Unsere Rundreise

 

 

 

Sonntag, den 11.10.2009 - Dr. Harry Kunz -

 

Schon am frühen Mittag sind wir bei der Einweihung einer drei Klassen umfassenden Grundschule in Komgnessé, zwar erst 90 km von Ouagadougou entfernt, - und dennoch bereits in einer anderen Welt. Augenfällig ist besonders die strenge Geschlechtertrennung. Nicht nur bleiben die schattigen Plätze den männlichen Honoratioren vorbehalten. Dies ist Usus bei nahezu allen Schuleinweihungen. Hier versammeln sich Männer und Frauen, Jungen und Mädchen aber generell streng nach Geschlecht getrennt. Entsprechend gibt es auch einen Elternverein für Väter und einen für die Mütter. Trotz dieser strengen Geschlechtsseparierung wird vom Dorfältesten in seiner Rede emphatisch die Gemeinschaft stiftende Kraft der neuen Schule gepriesen, die auch als Bürgertreff und Versammlungsstätte genutzt werde und auch in dieser Weise „ein Licht ins Dorf“ bringe. Trotz aller Unterschiede zwischen der gerade verlassenen Großstadt Ouagadougou und dem abgeschiedenen Komgnessé scheinen die  sozialen Unterschiede, die die afrikanischen Großstädte prägen, hier auch in die ländliche Region importiert zu werden: Manche Erwachsene, und durchaus nicht nur die Staatsbediensteten,  können sich die recht teuren traditionellen Kleidungsstücke leisten. Nicht wenige Teilnehmer fotografieren die Einweihung mit Digitalkameras, ein Jugendlicher lichtet uns mit seinem Fotohandy ab. Doch für die meisten der Kinder reicht es nur für Altkleider aus den USA oder Europa, die zudem vielfach einen verschlissenen Eindruck machen. Immerhin scheinen zunehmend auch die Altkleider nach den Kriterien von Schönheit und Gefallen ausgesucht zu werden. Bestand früher die Oberkleidung von Jungen überwiegend aus den Fantrikots aller möglichen europäischen Fußballvereine, so prangt auf der Brust der meisten Jungen nun „Drogba“ oder „Henry“, also die Namen von Spielern, die aus (West-)Afrika stammen. Daneben stoßen wir immer wieder auf „Vote Barack Obama“-Shirts. Offensichtlich bedient sich die Wahlwerbung in den USA ähnlicher Werbegeschenke wie in Burkina Faso, wo die „Vote Blaise Camparoé“-Shirts bei ärmeren Frauen zur Standardoberbekleidung gehören.

 

Noch stärker als das abseits der Hauptstraße gelegene Komgnessé atmet unsere zweite Einweihung an diesem Tag den Einfluss der nahen Großstadt. Die Zeremonie für die Grundschule B in Rapadama, direkt an der Hauptstraße gelegen, die von Ouagadougou nach Osten bis nach Niger und Togo führt, bietet im auf dreieinhalb Stunden angesetzten und eigens auf einem Programmzettel gedruckten Zeremonieablauf einiges an Pomp. Auffallend ist die starke Orientierung an europäischen Gebräuchen. Mit Fahnenhissen, selbstgefälligen, aber überwiegend inhaltsleeren Politiker- und Funktionärsreden, dem Durchschneiden eines Eröffnungsbandes bis zur symbolischen Baumpflanzung wird eine Zeremonie nachgeahmt, wie sie auch in Deutschland ablaufen könnte. Die afrikanische „Remise des cadeaux“ – das Geben und Nehmen symbolischer Geschenke -  reiht sich überraschend gut in diesen Reigen ein. Wir erhalten neben Hühnern auch eine kleine Skulptur, die als Unikat extra für diesen Anlass angefertigt worden zu sein scheint. Die 37 Jungen und 26 Mädchen, die bereits diese Schule besuchen, sind hingegen kein Bestandteil des offiziellen Programms. Sie vertreiben sich die Zeit, indem sie leere Plastikbeutel aufblasen, dann darauf treten und sich am lauten Knallen freuen.

 

 

 

Montag, den 12. Oktober 2009 - Antje Bienen -

 

In der Nacht von Sonntag auf Montag werden wir in Rapadama vom Regen überrascht, so dass wir mit unseren Zelten von draußen in eine Schulklasse umziehen müssen. Dabei hatten Simone und ich mit unserem Moskitodom auf der überdachten Terrasse des Schulgebäudes schon einen strategisch günstigen Platz gewählt. Aber der Regen und Wind sind zu heftig, als dass wir dort von Nässe und Staub verschont würden. So quetschen wir uns mit den aufgebauten Zelten durch die Tür und finden drinnen mit je drei Zelten pro Klassenzimmer reichlich Platz. Am Vorabend waren wir durch Wetterleuchten bereits auf entfernte Gewitter aufmerksam gemacht worden. Wie ich im Laufe der Reise beobachten konnte, sind abendliche Blitze am Himmel jedoch keine Seltenheit, und meistens hatten wir Glück und es blieb trocken. Am nächsten Morgen, mit dem ersten Hahnenkrähen kurz vor Sonnenaufgang, sind wir schon wieder auf den Beinen und freuen uns auf eine erfrischende Morgendusche. Als Dusche dient uns ein mobiles Duschzelt – ein ca. zwei Meter hohes, viereckiges schmales Zelt, an dem man oben an zwei Seiten den Reisverschluss zur besseren Durchlüftung öffnen und innen sogar zwei Seifen- und Shampoohalter anbringen kann. Allerdings ist dies keine Dusche, wo das Wasser von oben kommt. Das Wasser wurde am Vortag von fleißigen Dorfbewohnern in gelben 30 l Kanistern auf einem Karren gebracht und an der Schule in eine riesige Regentonne gefüllt. Bewaffnet mit Eimer und Schöpfkelle geht es nun der Reihe nach ab in das Duschzelt, das lediglich einen Sichtschutz bietet. Unmittelbar nach der Dusche ist es mit der Frische auch schon wieder dahin, weil uns die Sonne direkt wieder zum Schwitzen bringt. Es gibt ein ausgiebiges Frühstück im Freien. Während wir essen und die letzten noch duschen, trudeln die ersten Schüler ein. Da wir mit unserem Gepäck die Klassen unter Beschlag haben, stehen die Schulbänke draußen unter ein paar Bäumen. Zu unserem Erstaunen setzen sich die Schüler ganz diszipliniert dort hin und warten auf ihren Lehrer.

 

Als der Lehrer kommt, begrüßt er uns und kommt mit Charly bald auf das Thema Bäume zu sprechen, welches für ihn erfreulicherweise ein wichtiges Thema zu sein scheint. Auf dem Schulgelände sind bereits viele kleine Bäumchen gepflanzt. Es gibt in der Umgebung zwei Brunnen. Der eine ist 900 Meter entfernt und der andere 1 km. Stolz erklärt er uns, dass jeweils drei Kinder für einen Baum verantwortlich sind und zusammen arbeiten müssen, damit ihr Baum wächst und gedeiht. Auf dem Weg von Zuhause zur Schule bringt jedes Kind eine kleine Flasche Wasser mit und gießt seinen Baum. Im Laufe des Schultages bringen Eltern freiwillig ebenfalls eine größere Menge Wasser zur Schule, so dass die Kinder nach der Schule ein zweites Mal gießen können. Neben kleinen Wasserflaschen wird Trinkwasser dieserorts auch in kleinen viereckigen Plastiktüten verkauft. Offenbar bekommen die Kinder diese Tüten als Trinkwasser mit zur Schule. Auffällig ist, dass die leeren Tüten überall auf dem Schulgelände herumliegen. An diesem Morgen machen sich ein paar Kinder einen Spaß daraus, die Tüten mit dem Fuß mit einem Knall zum Platzen zu bringen.

 

Bevor wir aufbrechen, gibt uns der Lehrer noch die Schülerzahlen. Die gestern neu eröffnete Grundschule ist die zweite von Rapadama und trägt ein Schild mit der Aufschrift „Ecole Primaire Publique „B“ de RAPADAMA Traditionnel“. Bisher wurde eine Klasse mit insgesamt 63 Kindern eingeschult. Mit 37 Jungen und 26 Mädchen ist das Verhältnis relativ ausgewogen. Erst am Vortag sind noch neun weitere Kinder hinzugekommen und der Lehrer plant, noch in diesem Jahr eine zweite Klasse zu eröffnen. Als Prognose gibt er an, dass die Grundschule „B“ von Rapadama im Jahr 2011 voraussichtlich ein Gebäude mit drei zusätzlichen Klassen für eine sechsstufige Normalisation benötigt.

Wir bedanken und verabschieden uns und steigen in die Autos. Auf der Straße nach Koankin und Nédogo überholt uns ein VW Bus. Uns bietet sich ein in Deutschland nicht vorstellbares Bild: Auf dem Dach neben sämtlichen großen Gepäckstücken sind auch zwei Mopeds und eine Hand voll Passagiere geladen. Im Businnenraum, der normalerweise wohl für nur 8 bis 10 Leute ausgelegt ist, quetschen sich, eingekeilt wie Ölsardinen, so ca. 20 Leute, die alle einen recht zufriedenen Eindruck machen. Während unsereins aus Platzmangel griesgrämig dreinschauen würde, scheint diese Busreise für sie ein besonderes Event zu sein.

 

Nach ca. 15 Minuten Fahrt verlassen wir die breite, schnurgerade geteerte Straße und biegen rechts ab auf einen roten Schotterweg, versehen mit vielen Schlaglöchern, jedoch breit genug für unsere Allrads und verhältnismäßig gut ausgebaut. Nach kurzer Zeit begrüßt uns schon ein oberhalb der Straße gespannter Banner „Willkommen zur Einweihungsfeier des Collège von Nédogo“ Aber bevor es zur Einweihung ins Collège von Nédogo geht, steht erst noch die Grundschuleinweihung von Koankin auf dem Plan. Um nach Koankin zu gelangen, müssen wir durch Nédogo durchfahren. In Nédogo halten wir kurz an, um nach dem Weg zu fragen. Anselm spricht mit einem der in der Nähe stehenden Männer und erfährt, dass die Einweihungfeier in Nédogo der von Koankin vorgezogen wurde. Spontane Planänderung – wir fahren zum Collège. Wir kommen sehr pünktlich um 09:40 Uhr an. Um 10 Uhr soll die Einweihung beginnen. Es sind zwei große bunte Pavillons aufgebaut mit vielen Stuhlreihen darunter. Charly nimmt in der ersten Reihe bei den Politikern Platz, und wir anderen setzen uns in die zweite Reihe. Bei einem Blick über meine Schulter fällt mir auf, dass hinter uns fast ausschließlich Männer sitzen. Alle tragen bunte schöne Gewänder und bunte Hüte. Charly erklärt zu uns rübergelehnt: „Das sind die Dorfchefs von den kleinen umliegenden Dörfern“. Vor dem Schulgebäude haben sich alle Schüler aufgestellt, mehrere 100 große und kleine Kinder schauen uns neugierig an. Gut die Hälfte der Kinder trägt eine Schuluniform. Die Bäume auf dem Schulgelände sind schon über zwei Meter hoch und es wurden bereits große Steinkreise darum herum gelegt.

 

Die Zeremonie beginnt und ist aufgelockert mit unterhaltsamen musikalischen Beiträgen. Zum Beispiel wird ein traditionelles Saiteninstrument an das Mikro „angeschlossen“, indem das Mikro unter die Saiten in den Hohlraum der „Gitarre“ geklemmt wird und so originell zur „E-Gitarre“ umfunktioniert wird. Trommeln stimmen ein und vier traditionelle Tänzer mit Metallschellen an Händen und Füßen bewegen gekonnt ihre Körper zu den Rhythmen. In einem anderen Beitrag tritt ein Junge vors Publikum und singt. Ein kleinwüchsiger Afrikaner begleitet ihn auf diversen Percussion-Instrumenten. Die Afrikaner sprechen über die Trommeln miteinander, wird mir erklärt – da bedarf es keiner Worte mehr – die Tänzer und Sänger wissen ganz genau, was sie zu tun haben. Weitere Programmpunkte sind das traditionelle Wasserreichen, ein Begrüßungslied für uns, diverse Reden der Autoritäten (Bürgermeister, Dorfchef, Direktor, Schülersprecher, Elternvertreter/in, Charly als Président de l’ASAO), Kinderchor, das feierliche Durchschneiden des an der Schule befestigten Bandes, Geschenke austauschen, einen Baum pflanzen und das Gebäude besichtigen.

 

Beim Besichtigen der Klassenräume erfahren wir, dass bisher zwei Klassen eingeschult wurden. Eine im letzten Jahr und eine in diesem Jahr, wobei die Klassenstärke von diesem Jahr 120 Kinder beträgt. Weitere Anträge von 152 Kindern mussten in diesem Jahr bisher abgelehnt werden. Man will aber noch in diesem Jahr eine weitere Eingangsklasse mit 120 Kindern einschulen, sodass dann 3 der 4 Klassenräume belegt sind. Im nächsten Jahr werden dann weitere Klassenräume benötigt, da das Collège zweizügig geführt wird. Das Schulgeld für die erste Klasse des Collèges beträgt 23.000 CFA, das sind ungefähr 35 Euro für ein Jahr. Mit einem Stipendium vom Staat, das es für die besten Grundschulabsolventen gibt, beträgt das Schulgeld nur noch 16.000 CFA.

Nach dem festlichen Akt sind wir zum Essen und Trinken im Haus eines Privatmanns eingeladen. Wir werden durch einen Innenhof, in dem sämtliche Stühle für weitere Gäste aufgestellt wurden, ins Innere des Hauses geführt. Es gibt gekühlte Cola, Fanta und Bier. Zum Hühnchen und Reis wird eine sehr köstliche Zwiebelsoße gereicht.

