zu erstellen. Genaue Daten über Bevölkerungszahlen erhielt ich in den jeweiligen Präfekturen, Rathäusern oder auch Gesundheitsstationen. Zusätzlich holte ich weitere Informationen bei Schulbehörden ein. Kurz vor meiner Rückreise gab mir ein Lehrer von Yéguéresso die Adresse der Direktion des statistischen Amtes in Bobo, wo ich mir in Zukunft genaue Daten über die Größe eines Dorfes geben lassen werde.
Da jedes Dorf sein beantragtes Projekt haben möchte, versuchen die Verantwortlichen oft die Wahrheit etwas zu “verschleiern“ nach dem Prinzip „corriger la fortune“.
Einige Beispiele

Ohne diese Kontrollen
hätten wir in einigen Dörfern nach falschen Angaben gebaut und dafür in Dörfern,
die uns die richtigen Daten mitteilten, nichts gemacht, da diese im Vergleich zu
den anderen nicht genügend Einwohner haben. Bei meinen Rundfahrten sah ich viele
Schulen „sous paillote“, d.h.mit Strohdach oder in baufälligen Gebäuden aus
Lehmstein. Sie sind dort zu finden, wo keine Vereine hinkommen, da die
Entfernung zum klimatisierten Hotel in der Stadt zu groß ist, wo die
Verkehrswege zu schlecht sind und wo auch die staatlichen Behörden kein
besonderes Interesse zeigen, der Bevölkerung in den abgelegenen Gebieten die
gleichen Chancen zu bieten wie im dichtbesiedelten Zentralplateau.
Bei all meinen Behördenbesuchen bin ich stets auf großes Wohlwollen gestoßen und habe immer wieder festgestellt, dass ASAO landesweit bekannt ist und sehr geschätzt wird, da der Verein nicht das Blaue vom Himmel verspricht, sondern innerhalb kürzester Zeit die versprochenen Projekte verwirklicht und darüber hinaus in den meisten Provinzen Burkinas (auch abgelegenen) tätig ist.
In den Dörfern, in denen wir eine Schule oder ein Collège gebaut haben, winken mir die Kinder und Erwachsenen zu, da sie das Vereinslogo auf meinem Wagen durch die an der Schule angebrachte Vereinsplakette kennen und nennen mich deshalb auch ASAO oder „Blanc“, Weißer. In Yéguéresso gab man mir den in der Gegend typischen Namen Sanou und den Vornamen Tolo, der Erstgeborene.
Meine „ Fahrdienste“
Bei jeder dritten Fahrt von Yéguéresso nach Bobo werde ich im Dorf angehalten, damit ich jemanden in die Stadt mitnehme – ich bin somit das „Behelfstaxi“ von Yéguéresso. Schon zweimal wurde mein Fahrzeug zur afrikanischen Hochzeitskutsche umfunktioniert: Ich holte muslimische Bräute ab, die natürlich (leider) für dieses Ereignis vollkommen verschleiert waren. Auf meiner ersten Fahrt musste ich die Braut zu dem nur 500 Meter entfernten Gehöft des Bräutigams kutschieren. Im Fond des Wagens saßen die Braut (die Füße auf meinen Sack Kartoffeln gestützt!) und ihre engsten Freundinnen, hinten auf der Ladefläche gaben die afrikanischen Musikanten alles her. Vor mir fuhren mit lautem Gehupe und Geknatter alle im Dorf vorhandenen Mopeds, die mein Fahrzeug in eine dichte blaue Wolke einhüllten. Bei der zweiten Fahrt waren 50 Kilometer auf zum Teil sehr schlechter Piste zurückzulegen. Für mich kam erschwerend dazu, dass ich an diesem Tag meine zweite Malaria hatte. In drei Fahrzeugen,nämlich meinem Pick-up, einem Taxi-brousse und einem Uraltmercedes fuhren über 50 Personen singend und musizierend zum neuen Domizil der Braut und wurden vom gesamten Dorf herzlich begrüßt.
Im Mai, kurz vor meiner Rückreise, wartete ich in der Dorfkneipe auf unseren Repräsentanten Anselm Sanou, um gemeinsam weitere Projekte für 2010 zu planen. Als ich im Dorfladen Würfelzucker kaufen wollte, erschien ein Mann und berichtete, dass Leute, die gemeinsam eine Mahlzeit zu sich genommen hatten, ohnmächtig geworden seien. Da ich sofort von einer Vergiftung ausging, fuhr ich mit ihm zu dem Gehöft und transportierte 7 Personen ins Krankenhaus nach Bobo. Dort angekommen, hörten wir fürchterliches Klagen, da inzwischen ein Mann aus der Gruppe gestorben war. Später erzählte man mir, dass die Erstfrau ihren Mann aus Eifersucht vergiftet und den Tod weiterer Personen, die an dem Mahl teilgenommen hatten, billigend in Kauf genommen habe.
