Meine Erkenntnisse und Eindrücke vom Zusammenleben der Menschen in Burkina Faso aus der Sicht eines Arztes und Psychotherapeuten.

 Dr. Hermann-Josef Simonis

 

Als ich mich erstmals entschloss, meinen Bruder auf seiner Fahrt durch Burkina Faso zu begleiten, interessierte mich vor allem, welche seelischen Krankheiten in Entwicklungsländern vorherrschen und wie die Menschen dort behandelt werden bzw. geholfen bekommen. Da die meisten Dorfbewohner nur ihre einheimische Sprache beherrschen, konnte ich leider nur Informationen durch Gespräche mit Politkern und Personen der gebildeten Schicht erhalten.

 

Geisteskrankheiten im eigentlichen Sinne scheint es in vermutlich ähnlicher Zahl wie bei uns zu geben. Wir erlebten bei einer Einweihungsfeier eine Frau, die sich sehr auffällig verhielt und hemmungslos tanzte. Man duldete ihr Verhalten relativ lange und versuchte, sie friedlich von Aufdringlichkeiten abzuhalten. Erst als alles nichts half, wurde sie energisch von Männern weggetragen. Mir wurde mitgeteilt, dass diese Kranken in der Gemeinschaft toleriert und versorgt werden, aber keine Medikamente zur Beruhigung erhalten.

 

Als häufigste seelische Erkrankung wurden Stresskrankheiten mit Ängsten genannt und als deren Ursache Arbeitslosigkeit oder familiäre Sorgen. Gelegentlich gäbe es wohl auch Selbstmorde, vermutlich jedoch viel weniger als in den Industrieländern.

Für Frauen ist Kinderlosigkeit eine große Schande und meist Grund für den Ehemann, sich nach einer weiteren Frau umzuschauen. Auch dies kann zu schwerer Depressivität, sozialer Isolation und finanzieller Not im Alter führen. Depressionen seien bei der Landbevölkerung deutlich weniger, als in den Städten. Sehr beeindruckt hat mich die Toleranz zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften. Ehen zwischen Moslems und Christen kommen oft vor. Die Kinder erhalten meist den Glauben der Mutter und dürfen als Jugendliche erneut selber über ihre Religionsangehörigkeit entscheiden. Auch Scheidungen oder Singles gibt es fast nur in den großen Städten, da die Familienbande äußerst stabil ist und die klare Hierarchie in den Familien deutliche Vorgaben und Grenzen gibt und kaum einer wagt, gegen seine Eltern und deren Wünsche zu verstoßen. Auf dem Lande suchen häufig noch die Eltern die Ehepartner für ihre Kinder aus. Selten können sich Moslems ( ca. 40% der Bevölkerung ) mehrere Frauen aus finanziellen Gründen leisten. Doch wurden mir auch ein Fall berichtet, wo ein Mann direkt drei Schwestern heiratete, wobei auch eine klare Hierarchie unter den Frauen zu einem relativ friedvollen Miteinander führt. Bei Moslems besteht auch die Pflicht, die Schwägerin zu heiraten und ihre Kinder zu ernähren, wenn zum Beispiel der Bruder stirbt. Dies sind alles Normen, die ein Überleben ohne staatliche oder gesetzliche Absicherungen möglich machen.

 

Psychotherapeuten gibt es wohl selbst in der Hauptstadt keine, nur 2 Nervenärzte, obwohl der Bedarf schon sehr groß sei. Nur ein Missionar wurde mir als Therapeut benannt. Das eindeutige Patriarchat – die Männer lassen vorwiegend die Kinder und Frauen die harte Arbeit auf dem Feld machen (Frauen müssen bis zu 20 Kg Gewichte auf dem Kopf tragen) – verhindert häufigere Konflikte unter den Ehepaaren oder Trennungen. Die Eltern tun alles für ihre Kinder und erwarten allerdings auch ein Leben lang Gehorsamkeit, Dankbarkeit und Unterstützung. Kommt einer aus der Familie zu einer höheren Anstellung oder Geld, so wird er dauernd mit bettelnden Familienangehörigen konfrontiert und ist über seinen Wohlstand nicht mehr so froh. Auch wir Deutsche wurden sehr oft von Lehrern oder Politkern um unsere E-Mail-Adresse oder um Brieffreundschaft gebeten, wobei daran meist Erwartungen wie Weihnachtsgeschenke oder Einladungen in das gelobte Germany geknüpft werden.

Auch Bestechungen und „Vitamin B“ wird reichlich eingesetzt, doch da haben wir Deutsche ja in den letzten Jahrzehnten dank dem Vorbild unserer Politiker auch dazugelernt!

 

Begeistert hat mich das fröhliche und natürliche Verhalten der Kinder auf den Schulhöfen. Mit welch einfachen und kreativen Mitteln Kinder spielen: selbst gebastelte Windräder und Gemeinschaftsspiele, bei denen die Kinder im Kreis dicht an dicht stehen, im Rhythmus klatschen, einer in die Mitte springt und sich vertrauensvoll rückwärts in die Arme der anderen fallen lässt, die ihn wieder hochwerfen. Letztere Vertrauensübung setze auch ich in meiner Gruppen-psychotherapie ein. Allgemein wagt man dort noch mehr Körperkontakt untereinander, so halten sich auch männliche Freunde liebevoll an der Hand. Diese körperliche Nähe mit Streicheleinheiten wagen wir „Zivilisierten“ kaum mehr, obwohl es ein wichtiges Grundbedürfnis eines jeden Menschen ist und wir bei Mangel von Zärtlichkeiten meist in Ersatzbefriedigungen und Süchte flüchten.  

Somit erscheinen mir die Menschen in Burkina Faso dank ihrer klaren Machtordnungen, festen familiären Bindungen und dem Austausch von mehr Zärtlichkeiten seelisch ausgeglichener und glücklicher als bei uns.