 

Nach dem Essen zeigt man uns, wo wir die kommende Nach übernachten werden. Ein  Haus - schön gelegen auf einer weiten Wiese außerhalb des Dorfes. Die Leute haben sogar schon zwei große Regentonnen Wasser zurechtgestellt und im Inneren des Haus gibt es eine Dusche, die genauso funktioniert wie unser Duschzelt. Bevor die anderen zur Einweihung nach Koankin fahren, bietet sich die Gelegenheit für ein Stündchen Siesta im Schatten der Bäume. Charly und Anselm halten ein Nickerchen, Simone liest, Hans und Harry liefern sich ein Fußballspiel mit den Jungs und Mädchen, die aus Neugierde zum Haus gekommen sind, und andere beobachten das Treiben, quatschen, dösen, schreiben Tagebuch oder lassen die letzten Tage Revue passieren.

 

Simone und ich entscheiden uns dazu, einen relaxten Nachmittag am Haus zu verbringen.

Zu unserem Schutz wird ein Polizist abbestellt, der zu unserem Erstaunen sogar einige Worte Deutsch versteht und spricht. Wir unterhalten uns ein wenig in Deutsch, Französisch, Englisch und Mooré.

Als die Gruppe abends zurückkehrt, dämmert es bereits. Wir bauen die Zelte auf und machen gemeinsam einen Spaziergang mit Taschenlampe in das ca. 1 km entfernte Dorf zum Telefonieren. Immer mit dabei auch unsere Sécurité, diesmal „under cover“ im Trainingsanzug. Im Dorf gibt es keine Straßenbeleuchtung, aber es herrscht ein geschäftiges Treiben. Essens- und Getränkestände sind geöffnet, Erwachsene und Kinder treffen sich auf den Straßen. Ich stelle mir vor, dass es immer so turbulent zugeht. An diesem Abend steht aber auch noch ein besonderes Ereignis an. Die Musikgruppe, die uns während der Einweihung bereits unterhalten hat, tritt heute Abend im Dorf ein zweites Mal auf. Ein paar von uns gehen zwei Straßen weiter und schauen sich die Bühne an. Hier sind Neonröhren aufgebaut, die Tausende von Insekten anziehen. Es ist erst 19:30 Uhr und bis zum Auftritt dauert es noch mindestens 1 ½ Stunden. Da wir aber zu müde sind so lange zu warten und uns die Mücken piesacken, machen wir uns wieder auf den Weg zurück zu unserer Herberge. Plötzlich taucht deutlich das Sternbild des Orion vor uns auf und ein „Ohhh!“ raunt durch die Gruppe. Beim Weitergehen fällt uns auf, dass es lediglich die Lichter eines Funkmastes waren, und auf dem Weg bis zum Haus lachen wir noch viel über diese optische Täuschung. Als wir unterwegs waren, hat man uns netterweise Cola und kühles Bier gebracht. In gemütlicher Runde mit Blick in einen wunderschönen Sternenhimmel lassen wir den Tag ausklingen.

 

 

Dienstag, den 13. Oktober 2009 - Marion Schlösser -

 

Den wunderschönen afrikanischen Morgen (Temperaturen sind sehr erträglich) beginnen Charly, Jana und ich mit einem Morgenspaziergang. Wir besuchen einen kleinen Hof in der Nähe unseres Nachtquartiers. Die Rundhütten sind an eine Mauer gebaut und im Innenhof leben Ziegen Schafe und Hühner. Die Menschen sind auch zu dieser frühen Stunde, 6.00 Uhr, sehr freundlich und erzählen uns von der Familie. Die erste Frau des Mannes ist verstorben, ihre jüngere Schwester kommt daraufhin auf den Hof, um ihn und seine sieben Kinder zu versorgen. Die beiden heiraten und bekommen ein weiteres Kind, das jetzt ca. 6 Monate alt ist. Wir spazieren weiter zum College von Nedogo. Der Rektor gibt uns die Schülerzahlen, insgesamt sind es in zwei Klassen 44 Mädchen und 60 Jungen. Erstaunlicherweise wird in dieser Schule sogar eine Statistik geführt. Im Verwaltungsgebäude stehen die meisten Räume leer, nur das Büro des Rektors wird genutzt. Wir fragen uns, ob es nicht sinnvoller wäre, die Bibliotheken der Schulen für Konferenzen und als Büro zu nutzen und statt teurer Verwaltungsgebäude zusätzliche Klassen zu bauen. Auf dem Rückweg begleitet uns der Biologielehrer, der von Jana eine Einweisung und die Unterlagen für den Aufklärungsunterricht bekommt.

 

Nach dem Frühstück und Packen brechen wir gegen 9.00 Uhr nach Goughin auf. Die "Straße" ist wieder mal eine große Herausforderung an Hans und Anselm, aber die beiden bringen uns sicher und gut durchgerüttelt ans Ziel. Bevor die Einweihungsfeier beginnt, können wir uns noch etwas in der Schule umschauen und ausruhen. Die Tafeln in den Klassen wurden mit schönen Sätzen beschriftet." les bons parents et les bons enseignants fon les bons élèves."--- "chaque enfant qu’on enseigne est un homme qu’ on gagne"---- "éduquer c’est apprendre à l’enfant à voler de ses propres ailes"---  le rôle de l’école n’est pas seulement d’instruire mais d’éduquer". Ich sitze auf der Schultreppe und kann von hier aus die Festvorbereitungen schön beobachten. Jeder neu eintreffende wichtige Gast wird freundlich empfangen, begrüßt und zu seinem Platz begleitet. Ein kleiner Junge hockt neben mir an einem großen Stein, er ist müde, reibt sich die Augen, steht auf und hinterlässt eine Pfütze. Er fühlt sich sichtlich unwohl und weint nach seiner Mama. Ich versuche ihn zu beruhigen, putze ihm die Nase und halte Ausschau nach seiner Mutter. Aber welche von den vielen Frauen mag es wohl sein. Der Direktor kommt vorbei, ruft ein größeres Mädchen, das den kleinen Mann dann wohl zu seiner Mutter bringt.

 

Nun beginnt auch die Einweihungsfeier mit Reden vom Rektor, Dorfchef, Elternbeiratssprecher, Bürgermeister von Boudri, Chef der Provinz, Abgeordneter. Die Rede für ASAO hält heute Sjef damit Charly sich mal was zurücklehnen kann. Zwischendurch gibt’s Tänze und Gesang von den Frauen und einen schönen Tanz der Männer. Es folgt der Geschenkaustausch. Charly und Anselm bekommen Anzüge, Hüte, Schafe, Hühner und eine Hacke, die dann auch gleich bei der Baumpflanzung zum Einsatz kommt. Wie bei jedem Fest wird natürlich gut gegessen, Reis, Huhn, Fleischspieße und Gemüse. Dazu wird unter anderem ein ganz leckerer Rotwein serviert.

 

Weiter geht’s über Buckelpisten nach Gandaogo, wo um 14.45 Uhr sofort nach unserer Ankunft die Einweihungsfeier beginnt. Auch hier redet Sjef für ASAO, wobei die Übersetzung dreimal so lange dauert wie Sjefs Rede. Nach dem Geschenkaustausch und Band durchschneiden wird wieder in einer großen Runde gegessen. Diesmal gibt’s Huhn, Lamm, Nudeln und Brot. In der Nähe der Schule feiert die Bevölkerung. Die Frauen tanzen und trommeln auf Plastikfässern. Trotz der schweren Arbeit und vielen Kindern vermitteln die Frauen beim Tanz unheimlich viel Freude und Kraft. Jana und ich wagen schließlich ein Tänzchen in der Frauenrunde. Die Menschen hier sind so freundlich und offen, dass man sich einfach nur wohl fühlt. Nachdem wir unsere Moskitodome aufgebaut haben, kommt starker Wind auf, das heißt, ganz schnell mit den Zelten ins Schulgebäude umziehen, bevor es anfängt zu regnen. Später, wir sitzen gemütlich vor der Schule, besucht uns der Lehrer, ein sehr gebildeter Mann wie sich im Laufe der Unterhaltung herausstellt. Er weiß sehr viel über Deutschland. Und dann sehen wir einige Lichter immer näher kommen. Wer ist das? Einige Leute aus dem Dorf bringen uns was zu essen. Keiner von uns hat Hunger, alle essen! Zum Tagesabschluss wird noch was gesungen. Charly hat einige Mundorgeln im Gepäck, und wir singen schöne, deutsche Volkslieder. Auch die Nationalhymne wird noch geübt, vielleicht kommt sie in den nächsten Tagen ja noch zum Einsatz.

 

 

 

Mittwoch, den 14. Oktober 2009 - Simone Busse-

 

Die Hähne der Dörfer krähten um die Wette und es war allen klar, gleich wird die Sonne aufgehen und ein neuer Tag bricht an. Wenn man sich jetzt aus dem Schlafsack pellen würde, hätte man gute Chancen als erster das Duschzelt benutzen zu dürfen. Aber drauf kam es mir nicht an - ich war froh, dass ich noch ein wenig ausgestreckt liegen konnte, denn das lange Sitzen im Auto oder auf Einweihungsfeiern machte sich durch Rückenschmerzen bemerkbar. Nachdem die Sonne hoch am Himmel stand, die ersten fünf der Gruppe schon duschen waren und richtig frisch durch die Gegend liefen, kroch ich dann auch aus dem Moskitodom und suchte die Sachen für einen Duschgang heraus. Ich habe die Dusche in den letzten Tagen sehr schätzen gelernt. Obwohl es wirklich nichts Tolles ist, sich mit einem Schöpfbecher zu begießen, gehört es schon zu den schönsten Momenten des Tages. Gleich nach der Dusche cremte man sich von unten bis oben mit Mückenschutzcreme und Sonnencreme ein und besprühte die Kleidung zusätzlich mit Mückenspray. Danach gehörte der frische reine Duft des Duschvorganges der Vergangenheit an, aber man war für die nächsten Stunden vor den UV- Strahlen und den Malariamücken geschützt und das ist ja entscheidend wichtiger. 

 

Nach dem Frühstück, bei dem es das erste Mal frische Erdnüsse gab, packten wir unsere Sachen zusammen, um zur nächsten Grundschul-Einweihung zu fahren. Da die Autos nur bis zum Zaun der Schule fahren konnten, musste eine Kette gebildet werden, um die Gepäckstücke einladen zu können. Diesmal war es besonders lustig, da auch Einheimische sich in die Kette einreihten. Ich empfand dabei die Einheimischen als sehr hilfsbereit. Es waren schließlich so viele Helfer, dass man keine Schritte mit dem Gepäck mehr gehen musste, sondern gleich dem nächsten das Gepäckstück in die Arme legen konnte. Das Einladen war somit im Nu erledigt und wir fuhren Richtung Tansablogo.

Auf dem Weg zeigten uns die Einheimischen noch einen Brunnen, so dass wir unsere Plastikflaschen auffüllen konnten. Am Brunnen blieben wir aber nicht lange alleine. Eine Grundschulklasse hatte gerade Pause und kam zum Brunnen, um sich die Weißen anzusehen. Es waren ca. 50 Kinder im Alter von 7-8 Jahren. Bei uns auf den Schulhöfen geht es manchmal sehr laut zu. Daher fand ich es besonders faszinierend, wie ruhig so viele Kinder uns beobachteten.

 

Auf dem Weg nach Tansablogo hielten wir in Tanghin an, wo in wenigen Wochen eine Schule gebaut werden soll. Als wir dort ankamen, sahen wir schon einige Sand- und Kiesberge sowie wenige große Steine. Nachdem wir einmal über die Baustelle gefahren  und unter einem Baum Halt gemacht hatten, meinte Charly, dass die Anzahl der gesammelten Materialien noch lange nicht für einen Baubeginn reichen würde. Wir entdeckten dort auch vier junge Männer, die gerade dabei waren, Sand mit einem Eselkarren zu transportieren.

 

Als wir dann gegen elf Uhr im Departementort Salogo ankamen, begrüßten uns dort die Bürgermeisterin und einige andere wichtige Männer. Anselm übersetzte uns, dass die Bürgermeisterin und die Bewohner des  Dorfes schon zwei Stunden auf uns gewartet hätten. Charly meinte dazu nur, dass wir noch nie eine Einweihungsfeier auf neun Uhr gelegt hätten und es nicht an unserer Planung läge, dass die Einheimischen so lange gewartet haben. Nach der kurzen Begrüßung und eifrigem Händeschütteln fuhren wir dann zur Grundschule Tansablogo, die heute eingeweiht werden sollte. Die Bürgermeisterin und ihr Gefolge mit teuren und schweren Landrovers vorne weg und wir auf den schmalen Wegen hinterher. An der Schule wurden wir von den Kindern mit einem Tanz begrüßt und zu den schattigen Plätzen in der ersten und zweiten Reihe geführt. Es war sehr heiß und wir waren froh um die Flasche Wasser, die durch die Reihen herumgereicht wurde.

 

Nach dem Tänzchen folgten natürlich die Reden von verschiedenen wichtigen Leuten, die meinten, was zu der Einweihung der Schule sagen zu müssen. Schon bald zogen Wolken auf und der Schatten wurde von mir freudig wahrgenommen. Es machte die ganze Sitzerei erträglicher. Was aber weiterhin unerträglich blieb, war das schlechte Mikrophon. Es rauschte und knackte ununterbrochen. Während eine Rede nach der anderen gehalten wurde, informierte mich Anselm über die Auslastung der Klassenräume. In dieser Grundschule wurden zwei Klassen unterrichtet. Eine Klasse hatte 23 Schüler, davon 22 Jungen und ein Mädchen. Dieses Mädchen wurde zum Schluss von Charly noch gesondert beschenkt, weil es sich so tapfer zwischen den ganzen Jungen in der Klasse behaupten muss. Die zweite Klasse setzte sich aus 42 Jungen und 20 Mädchen zusammen.