Am 6. Februar klopften gegen 15 Uhr ein Lehrer und der Surveillant des Collège in Yéguéresso an meine Tür und teilten mir mit, dass ein Schüler der Schule an Malaria gestorben sei. Er hatte wohl schon mehrere Tage gefehlt, war aber nicht in die Krankenstation gebracht worden, da die Familie dafür kein Geld hatte (Die Kosten hätten 1.500 FCFA betragen - weniger als 2 € - der Wert eines Hähnchens).Wie es in Afrika Brauch ist, sollte der Junge noch am gleichen Tag in Yéguéresso beerdigt werden, man wartete nur noch auf seine Eltern. Diese sprachen sich aber dafür aus, ihren Sohn in ihrem Heimatdorf zu begraben. Zu diesem Zweck wollten sie den Toten auf dem Moped in das 35 km entfernte Dorf transportieren. Der Dorfchef von Yéguéresso fragte mich, ob ich den toten Jungen dorthin fahren würde. Ich sagte sofort zu. Der Leichnam wurde auf die hintere Ladefläche geladen, die Mutter des Jungen und weitere drei Personen stiegen hinten auf, in der Kabine waren mit mir 5 Personen. Ein grüner Zweig wurde am Kühler angebracht, ein Zeichen dafür, dass ein Toter zur letzten Ruhe gefahren wird.
Vorbei an Koro ging es über eine schlechte Piste. Die Insassen sprachen während der ganzen Fahrt kein Wort. Unterwegs hielten Fahrzeuge an und in den Dörfern erhoben sich die Leute grüßend. Im Dorf wurde der Leichnam des Jungen in seinem Elternhaus aufgebahrt. Klageweiber erschienen und brachen in fürchterliches Geheul und Geschrei aus. Die Männer saßen lange schweigend vor dem Haus. Nach einiger Zeit machten sich die ersten auf den Weg, um das Grab auszuheben. Gegen 19 Uhr, eine halbe Stunde nach Einbruch der Dunkelheit, waren sie endlich damit fertig, der Leichnam wurde abgeholt, von den Männern gewaschen und in der benachbarten katholischen Kirche aufgebahrt. Eine kurze Messe fand vor der Beerdigung statt. Am Grab sprach der Schulleiter Abschiedsworte und erwähnte, dass der verstorbene Junge zu den besten Schülern seiner Klasse gehört habe. In diesem Jahr wäre er 14 Jahre geworden. Nach der Segnung wurde er in einem seitlichen Teil des Grabes beigesetzt, worauf das Grab mit Steinen verschlossen und dann in einer riesigen Staubwolke, die alle vom Friedhof vertrieb, zugeschüttet wurde. Die Trauergemeinde fand sich danach im Hof der Eltern ein. Ein Sprecher dankte allen und erlaubte ihnen dann aufzubrechen.
Bei der Heimfahrt erzählte mir der Lehrer, dass alte Männer im Dorf mutmaßten, der Junge sei wohl Opfer eines “Seeelenfressers“ oder einer „Seelenfresserin“ geworden. Der Aberglaube auf dem Land ist groß. Man kommt offensichtlich nicht auf den Gedanken, dass Malaria ohne Behandlung bei Kindern meist tödlich ist.
Was
mich besonders schmerzlich berührte, war die Tatsache, dass ich für den
Transport wesentlich mehr Geld ausgegeben habe als die Behandlung gekostet
hätte, dass ich an 4 bis 5 Tagen täglich mehr als zweimal an der Hütte des
Jungen vorbeigefahren bin, aber ebenso wie die Schulleitung nichts von seiner
Krankheit wusste. 
Bei meinen Fahrten in Afrika traf ich natürlich
europäische Touristen und Abenteurer. Ende Januar kehrte ich von Banfora zurück,
wo ich das Wochenende verbracht hatte. In Toussiana hatte ich noch ein Gespräch
mit dem dortigen Bürgermeister, der mich anschließend ein Stück begleitete.
Kurz vor dem nächsten Dorf sah ich neben der Straße zwei VW-Busse, einer davon
mit deutschen Kennzeichen. Ich hielt sofort an, um meine Landsleute, zwei ältere
Herren, zu begrüßen. Sie erzählten mir, dass sie seit November unterwegs seien
und verschiedene westafrikanische Länder besucht hätten. In Bobo hatte der eine
versucht, eine deutsche Ordensschwester ausfindig zu machen, er kannte ihren
Namen nicht, wusste nur, dass sie zuvor lange Zeit in Mali war, dass ihr Orden
in Trier zuhause ist und dass sie aus Gau Bickelheim stammt. Als ich ihm sagte,
dass ich meine Kindheit im Nachbarort von Gau Bickelheim, nämlich in Wörrstadt,
verbracht hätte, schüttelte er den Kopf und erklärte mir, dass er, Dr.
Ottokar Hrebik, dort 24 Jahre als Arzt tätig war und wie sich kurz
danach herausstellte in dieser Zeit der Hausarzt meiner Eltern war. Wir hatten
uns nie in Wörrstadt getroffen, jeder musste für diese unsere erste Begegnung
mehrere tausend Kilometer zurücklegen. Am übernächsten Tag besuchte er mich in
Yéguéresso und am folgenden Tag zeigte ich ihm d
as Collège von Banzon, wo er wie
ein alter Bekannter aufgenommen wurde. Bei späteren Besuchen in Banzon
erkundigte man sich immer wieder nach Otto.
Mitte Januar werde ich, der „Weiße“, für zwei Monate nach Yéguéresso zurückkehren, um weitere Dörfer, die Anträge gestellt haben, zu besuchen, aber auch um alte liebgewordene Bekannte wieder zu sehen.