Sintflut über Ouagadougou
- Aleksandra Leon -
Ouagadougou, 2. September 2009
„Ist das W
etter
nicht schön heute? Der Himmel ist so wunderbar grau!“ Über Sonne freut sich in
Burkina Faso niemand. Regen jedoch, der hier saisonweise zwischen Juni und
September fällt,
der ist willkommen. Er sorgt während der Regenzeit im sonst so heißen und kargen
„Land der aufrechten Menschen“, wie es übersetzt heißt, für grüne, blühende
Landschaften, wohlgenährtes Vieh und angenehm kühle Temperaturen. Gestern
jedoch, am 1. September bedeutete das allseits so beliebte Nass Katastrophe,
Angst und Ohnmacht in der Millionenhauptstadt des Landes Ouagadougou.
Gegen
vier Uhr morgens begann die Katastrophe, ein Regenfall, wie er Berichten zufolge
seit 100 Jahren hier nicht mehr gesehen wurde. Bis 15 Uhr am Nachmittag fielen
Unmengen Wasser vom Himmel, bereits nach vier Stunden verwandelte es Straßen und
Pisten in reißende, teils hüft- bis brusttiefe, vom Schlamm blutrot gefärbte
Ströme. Das Kanalsystem der Stadt ist nicht in der Lage gewesen, solche
Wassermassen zu transportieren – wenn es überhaupt vorhanden ist und
funktioniert. Autofahrer kämpften oft vergebens gegen die Fluten, bevor ihr
Wagen dem Wasser nicht mehr standhalten konnte. Menschen wateten barfuss, mit
ihren Ha
bseligkeiten
auf dem Kopf durch den dichten Regen. Besonders heftig hat es jedoch die Viertel
nahe der „Barrages“ getroffen, Wasserreservoirs, die der Trinkwasserversorgung
der explosionsartig gewachsenen Stadt dienen. Die künstlichen Seen sind über die
Ufer getreten, und was den unaufhaltsamen Wassermassen im Weg stand, wurde dem
Erdboden gleich gemacht. Häuser, Hütten, Verkaufsstände – in so manchem Viertel
blieb kaum ein Stein auf dem anderen.
Tags drauf sind die Menschen
mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Sie versuchen, ihre Habseligkeiten wieder zu
finden, schaufeln im Schlamm nach Übriggebliebenem, wandern langsam durch
Straßen und ausgespülte Kanäle, wo Kleidung und persönliche Dinge verstreut
liegen, während anderorts Plünderer versuchen, aus der Katastrophe Profit zu
schlagen. Ein Pickup mit der Ladefläche voller Baguettes rast in
Polizeibegleitung am Verkehrsstau vorbei. Die Medien warnen davor, das
Leitungswasser zu trinken, da Seuchengefahr bestehe, während die Menschen mit
Kanistern an öffentlichen Brunnen Schlange stehen. Zahlen werden veröffentlicht:
Mehr als 300 Millimeter betrug die Niederschlagsmenge laut Medienberichten,
offiziell forderte die Überschwemmung bislang fünf Tote. Die Zahl der
Obdachlosen, die nun vor allem in Kirchen und Moscheen vorübergehend Zuflucht
finden, übersteigt die 150.000. Indes sucht ein burkinisches Onlinemedium nach
den Schuldigen für die verheerenden Auswirkungen des Jahrhundertregens. Schnell
sind die gefunden: Die Menschen selbst sind in
erster
Linie schuld, weil sie ihre wenig stabilen Hütten auf Grund bauen, der ihnen
nicht gehört und bekannt dafür ist, dass er bei starken Regenfällen überflutet
wird. Doch eine andere Wahl fällt schwer in einem Land, in dem rund 60 Prozent
der Bevölkerung von weniger als einem US-Dollar pro Tag lebt.
Nun fehlt es vielen an allem: Ein Haus, wie es sie reihenweise weggespült hat, ist mittlerweile teuer geworden: Während es früher für etwa 6.000 Franc CFA (umgerechnet etwa neun Euro) zu haben war, kostet die Miete jetzt 10.000 Franc CFA (etwas mehr als 15 Euro). Darüber hinaus fehlt es an Kleidung, Medikamenten und sonstigen Dingen des täglichen Bedarfs. Radios und Handys, die wichtigsten Kommunikations- und Informationsmittel sind ebenfalls oft Opfer der Fluten geworden.
Von den insgesamt 30 Sektoren in Ouagadougou sind vor allem neun am schwersten betroffen: Dapoya (Secteur 12), Boulmiougou (Secteurs 16/17), Patte d’oie (Secteur 15), Ouidi (Secteur 11) und die Zonen der Stadtperipherie (Secteurs 20-24).
Das Réseau d’Initiatives de Journalistes (RIJ) ist eine unabhängige, apolitische Journalistenvereinigung in Burkina Faso und startet nun einen Aufruf zur Solidarität mit ihren vom Jahrhundertregen betroffenen Landsleuten – national wie international.