 

Ich saß schräg hinter der Bürgermeisterin. Sie war ziemlich beleibt und trug ein leuchtendes gelbes Kleid, einen Zopf und gelb-goldenen Schmuck. Was mir besonders auffiel, waren die gepflegten Nägel mit rot-weißem Nagellack. Sie ist der volle Kontrast zu der einheimischen Bevölkerung. Die Frauen, die sich um die Schule aufgestellt hatten, trugen sehr schöne bunte Stoffe. Die Jungen und Männer aber hingegen trugen hauptsächlich alte europäische Kleidung, die sehr abgetragen und mit Löchern versehen war. An den Füßen hatten die Einheimischen zu 90 % Flip Flops an, einige wenige liefen barfuss herum. Die Politiker und häufig auch die Lehrer trugen trotz der Hitze Halbschuhe und waren sehr schick mit Hemd gekleidet, wodurch sie sich sehr gut von der normalen Bevölkerung abhoben.

 

Die Bürgermeisterin las ihre Rede auf Französisch vor und diese wurde nicht in die Sprache der Einheimischen übersetzt. Ich fragte mich, wie viele der Anwesenden ihre Rede verstanden. Anselm meinte, es seien höchstens 5 %. Ich fand dies erstaunlich, besonders weil es während der Rede mucksmäuschen still war, obwohl sich ja eigentlich der Großteil der Leute genauso gelangweilt haben müsste wie ich. Besonders deutsche Kinder, die sich langweilen, sind nicht in der Lage, 15 Minuten ohne etwas zu tun zu sitzen und dabei auch noch leise zu sein. Afrikanische Kinder sind einfach anders.

Als ich in der Nähe einen Hahn hörte, freute ich mich, denn das Ende der Einweihungsfeier nahte. Oft werden Hähne als Geschenk übergeben und die Geschenkeverteilung ist immer am Ende der Veranstaltung. Und dann ging es ganz schnell. Charly bekam zwei Hähne und ein Schlaf. Und natürlich einen Bohomo (Anzug) in grün und Josef in blau. Das Einweihungsband an der Schule wurde durchgeschnitten und Hans brachte das Schild an.

Anschließend lud die Bürgermeisterin uns zu sich nach Hause ein. Es gab ein großes Buffet und ausreichend kühle Getränke. Nach einer kleinen Mittagspause fuhren einige noch nach Salogo, um das von ASAO finanzierte College zu besichtigen.

Die Nacht verbrachten wir in dem Essensraum der Bürgermeisterin, da es draußen angefangen hatte zu regnen.

 

 

Donnerstag  15. Oktober 2009  - Hans Günter Haase-

 

In der Nacht hatte es stark geregnet und wir waren mit unsere Zelten in den  großen Saal, der zum Gehöft der Bürgermeisterin von Salogo gehörte, umgezogen. Nach dem Aufräumen und einem Frühstück, das der Bürgermeisterin zur Ehre gereichte, mussten erst einmal die Ladeflächen unserer Autos gesäubert und die Planen getrocknet werden. Anschließend ging die Fahrt zurück über Zorgho, wo wir die Fahrzeuge betanken und frisches, noch heißes Brot kaufen konnten, nach Nohoungou. Hier hatten sich trotz des eigentlich schulfreien Donnerstags alle Lehrer und sehr viele Mädchen und Jungen eingefunden. Darüber haben wir uns sehr gefreut, denn in früheren Jahren hatten sich die Lehrer als recht uninteressiert gezeigt. Einige Schülerinnen führten traditionelle Tänze für uns auf. Wir bekamen später alle einen Hut, wie sie die Bauern auf dem Feld tragen, geschenkt und unsere Damen bekamen „Wickelröcke“, nach deren „Anprobe“ dann fleißig zusammen mit den einheimischen Frauen getanzt wurde. Nach den Feierlichkeiten und der Übergabe der traditionellen Geschenke wurde die Schule besichtigt. ASAO hatte in Nohoungo 3 neue Klassen finanziert. Der Bau mit den 3 alten Klassen wies tiefe Risse in den Wänden auf. Wir wollen von unserer Bauingenieurin einmal überprüfen lassen, ob eine Reparatur möglich ist und wie teuer sie würde. Koupéla ist nur 15 Km entfernt und die Lehrer wohnen alle dort und genießen die Annehmlichkeiten einer größeren Stadt. 2 Lehrerhäuser werden nur gelegentlich bewohnt und in einem Lehrerhaus wohnt ein Krankenpfleger. Seitdem wir diese Problematik kennen, bauen wir nun keine Lehrerhäuser für Grundschulen mehr, die nahe an einer elektrifizierten Stadt liegen.

 

Nahe bei der Schule befindet sich das CSPS, eine Krankenpflege- und Entbindungsstation samt Apotheke und Wohnhäuser für die Pfleger und Hebamme. Diese Station war das erste Projekt, das der Verein im Jahr 1995 in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung realisierte. Ein Krankenpfleger führte uns durch die Räumlichkeiten und erklärte die Einrichtungen. Der „Krankenwagen“  - es handelt sich um einen zweirädrigen Anhänger für ein Moped - war nicht einsatzbereit, machte einen erbärmlichen Eindruck und hatte platte Reifen. Er war mit allem möglichen, nicht benötigten Material beladen und war wohl bisher selten oder nie benutzt worden. Es gab auch eine Funkeinrichtung, aber leider funktionierte auch diese nicht mehr. Immerhin war die Solaranlage in der Entbindungsstation noch intakt. Simone fühlte sich an diesem Morgen nicht gut und so wurde ihr prompt unentgeltlich der Blutdruck gemessen. Laut Statistik werden durchschnittlich 17 Kranke pro Tag behandelt und ca. 160 Geburten pro Jahr gezählt. Auch Impfungen werden durchgeführt. Für das Serum gibt es einen funktionierenden Gaskühlschrank. Sensibilisierung und Familienplanung für die Frauen stehen ebenfalls auf dem Programm. Ein Krankenpfleger fährt über die umliegenden Dörfer, um die Frauen zu unterrichten; die anderen beiden bleiben in der Station. Unserer Meinung nach sollten auch die Männer in die Maßnahme mit einbezogen werden. Übrigens informieren sich teilweise die Frauen heimlich, ohne Wissen der Männer, über Verhütungsmethoden.

 

Beim Gespräch wird um Unterstützung für die Station gebeten. Charly ist aber der Meinung, dass die Kommunen für die staatlichen Stationen die laufenden Kosten tragen müssen. Nur bei akuten Notfällen könnte der Verein helfen. Zum Abschluss, es war inzwischen Mittag, wurden wir wieder mit Essen und Trinken versorgt. Es gab Wasser und Cola, etwas Salat, Reis mit Zwiebelsoße und Hühnchen, zum Nachtisch Orangen zum Auslutschen. Simone ging es zwar wieder etwas besser, sie blieb aber abstinent und wollte erst am Abend wieder etwas essen.

 

Durch sehr schwieriges Gelände ging die Fahrt dann anschließend nach Paspanga. Hier baute der Verein Anfang der 90er Jahre die allererste Schule. Jetzt wurde sie normalisiert, d.h. um 3 Schulklassen erweitert, sodass jedes Jahr eine Einschulung stattfinden kann. Viele Leute, alle in ihren besten Kleidern, die Frauen wie immer sehr bunt, und sehr viele Kinder erwarteten uns unter einem schattigen Baum.

Es war alles sehr „familiär“ - entsprechend wenig Platz blieb für uns, d. h. alle rückten irgendwie immer näher auf uns zu, um die „Weißen“ auch ganz aus der Nähe zu sehen. Gleich zu Anfang der Zeremonie funktionierte wieder einmal die umfangreiche Lautsprecheranlage nicht. So halfen wir mit unserem eigenen Megafon aus. Auch diese einfache Methode musste den Leuten erst erklärt werden, bis die Handhabung einigermaßen gelang.

 

Nun begrüßte Charly ganz herzlich seine Majestät den Naaba von Paspanga (geschätzt 80 – 85 Jahre alt), den er schon seit damals kennt. Als sich Charly 1995 mit seiner Tochter in Paspanga aufhielt, hatte der Dorfchef ihm gegenüber betont, dass er sich sehr freue, dass er seine Tochter mitgebracht habe, denn er würde ja nun bald sterben und dann könne seine Tochter sein Werk fortsetzen. Charly erinnerte ihn an seine damaligen Worte und beide lachten herzlich.

 

Die Ansprachen waren erfreulich kurz gehalten und in diesem Fall, da man sich schon so lange kannte, auch ganz persönlicher Natur. Danach wieder das bekannte Ritual des Austauschens von Geschenken. Diesmal fingen wir damit an, da die Gaben der Gastgeber noch nicht zur Stelle waren. Der traditionelle weiße Hahn, den wir bekommen haben, hat uns dann auch am nächsten Morgen mit seinem „Kikeriki“ rechtzeitig geweckt. Direkt nach unserer Einweihungsfeier fand auf dem nur wenige Meter entfernten „Fußballplatz“ ein wichtiges Spiel der burkinischen 3. Kreisklasse statt, dem wir teilweise bewundernd zuschauen konnten. Harry, als Fußballtrainer einer Mädchenmannschaft, konnte gewisse Talente erkennen. Nachdem wir dann unsere Zelte an der neuen Schule aufgebaut hatten, errichteten unsere Sicherheitsleute mit den nach draußen gestellten Schulbänken einen Zaun um unser Areal herum, damit die neugierigen Kinder nicht über unsere nun schwarzen Zelte stolpern sollten. Die Festlichkeiten der Bevölkerung gingen - mit der auf wunderbare Weise wieder funktionstüchtigen Lautsprecheranlage - noch lange mit voller Lautstärke weiter. So hatten auch wir noch etwas von den sich immer wiederholenden,  endlosen rhythmischen Klängen in der Nacht. Solche Festlichkeiten ziehen auch, wie überall, fliegende Händler an. So konnte Charly 2 Tetrapack Rotwein und Jana 2 Flaschen Bier an einem Stand erstehen, um unsere abendliche Runde zu bereichern. Nicht lange danach verschwand dann einer nach dem anderen nach dem anstrengenden Tag in sein Zelt. Noch eine ganze Weile war die Bevölkerung mit ihrer Musik aus der Ferne zu hören. Zur verabredeten Zeit wurden aber die Lautsprecher pünktlich abgeschaltet. Die Sterne waren nach dem doch etwas verhangenen Tag wieder zu sehen, und wir konnten diese Nacht durchgehend im Freien verbringen. 

 

 

Freitag, den 16. Oktober 2009 - Sjef Theunissen -

Diese Nacht haben wir, ohne dass wir es wussten, zu Dritt in unserem Zelt geschlafen: als wir das Zelt umdrehen, um den Boden zu trocknen, entdecken wir eine grosse rötliche Spinne mit 10 langen, haarigen Beinen und zwei kräftigen Beißzangen, die unter unseren Matratzen unsere Leibeswärme genossen hatte. Als wir versuchen das Ungetüm zu zer­treten, stellt sich heraus,  dass es sehr aufmerksam und viel schneller ist als wir! Ein zweiter Versuch ist erfolgreich - wir sind mit einem Schrecken davon gekommen !

Inzwischen sind einigen Chefs und weitere Autoritäten zum Neubau gekommen, um vor unserer Ab­fahrt noch einiges mit Charly und Anselm zu besprechen. Auch ein Händler taucht auf und bietet Pastis, Rotwein und Seife an. Da meine älteste Tochter in wenigen Tagen Geburtstag hat, kaufe ich ihm schon jetzt eine Flasche Pastis und einen Liter Rotwein ab, damit wir ihren Geburtstag hier in Afrika ein wenig feiern können. Dafür bezahle ich 2450 Fcfa, etwa 5 Euro.

Nach dem Frühstück füllen wir erst wieder die leeren Flaschen beim Tiefbrunnen auf und gegen 9 Uhr fahren wir in Richtung Baskouré. Wir können über den sehr schlechten Weg von gestern zurückfahren oder über einen (noch) unbekannten Weg versuchen, die Asphaltstrasse nach Koupéla zu erreichen. Wir entschliessen uns zum Abenteuer: es folgt ein Pfad von etwa 7 Km Länge und wir brauchen volle 40 Minu­ten. Das letzte Stück ist interessant: wir fahren an einem Staudamm und einer ziemlich grossen Baumschule vorbei und kommen in ein recht feuchtes Gebiet mit ausgedehnten Reisfeldern.

 

In Koupéla ruft Anselm einen Mann aus Bick-Baskouré an, um ihm zu sagen, dass wir gegenüber der Kathedrale auf ihn warten. Es stellt sich heraus, dass unsere Begleitperson auch schon in Koupéla ist, sodass wir schnell weiterfahren kön­nen. Der Weg nach Bick-Baskouré ist recht gut und ich entdecke viele Jatropha curcas entlang  der Strasse. Diese Pflanze wird immer mehr angepflanzt, sogar auf Plantagen, weil sie wegen ihrer Giftigkeit nicht von Ziegen und Schafen gefressen wird, aber vor allem, weil Öl aus den gros­sen Samen gepresst werden kann.  Auf den Feldern sind die Menschen mit der Ernte des roten Sorghums beschäftigt. Diese Hirseart wird hauptsächlich zur Herstellung von Dolo, dem einheimischen Bier, verwendet.

 

Der Schulhof von Bick-Baskouré ist nicht sehr belebt, nur ein paar Leute warten auf uns;  wir besuchen eine Klasse mit 63 Kinder, davon 29 Mädchen. In einer anderen Klassen folgt eine Besprechung mit dem Direktor. Die Schule hat noch manche Wünschen. Charly betont, dass die Bevölkerung im vergangenen Jahr nicht gut mitgearbeitet habe und dass er die Schülerzahl recht niedrig fände. Auf dem Hof hatte man sehr schöne Bäume in verschiedenen Arten angepflanzt. Als wir dann nach der Besichtigung weiterfahren wollen, führt eine Mädchengruppe einen netten Tanz auf. Um den Oberkörper tragen die Mädchen einen Foulard, der auf dem Rücken zusammengeknüpft wird. Bei einem Mädchen ist der Knoten aber nicht fest genug, sodass beim Tanzen ihr rechtes Brüstchen je­weils neugierig nach aussen hüpft, bis ein anderes Mädchen den Knoten etwas fester zieht.

 

Wir fahren zurück nach Koupéla, wo ein lebhafter Markt stattfindet; leider reicht die Zeit nicht für einen Besuch, denn wir müssen weiter zum Collège von Baskouré. Dieses Collège wurde von ASAO gebaut und hat zwei Klassengebäude mit jeweils 4 Klassenräumen. Der Zaun eines Klassentraktes  befindet sich in einem schlechten Zustand und stellt für hungrige Ziegen und Schafe kein Hindernis dar. Innerhalb des Zaunes gibt es  kaum Bäume. Wir finden aber an man­chen Stellen ziemlich lange, trockene Stöcke in Pflanzlöcher, die offenbar morgens - obwohl bereits abgestorben - noch gegos­sen worden waren. Vor zwei Jahren mussten wir hier auch schon feststellen, dass man keine Bäume gepflanzt hatte. Charly hat unseren Besuch rechtzeitig angekündigt und klargemacht, dass man speziell auf die Baumpflanzung achten würde. Er hatte sogar vom Präfekten einen Brief bekommen, worin dieser die Neuanpflanzung von Bäumen bestätigt hatte. Charly ist nun zu Recht stinksauer, dass man die neu gepflanzten Bäume nicht gegossen hat und beschwert sich darüber beim Schuldirektor. Man hatte an diesem Morgen noch nicht mit unserem Besuch gerechnet, sondern uns erst am nächsten Tag erwartet.

 

Auf der Asphaltstrasse fahren wir nach Koupéla zurück und von dort auf einer guten Piste in das etwa 30 Kilometer entfernt liegende Yargho. Über einen kaum zu findenden Pfad geht es 3 Kilometer durch meterhohes Gras und wir stossen alsdann auf einen kleinen Bauernhof,  den wir über ein frisch geerntetes Sorghumfeld umfahren können. Plötzlich erscheint die Schule von Kokossin vor uns.

Diese Schule wurde 2003 als dreiklassige Schule von der niederländische Stiftung Help Burkina gebaut. Im Jahr 2008 wurde die Schule von ASAO um 3 Klassen erweitert. Das Dorf Kokossin ist etwa 90% muslemisch und umso auffälliger ist es, dass hier die Zahl der eingeschulten Mäd­chen  viel höher ist als die der Jungen.

 

Der Empfang verläuft sehr entspannt - es werden kurze Vorstellungen durch Schüler und Eltern geboten; anwesend sind die Bürgermeister von Yargho, Tensoben­tenga und Baskouré (!), der Schulrat von Koupéla, später noch der von sich selbst sehr eingenommene Präfekt von Yargho. Der offizielle Teil ist schnell vorüber und das Band kann durchschnitten und die Klassen besichtigt werden. Alle waren mit dem Neubau zufrieden und keiner äußerte weitere Wünsche, obwohl es sicherlich noch viel zu wünschen gab. Charly nützt die Gelegenheit, sich beim Bürgermeister von Baskouré zu beschweren. Er bekommt zur Antwort, die Erde beim Collège sei so schlecht, dass dort keine Bäume wachsen könnten. Wir bezweifeln dies, weil man notfalls ein grösseres Loch graben und mit Kom­post füllen kann. Desweiteren weist Charly darauf hin, dass es auf dem Gelände ja ältere Bäume gäbe.

 

 Nach der Einweihung und nachdem wir unsere Moskitodome aufgestellt haben, machen wir noch einen kleinen Spaziergang zum nahegelegenen Staudamm, wo angeblich etwa 8 Krokodile leben. Leider bekommen wir nicht viel mehr zu sehen als die Augen und Nüstern, die kaum aus dem Wasser herausragen. Schließlich entdeckt jemand unweit vom Ufer unter Wasser ein kleines Krokodil. Wir rennen alle hin.  Das Tier, etwa 30 cm lang, rennt aus dem Wasser und verschwindet im Gestrüpp. Wir freuen uns auch über einige Dutzende Jungen, die in einer Ecke des Sees schwimmen und im Wasser spielen. Ein herrlicher Sonnenuntergang beendet diesen ereignisvollen Tag.

 

Ist denn alles positiv in Kokossin? Nein, denn eine Inspektion der Latrinen ergibt, dass diese nicht oder kaum benutzt werden. Übrigens kann man dies fast überall feststellen. Auch die Wassergefässe zum Händewaschen bei den Latrinen sind leer, weil die Absperrhähne fehlen.  Als ich Roger, einen der Lehrer, frage, warum die Schüler die Latrinen nicht benutzen, sagt er: “Sie haben Angst ins Loch zu fallen oder dass eine Schlange aus dem Loch hervorkommt.” Und tatsächlich: größere Höhlen im Boden sind oft Un­terschlupf von gelegentlich sogar großen (heiligen) Schlangen. Für uns ist die Benutzung von Toiletten eine ganz normale Sache (geworden) und niemand wird in Abrede stellen, dass Toiletten positiv für die Hygiene sind. Vielleicht sollten wir uns aber doch  Gedanken machen, wie wir Menschen, die Tausende von Jahren ohne Latrinen gelebt haben und auch zuhause über keine Latrine verfügen, die Vorteile von Latrinen verständlich machen können. Geht es nicht etwas weit von Schülern zu erwarten, dass sie in der Schule den Abort benutzen und ihre Händen waschen, obwohl sie etwas später zuhause ihre Bedürfnisse im offenen Feld erledigen??

 

 

Samstag, den 17. Oktober 2009 - Dr. Harry Kunz

 

Nach dem Frühstück bleibt uns in Kokossin noch Zeit für ein am Vortag versprochenes  Fußballspiel. Abwehr, Mittelfeld und Sturm der beiden Teams sind rasch zusammengestellt -  und schon geht es los. Unseren acht- bis zwölfjährigen Mitspielern sind offensichtlich an den europäischen Mitspielern ebenso interessiert wie an dem neuen Lederball. Als der Schreiber dieser Zeilen einen Distanzschuss mit „Na ja“ kommentiert, ist auch der Schlachtruf fürs Spiel gefunden. Bei allen Schüssen, Flanken und Pässen wird fortan unter großer Erheiterung stets „Na ja“ gerufen - und sich an der eigenen Lautmalerei erfreut. Weniger harmonisch verläuft die anschließende Verteilung leerer Plastikflaschen. Unsere Bitte, die Flaschen am nahegelegenen Brunnen aufzufüllen, wird als ein Verschenken der leeren Flaschen missverstanden und führt zu einigen „Verteilungskämpfen“ zwischen den Kindern. Die dabei zu Tage tretende Aggressivität und Gier ist vermutlich nicht allein Folge existenzieller Not. Auch das Verteilen von Wecken bei Martinsfeiern artet in vielen Eifeldörfern in kleine Schlägereien aus,  – und die Wecken werden anschließend achtlos weggeworfen.

 

Anschließend besichtigen wir eine kleine Moschee im Ort, die von der niederländischen Hilfsgruppe „Help Burkina“ mit 3000 Euro gefördert wurde. Bis zu 12.000 Euro trugen saudi-arabische Finanziers bei. Das eher unscheinbare Lehmgebäude, innen mit Sisal- und Plastikteppichen ausgelegt, vermittelt gerade durch seine Schlichtheit eine ruhige und sakrale Atmosphäre.

 

Aus dieser Erfahrung schöpfen wir die Kraft, die wir für die anschließende kurze Besichtigung des Kollegs in Tensobentenga benötigen.  Auf den ersten Blick macht das Collège in dem Städtchen, das mit den Außenorten immerhin über 20.000 Einwohner  verfügt, einen vertrauenserweckenden Eindruck. Mittelgroße, Schatten spendende Bäume stehen auf dem Schulhof. Die bereits vor einigen Jahren errichteten Unterrichtsgebäude wirken intakt. Die Schüler, allesamt in Schuluniformen gewandet, wirken interessiert und aufgeschlossen. Ein etwa 15-jähriges Mädchen zeigt uns ihr Biologieheft, das jedem Lehrertraum von einer ordentlichen Heftführung gerecht wird: Fein säuberlich ist der Aufbau von Knochen und Gelenken gezeichnet und beschrieben. Penibel wird Wichtiges durch eine andere Schriftfarbe hervorgehoben, Überschriften und sonstige Textgliederungen sind unterstrichen. Leider kann die Ordnung in den Schulräumen des Collègs damit in keiner Weise mithalten. Es mag ja noch erträglich sein, dass ein Klassenraum, der aktuell nicht benötigt wird, als Maislagerstätte und eine anderer als Arbeitszimmer des Vizeschulleiters genutzt wird. Doch spätestens die Besichtigung des ebenfalls von ASAO finanzierten Verwaltungsgebäudes, das etwas abseits in einem vor zwei Jahren noch prächtig blühenden Schulgarten liegt, unterzieht unsere (Sinnes-)Nerven einer harten Probe. Der Schulgarten ist nunmehr völlig heruntergekommen, der Zaun  eingerissen und das Gelände somit von den umgebenden Ziegenweiden kaum noch zu unterscheiden. Ein negativer Höhepunkt bildet das sogenannte Verwaltungsgebäude, das aus mehreren großen Zimmern und einem Flur besteht: Überall herrscht gähnende Leere, nur einige Nähmaschinen für die Herstellung von Schulkleidern stehen im Ausgangsbereich herum. Denn in den dunklen Innenräumen herrscht ein beißend penetranter Gestank nach Urin oder verfaulendem Holz.  Überall wurden die Zwischendecken abgerissen. Dies gibt den Blick auf die verfaulenden Dachbalken frei. In einem arg unaufgeräumten Zimmer haust der Direktor, der es vorgezogen hatte, unserem Besuch fern zu bleiben. All dies ist schwer erträglich, wenn man bedenkt, dass solche Verwaltungsgebäude Spendengelder binden, die für die Erstellung von neuen Klassenräumen und Schulgebäude andernorts fehlen! Beim Hinausgehen sehen wir auf der Veranda wieder Nähmaschinen im Einsatz. Zum Bügeln wird ein mit glühender Holzkohle gefülltes Bügeleisen benutzt.

 

Faszinierend an Burkina Faso sind die extremen Brüche und Unterschiede. Aus der Ferne betrachtet mag eine Schule wie die andere aussehen. Tatsächlich erleben wir nach dem ernüchternden Besuch in Tensobentenga beim anschließenden Besuch in Tandatenga ein höchst erfreuliches Gegenbeispiel, wie durch Engagement der Lehrer, den 97 Mädchen und 80 Jungen, sowie der Eltern ein angenehmes Lernumfeld geschaffen werden kann: Üppig grünen auf dem Schulhof verschiedenste Baumarten, sorgfältig in Reih und Glied gepflanzt und regelmäßig gegossen. Die Klassenräume sind penibel sauber, Fotos an der Wand, Kästchen mit Bleistiften und Heften auf dem aufgeräumten Lehrerpult. Die großen Schreibtafeln sind mit einem Vorhang umgeben, so dass der Lehrer vor dem Unterricht den Lehrstoff aufschreiben und während des Unterrichts dann schrittweise enthüllen kann. Bewundernswert auch der Aufwand der Lehrer für bunte Kreidezeichnungen, die den Unterrichtsstoff illustrieren.

 

Auch der folgende Besuch im Collège von Dialgay, wo ASAO den Bau von 7 Klassenräumen und 5 Lehrerhäusern finanzierte, verlief sehr positiv: 573 Kinder, davon 233 Mädchen, werden hier von vier Lehrern unterrichtet. Ein Ende des Wachstums ist nicht erkennbar. Mehrere Redner baten bei der Einweihung um Unterstützung für einen weiteren Ausbau der Schule.

 

 

Sonntag, den 18. Oktober 2009 - Charly Simonis -

 

Heute sind wir besonders früh aufgestanden, denn wir wollten um 6.30 Uhr den katholischen Gottesdienst in der großen Missionskirche von Dialgay besuchen. Die Kirche ist nur 10 Minuten vom Collège entfernt und war gut gefüllt. Wir nahmen vorne Platz und konnten zuschauen, mit welcher Begeisterung der Chor sang, der von Trommlern begleitet wurde. Wir waren tief ergriffen von der Frömmigkeit der Bevölkerung, und ich erinnerte mich an meine Kindheit, als wir noch voller Inbrunst die Marienlieder sangen. Nach einer langen Predigt des Pfarrers in der Stammessprache Morré mussten wir nach 1 Stunde die Messe verlassen, denn ein Sonntagsgottesdienst dauert hier mindestens 2 Stunden, und so viel Zeit hatten wir nicht, da wir nach Ouagadougou zurückfahren (160 km) und dann an die Grenze nach Ghana (170 km) weiterreisen mussten.

 

Gegen Mittag trafen wir in Ouaga ein, und Marie Thérèse hatte für uns ein leckeres Essen bereitet.  Wir waren glücklich, dass es Jana wieder besser ging. Die Malariamittel wirken, wenn man sie sofort nimmt, phantastisch. Das Fieber war weg und Jana konnte sich in unserem klimatisierten Auto erholen. Die Fahrt auf der neu asphaltierten Nationalstraße 6 Richtung Leo war sehr angenehm. Die Straße führte durch große Wälder, wobei die Bäume nicht so hoch wie bei uns in Deutschland waren. Bei einer geordneten Bewirtschaftung müsste es möglich sein, viel Brennholz zu gewinnen, ohne der Natur zu schaden. Leider gibt es in Ghana keine gute Anbindung, sodass die Straße nur wenig befahren ist und eine Asphaltierung daher nicht unbedingt erforderlich war. Ab Leo fuhren wir auf einer guten Piste in Richtung Boura. Da diese Straße parallel zur Grenze nach Ghana verläuft, gilt sie als nicht ungefährlich, da sich Straßenräuber gerne über eine Grenze dem Zugriff der Polizei entziehen. Wir waren mit unseren 4 Polizisten, die mit Helm und kugelsicheren Westen und schussbereiten Kalaschnikows im Freien auf den beiden Pick-ups saßen, in keiner Weise gefährdet. 

 

Am späten Nachmittag kamen wir in Ti an, wo wir 2008 eine dreiklassige Grundschule und ein Lehrerhaus finanziert haben. Man geht in Burkina Faso 6 Jahre zur Grundschule. In kleinen Dörfern wird, da nur 3 Klassenräume vorhanden sind, meist nur jedes 2. Jahr eine Klasse neu eingeschult. In Ti wird jedoch jedes Jahr eingeschult, und es werden jeweils 2 Klassenstufen in einem Klassenraum von 1 Lehrer unterrichtet. Unsere Klassenräume verfügen an den beiden Stirnseiten jeweils über eine Tafel, sodass für jede Klassenstufe eine getrennte Tafel zur Verfügung steht. Die Bänke bestehen aus einem vierkantigen Stahlgestell, an dem Holzbretter als Sitzbänke und Rücklehnen angeschraubt sind. Früher hatten die Kinder oft die Schrauben aufgedreht und die Bretter gingen verloren. Regelmäßig ärgerten wir uns, denn man zu faul war, auf dem Markt neue Schrauben zu besorgen. Lieber entsorgte man die teuren Bänke und hoffte darauf, neue Bänke geschenkt zu bekommen. Wir kamen schließlich auf die tolle Idee, die Enden der Schrauben mit dem Lötkolben zu erhitzen und dadurch das Gewinde unbrauchbar zu machen, sodass die Kinder keine Schrauben mehr lockern können.  Insgesamt 115 Kinder besuchten die Schule. Da wir unseren Besuch angekündigt hatten, hatte man eine Woche vorher noch schnell ganz kleine Bäumchen gepflanzt und vor unserer Ankunft kräftig gegossen. Der Zaun war von unserem Unternehmer falsch angelegt worden, denn er begann erst 15 cm oberhalb des Erdbodens, sodass Tiere in den abgezäunten Bereich gelangen konnten. Wir baten die Eltern der Schüler mit ihren Hacken einen Wall so anzulegen, dass kein Tier mehr unter dem Zaun durchschlüpfen und der Zaun für die gepflanzten Bäume einen optimalen Schutz bieten kann. Die Schüler forderten wir auf, um alle gepflanzten Bäume Steine zu legen, damit man die kleinen Pflanzen beachtet und nicht niedertritt. Wenn man die Bäume regelmäßig gießt, sind sie nach 2 – 4 Jahren so groß, dass sie Schatten spenden können und nicht mehr begossen werden müssen. Alle Afrikaner sitzen gerne im Schatten, aber viele sind zu faul, Bäume zu pflanzen und zu begießen. Als wir am übernächsten Morgen noch mal kurz an der Schule vorbeifuhren, waren die Arbeiten zu unserer Zufriedenheit bestens durchgeführt.

 

Wir übernachteten nicht in der Schule, sondern wurden in einem Gästehaus eines Waisenheims in Boura untergebracht, das von Kanadiern unterhalten wird. Es gab dort 15 Kinder bis zum Alter von 2 Jahren, wobei das jüngste Kind 10 Tage alt war. Die Mütter waren bei der Geburt gestorben. Die Kinder wurden hier bestens versorgt und waren sehr zutraulich. Mit der Leiterin des Heims fuhren wir noch schnell auf den Markt und kauften noch Bier und Lebensmittel. Sie bereitete uns Couscous mit leckerer Tomatensoße. Als ich im Dunkeln den Abort (Betonplatte mit einem viereckigen Loch und einer Umfassungsmauer) aufsuchte, erschrak ich gewaltig, denn gerade, als ich mich hingehockt hatte, flogen 3 Fledermäuse aus dem Abort. Da sie sich mit Hilfe von Ultraschall orientieren, kam es jedoch nicht zu einem unangenehmen Zusammenprall.

 

Wir schliefen nicht in den Betten des Hauses, sondern bauten wieder im Freien unsere Moskitodome auf.  Sie sind binnen einer Minute mit einem Handgriff aufgestellt und bestehen aus einem durchsichtigen Moskitonetz und einem festen Boden. Sie ersetzen seit diesem Jahr in idealer Weise die Innenzelte der Iglus, in denen wir bisher schliefen. Nachts kann man den herrlichen Sternenhimmel und den Mond betrachten. Rita Krieger hat für unsere Unterkunft die Bezeichnung „1.000 Sterne-Hotel“ kreiert.  Es war Regenzeit und überall quakten in der Dämmerung die Frösche. Mitten in der Nacht weckte mich Anselm, mit dem ich „als Schnarcher“ einen Moskitodom teilte, und meinte, in unserem Zelt sei ein Frosch. Und wirklich, während eines Abortbesuchs hatte sich ein Frosch eingeschlichen. Es war nicht leicht ihn zu fangen, aber Weidmanns Heil, ich bekam ihn zu fassen und setzte ihn nach draußen. Dann konnten wir ruhig bis 5.30 Uhr weiterschlafen. Genauso wie es um 18.30 Uhr blitzartig dunkel wird, wird es um 5.30 Uhr innerhalb weniger Minuten hell.

 

 

Montag 19. Oktober. 2009 – Marion Schlösser –

 

Jana und ich nehmen heute nicht an den Einweihungsfeiern teil, sondern wollen den Tag mit den Babys im Kinderheim verbringen. Da wir heute wieder hier in Boura übernachten ist das gut möglich. Nachdem die Gruppe und drei Polizisten ( einer bewacht uns und das Gepäck ) aufgebrochen sind gehen wir rüber zu den Babys. Sie sind alle munter und krabbeln auf dem Fußboden, der Veranda und auf dem Hof. Einige können schon laufen, andere brauchen noch etwas Hilfestellung. Die Kinder und auch die Betreuerinnen freuen sich über unseren ganztägigen Besuch. Wir setzen uns auf den Boden, spielen mit ihnen, tragen sie, und schmusen ein bisschen. Hier herrscht eine so schöne Stimmung. Ab und zu kommt einne der Frauen, macht hier oder dort mal eine frische Hose, zwischendurch machen wir das auch mal. Schmutzige Hose aus, Kind in einen Wassereimer stellen, waschen, abtrocknen, fertig. Richtige Windeln gibts nicht, manche Kinder sind mit dicken dreieckigen Tüchern gewickelt, andere tragen nur ein Höschen. Da wir sehr engen Kontakt zu den Kindern haben, werden auch wir immer feuchter. Wir sind fasziniert wie friedlich die Kinder sind. Kein Gequengel, kein Streit. Hier gibts kein Spielzeug , aber mit einem Holzbrett, einer Plastikflasche oder einer Schachtel kann man auch prima spielen. So gegen 12.00 Uhr gibts Mittagessen. Die größeren Kinder bekommen eine Schale mit Reis auf die Veranda gestellt, die sie genüsslich leer essen. Die Körner die daneben fallen werden von den Hühnern aufgepickt, so dass der Boden blitzeblank ist. Die kleinsten Babys werden von den Frauen und uns mit der Flasche gefüttert. Es gibt einen sehr dickflüssigen Brei der den Kindern scheinbar sehr gut schmeckt. Nun ist Mittagsruhe, die Kinder werden ins Bett gelegt. Alle schlafen in einem Raum, nicht jedes Kind hat ein eigenes Bettchen, manche schlafen zu zweit.

 

Für uns bedeutet das auch Pause, und wir beschließen nach Boura auf den Markt zu gehen. Unser Bewacher gerät etwas in Bedrängnis, da er jetzt entscheiden muss ob er auf uns oder das Gepäck aufpasst. Nachdem wir ihm versprechen nicht so weit zu gehen, entscheidet er sich für das Gepäck. Der Weg nach Boura ist dann doch etwas weiter als wir dachten, aber nach einer halben Stunde erreichen wir Boura. Überall werden uns Waren angeboten, Gebäck, Fleisch, Fisch und sogar Medikamente. Wir kaufen eine Melone, schönen Stoff, trinken eine kalte Fanta und machen uns auf den Rückweg. Unsere Einkäufe wollen wir gerne, wie die Afrikanerinnen auf dem Kopf tragen, wobei sich das als sehr schwierig (die Melone unmöglich) erweist. Als wir nach 1,5 Stunden zurückkommen sitzt der Polizist immer noch wie angewachsen auf dem Stuhl, er scheint sich keine große Sorgen um uns gemacht zu haben. Jetzt noch ein Stück Melone, eine Tasse Kaffee und dann zurück zu den Babys. Zuerst schauen wir nach der Kleinsten. Sie ist 10 Tage alt und im gegenüberliegenden Haus alleine untergebracht. Die Haut an Händen und Füßen ist noch weiß. Die Mutter des Babys starb zwei Tage nach der Geburt. Nach einer Stunde Spiel und Spaß mit den anderen Kindern brechen wir, diesmal mit einem Baby auf dem Rücken, erneut zu einem Spaziergang auf. Die Babys haben wir nach Trockenheitsgrad der Hosen ausgesucht, sonst hätten wir uns nicht entscheiden können wen wir mitnehmen. Die Einheimischen die uns begegnen schauen uns etwas erstaunt an oder lachen. Nach 10 Minuten müssen wir unseren Ausflug schon abbrechen, da dem Kind auf meinem Rücken das Mittagessen wohl nicht bekommen ist und es mir den ganzen Rücken vollkotzt. Wir müssen so lachen. Hauptsache die Hose war trocken. Es folgt eine Schnelldusche für mich, Klamotten im Wassereimer einweichen, Baby waschen und umziehen. Bis die Gruppe zurückkehrt amüsieren wir uns noch mit den Kindern. Der Abschied fällt schon schwer, wir sind zwar sicher, dass die Kinder im Heim sehr liebevoll betreut werden, aber wie gehts dann weiter? Wir haben aber auch erkannt, dass Kinder nicht viel Spielzeug, Animation, Krabbelgruppe, Kinderturnen, Kinderschwimmen, musikalische Früherziehung usw. brauchen um zufrieden zu sein. Manchmal ist weniger mehr.

 

 

Montag, den 19. Oktober 2009 - Antje Bienen -

 

Zwischen Gästehaus und Waisenheim gibt es einen Tiefbrunnen mit einem großen „Steuerrad“, das man drehen muss, um Wasser nach oben zu pumpen. Auf der Reise habe ich insgesamt vier verschiedene Brunnenmodelle gesehen: Zum einen eine klassische Pumpe, bei der man einen Schwengel in der Vertikalebene auf und ab bewegen muss, ein Modell mit Fußpumpe, die technisch ähnlich zu bedienen ist wie eine Luftpumpe, sowie ein offener Brunnen, der gut 20 Meter Tiefe hat, mit einem Schöpfeimer, der in die Tiefe geworfen und wieder hinaufgezogen wird. Die Fußpumpe und das Steuerrad haben mir am besten gefallen, weil das Wasserholen dort am meisten Spaß gemacht hat.

 

Als erstes steht heute ein kurzer Besuch im Collège von Boura auf der Tagesordnung. Das Collège in Boura wurde von ASAO fertig gestellt, weil dem Träger, der den Bau begonnen hat, das Geld ausgegangen ist. Auf Kosten von ASAO wurden zwei Klassen verputzt, Estrich gelegt sowie innen und außen gestrichen. Es gibt kein Verwaltungsgebäude, keine Lehrerhäuser und die Bibliothek wird als Lehrerzimmer genutzt. Als wir ankommen, findet in allen vier Klassen Unterricht statt. Wir gehen durch die Klassen und die Schüler stehen zur höflichen Begrüßung auf. Die 6ème hat Englisch. Anselm erklärt den Schülern, dass Englisch die Weltsprache und deswegen sehr wichtig ist, weil sie viele Chancen eröffnet. In der 5ème läuft Französisch-Unterricht. Die 4ème hat Mathematik und die 3ème Geographie – eine schöne Europakarte mit sorgfältig eingezeichneten Gebirgen wurde mit farbiger Kreide an die Tafel gemalt. Vom Unterricht her macht die Schule auf mich einen sehr guten Eindruck, aber als wir erfahren, warum die 4ème anzahlmäßig so schwach besetzt ist, legen sich tiefe Falten in unsere Stirn. Charly schüttelt den Kopf: „Bei uns hätte man den Lehrer rausgeworfen und nicht die Schüler.“ In der 4ème (unsere 9. Klasse) haben von 71 Schülern im letzten Jahr 50 Kinder aufgegeben, weil ihre Leistungen scheinbar nicht genügten.

 

Wir fahren weiter. In Boura ist heute Markt – das ist nicht zu übersehen. Auf dem Weg nach Loum kommen uns ganz viele Frauen mit „Kopfgepäck“ entgegen, die zum Markt ziehen. Meist balancieren sie mehrere Etagen auf ihren Köpfen: Töpfe, Schüsseln, Holzbündel etc.

 

Wir kommen zur Einweihung der Grundschule in Loum und werden freundlich begrüßt. Mindestens zwanzig Männer schütteln uns die Hände. Es fällt immer wieder auf wie wenige Frauen öffentliche Ämter bekleiden. Dafür legen sechs Mädchen eine tolle Vorführung hin und singen auswendig mindestens sieben verschiedene Lieder. Dabei singt ein Mädchen vor und die andern singen als Chor im Echo nach. Während der letzten zwei Lieder wird uns Gästen das traditionelle Wasser gereicht. Wir sitzen auf Stühlen außerhalb des Schulgeländes unter einem Schatten spendenden großen Baum. Auf den Bänken um uns herum sitzen fast nur Männer und ca. drei Frauen mit Kleinkindern. Die Schüler müssen wie beim Militär in Reih und Glied in der prallen Sonne vor dem Schulgebäude stehen. Als sie nach den ersten zehn Minuten immer noch wie festgewurzelt dort stehen, kann Charly das nicht länger mit ansehen und veranlasst, dass die Schüler - um die es eigentlich geht - auch zu uns in den Schatten kommen. Ein Lehrer reiht sie wieder ganz ordentlich auf. Die Großen nach hinten, die Kleinen nach vorne - in fünf Reihen. Es werden verschiedene Reden gehalten. In einer Rede erfahren wir: Von allen Grundschulen im Departement Boura hat ASAO 25 % der Grundschulplätze, d.h. für 1430 Kinder Schulplätze geschaffen. Nach den Reden wird eine Vorstellungsrunde gewünscht. Anselm stellt alle der Reihe nach in Mooré vor. Wir stehen auf und lächeln in die Runde. Beim Übergeben der Geschenke erklärt Charly, dass der Fußball nicht nur für die Jungen, sondern auch für die Mädchen ist, weil die deutschen Frauen die Fußballweltmeisterschaft gewonnen haben. Wir bekommen zwei traditionelle Anzüge geschenkt, die sich Charly und Harry überstülpen. Außerdem werden wir mit einem weiteren Schaf und 2 Hähnen beglückt. Ein paar aus unserer Gruppe zeigen den Kindern, wie die jungen Bäume geschützt werden, indem man Steinkreise drum herum legt. Die Stühle, auf denen wir vorher unter dem Baum saßen, werden von emsigen Schülern flink in einen der Klassenräume getragen. Wir werden hinein gebeten und nehmen mit einer Abordnung von acht Männern an drei gedeckten Tischen Platz und bekommen Cola, Bier und Fanta (manchmal wurde zur Mittagsstunde auch schon Wein, Sekt und Schnaps angeboten). Mehrere Frauen bringen auf ihren Köpfen Töpfe und Schüsseln, Teller, Besteck und Wasser zum Händewaschen herein. Es gibt Reis mit roter Tomatensoße sowie in Soße geschwenkte Spaghetti und zerlegte Hähnchen. Beim Essen kommen wir ganz schön ins Schwitzen.

 

Wir müssen weiter, denn heute haben wir einen besonders vollen Terminkalender. Bei unserer Ankunft an der Grundschule in Bozo ertönt laute Discomusik und die Kinder tanzen ausgelassen dazu. Es ist ein kurzer Besuch geplant, und wir werden durch einen fröhlichen Kinderchor begrüßt. Der Generator ist so laut, dass man sich anstrengen muss, die Reden über das Mikro zu verstehen. Am Mischpult sitzt ein Afrikaner mit rotem Haar (das haben wir noch öfter gesehen, ist aber relativ selten). Fast alle hier, Jungen wie Mädchen, haben die Haare ganz kurz geschoren, wobei die Mädchen an den Haaransätzen oft Zierdrähte oder bunte Perlen als Haarschmuck hängen haben. Charlys Rede wird in zwei afrikanische Stammessprachen übersetzt, denn in Bozo leben zwei verschiedene Stämme, die sich, wenn überhaupt, nur auf Französisch miteinander unterhalten können. Bei der Klassenbesichtigung fällt auf, dass das Mobiliar teilweise reparaturbedürftig ist - Bretter haben sich gelöst, Schrauben fehlen. Charly lässt den Direktor rufen und teilt ihm mit, dass die defekten Schulbänke repariert werden müssen. Eine Reparatur ist leicht zu bewerkstelligen und bedarf lediglich ein wenig Eigeninitiative. Schrauben kann man auf jedem Markt kaufen.

 

Autofahrt nach Hiéla: Wir fahren eine ganze Weile über die gute Piste entlang der ghanaischen Grenze – mit der Karte in der Hand fragte ich mich, ob der Ort richtig auf der Karte eingezeichnet ist. Der Lehrer, der mit uns im Auto fährt, um uns den Weg zu weisen, gibt mir zu verstehen, dass die Markierung im Großen und Ganzen richtig sei. Nach - wie mir vorkam - einer halben Ewigkeit biegen wir links in Richtung Ghana ab. Wenige 100 Meter von Ghana entfernt geht es dann noch mal scharf links ab und jenseits gut befestigter Straßen weiter. Laut Karte liegt Hiéla in unmittelbarer Nähe zu Bozo und ich wundere mich, warum wir so einen großen Umweg machen. Erst als wir nach anderthalb Stunden in Hiéla ankamen, konnte ich alles verstehen.

 

Die Erklärung war folgendermaßen: Die Orte liegen in der Tat nur 3 km auseinander, aber die direkte Straße ist, da sie ein Flussbett durchquert, außerhalb der Trockenzeit für Autos unpassierbar. So mussten wir statt einer 10 minütigen Mopedfahrt einen mindestens 1 ½ stündigen Umweg in Kauf nehmen, der einem Abenteuer durch ein feuchtes Flussbett wohl nur wenig nachstand. Die Fahrt entpuppte sich als Hindernis- und Orientierungsfahrt mit GPS-Einsatz. Es ging über Stock und Stein, schmale Feldwege und schließlich mitten durch eine Häusersiedlung. Zwei Häuser waren so dicht nebeneinander gebaut, dass wir die Spiegel des einen Allrads einklappen mussten um durchzupassen. Danach mussten wir ein Wasserloch durchqueren, das nach anfänglichen misstrauischen Untersuchungen doch recht gut passierbar war. Selbst wenn wir uns im Wasserloch mit Schlamm beschmiert hätten, wäre das Auto in der nachfolgenden „Kornfeldautowäsche“ sicherlich wieder blitzblank geworden. Die Wege waren nur noch so breit wie ein Trampelpfad, rechts und links ragte das Korn empor, das der Allrad mit seiner breiten Stoßstange regelrecht „ummähte“. Mal stand ein Baum im Weg, der kunstvoll umfahren werden musste, mal hingen die Äste für unsere Sékurité gefährlich tief, so dass Anselm immer wieder „Attention“ oder „Vos Têtes“ unseren Beschützern auf der Ladefläche zurief. Wir wollten lieber umkehren, auch Charly hatte die Nase voll. Aber Anselm ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er ärgerte sich lediglich darüber, dass man ihm erklärt hatte, Hiéla sei 6 km von der ghanaischen Grenze entfernt. Nun irrten wir aber schon acht km durch die hohen unübersichtlichen Kornfelder. Schließlich kamen wir mit Hilfe von Anselms GPS und hilfsbereiten Dorfbewohnern, in deren Gehöft unsere Allrads gestrandet waren, doch noch in Hiéla an. Alle waren versammelt und warteten. Die Autoritäten, die zuvor auch in Bozo waren, mussten schließlich nur 10 Minuten mit dem Moped anreisen. Es gab eine kurze knackige Einweihungszeremonie, denn wir wollten sichergehen, dass wir vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück auf einer befestigten Straße waren, oder besser noch in unserer Unterkunft.

 

 

 

Exkurs: Autofahren in Afrika

Wenn einem tagsüber oder auch wenn es dunkel ist, ein Auto oder LKW entgegen kommt, setzt man den Blinker links oder betätigt die Lichthupe (manche machen allerdings auch gar nichts). Das bedeutet dann „Achtung! Hier komme ich“. Das andere Auto blinkt als Antwort auch links, um zu zeigen, wie Anselm erklärt, „dass er nicht schläft“.

Wenn ein Auto, das vor einem her fährt nach rechts blinkt, heißt das, dass ich ruhig überholen kann.

Überholen ist besonders gefährlich, weil viele meist schwer beladene Fußgänger, Radfahrer, Mopeds und Eselkarren unterwegs sind. Manchmal ragt das Gepäck auch auf die Fahrbahn.

Darüber hinaus gibt es je nach Strecke sehr viele Schlaglöcher, denen die Kfzs ausweichen – das ist zusätzlich gefährlich, wenn im Dunkeln fast alle ohne Beleuchtung unterwegs sind. Selbst LKW haben nicht immer ausreichende Beleuchtung.

 

 

Dienstag, den  20. Oktober 2009 - Marion Schlösser -

 

Zum Frühstück gibt es heute frisch gebackene Kuchen (ähnlich wie Muzen), die von uns mit Marmelade oder Rübenkraut gefüllt werden. Lecker, aber sehr fett. Charly und Anselm fahren noch schnell nach Ti, um zu kontrollieren, ob am Schulzaun die Erde angehäuft wurde, und können feststellen, dass die Leute gut gearbeitet haben. Nachdem das Gepäck aufgeladen ist, verabschieden wir uns alle noch von den Babys und deren Betreuerinnen im Waisenheim. Charly verschenkt noch viele Packungen WELEDA-BABY-ÖL. Die Freude ist groß. Gegen 9.00 Uhr starten wir Richtung Béné-Tow-Tew. Im Laufe der Fahrt über die Piste verändert sich die Landschaft, sie wird hügeliger, sehr grün, es gibt viele Bäume. Auch der Baustil der Hütten und Höfe ist anders, eher eckig, manche Höfe sehen aus wie kleine Burgen. Rundhütten sind kaum noch zu sehen.

 

Nach fast zwei Stunden Fahrt machen wir eine Pause in einem Dorf hinter Koper. Vor einer Hütte sitzt ein Mann am Boden, seine Beine sind ganz dünn und seltsam verdreht. Er hatte Kinderlähmung, kann aber seinen Lebensunterhalt mit Fahrradreparaturen bestreiten. Neben der Werkstatt steht sein Fahrrad. Es ist ein Dreirad, das er mit den Händen bedienen kann, so dass er trotz seiner Behinderung mobil ist. Ein paar Meter weiter wird ein Motor mit viel Radau und Qualm gestartet. Es handelt sich um eine Getreidemühle. Auch hier schauen wir eine Weile bei der Arbeit zu. Unterdessen sitzt  Augustine mit einer einheimischen Frau vor deren Haus und stampft fachmännisch einen Kuchenteig. Weiter geht’s nach Béné-Tow-Tew über einen abenteuerlichen Weg mit vielen Höhen und Tiefen.

 

Im Dorf werden wir sehr herzlich empfangen. Unter einem riesigen Baum stehen Sessel, Tische mit Tischdecken und Blumenvasen mit Seidenblumen. Die Schulkinder sitzen dicht gedrängt in den Schulbänken. Nach und nach gesellen sich immer mehr Dorfbewohner und geladene Gäste zu uns. In einiger Entfernung wird Musik gemacht. Zum ersten Mal während unserer Reise hören wir ein Balaphon. Die Kinder, die hier besonders viel Freude ausstrahlen, singen ein Begrüßungslied. Da der Bürgermeister noch fehlt, kann die Zeremonie noch nicht beginnen. Also wird noch getanzt und gesungen. Der Balaphonspieler scheint den Rhythmus jede Minute neu zu erfinden. Die Wartezeit ist eigentlich sehr angenehm, vom schattigen Platz aus können wir das bunte Treiben und die schöne Atmosphäre genießen. Was uns positiv überrascht ist die Tatsache, dass die Erwachsenen die Schulbänke der Kinder immer wieder in den Schatten stellen.

 

Endlich kommt der Bürgermeister. Er wirkt sehr arrogant. Während Charlys Rede klingelt sein Handy, SMS. Er liest sie und schreibt zurück. War das wirklich so wichtig? Ich persönlich finde so etwas sehr unhöflich. Überhaupt scheint das hier normal zu sein, immer und überall das Handy eingeschaltet zu haben. Jetzt gibt es wieder eine Tanzpause, da der Herr Bürgermeister seine Rede noch aufsetzen muss. Mir fällt auf, dass die Tänze in dieser Region ganz anders sind, ruhiger und nicht so ausdrucksstark. Nun kommen einige Frauen singend auf uns zu und überreichen Charly Geschenke. Eine Kalebasse, einen Ledersack zum Wasser holen und einen schönen Tonkrug. Endlich ist der Bürgermeister soweit, er beginnt mit seiner Rede, die dann " leider" gestört wird, weil bei den Balaphonspielern Aufregung entsteht. Die Männer schlagen heftig mit Stöcken auf etwas am Boden ein. Wie wir später erfahren, war es eine Schlange.

 

Es gibt noch mal Geschenke: Anzüge für Anselm und Charly, ein Frauenkleid für Antje und eine Tüte Eier für die Frauen der Delegation. Charly und Anselm verteilen die Geschenke der Delegation. Nach dem obligatorischen Essen starten wir gegen 14.45 Uhr Richtung Toné. Unterwegs halten wir an, um einen Markt zu besuchen. Jana findet noch ein nettes Souvenir und wir fahren weiter nach Toné, wo wir gegen 17.00 Uhr ankommen. Am Dorfanfang werden wir von der Dorfbevölkerung, die wahrscheinlich schon sehr lange auf uns wartet, empfangen. Der Bürgermeister begrüßt uns und wir halten zu Fuß " Einzug ins Dorf". Bei so viel Aufmerksamkeit fühle ich mich nicht besonders wohl. Auf dem Schulgelände müssen wir schnell abladen und die Zelte aufbauen, weil es ja schon bald dunkel wird. Zum Abendessen verspeisen wir heute Rührei mit Brot. Sehr gut! Auf dem Schulhof sind die Einheimischen schon lautstark am feiern und nach dem Essen wollen wir uns gerne etwas unters Volk mischen. Aber der Bürgermeister bittet uns Platz zu nehmen. Schon wieder sitzen!  Was dann kommt, ist allerdings fantastisch. Erst ein kühles Bier, dann Musik mit Trommeln und Balaphon und eine tolle Männertanzgruppe. Die 14 gut gebauten Männer tragen kurze Hosen, enge gehäkelte Oberteile, Fransenröcke, Klappern mit Eisenteilen in den Händen und Rasseln, die aus Deckeln von Konservendosen bestehen an den Fesseln. Einen solchen Rhythmus , Schnelligkeit und Beweglichkeit im Tanz haben wir bisher noch nirgendwo gesehen. Wir sind total fasziniert – alle - nicht nur wir Frauen! Nach der Veranstaltung kriechen wir dann auch ganz schnell in unsere Moskito-Dome.

 

 

Mittwoch, den 21. Oktober 2009 - Simone Busse -

 

Wir haben in Toné an einer Grundschule übernachtet. Ich hatte diese Nacht schlecht geschlafen. Gegen drei Uhr nachts musste ich noch mal dringend auf Toilette und verließ nicht wirklich gerne den Moskitodom. Richtung Toiletten gehend erkannte ich, dass mir ein Polizist mit Taschenlampe folgte. Ich leuchtete die Toiletten ab und entschied mich für die Spinnentoilette. Da ich nicht alleine mit diesen Tieren eingeschlossen sein wollte, ließ ich die Tür auf und hoffte inständig, dass der Polizist nicht bis zur Toilettentür nachkäme. Ich hatte Glück, die Tiere haben sich während meines Toilettengangs nicht bewegt und der Polizist ist in einem angemessenen Abstand stehen geblieben. Nächtliche Ausflüge dieser Art versuchte ich generell zu vermeiden.

 

An diesem Morgen hatten wir viel Zeit zum Frühstücken. Charly wollte mit Anselm noch die Prioritätenliste der nächsten Projekte besprechen. Während Marion sich sonnte, die anderen den Schatten genossen, verteilte Augustine an die einheimischen Kinder unsere Plastikflaschen. Man kann sich gar nicht vorstellen wie glücklich die Kinder waren, als sie eine leere Plastikflasche errungen hatten. Hier in Deutschland schmeißen viele Kinder die Plastikflaschen achtlos weg, obwohl sie auch häufig Pfandflaschen sind. Die restlichen Plastikflaschen füllten Antje, Hans und ich am nahe gelegenen Tiefbrunnen mit frischem Wasser ab. Bei diesem Brunnen war eine Fußpumpe eingebaut worden und wir drei wollten diese gleich ausprobieren, aber am Brunnen war Hochbetrieb. Viele Mädchen im Alter  zwischen 8 und 9 Jahren standen mit großen Schüsseln am Brunnen. Diese Schüsseln wurden randvoll mit Wasser gefüllt und  hatten dann bestimmt ein Gewicht von 15 kg. Mit vollem Krafteinsatz wurden die Schüsseln auf die Köpfe der Mädchen gehievt und  nach Hause getragen. Dies war sehr beeindruckend, da die Mädchen meisten selbst nur 40 kg wogen.

 

Nachdem alle Plastikflaschen neu abgefüllt waren und Hans unsere Gepäckstücke auf  den zwei Autos verstaut hatte, fuhren wir zum nahe gelegenen Collège. Ich war sehr erfreut, als die Wolken aufzogen und den Himmel bedeckten. Dann war es nicht so heiß und die Einweihungsreden waren besser zu ertragen. Am Collège gab es eine kleine Baumallee und Schüler und Schülerinnen in gelben Uniformen erwarteten uns. Charly freute sich über die vielen Bäume und den Himmel, der stark nach Regen aussah. Ein kräftiger Regenschauer würde die Einweihungsfeier verkürzen.

Es war diesmal wieder eine große Veranstaltung. Auf dem Schulgelände standen drei große Zeltdächer und den wichtigen Personen wurde ein Sitzplatz zugewiesen. Die Einweihungsfeier wurde auch von einem Fernsehsender aufgenommen. In der Mitte des Platzes stand ein handgeschnitztes Rednerpult, über das die Redner nur knapp hinweg schauen konnten. Die Schulkinder sangen ein selbst verfasstes Lied, worin sie ASAO für die Schule dankten. Wie bei den meisten Einweihungsfeiern tanzten auch dieses Mal Männer einen klassischen „Stampftanz“. Sie trugen orangefarbene Shorts und schwarze Fransenröcke. An ihren Beinen waren Rasseln befestigt und in der Hand hielten sie ein Klapper-Instrument. Sie mussten kräftig auf den Boden auftreten, damit die Rasseln an den Beinen Töne von sich gaben. Fünf der acht Tänzer hatten weiße Wasserschuhe an, wie wir sie als Kinder im Meer als Schutz vor Seeigeln getragen haben. Drei Männer tanzten tapfer barfuss auf dem steinigen Boden. Für „Ganzjahres-Schuhträger“ - wie uns - wäre das Barfuss-Stampfen unvorstellbar schmerzhaft. Die Tänze erinnerten mich an Aerobikstunden.

 

Nach den Tanzeinlagen hat Charly in seinem Lieblingsbohomo seine Rede zügig auf Französisch vorgetragen. Sie sollte dieses Mal nicht in die Stammessprache übersetzt werden, wahrscheinlich weil das Fernsehen da war und die meisten Leute Französisch verstanden.

Charly  bekam als Geschenk eine schöne Lederaktentasche und ein Bild mit dem ASAO Emblem. Danach wurde das Einweihungsband durchtrennt und wie üblich die Klassenräume besichtigt. Bei dieser Einweihungsfeier wurden Anselm und Charly noch vom Fernsehreporter interviewt. Ein Frage war: Wie entscheiden Sie, wo Sie eine Schule bauen? Charly antwortet: Es hängt von der Anzahl der Kinder ab, die in der Umgebung leben.

 

Zum Mittagessen fuhren wir noch mal zur Grundschule, wo wir übernachtet hatten. Beim Mittagessen fiel Antje und Marion die helle Handoberfläche der Bürgermeisterin auf. Augustine erklärte uns, dass viele reiche Frauen mit Hilfe von Cremes versuchen, eine hellere Hautfarbe zu bekommen. Bei der Bürgermeisterin sah es aber nicht schön aus, weil die Finger dunkel geblieben sind. Es sah eher wie eine Hautkrankheit aus.

 

Am Nachmittag fuhren wir nach Fara zu einer Grundschule, die von Ordensschwestern geführt wurde. Die Kinder trugen dort als Uniform ein weiß-braunes Karohemd und eine hellbraune Hose. Die Kinder sahen in dieser Uniform sehr gepflegt aus.

Zur Begrüßung der Kinder ließ Harry einen Luftballon durch die Luft sausen. Die Kinder strahlten vor Freude und sprangen dem Luftballon hinterher. Nach zirka einstündigem Warten begann die Einweihungsfeier mit vielen Reden und  Tanzeinlagen der Kinder. Bei dieser Einweihungsfeier wurde es mir das erste Mal kalt und ich zog einen langen Pullover an. Die Kinder in ihren kurzärmligen Hemden schienen keine Kälte wahrzunehmen. Zum Abschluss wurde gemeinsam in einem Klassenraum etwas getrunken und Bananen gegessen.

 

Als es schon dunkel wurde, zeigte uns der Elternvertreter mit Hilfe eines Mofas den Weg zum Gästehaus der Mission, in dem wir heute übernachten durften. Das Gästehaus war riesig mit vielen Zimmern. Diese Zimmer waren jeweils mit einem Bett und einer Dusche (aber ohne fließendes Wasser) ausgestattet. In den vielen Räumen und Fluren konnte man sich fast verirren. Trotz der vielen Betten wollten aber alle draußen im Innenhof auf den Luftmatratzen schlafen.

Nachdem wir ausgepackt und die vielen Kröten im Eingangsbereich begrüßt hatten, fuhren wir ins Kloster zu den Ordensschwestern. Sie hatten uns zum Abendessen eingeladen. Schon die Außenmauer war beeindruckend und bestimmt sehr teuer. Wir fuhren mit den Autos in den Innenhof und mir schien als stünden wir in einer Parkanlage. Ein großes Gelände mit schönen Blumenbeeten. Auf einem großen Platz standen viele Stühle im Kreis und innerhalb des Stuhlkreises waren zwei große Tische aufgestellt, auf denen das Essen serviert wurde.

 

Vor dem Essen beteten wir das deutsche „Vater Unser“ und die Ordensschwestern und der Priester hörten aufmerksam zu. Es war ein reichhaltiges Mahl: Kartoffelstreifen, Couscous, Hähnchen, Brot und zum Nachtisch Kuchen mit Joghurt. Ich hätte nie gedacht, dass ich auf dieser Reise noch so einen guten Kuchen essen würde.

 

Charly regte sich darüber auf, dass die Ordensschwestern in dieser armen Gegend in einem solchen Luxus leben. Die Nonnen in Deutschland leben oft bescheidener. Um den riesigen Innenhof standen drei Gebäude. Ein Hauptgebäude mit Essensräumen und der Bibliothek. Ein Seitengebäude mit Waschräumen (die normale Bevölkerung wäscht unter freiem Himmel) und gegenüber dem Hauptgebäude waren die sieben Schlafräume der Ordensschwestern. Alle Gebäude machten einen sehr gepflegten Eindruck. Im Innenhof entdeckten wir das erste Mal in Burkina Faso Katzen. Nach dem Essen wünschten wir die Kapelle zu besichtigen. Der Pater und die Ordensschwestern gingen mit uns in die Kapelle, die sich an den Innenhof anschloss, und sangen für uns ein Kirchenlied. Es hörte sich sehr schön an. Die Kapelle war ein mittelgroßer Raum mit einer Holzdecke und einem kleinem Altar mit Kerzen und einer Marienstatue. Nach dem Segensspruch des Paters fuhren wir müde ins Gästehaus zurück.

 

 

Donnerstag, den 22.10.2009 - Dr. Harry Kunz -

 

Die Nacht verbrachten wir in Fara vor einem weiträumigen und noch in sehr gutem Bauzustand befindlichen früheren Missionsgebäude, das „nicht hochwassersicher“ in einer kleinen Talsenke gelegen, zugunsten eines neuen Gebäudes aufgegeben wurde und nun als Herberge angeboten wird. Zahlreiche große, aber etwas kahle Übernachtungszimmer mit Bett, Dusche und WC warten auf Gäste. Für rund 10 Euro kann man ein klimatisiertes Zimmer mieten, ein Zimmer ohne Ventilator ist billiger. Für vier Euro darf man den Versammlungsraum nutzen,  eine Sitzbank kostet 10 Cent. Ob häufiger Gästegruppen - wie die ASAO-Delegation - hier vorbei kommen? Wir können am frühen Morgen jedenfalls die Duschen und Toiletten nutzen, obwohl wir draußen in den Zelten schliefen. Doch der Komfortgewinn von Duschen und Toiletten ohne fließendes Wasser ist eher begrenzt. Immerhin müssen wir nicht vor nur einem Duschzelt wie sonst Schlange stehen. Auch der  junge Herbergsvater erweist sich als sehr hilfsbereit und aufgeschlossen, so dass die Wagen schnell beladen sind und dem Aufbruch nichts mehr Wege steht.

 

Wir verlassen Fara und erreichen zum Betanken unserer Autos das Städtchen Poura, das mit sieben Orten rund 10.000 Einwohner umfasst. Zahlreiche Stromleitungen, Fernsehanschlüsse und die - in Burkina Faso nun allgegenwärtigen - Handymasten deuten auf einen höheren Lebensstandard als im Osten hin, wo selbst in größeren Städten wie Koupéla Stromanschlüsse Seltenheitswert haben. Auch industrielle Anlagen sind in Burkina Faso derart rar, dass uns die Reste eines früheren Goldbergwerkes am Rand von Poura sofort ins Auge stechen. Dieses Bergwerk scheint  in den vergangenen Jahrzehnten gewisse Erträge erwirtschaftet zu haben – und ist somit für den relativen Wohlstand mitverantwortlich. An ihm wollen nun viele teilhaben, die im Umkreis des früheren Bergwerkes mit Schaufel und Axt kleine Gruben ausheben, um nach dem wertvollen Metall zu graben.

 

Schon bald erreichen wir außerhalb des Städtchens die Grundschule Mouhoun III, an deren Einweihung wir teilnehmen. Die Schule liegt reizvoll außerhalb jeder erkennbaren Wohnbebauung am Rande des über 1.000 ha großen Waldgebietes und Naturreservats „Foret des deux Balé“, in dem Elefanten, Büffel, Antilopen und verschiedene Affenarten zu Hause sein sollen. Die Einweihung dieser Schule verläuft - wie häufiger in kleinen und abgelegenen Orten - sehr angenehm, weil auf langatmige (und oft substanzlose) Funktionärsreden weitgehend verzichtet wird, und statt dessen die örtliche Bevölkerung und die Schulkinder in den Programmablauf einbezogen werden. Obwohl die Schule gerade in Betrieb genommen wurde, gibt es bereits zwei Klassen. Denn schon im Vorjahr wurde  in einem Hangar der Schulbetrieb provisorisch aufgenommen. Solche Überdachungen kommen häufiger zum Einsatz, etwa wenn Lehrer bereits in ein Dorf entsendet wurden, aber das Schulgebäude noch nicht fertig ist. Sie bestehen meist nur aus einem Gerüst aus Holzstämmen, dessen Dach aus Blättern und Flechtwerk einen nur notdürftigen Schutz gegen Sonnenstrahlen und Regen bietet. Bei Einweihungsfeiern der neuen Schulen kommen diese Hangare dann häufig als sonnengeschützte Logenplätze für die Ehrengäste zu einer weiteren, allerdings nur einmaligen Verwendung. Bei den Zuschauern und Rednern fällt insbesondere auf, dass die Frauen vergleichsweise selbstbewusst auftreten. In Erinnerung bleibt die Rede der Elternvertreterin, die selbstbewusst, engagiert und prägnant in sehr gutem Französisch die Geschichte des Schulbaus berichtet. Damenhaft, mit schwarzer Handtasche, aufwändigem Schmuck und in landestypische, aufwändig verarbeitete, erdfarbene  Kleider gehüllt, passt die hagere Frau nicht so recht in  dieses sehr ländliche Umfeld - dennoch benötigen gerade die ländliche Regionen wohl solche „Entwicklungshelfer“ aus der winzigen burkinischen Mittel- und Oberschicht dringend.

 

Nach einer faszinierenden Fahrt durch das landschaftlich reizvolle Waldgebiet „Deux balé“ erreichen wir die Hauptstraße von Ouaga nach Bobo-Dioulasso, die in diesem Abschnitt - durch EU-Gelder finanziert - sehr gut und sehr breit ausgebaut wurde. Vorbei geht es an Wiesen, die gerade kontrolliert abgebrannt werden, über eine Brücke über den schwarzen Voltafluss, der an dieser Stelle als Schwimmbad für die Kinder dient, nach Boromo, einer größeren Stadt. Unmittelbar anschließend erreichen wir das ebenfalls an der Hauptstraße nach Bobo gelegene Ouahabou, wo ein Collège eingeweiht wird.

 

Diese Feier ist sicherlich eine der eindrucksvollsten unserer Reise. Weniger der ohrenbetäubende Lärm aus den Uraltgewehren der zahlreichen „Chasseurs“ (Jäger) bleibt in Erinnerung. Bemerkenswert sind vor allem die teilweise gehaltvollen und anspruchsvollen Reden  dieser groß inszenierten Einweihung, über die auch in Zeitungen und Fernsehen berichtet wird. Da ist zunächst wieder eine weibliche „Entwicklungshelferin“ als Vertreterin der Eltern und der „Ressortissants“ (= frühere Einwohner, die nun meist aus Ouaga oder dem Ausland ihren Herkunftsort unterstützen): Frau Coulibaly hält als bekennende Muslimin ein ausgefeiltes Plädoyer für eine humanistische Bildung, deren oberstes Ziel Autonomie sei, also Verantwortlichkeit des Einzelnen für sein eigenes Lebens und für die Gemeinschaft. Sie lässt ihren Worten auch Taten folgen, indem sie dem Elternverein immerhin 50 Bänke und andere Schulmaterialien stiftet. Andere Redner betonen den kosmopolitischen Charakter dieser Schule, die von verschiedenen Ethnien und von  Angehörigen christlicher, islamischer und animistischer Religionsgemeinschaften besucht werde.

 

Ein Redner legt gar den Finger in die Wunde gesellschaftlicher Missstände. Er berichtet, dass in einem benachbarten Collège in Boromo 22 Schülerinnen - vermutlich nicht  immer freiwillig - geschwängert wurden. Diese Kritik bringt ihm zwar einen Rüffel der von der Staatspartei ernannten Hohen Kommissarin bei. Dennoch ist bemerkenswert, dass solche Kritik öffentlich diskutiert wird – vielleicht, ein Ergebnis der politischen Liberalisierung im Gefolge der Proteste gegen die Ermordung des kritischen Journalisten Norbert Zongo. Insgesamt unterscheidet sich die Zeremonie deutlich von Grundschuleinweihungen in abgelegenen ländlichen Orten, wie Hiela oder Ti. Hier herrscht nicht mehr die gleichmacherische völlige Armut, der wir dort begegneten,  wo nahezu alle Eltern über kein nennenswertes (Geld-)Einkommen verfügen. In Ouahabou können wir noch stärker als bei anderen Collègeeinweihungen eine soziale Schichtung erkennen: Ein nicht unerheblicher Teil der Männer trägt Anzug und Krawatte und telefoniert eifrig mit dem Handy. Wir sehen Frauen in aufwändigen Gewändern, als Muslime das Gesicht teilweise hinter Schleiern verborgen, aber doch auch  mit teurem Schmuck, exquisiten Brillen und den unvermeidlichen Handys ausgestattet.

 

Nach der aufwändigen Feier besichtigen wir am Nachmittag noch die große, nicht minder eindrucksvolle Moschee von Ouahabou, die von einem großen Platz umgeben ist und gemeinsam mit einer Wohnsiedlung eine  reizvolles Ambiente (und Fotomotiv) bietet. Sie wurde 1870 aus Lehm gebaut und ist die älteste Moschee im ganzen Land. Auch die Frauen unserer Reisegruppe dürfen an der Besichtigung teilnehmen. Im Innern der Moschee ist es dunkel und wegen der vielen Zwischenwände gibt es keinen großzügigen Innenraum. Vom Dach der Moschee hat man eine phantastische Aussicht.

 

 

 

 

Freitag  23. Oktober  2009  - Hans Günter Haase-

 

Nach dem morgendlichen Frühstück fand sich eine Abordnung aus Ouahabou bei der Schule ein, um noch Gespräche mit Anselm und Charly zu führen. Ein gemeinsames Gebet mit dem örtlichen Imam beendete schließlich unseren Besuch. Unser Weg führte uns über Boromo zurück. Hier erwartete man die Radrennfahrer der „Tour du Faso“, die alljährlich um diese Zeit durchgeführt wird. Die Hauptstraße war gesperrt. Wir suchten uns einen anderen Weg durch die Stadt. Jede Gelegenheit wird genutzt um zu feiern. So war auch in Boromo viel Volk unterwegs, übergroße, fast 5 Meter hohe Puppen aus Pappe, von jungen Männern bewegt, tanzten ausgelassen auf der Straße. Weiter in Richtung Ouaga bogen wir bei Laba auf eine gute Piste nach Silly ab. Die letzten 6 Km nach Silly führten wieder auf kaum zu erkennenden schmalen Wegen durch schwieriges Gelände. In Silly gibt es schon ein Collège. Dieses Jahr wurde die Schule von ASAO um 4 weitere Klassenräume auf 8 Klassen erweitert. Alles was Rang und Namen hatte war wieder in der ersten Reihe. Die Ansprachen der Honoratioren waren wir inzwischen gewohnt. Herausragend waren die Tänze der zotteligen Masken, die im wahrsten Sinne des Wortes viel Staub aufwirbelten. Solch ein Exemplar einer fast 1 Meter hohen Maske bekamen wir dann später auch geschenkt. Charly bemängelt auch hier, wie so oft, dass noch keine Bäume gepflanzt wurden. In solchen Situationen versprechen dann die Verantwortlichen, dass beim nächsten Besuch ein Wald um die Schule zu bewundern sei. In einem nahe gelegenen Haus fand ein kleiner Umtrunk statt.

 

Wir verabschiedeten uns und pünktlich um 15:00 Uhr brachen wir zum nahe gelegenen Ort Koadara auf. Obwohl nicht weit, dauerte die Fahrt doch eine ganze Stunde. Es ging wieder über Stock und Stein querfeldein und durch meist schon ausgetrocknete Bachläufe. Ein Mopedfahrer fuhr voraus und zeigte uns den kaum erkennbaren Weg. Eine neue Grundschule mit Abort, Zaun, Küche und einem Lehrerhaus wurden hier errichtet. An einer langen gegabelten Stange waren weit sichtbar die burkinische und deutsche Flagge gehisst. Ansonsten wurde von uns selbst immer bei der Ankunft an den Schulen unsere Flagge zwischen die Pfosten gespannt. Meist holten dann die Einheimischen ihre Fahne hervor und hängten diese dann neben unsere.

 

Nun fand auch hier das uns bekannte Ritual der Einweihungsfeier statt. Ansprachen - aufgelockert durch musikalische und tänzerische Darbietungen - und natürlich jede Menge Trommeln. Viele Leute des Dorfes und viele Kinder wohnten der Zeremonie bei. Vor dem Schulzaun wurde für die Bevölkerung gebraten und gebrutzelt. So verdienten sich einige Frauen noch etwas hinzu. Auch die Händler, deren Warenbestand jeweils auf ein Fahrrad passt, waren wieder vertreten. Die Besichtigung der Schule und der Besuch im überfüllten Klassenraum beendete auch hier wieder unseren Aufenthalt. 2  „Liegestühle“  - aus einem Stück Holz geschnitzt - wurden uns mitgegeben und bei unserem Gepäck auf dem Auto festgezurrt. Die Art darauf zu sitzen/liegen ist zwar ungewohnt, aber sehr bequem. Nun hatten wir noch die weite Fahrt zurück nach Ouagadougou vor uns und mussten uns zügig von der Bevölkerung verabschieden. Wieder mit einem Moped vorneweg, zeigte uns jemand den schwierigen Weg zur Piste, die uns dann auf die Hauptstraße Richtung Ouaga führte. Unterwegs hielten wir an einem wirklich malerisch daliegenden Dorf mit vielen Rundhütten und Ziehbrunnen an, um kurz einige Fotos zu machen. Im Nu waren wir von Kindern und Erwachsenen umringt, die staunend die Fremden betrachteten.

 

In Laba erreichten wir dann wieder die Hauptstraße nach Ouaga. Jetzt war es schon dunkel geworden. Die Straße hatte ziemlich viele große Löcher, die im Scheinwerferlicht erst im letzten Moment zu sehen waren. Außerdem gab es Fußgänger, Fahrräder , Mopeds, Autos - teilweise alle ohne Licht oder, wenn mit Licht, wurde man geblendet. Große Lastwagen und Überlandbusse überholten uns zügig. Anscheinend haben die Fahrer hier Röntgenaugen. Überladene, ganz langsam fahrende Holzlaster ohne Licht - hinten und vorne nur eine Funzellaterne - erschreckten uns. Also eineabenteuerliche Fahrt durch die stockdunkle Nacht! Endlich in Ouagadougou angekommen, haben wir unsere Polizisten in die Kaserne zurückgebracht. Eine nächtliche Fahrt durch die quirlige Hauptstadt brachte uns dann zum Waisenheim „Ampo“ von Katrin Rhode. In dem angeschlossenen Restaurant ließen wir uns dann die Spezialität des Hauses, eine leckereLasagne richtig schmecken. Die Portionen waren sehr groß und so kamen wir gut gesättigt alle gesund und unversehrt wieder zu Anselms Haus zurück. Nach der herzlichen Begrüßung von Marie Thérèse, Anselms Frau,  ging das Abladen, Zelt aufstellen, Matratzen reinlegen, Schlafsack einräumen usw. sehr schnell. Nach 2 Wochen ausgiebigen Übens war das für alle kein Problem mehr. Es dauerte nicht lange bis der letzte im Hof das Licht ausmachte. Auch der ungewohnte Dauerschallpegel der Hauptstadt störte unseren Schlaf nicht.          

 

Samstag, den 24. Oktober 2007 - Dr. Harry Kunz -

 

Schon frühmorgens um 6.00 Uhr beginnt  am letzten Tag unserer Reise das große Einpacken. Überall in Wohnung und Grundstück Anselm Sanou`s stehen gefüllte Reisetaschen herum, werden Mitbringsel sortiert, verschenkt oder  umgeladen. Nach dem Frühstück kommen Vertreterinnen der niederländischen Gruppe „Help Burkina“, um uns Projekte der Organisation in Ouagadogou zu zeigen. Zunächst besuchen wir eine Kindertagesstätte für die Kinder junger Mütter. Sofern die Mütter (= 14 – 16 Jahre) noch sehr jung sind, werden sie auch in Burkina Faso häufig von ihren Eltern verstoßen. Die von uns besuchte Initiative bemüht sich, in diesen Fällen einen Kontakt zu den Eltern der jungen Mütter wieder herzustellen, um Mutter und Kind wieder in die Herkunftsfamilie zu integrieren. In anderen Fällen betreut die Initiative die Kinder ähnlich einer Kindertagesstätte zu den Zeiten, wo die jungen Mütter zur Schule gehen oder arbeiten. Auf unsere Frage nach den Vätern, reagieren unsere Gesprächspartnerinnen nur mit Achselzucken. Auch in Deutschland wissen Betreuer von Teenagerschwangerschaften ja meist wenig um die Väter. Geradezu amüsiert wird auf unsere Frage nach staatlicher Unterstützung für dieses Projekt geantwortet. Diese gebe es nicht, vielmehr verweise die  „Action sociale“ (= eine Art staatliches Grundsicherungsprogramm) immer wieder verzweifelte junge Mütter und ihre Kinder an die Initiative, um sie hier – letztlich wohl auf Privatkosten unserer Gesprächspartnerin Florentine - versorgen zu lassen.

 

Bereits die Besichtigung dieser Hauses für junge Mütter und ihre Kinder hat uns durch ihre Helligkeit, Sauberkeit und die liebevolle und kindgerechte Einrichtung überaus angenehm überrascht. Dieser Eindruck setzt sich bei der zweiten von „Help Burkina“ geförderten Institution, einem großen,  privaten Collège fort. Auch in dieser Schule herrscht im Vergleich zu manchen der von uns besuchten Schulen im ländlichen Raum ein hohes Maß an Ordnung und Sauberkeit. Überall gibt es funktionierendes elektrisches Licht, die Toiletten und Duschmöglichkeiten sind sauber. Ein kleines Pförtnerhaus wurde als Verwaltungsgebäude umgebaut, es gibt einen eigenen Computerraum mit rund einem Dutzend PC’s. Die Lehrer wirken allesamt kompetent und engagiert, einer will uns sofort als Übersetzer in den Lehrbetrieb einbeziehen. Auch in den Unterrichtsformen ist man von dem sonst üblichen Frontalunterricht abgekommen. Wir beobachten Schülerselbstlerngruppen und ein Nachhilfeprojekt, bei dem ältere Schüler jüngere in Mathematik fördern.

 

Bislang erschien mir Ouagadougou als ein einziges Durcheinander. Zwar kein Moloch wie andere Großstädte Afrikas, aber auch nicht sonderlich attraktiv und lebenswert. Dagegen wirken die ländlichen Regionen trotz der greifbaren, bitteren Armut auf Außenstehende doch irgendwie intakt. Bei Besichtigung dieser beiden Einrichtungen traten mir der Gründe der Landflucht und Verstädterung, die für viele Länder Afrikas ein großes Problem bilden, vor Augen. Mögen Städte wie Ouaga auf Europäer vordergründig  chaotisch wirken, so enthalten sie für Afrikaner aus ländlichen Regionen doch ein Versprechen: Die Hoffnung auf elektrisches Licht  - auch wenn man es sich selbst nicht leisten kann - und auf fließendes Wasser – auch wenn dies nur in wenigen Stadtteilen funktioniert. Die Hoffnung  auf Erwerbsarbeit und auf Bildungschancen für die Kinder – auch wenn Privatschulen, wie die von uns besuchte, für die meisten Landflüchtlinge wohl unerreichbar sind. Die absolute Ruhe und Stille, die wir reizüberflutete Europäer am „Himmel über Afrika“ gerade in ländlichen Regionen  so lieben, wird von Afrikanern dagegen wahrscheinlich als trostloser und langweiliger Stillstand  empfunden.

 

Wer nun glaubt, dass wir bei der anschließenden Shopping Tour im Kunsthandwerkermarkt mit dem Thema „Schule, Bildung und Entwicklung“ nicht mehr konfrontiert werden, wird indes enttäuscht. Insbesondere durch die Fernsehberichterstattungen sind die „Allemands“ bei einigen Händlern bereits bekannt. So wird nicht nur eifrig über die Preise von Schals, Decken und Bronzefiguren gefeilscht, sondern auch lebhaft mit den Händlern über Entwicklungshilfe, Politik und Bildung debattiert.